Öko-Anarchismus

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Öko-Anarchistisches Symbol: Schwarz-Grüne Flagge

Öko-Anarchismus (Öko, Abkürzung für Ökologie; auch Grüner Anarchismus genannt) ist eine Theorie von politischen und wirtschaftlichen Anschauungen, die von Einzelnen und Gruppen innerhalb des Anarchismus diskutiert wird und die möglicherweise ihren Ursprung in den folgenden philosophischen Denkweisen, sozialen Bewegungen und gesellschaftlichen Hintergründen findet: Sozialökologie, Situationismus, kommunistischer Anarchismus, Individualanarchismus, Ökofeminismus, indigene Völker, Sozialismus.

Beschreibung[Bearbeiten]

Öko-Anarchistische Staats- und Gesellschaftskritik setzt bei jenen Institutionen und Mechanismen an, die für Unterdrückung in der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Dazu könnten beispielsweise der Staat, Lohnarbeit, Kapitalismus, Globalisierung, Domestizierung, Patriarchat, und die von staatlichen Institutionen abhängigen Wissenschaft und Technologie zählen. Diese politischen, wirtschaftlichen und sozialen Elemente könnten als Instrumente für die Ausbeutung der Menschen und Zerstörung der Natur angesehen werden. Folgerichtig wird der angebliche Fortschritt innerhalb der bestehenden politischen Instanzen angezweifelt und kritisiert. Veränderung kann daher unter anderem durch direkte Aktionen, Sabotage, Militanz aber auch durch gewaltfreien Widerstand, zivilen Ungehorsam, kreative Aktionen, Besetzungen, Blockaden, Aktionscamps[1] und/oder durch das Leben konkreter Alternativen wie Kommunen, ökologisch orientierten dörflichen Gemeinschaften oder anderen bioregionalen Strukturen herbeigeführt werden, also auch durch Reformen. Kritik wird geäußert an der Unterwerfung von Tieren und Natur durch den Menschen, die hierarchischen Strukturen der verschiedenen Machtsysteme; zum Beispiel der Staat und seine Institutionen werden in Frage gestellt. Daher ist die Wiederherstellung einer Verbindung der natürlichen Umwelt mit den Menschen ein zentraler Aspekt des Öko-Anarchismus, der diese Verbindung für einen der elementaren Aspekten des menschlichen Wesens hält.

Schwierigkeiten wie Klimawandel und Umweltverschmutzung werden nicht als Problem an sich sondern als Symptom von Herrschaftsverhältnissen interpretiert. Die von Technokraten benannten Lösungen für Umweltprobleme werden als unzureichend und teilweise die Probleme verfestigend kritisiert: der Export von Umwelttechnologie aus den Industrienationen verfestige den kolonialen Entwicklungsmythos und Fortschrittsglauben, die Privatisierung der Luft durch Emissionsrechtehandel und Fortführung des hohen Verbrauchs auch durch erneuerbare Energiequellen vertiefe das Konzept von Eigentum und verlange die Aufrechterhaltung von Monopolen und Oligopolen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die Problematik der Herrschaft und ihre Bedeutung für die Lebensbedingungen werden von den Öko-Anarchisten angezweifelt und es werden Alternativen gesucht, etwa mit kollektivem Ausstieg und Bezugsgruppenbildung von miteinander kooperierenden Menschen aus allen gesellschaftlichen Milieus an verschiedenen Orten. Das Ziel ist dabei Ökologie zum Nutze der Industriegesellschaften zu verwenden und Schaffung konkreter und tiefgreifender Alternativen um einen reduzierten Ressourcenverbrauch zu realisieren; dazu werden Workcamps gehalten zur Diskussion und zum Informationsaustausch.[2]

Zivilisation[Bearbeiten]

Die Öko-Anarchisten verstehen sich nicht als „Splittergruppe“ oder „Sekte“ innerhalb der anarchistischen Bewegung und sehen sich auch nicht als Gegner oder Feind[3] des technischen Fortschrittes. Öko-Anarchisten streben nach einer dem Gemeingut zukommenden Ökologie. „Öko-Anarchisten wie Janet Biehl oder Murray Bookchin kritisieren, dass die Menschen die Umwelt nach Profitinteressen und Machtstreben gestalten. Sich selbst als Teil von großen Ganzen wahrzunehmen, ist durch die Bedingungen der Industriegesellschaft weitgehend verloren gegangen“.[4]

Manche Öko-Anarchisten werden als Anarcho-Primitivisten oder anti-zivilisatorische Anarchisten[5] beschrieben. Von diesem Gedanken aus wird Zivilisation als ein Gesamtkomplex (s.o.) beschrieben, der für die Einschränkung der menschlichen Freiheit und der natürlichen Umwelt verantwortlich gesehen wird. In dieser Hinsicht wird der Zivilisation eine Dominanz über z.B. Pflanzen, Tieren und Menschen zugeschrieben. Landwirtschaft und deren große Produktionsmengen an Nahrungsmitteln hat dieser Logik folgend die Grundsteine für die oben beschriebenen Institutionen gelegt. Vorgezogen wird daher eine wirtschaftliche Veränderung im Sinne freier Gesellschaften des Anarchismus; ein Leben in autonomen Gruppen von ökologisch positiv orientierten Menschen. Zum Beispiel das Klima-Camp 2008 in Hamburg. „Die größten Camps waren das Öko-anarchistische, das gewissermaßen Substrukturen auf dem Camp unterhielt...“.[6]

Verfechter der Sozialen Ökologie und dessen Haupttheoretikers Murray Bookchin, kritisieren die Haltung des Primitivismus als "Lifestyle-Anarchismus"[7].

Technologie[Bearbeiten]

Ebenso kontrovers diskutiert wird das Thema Technologie und auch hier wurde noch keine allgemeingültige Definition gefunden. Technologie wird als ein Teil der kapitalistischen Monopol-Wirtschaft begriffen. Technologie bedarf nicht, wie es heute geschieht, der Plünderung der Natur durch die Ausbeutung von erstens natürlichen Ressourcen, und zweitens durch unkontrollierten und verschwenderischen Verbrauch durch die Menschen. Da Technologie bedeutet wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse in der Produktion angewendet und eingesetzt werden können[8], besteht in dieser Hinsicht keine neutrale Technologie. Diese kann sowohl zum Nutzen der Natur/Umwelt, als auch gegen die Umwelt eingesetzt werden.

Die Theorie der Sozialen Ökologie[9] bezieht sich positiv auf beispielsweise erneuerbare Energien und andere ökologische Technologien, da sie ein Element umweltfreundlicher Benutzung, auch im Sinne des Anarchismus, sein können. Des Weiteren werden oft die Vorteile von einfachen Technologien, konstruiert aus Abfallmaterialien der Überflussgesellschaft befürwortet. In ähnlicher Weise wird Domestizierung akzeptiert, solange diese auf einem ausgeglichenen Verhältnis mit der lokalen Umwelt und auf einer Basis regionaler erneuerbarer Rohstoffe beruht sowie ohne Ausbeutung anderer Lebewesen auskommt. Ernährungsformen wie Vegetarismus und besonders Veganismus werden daher mit in die Diskussion über den Öko-Anarchismus einbezogen.[10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Uwe Timm, „Ökologie und Freiheit. Umweltproblem und Anarchismus“, Reihe Lernziel Anarchie Nr. 7, Verlag der Mackay Gesellschaft, Freiburg/Br. 1980. ISBN 3-921388-33-3
  • Janet Biehl, „Ecofascism: Lessons from the German Experience“; 1996
  • „Der soziale Ökofeminismus und andere Aufsätze“. Trotzdem Verlag, Grafenau 1991
  • The Politics of Social Ecology: Liberarian Municipalism“; 1997

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Öko-Anarchisten und konservative Naturfreunde beim Bundesverband Grüne Jugend. „Öko-Anarchisten und konservative Naturfreunde“ in Finnland
  2. Informationen und Treffen von Öko-Anarchisten
  3. Öko-Extremisten beschmieren Grossmünster von Simon Eppenberger. In: Tagesanzeiger (Zürich), vom 16. Dezember 2008. Obwohl der Tagesanzeiger von Unbekannten berichtete, wurde die Bezeichnung "Öko-Extremisten" verwendet
  4. Was ist eigentlich Anarchismus, Teil 3 vom 15. März 2001
  5. Vgl. hierzu: K.H.Z. Solneman (Pseudonym für Kurt Zube), „Das Manifest der Freiheit und des Friedens“. Seite 13, „Die Herrschaft der Abstraktionen und der fixen Ideen“; sowie Seite 310 - 315 und 325 - 332. Verlag der Mackay-Gesellschaft, Freiburg/Br. 1977. ISBN 3-921388-12-0
  6. Zitat nach Philipp Xanthos, „Das Widerstandscamp in: „Revolutionärer Sozialistischer Bund“ vom 29. August 2008. Abgerufen am 29. Januar 2009.
  7. Kritik von M. Bookchin in seinem Artikel, „Social Anarchism or Lifestyle Anarchism gegenüber dem Primitiv-Anarchismus
  8. Vgl. hierzu: Harry M. Collins, Trevor J. Pinch, „Der Golem der Technologie. Wie die Wissenschaft unsere Wirklichkeit konstruiert“. Berlin-Verlag, Berlin 2000. ISBN 3-8270-0335-0
  9. Vgl. hierzu: Janet Biehl, „Der libertäre Kommunalismus. Die politische Praxis der Sozialökonomie“. Trotzdem-Verlag, Grafenau 1998
  10. Schüler gründen einen anarchistischen KlubAnarchistische Schüler/Studenten-Union“. Abgerufen am 29. Januar 2009