Élisée Reclus

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Élisée Reclus
Reclus bei der Lektüre von Le Cri du Peuple in seinem Brüsseler Garten

Jacques Élisée Reclus (* 15. März 1830 in Sainte-Foy-la-Grande, Gironde; † 4. Juli 1905 in Torhout bei Brügge) war ein französischer Geograph und Anarchist.

Leben[Bearbeiten]

Élisée Reclus war der zweite Sohn eines calvinistischen Pastors, der insgesamt zwölf Kinder hatte; einige von ihnen nahmen später prominente Positionen in der französischen Gesellschaft ein.

Seine Ausbildung begann er im preußischen Rheinland, setzte sie im protestantischen Kolleg von Montauban fort und beendete sie an der Berliner Universität, wo er an einem Lehrgang in Geographie von Carl Ritter teilnahm.

Nachdem Reclus sich in Reaktion auf den Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 aus Frankreich zurückgezogen hatte, bereiste er bis 1857 Großbritannien, die USA, Mittelamerika und Kolumbien. Nach seiner Rückkehr nach Paris verfasste er zahlreiche Artikel für Revue des deux mondes, Tour du monde und andere Zeitschriften, in denen er die Ergebnisse seiner geographischen Arbeit publizierte.

Élisée Reclus nahm 1862 an der Weltausstellung in London teil, wo die Idee zur Bildung einer Internationalen Arbeiter-Gewerkschaft aufkam. Im September 1864 wurden die Brüder Élisée und Élie Mitglieder der Batignoller Sektion dieser neu gegründeten Internationalen Arbeiterassoziation. Im gleichen Jahr lernte er Michail Bakunin kennen und die beiden wurden gute Freunde und später gemeinsam Teil der Antiautoritären in der Internationale.

Eines seiner Werke aus dieser Periode war eine kurze Histoire d’un ruisseau, worin er die Entwicklung eines großen Flusses von der Quelle bis zur Mündung beschreibt. 1867 bis 1868 veröffentlichte er in zwei Bänden La Terre; description des phénomènes de la vie du globe.

Nach dem Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges nahm Reclus an den aerostatischen Versuchen von Nadar teil. Nach der Bildung der Pariser Kommune lehnte er einen Posten in der neu gebildeten Regierung ab und diente stattdessen zur Verteidigung von Paris in der Nationalgarde. In der Zeitschrift Cri du Peuple kritisierte er in einem Manifest die Regierung in Versailles.

Als revolutionärer Nationalgardist wurde er am 5. April gefangengenommen, kurz darauf verurteilt und sollte nach Neukaledonien deportiert werden. Auf Drängen einflussreicher Persönlichkeiten, vor allem aus den USA und England (darunter auch Charles Darwin und Alfred Russel Wallace), wurde die Strafe im Januar 1872 auf dauerhafte Verbannung festgesetzt.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Italien ließ sich Reclus in Clarens (Schweiz) nieder, wo er seine literarische Arbeit wieder aufnahm. Nachdem er mit einer Histoire d’une montagne ein Gegenstück zur früheren Geschichte eines Flusses verfasst hatte, schrieb er hier fast alle seine großen Arbeiten, darunter La Nouvelle Géographic universelle, la terre et les hommes, 19 Bd. (1875−1894). Dies ist eine umfangreiche Zusammenfassung, die durchgehend mit Landkarten und anderen Abbildungen illustriert ist und 1892 von der Pariser Geographie-Gesellschaft mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde.

Extreme Genauigkeit und überzeugende Darstellung sind die wichtigsten Eigenschaften aller Werke Reclus'; ihnen kommt ein anhaltender wissenschaftlicher und literarischer Wert zu.

1882 initiierte Reclus eine Anti-Ehe-Bewegung und erlaubte seinen beiden Töchtern, sich ohne jede zivil- oder kirchenrechtliche Bestätigung zu verheiraten. Dies war sogar für seine Unterstützer schwer zu ertragen und führte zu Verfolgungen von Anarchisten durch die französische Regierung, insbesondere durch ein hohes Gericht in Lyon. Neben Reclus wurde dabei Peter Kropotkin als Anführer angesehen. Kropotkin wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt, während Reclus sich aufgrund seines Schweizer Wohnsitzes einer Bestrafung entziehen konnte.

Ab 1892 hatte Reclus einen Lehrstuhl für Vergleichende Geographie an der Universität in Brüssel inne.

Kurz vor seinem Tod schloss Reclus L'Homme et la terre ab, das als Krönung seiner früheren Arbeiten zur Stellung des Menschen in seiner Umwelt angesehen werden kann.

Er war der Bruder des Chirurgen Paul Reclus (Chirurg), des Geographen Armand Reclus (1843−1927), Erforscher der Panamakanalzone, des Geographen Onésime Reclus (1837−1916), Erfinder des Begriffs Frankophonie, und des Ethnologen, Journalisten und Anarchisten Élie Reclus (1827−1904). Der Anarchist Paul Reclus (1858−1914) war sein Neffe (der Sohn von Élie Reclus).

Literatur[Bearbeiten]

  • Henriette E. Chardak: Elisée Reclus. Un encyclopédiste infernal!. L'Harmattan, Paris 2005, ISBN 2-7475-9841-1.
  • Marie Fleming: The geography of freedom. The odyssey of Elisée Reclus. Black Rose Books, Montréal 1988, ISBN 0-921689-17-9.
  • Peter Jud: Elisée Reclus und Charles Perron, Schöpfer der „Nouvelle Géographie Universelle“. Ein Beitrag zur geographischen Wissenschafts-Historie des 19. Jahrhunderts. Stadler, Konstanz 1987 (zugl. Dissertation, Universität Zürich 1987).
  • Max Nettlau: Elisée Reclus. Anarchist und Gelehrter (1830-1905) (Beiträge zur Geschichte des Sozialismus, Syndikalismus, Anarchismus; Bd. 4). Topos-Verlag, Vaduz 1977, ISBN 3-289-00115-6.
  • Jean-Didier Vincent: Élisée Reclus - Géographe, anarchiste, écologiste. Editions Robert Laffont, 426 S., Paris 2010, ISBN 978-2-221-10648-8.
  •  Élisée Reclus: Geschichte eines Berges. 1. Auflage. Edition AV, Lich 2013 (Originaltitel: Histoire d’une montagne), ISBN 978-3-86841-087-7.
  • Elisee Reclus: Zur vegetarischen Lebensweise (1901), in: „Das Schlachten beenden! Zur Kritik der Gewalt an Tieren. Anarchistische, feministische, pazifistische und linkssozialistische Traditionen“, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2010. Seite 85 ff. und Seite 79 ff. zu Elisee Reclus von Lou Marin.
  •  Élisée Reclus: Anarchy, Geography, Modernity. Selected Writings of Elisée Reclus. 1. Auflage. PM Press, Oakland 2013, ISBN 978-1-60486-429-8.
  • Benno Werlen: Sozialgeographie. Eine Einführung (UTB; Bd. 1911). Haupt, Bern, 2004, ISBN 3-8252-1911-9.
  • Peter Meusburger u.a. (Hrsg.): Lexikon der Geographie. In vier Bänden. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2005, ISBN 3-8274-1652-3 (hier speziell Band 3).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Élisée Reclus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien