Édouard Herriot

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Édouard Herriot

Édouard Herriot (* 5. Juli 1872 in Troyes; † 26. März 1957 in Saint-Genis-Laval, Département Rhône) war ein französischer Politiker der Radikalen Partei.

Leben[Bearbeiten]

Nach seinem Studium an der École normale supérieure, das er 1893 mit der Agrégation in Literatur abschloss, arbeitete Herriot als Gymnasialprofessor und Hochschullehrer in Lyon. Von der Universität Glasgow wurde ihm der Doktorgrad honoris causa verliehen. Am 30. Oktober 1899 heiratete er in Lyon Blanche Rebatel (1877–1962).

Herriot war von 1912 bis 1919 im Senat. Von 1905 bis 1957 war er mit einer Unterbrechung während der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges Bürgermeister von Lyon. Im Jahr 1926 wurde er Minister und 1932 Präsident des Rates (Regierungschef) sowie 1947 Präsident der Nationalversammlung.

Herriot wurde durch die Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts politisiert, die ihn veranlasste, der antiklerikalen Radikalen Partei (Parti radical) beizutreten und die Lyoner Sektion der Französischen Liga für Menschenrechte (Ligue française pour la défense des droits de l'Homme et du citoyen) zu gründen.

Nach dem Sieg der Linken bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer von 1924 wurde Herriot zum ersten Mal Regierungschef und Außenminister. Er setzte sich für die internationale Abrüstung ein. In seiner Regierungszeit wurden die französischen Truppen aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet abgezogen und die Sowjetunion diplomatisch anerkannt. Herriot unterstützte die Ziele der von Coudenhove-Kalergi gegründeten Paneuropa-Union. Dagegen scheiterte sein Bestreben, im Elsass und in Lothringen den Einfluss der Kirche zurückzudrängen sowie die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abzubrechen, am innenpolitischen Widerstand. Aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkrise, die Herriot nicht in den Griff bekam, musste er nach nur zehnmonatiger Regierungszeit im April 1925 zurücktreten.

Er wurde nunmehr Vorsitzender der Abgeordnetenkammer. Von diesem Amt trat er 1926 aus Protest zurück, als die Regierung von der Abgeordnetenkammer Sonderbefugnisse zur Lösung der Finanzkrise verlangte. Nach dem Sturz der Regierung Briand wurde er erneut Regierungschef, blieb dies jedoch nur zwei Tage, ehe er Kulturminister in der konservativen Regierung Poincaré wurde, welcher der rechts von der Mitte stehenden Alliance démocratique angehörte.

Nach den Wahlen 1932 wurde Herriot zum dritten Mal Regierungschef. Er vertrat Frankreich auf der Konferenz von Lausanne, auf der die deutschen Reparationsverpflichtungen gegen eine geringe Abschlusszahlung, die nie geleistet wurde, gestrichen wurde. Als Herriot anschließend für die Zahlung einer weiteren Rate zur Begleichung der französischen Kriegsschulden an die USA eintrat, die bislang immer mit den deutschen Reparationen beglichen worden waren, scheiterte seine Regierung im Dezember 1932 in der Abgeordnetenkammer. Wenig später folgte er einer Einladung Stalins in die Ukraine. Herriot ließ sich von der sowjetischen Propaganda missbrauchen, als er den wirtschaftlichen Fortschritt in der Sowjetunion trotz der dort grassierenden Hungersnot lobte. Beeindruckt von den Unruhen am 6. Februar 1934 in Frankreich, unterstützte er trotz einiger Skepsis den Zusammenschluss der linken Parteien zur Volksfront und trat als Staatsminister in das Kabinett Doumergue ein. Er blieb in den nachfolgenden Kabinetten Flandin und Laval Staatsminister und versuchte, dort einen vermittelnden Einfluss auszuüben. 1935 übernahm er wieder den Vorsitz der Abgeordnetenkammer.

Nach der Niederlage vom Juni 1940 enthielt sich Herriot der Stimme, als am 10. Juli 1940 in der Abgeordnetenkammer eine Verfassungsänderung und die weitgehende Bevollmächtigung von Marschall Pétain zur Entscheidung standen. Herriot war ein Gegner des mit Nazideutschland sympathisierenden Generals.

Aus Protest gegen die Verleihung von Ehrenmedaillen an Mitglieder der mit den Deutschen kollaborierenden französischen Freiwilligenlegion (Légion des volontaires français) gab er 1942 seine eigene Medaille zurück. Das Vichy-Regime stellte ihn unter Hausarrest. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie im Juni 1944 wurde Herriot von den Deutschen bis zum Kriegsende im Département Meurthe-et-Moselle in Maréville interniert. Im August 1944 weigerte er sich, an den Plänen von Pierre Laval und des deutschen Botschafters Otto Abetz für eine Restauration der Dritten Republik mitzuarbeiten, die als Gegengewicht zur provisorischen Regierung von General de Gaulle gedacht war.

Nach dem Krieg kehrte Herriot zurück in das Bürgermeisteramt von Lyon und wurde 1947 erneut Präsident der Abgeordnetenkammer. Dort war er Gegenspieler de Gaulles und seiner Pläne, dem Staatspräsidenten mehr Macht einzuräumen. Bei der Wahl zum Präsidenten 1953 ließ er sich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr aufstellen.

In Lyon gibt es das nach ihm benannte Gymnasium Lycée Edouard Herriot sowie das Krankenhaus Hôpital Edouard Herriot. In Frankfurt am Main ist die Herriotstraße in der Bürostadt Niederrad im Stadtteil Schwanheim nach ihm benannt.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Édouard Herriot wurde am 5. Dezember 1946 in die Académie française gewählt. Er war Offizier der Ehrenlegion. 1954 ehrte ihn der Weltfriedensrat mit dem Internationalen Friedenspreis.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jasper Wieck: Weg in die »Décadence«. Frankreich und die mandschurische Krise 1931–1933. (Pariser Historische Studien; 40). Bouvier, Bonn 1995, ISBN 3-416-02554-7 (Digitalisat)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Édouard Herriot – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
Jean-Victor Augagneur Maire de Lyon
1905–1942/1945–1957
Louis Pradel
Frédéric François-Marsal
Aristide Briand
André Tardieu
Premierminister von Frankreich
14. Juni 1924–10. April 1925
19. Juli 1926–21. Juli 1926
3. Juni 1932–14. Dezember 1932
Paul Painlevé
Raymond Poincaré
Joseph Paul-Boncour
Edmond Lefebvre du Prey
Aristide Briand
André Tardieu
Außenminister von Frankreich
14. Juni 1924–17. April 1925
19. Juli 1926–23. Juli 1926
3. Juni 1932–18. Dezember 1932
Aristide Briand
Aristide Briand
Joseph Paul-Boncour
Édouard Daladier Bildungsminister von Frankreich
23. Juli 1926–11. November 1928
Pierre Marraud
Paul Painlevé
Fernand Bouisson
Vincent Auriol
Präsident der französischen Nationalversammlung
22. April 1925–22. Juli 1926
4. Juni 1936–9. Juli 1940
21. Januar 1947–12. Januar 1954
Raoul Péret

André Le Troquer