Übertragungseffekt

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Von einem Übertragungseffekt (auch Spill-over-Effekt, Spillover-Effekt, Spillover oder Spill-over, vom englischen to spill – verschütten, überlaufen lassen) spricht man, wenn ein Ereignis/Zustand Auswirkungen auf andere Ereignisse/Zustände hat. Der Begriff steht in engem Zusammenhang mit dem des externen Effekts, hat jedoch eine breitere Bedeutung, da er nicht nur wirtschaftstheoretische und wirtschaftspolitische Aktivitäten abdeckt, sondern auch speziell im Marketing Anwendung findet und darüber hinaus z. B. auf gesellschaftspolitische oder wissenschaftliche Entscheidungen, Trends oder andere Entwicklungen bezogen werden kann.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Unter anderen Bezeichnungen wurden bereits im 19. Jh. Übertragungseffekte analysiert. Die klassische Kartelltheorie (1883-1945) besaß bereits eine akribische Auswirkungslehre, in der die Effekte einer Verzerrung und Vermachtung von Märkten dargestellt wurden. Ernst B. Haas, der Begründer des Neofunktionalismus, prägte 1958 den Begriff des Spill-over, der bald - als modischer Anglizismus - weite Verbreitung fand.

Volkswirtschaftliche Übertragungseffekte[Bearbeiten]

Unter volkswirtschaftlicher Betrachtung können externe Effekte auch als Übertragungseffekte bezeichnet werden. Dazu gibt es vielfältige Beispiele, etwa unter dem Stichwort des Marktversagens.

Übertragungseffekte im Rahmen zwischenstaatlicher Integration[Bearbeiten]

In den Internationalen Beziehungen wird der Begriff Spill-over (eigentlich nie: Übertragungseffekt) vor allem für Phänomene innerhalb von Integrationsgemeinschaften verwendet, wo er die Auswirkungen nationaler oder übernationaler politischer Entscheidungen auf andere Bereiche beschreibt. Hauptanwendungsfeld war bislang die europäische Integration mit der Europäischen Union als Schwerpunkt. Der Begriff wird vor allem von Anhängern der neofunktionalistischen Integrationstheorie verwendet. Demnach kann die Überführung bestimmter Politikbereiche an die Union (Vergemeinschaftung) dazu führen, dass sich auch in anderen Bereichen eine Tendenz zur Vergemeinschaftung entwickelt. Sektorale Integration führt hiernach zur Verflechtung immer weiterer Sektoren. Dafür finden sich zahlreiche Beispiele in der Geschichte der europäischen Integration, so etwa im Bereich des Binnenmarktes, in dem das Grundprinzip des freien Kapitalverkehrs zur verstärkten Entwicklung einer gemeinsamen Währungspolitik und letztlich zur Gemeinschaftswährung Euro geführt hat. Ebenso durch die Aufnahme weiterer Themen/Zuständigkeiten (Politiken) in die Verträge, beginnend mit der EEA 1986/1987 durch die Aufnahme der Bereiche (Politiken) wie Umweltschutz, Forschung und Technologie sowie Bildung; später fortgesetzt durch den Vertrag von Maastricht hält dieser Prozess bis heute an.

Übertragungseffekte im Marketing[Bearbeiten]

Im Marketing bezeichnet man die Übertragung des Images eines Produkts / eines Unternehmens auf ein anderes Produkt als Übertragungseffekt. Ein gleichbedeutender Begriff hierfür ist der Partizipationseffekt. So kann z. B. das Image einer Marke auf ein neues Produkt übertragen werden (Umbrella-Effekt bei Übertragung eines positiven Images, Kannibalismus-Effekt bei Übertragung eines negativen Images). Im engeren Sinne liegt ein Übertragungseffekt dann vor, wenn das positive Image eines Produktes oder eines Unternehmens sich auf ein anderes Produkt überträgt. Beim Affiliate-Marketing ist Spill Over der nicht messbare und daher nicht vergütungsfähige Anteil der Besucher, die durch Affiliate-Marketing-Maßnahmen auf die Seite des Merchants gelangen.

Weitere Bedeutungen[Bearbeiten]

In der Entwicklungspolitik spricht man von Übertragungseffekten vor allem im Zusammenhang von hohen Verstädterungsraten bzw. deren Konsequenzen, wie die Entstehung von Metropolen und Megastädten innerhalb der Dritten Welt (Kairo, Neu-Delhi, São Paulo etc.). Die Übertragungseffekte ergeben sich durch Agglomerationsnachteile wie Zusammenbruch der Verkehrsinfrastruktur, hohe Schadstoffbelastung, Unterbeschäftigung, Informelle Siedlungen, Kriminalität, etc.

Im Rahmen der Stadtsoziologie und den Kulturwissenschaften werden mit Spillover oder räumlich externen Effekten unentgeltliche positive oder negative Auswirkungen einer Region auf eine andere Region bezeichnet, die zur Besserstellung einzelner Regionen im Vergleich zu anderen führen. Spillovers entstehen, wenn die geographischen Grenzen der Nutzung eines (öffentlichen) Gutes nicht mit denen der Gebietskörperschaften übereinstimmen, der räumliche Kreis von Nutznießern und Belasteten auseinander klafft. Diesen Zusammenhang analysiert auch das Konzept der zentralen Orte. Zentrale Orte sind Städte, die als Mittelpunkt eines bestimmten wirtschaftlichen Verflechtungsbereichs einen Bedeutungsüberschuss gegenüber den umliegenden Regionen besitzen. Das Problem dabei ist, dass Spillovers zu einer Unterversorgung eines zentralen Ortes mit einem von der öffentlichen Hand bereitgestellten Gut führen (Ausbeutungshypothese). Um diesen Missstand zu beheben, bieten sich verschiedene Internalisierungsstrategien an. So können die zentralen Orte von den extern Begünstigten eine Kostenerstattung fordern (vgl. dazu das Sächsische Kulturraumgesetz). Oder es übernimmt eine übergeordnete Gebietsebene, z. B. das Land, in Form einer Subventionierung den Spillover-Ausgleich.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]