Ökonomisierung

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Der Begriff der Ökonomisierung bezeichnet die Ausbreitung des Marktes samt seinen Prinzipien und Prioritäten auf Bereiche, in denen ökonomische Überlegungen in der Vergangenheit eine eher untergeordnete Rolle spielten bzw. die solidarisch oder privat organisiert waren.

Konsequenzen der Ökonomisierung[Bearbeiten]

Das führt dazu, dass die Wirtschaft in andere Subsysteme (Familie, Medien, Politik, Recht, Medizin, etc.) vordringt und dort ihre spezifischen Operationen vornimmt, die dort nicht hingehören. Ökonomisierung meint nicht, dass zusätzlich ökonomische Sichtweisen (Gewinn/Verlust) neben anderen nicht-wirtschaftlichen Vorgängen bestehen, sondern dass ökonomische Prinzipien die nicht-ökonomischen Prinzipien vollständig überlagern. Das passiert dann, wenn jegliche Grenzziehung zwischen Wirtschaft und dem befallenen Subsystem aufgehoben wird. Subsysteme wie die Justiz (Recht/Unrecht), Politik (Legitimität/Illegitimität), Wissenschaft (Wahr/Unwahr), Medien (Information/Nichtinformation - wobei sich Massenmedien in weitere Teilbereiche unterteilen: z.B. Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung) sind dann nicht mehr in der Lage, ihre eigentlichen Funktionen wahrzunehmen, denn diese Subsysteme können in solch einem Fall zwischen sich und anderen nicht mehr unterscheiden (Selbst-/Fremdreferenz)[1] vgl. Systemtheorie (Luhmann).

Fälle von Ökonomisierung[Bearbeiten]

Ein Beispiel ist die organisatorische Neuordnung staatlicher Verwaltungen, bei der durch interne Rationalisierung und die Übernahme marktpreissimulierter Kosten-Ertrags-Kalküle angestrebt wird, die Qualität öffentlicher Dienstleistungen zu verbessern und gleichzeitig deren Produktionskosten zu senken. Ökonomisierungsstrategien wie New Public Management u.Ä. lehnen sich am Modell des privatwirtschaftlichen Konzerns an und kommen vor allem in den öffentlichen Diensten im engeren Sinne (Bildungs- und Gesundheitswesen, Sozialwesen usw.) sowie in den klassischen hoheitlichen Bereichen staatlicher Tätigkeit (Polizei, Steuerwesen, Militär usw.) zur Anwendung. Grundsätzlich gilt dabei das Prinzip der Kostenwahrheit.

Ein aktuelles Beispiel, marktferne Bereiche wie Bildung, Wissenschaft und Kultur ökonomischen Kriterien zu unterwerfen und nach Kosten-Nutzen-Kalkülen zu bewerten, ist die Reform der britischen Wissenschaftspolitik: Wissenschaftler müssen demnach künftig die wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung ("economic and social impact") ihrer Forschungen nachweisen, um Fördermittel zu erhalten.[2] Die universitäre Grundlagenforschung wird dadurch zugunsten der Anwendungsforschung (kommerzielle Produktinnovation) zunehmend aus dem Wissenschaftssystem herausgeschnitten.

Ökonomisierung als semantisches Artefakt?[Bearbeiten]

Eine Worthäufigkeitsanalyse mit dem Google Ngram Viewer hat unlängst herausgearbeitet, dass es sich bei der Diagnose von der Ökonomisierung der Gesellschaft eher um ein semantisches Artefakt denn um eine zutreffende Beschreibung moderner Gesellschaften handeln könnte.[3] In diesem Sinne stellt sich die Frage nach der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit der Ökonomisierungsthese neu.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gary S. Schaal, Matthias Lemke, Claudia Ritzi (Hg.): Die Ökonomisierung der Politik in Deutschland. Eine vergleichende Politikfeldanalyse. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-02619-6.
  • Volker Hielscher, Lukas Nock, Sabine Kirchen-Peters: Zwischen Kosten, Zeit und Anspruch. Das alltägliche Dilemma sozialer Dienstleistungsarbeit. Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-01377-6.
  • Dominic Akyel: Die Ökonomisierung der Pietät. Zum Wandel des Bestattungsmarktes in Deutschland. Campus, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3593398785
  • Alexander Dietz: Der homo oeconomicus. Theologische und wirtschaftsethische Perspektiven auf ein ökonomisches Modell. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05310-8 (Leiten, Lenken, Gestalten 18), (Zugleich: Heidelberg, Univ., Diss., 2004).
  • Franz Kasper Krönig: Die Ökonomisierung der Gesellschaft. Systemtheoretische Perspektiven. transcript, Bielefeld 2007, ISBN 978-3-89942-841-4 (Sozialtheorie), (Zugleich: Flensburg, Univ., Diss., 2006).
  • Alessandro Pelizzari: Die Ökonomisierung des Politischen. UVK/Raisons d'Agir, Konstanz 2001, ISBN 3-89669-998-9.
  • Christian Spatscheck, Manuel Arnegger, Sibylle Kraus, Astrid Mattner, Beate Schneider (Hrsg.): Soziale Arbeit und Ökonomisierung. Analysen und Handlungsstrategien. Schibri Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-937895-83-3 (Schriftenreihe der ASFH Berlin 5)
  • Otto Speck: Die Ökonomisierung sozialer Qualität. Zur Qualitätsdiskussion in Behindertenhilfe und Sozialer Arbeit. Reinhardt Verlag, München u. a. 1999, ISBN 3-497-01502-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Franz Kasper Krönig: Die Ökonomisierung der Gesellschaft: Systemtheoretische Perspektiven, 2007, S. 13.
  2. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. Februar 2011, S. 8; Artikel Das Vereinigte Königreich verabschiedet die Wissenschaftsfreiheit.
  3. Roth, S. (2014), Fashionable functions. A Google ngram view of trends in functional differentiation (1800–2000), International Journal of Technology and Human Interaction, Band 10, Nr. 2, S. 34-58 (english; online: http://ssrn.com/abstract=2491422).

Weblinks[Bearbeiten]