Über Dialektischen und Historischen Materialismus

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Stalins Schrift „Über dialektischen und historischen Materialismus“ ist einer der wichtigsten Bestandteile der Sowjetideologie.

Mit der Schrift, die an philosophische Arbeiten Lenins anknüpfte, und der neuen „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki), kurzer Lehrgang“, in der sie erstmals erschien, wurde 1938 die neue Staatsdoktrin der UdSSR verbindlich festgelegt.

Gliederung der Schrift[Bearbeiten]

Stalins Schrift ist in drei Teile gegliedert und sehr systematisiert dargestellt:

A: Grundzüge der marxistischen dialektischen Methode im Gegensatz zur Metaphysik

  1. Natur ist ein einheitliches Ganzes
  2. Natur ist unaufhörliche Bewegung
  3. Der Entwicklungsprozess der Natur verläuft im Umschlag von Quantität in Qualität
  4. Naturerscheinungen haben innere Widersprüche, die im „Kampf“ miteinander liegen, und nicht reformerisch sich entwickeln können, sondern nur revolutionär

B: Grundzüge des marxistischen philosophischen Materialismus im Gegensatz zum Idealismus

  1. Die Welt ist in ihrer Natur materialistisch
  2. Das Sein ist objektive Realität, Denken ist Widerspiegelung der Materie, Ideen wirken auf das Sein zurück.
  3. Das Wissen von Naturgesetzen wird durch die Praxis geprüft, Entwicklungsgesetze der Gesellschaft sind objektive Wahrheit, analog Biologie; Sozialismus ist Wissenschaft

C: Der historische Materialismus

  1. Was prägt „in letzter Instanz“ [Engels] Gesellschaft? Die Produktionsweise der materiellen Güter und nicht das geographische Milieu oder das Wachstum der Bevölkerung.
  2. Die „wirkliche“ Partei des Proletariats steuert die Entwicklungsgesetze der Produktion
  3. Ein schematisches Bild der Geschichte:
a. Urgemeinschaft/ Urkommunismus
b. Sklaverei
c. Feudalismus
d. Kapitalismus
e. Sozialismus (dort Evolution statt Revolution)

Einheit von dialektischem und historischem Materialismus[Bearbeiten]

Stalin betont, dass es wichtig sei, den dialektischen und den historischen Materialismus als Einheit zu sehen. Der dialektische Materialismus formuliere die Philosophie, mit der der historische Materialismus, die Wissenschaft der Geschichte, verbindlich darzulegen sei. Unter Geschichte wird hierbei sowohl die Geschichte der Natur, als auch die Geschichte des Menschen verstanden. Beide Aspekte werden, analog beispielsweise der Biologie, naturgesetzlich aufgefasst. Stalin schreibt (S. 32): „Der dialektische Materialismus ist die Weltanschauung [(!)] der marxistisch-leninistischen Partei“. Zugleich sei diese Weltanschauung aber die dialektische Methode des historischen Materialismus: „Also verwandelt sich der Sozialismus aus einem Traum von einer besseren Zukunft der Menschheit in eine Wissenschaft “(S. 89). Hier wird an Engels Schrift von 1880, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, angeknüpft. Die Welt ist für Stalin „objektive Realität, eine Widerspiegelung des Seins“ (S. 90). Auch hier knüpft er an Aussagen zur Widerspiegelung bei Marx und Engels an und entwickelt daraus eine Dogmatik, die, als Rechtfertigung des Handelns der Partei, behauptet, eine objektive Realität unmittelbar aus der Natur ableiten zu können.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Vorläufer: Dialektik und Materialismus[Bearbeiten]

Die große Bedeutung und Notwendigkeit zur Interpretation des Materialismus als Grundlage kommunistischer Weltdeutung entstand nur wenige Jahrzehnte davor. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch Marx und Engels basierend auf Feuerbachs Materialismus und Hegels Dialektik die bisher geltende Vorstellung, die Welt sei durch den Schöpfungsakt Gottes geschaffen worden (Genesis), grundlegend erschüttert. Unterstützt durch die 1859 erschienene Arbeit Charles Darwins´ über die „Entstehung der Arten …“, mit der auch in der bürgerlichen Welt, die Schöpfung negiert wurde, setzte sich die Vorstellung nun vollends durch, die Welt sei generell aus sich selbst entstanden (aus der Bewegung der Materie – heute sagen wir: aus dem Urknall), nicht durch Gott oder einen Weltgeist wie bei Hegel.

Historischer Materialismus bei Marx[Bearbeiten]

Um in der wissenschaftlichen und politischen Folgediskussion die Interpretationsmacht zu behaupten, gab es seitdem sowohl in der bürgerlichen als auch in der proletarischen Welt intensive Erklärungsversuche des Materialismus. Da die Kommunisten aus ihrer Lehre, der zum Höheren strebenden Dialektik heraus, den Anspruch erhoben, quasi mit besonderer Legitimation das Proletariat zum höchsten Zustand der Welt, zum Kommunismus zu führen, ergab sich daraus der Anspruch, dies aus der Sicht der höchsten Wahrheit zu tun. Diese höchste Daseinsform des Denkens wie des Sozialen eben musste philosophisch und historisch belegt werden.

Dialektischer Materialismus: historischer Materialismus als Naturgesetz[Bearbeiten]

Während Marx und Engels die historische Entwicklung - von der Urgesellschaft über die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und den Kapitalismus zum im Schoße des Alten gereiften Sozialismus - im Sinne ihres Wissenschaftlichen Sozialismus als eine Schlussfolgerung dargelegt hatten, die durch bewusstes Handeln des Proletariats im Klassenkampf realisiert werden müsse, um von der Diktatur der Bourgeoisie zu der des Proletariats zu kommen, entsteht bei Lenin und dann gänzlich dogmatisch bei Stalin eine quasi naturgesetzliche Entwicklung.

Diesem behaupteten Naturgesetz kann – in deren Lesart – ein „vernünftig denkender Mensch“ entsprechend nicht widersprechen, ohne von der Parteilinie, die vom „weisen Führer“ mittels der höchsten (und selbstverkündeten) Wahrheit vorgegeben wird, abzuweichen. Entsprechend war die auch in der KPdSU geäußerte Auffassung, es sei 1917 zu früh für eine proletarische Revolution, es müsse die bürgerliche Revolution unterstützt werden, schon unter Lenin eine „strafbare“ Abweichung. Erst recht wurde unter Stalin in den 1930er Jahren jede Abweichung unterdrückt. Diese Zeit des „Großen Terrors“ wurde dann mit der Neufassung der Geschichte der Kommunistischen Partei als Grundlage des Stalinismus abgeschlossen.

Ideologische Bedeutung[Bearbeiten]

Grundlagen bei Marx und Engels[Bearbeiten]

Strittig ist in der Bewertung der Leninschen und Stalinschen Thesen über den dialektischen und historischen Materialismus der Einfluss Marx' und Engels'. Während Marx nur beiläufig von „meiner dialektischen Methode“ gesprochen und zusammen mit Engels eine materialistische Geschichtsauffassung entworfen hatte, bezeichnete Engels diese 1892 (Einleitung zur engl. Ausgabe „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“) erstmals als „historischen Materialismus“. Den Spätwerken Engels (Dialektik der Natur, Anti-Dühring) wird von einigen Autoren eine mechanistische Auffassung der Dialektik zugeordnet, auf der Lenin und Stalin später aufbauen konnten.

Ideologische Funktion im Sowjetsystem[Bearbeiten]

Stalins Text will nicht nur die höchste Weisheit der Partei vorgeben, die festlegt, wie zu denken sei, um ein guter Kommunist zu sein. Er verändert auch das Marxsche Ziel, die Produktivkräfte zugunsten des Proletariats so umzugestalten, dass das arbeitende Individuum zu einer allseits entwickelten gebildeten Persönlichkeit werden kann. Im stalinistischen Historischen Materialismus wird die Entwicklung der Produktivkräfte unter der Leitung der Partei zum Selbstzweck. „Also muß die Partei des Proletariats, will sie eine wirkliche Partei sein, sich vor allem die Kenntnis der Entwicklungsgesetze der Produktion … aneignen“ (Stalin (S. 108)). Aus der Arbeit als Mittel zur Entwicklung der Menschheit im historischen Prozess werden Arbeit und Produktion zum Staatsziel, dem die Proletarier als Individuen unterworfen werden. Das von Engels übernommene „Absterben des Staates“ als Machtinstrument kann sich bei Stalin nur noch realisieren lassen, wenn die Partei die Aufgabe des Staates übernimmt. Von „Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst“ und von unentfremdeter Arbeit (Marx/Engels, Deutsche Ideologie, MEW, Bd. 3) ist keine Rede mehr.

Schon Lenin setzte in der Produktion den kapitalistischen Taylorismus zur Rationalisierung durch und sprach sich strikt gegen vergesellschaftete Formen der Aneignung der Produktionsinstrumente durch das in Russland 1917 nur rudimentär vorhandene Proletariat aus, wie Marx und Engels diesen Prozess sahen. „Die widerspruchslose Unterordnung unter einen einheitlichen Willen ist für den Erfolg der Prozesse der Arbeit, die nach dem Typus der maschinellen Großindustrie organisiert wird, unbedingt notwendig, [das sei] im Interesse des Sozialismus, die unbedingte Unterordnung der Massen unter den einheitlichen Willen der Leiter des Arbeitsprozesses. [Diese Leiter werden] Diktatoren, seien sie nun gewählt oder von Sowjetinstitutionen ernannt, die mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet sind“ ( S. 763ff, Lenin, Ausgew. Werke, Berlin/ DDR.)

Zugestanden werden muss die Situation zwischen dem Ersten und dem sich ankündigenden Zweiten Weltkrieg, der von der UdSSR nur mit Hilfe einer ungeheuren Anstrengung in der Entwicklung der Produktivkräfte überstanden wurde. Lenin formulierte die Notwendigkeit der Entwicklung der Sowjetunion von einem kleinbäuerlichen Land zu einer Industrienation in seinem berühmten Satz „Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ (Lenin, Sämtl. Werke, Band XXVI, S. 58)

Ausgaben[Bearbeiten]