Lech, Čech und Rus

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Die Brüder Lech und Čech in der Chronica Polonorum (1506)
Lech-, Čech- und Rus-Eiche in Rogalin

Lech, Čech und Rus [ˈlɛx, ˈtʃɛx ʊnt ˈruːs] sind die drei legendären Brüder Lech, Čech und Rus der Slawischen Mythologie, welche als vermeintliche Stammväter der drei folgenden, slawischen Nationen gelten: Lechland (Polen), Čechy (inkl. Mähren und Schlesien, dh. weitgehend das moderne Tschechien), und Rus (das moderne Russland, Weißrussland und die Ukraine). Zu ihnen gibt es eine Sage, die neben regionalen Varianten in zwei Hauptversionen überliefert sind.

Im Park von Schloss Rogalin, Großpolen stehen im Gedenken an den gemeinsamen Ursprung der drei slawischen Völker eine Lech-, Čech-, und Rus-Eiche. Jede der „Drei Rogalin-Eichen“ ist ca. 700 Jahre alt. Die größte Eiche ist Rus (9 m hoch), die zweitgrößte Eiche Čech (7 m hoch) und die kleinste ist Lech (6 m hoch). [1]

Die Sage in zwei Versionen[Bearbeiten]

Der weiße Adler und die drei Brüder,
Gemälde von Walery Eljasz-Radzikowski (1841–1905)
Čech im Jahr 644 auf dem Berg Říp

Polnische Version[Bearbeiten]

In der Polnischen Version heißt die Brüdersage O Lechu, Czechu i Rusie oder Die Sage vom weißen Adler. Darin werden die drei Brüder Lech, Čech und Rus in das 7. Jahrhundert eingeordnet, als alle Slawen zwischen den Flüssen Weichsel und Dnepr noch in einem Land lebten und eine Sprache sprachen. Die drei Brüder führten mithilfe ihrer Weisheit glücklich und zufrieden jeweils einen Familienstamm. Doch es kam die Zeit, dass Slawien ihre Völker nicht mehr ernähren konnte, weil in den Wäldern das Wild und in den Flüssen die Fische knapp wurde. So versammelten sich die drei Brüder zu einer Besprechung und beschlossen einstimmig, für ihre Stämme neues Land zu suchen. Das Allerheiligste zusammengepackt machten sie sich nordwärts durch riesige, undurchdringliche Urwälder und Sümpfe auf den Weg, bis sie in die Gegend des heutigen Rzeszów kamen. Irgendwo da kam der Tag der Trennung: „Auf Wiedersehen Brüder und denkt an mich! Ich wünsche euch Glück“, sagte Rus, der älteste Bruder, nahm Abschied und wanderte über Umwegen ins Land der endlosen Steppen und des ausgedehnten, fruchtbaren Flachlands im Osten und gründete dort mit seinem Stamm das Rus-Land. Die übrigen wanderten weiter westwärts zur Wisła in die Gegend des heutigen Krakau. Irgendwo hier trennte sich auch Čech vom Zug. Er folgte mit seinem Stamm die Weichsel nach Süden, durchwanderte die Mährische Pforte und kam von dort zum Berg Říp, von dem aus er fruchtbares und kostbares Land sah und daraufhin unweit dieses Berges seinen Staat Čechy errichtete. Der jüngste der Brüder, Lech, ritt mit seinem Stamm nach der Verabschiedung Čechs alleine weiter in Richtung Norden zur Flussebene der Warthe und folgte ihr immer weiter flussabwärts. Eines Tages blieb der Zug am später nach Lech benannten Hügel stehen, weil Leute und Vieh erschöpft waren und Erholung brauchten. Während die Männer ein Lager aufschlugen und die Frauen das Essen kochten, schaute sich Lech aufmerksam ringsum. Hier in den dichten, vollen Wäldern gab es Wildtiere, in den nahen, sauberen Flüssen wimmelte es an Fischen und die Sonne spiegelte sich in den klaren Wasseroberflächen der vielen Seen der Umgebung. Es schien, als lade dieses Land dazu ein, hier sesshaft zu werden. Am späten Nachmittag rief Lech den Stammesältesten herbei und als danach alle Männer am Feuer saßen, erkannten sie gemeinsam, dass ihr ersehntes Land gefunden sei. Lech wartete nur noch auf ein Zeichen Gottes, damit er weiß, wo er mit Bauen einer Burg beginnen soll. Da sieht er einen prächtigen weißen Adler in der Baumkrone einer großen Eiche. Es war gerade Sonnenuntergang und vor dem Hintergrund des roten Abendhimmels spannte der Adler plötzlich in unbeschreiblicher Schönheit seine Flügel aus und flog in sein Nest auf dem Hügel zu. Lech und seine Stammesangehörigen waren von diesem Anblick so begeistert, dass sie dies einstimmig als gutes Zeichen Gottes verstanden. „Hier lassen wir uns nieder, und dieser prachtvolle Vogel wird uns ewig schützen.", sagte Lech. Auf dem Hügel erbaute man die Slawische Burg, die zur Erinnerung an das Adlernest gniazdo hieß, das gerade das polnische Wort für "Nest" ist. So wurde die Stadt Gniezno - die erste polnische Hauptstadt - gegründet. Seit diesen legendären Zeiten ist der weiße Adler auf rotem Hintergrund das Wappen Polens.

Gemäß der Großpolnischen Chronik (13. Jahrhundert) sind die Slawen Nachkommen von Jawan (Sohn Jafets und Enkel Noahs, 1 Mose 10,2). Demnach habe Jawan drei Söhne gehabt (1. Lech, der älteste Sohn 2. Rus und 3. Čech, der jüngste Sohn), die sich entschieden den Westen, Nordwesten und Osten zu besiedeln.

Tschechische Version[Bearbeiten]

Die tschechische Version der Sage spricht nur von zwei Brüdern und findet sich in den Staré pověsti české (Alten Böhmischen Sagen) von Alois Jirásek am bekanntesten erzählt. Danach kamen die zwei Brüder Lech und Čech aus dem Osten nach Mitteleuropa. Sie lebten in Weißkroatien an der Wisła. Zu dieser Zeit fanden dort zahlreiche Kämpfe statt, so dass dies Land sehr unattraktiv wurde für die Menschen, die in Frieden leben und die Felder kultivieren wollten. Anderen tschechischen Versionen zufolge war der eigentliche Grund, dass Čech wegen eines Mordes unter Anklage stand und er deshalb seinen Stamm versammelte und dem Sonnenuntergang nach gen Westen aufbrach. Wie in der polnischen Version wird Čech als Gründer des Landes Čechy (Böhmen) identifiziert bzw. Lech als Gründer Lechlands (Polen).

Gemäß der Dalimil-Chronik (1314) musste Čech den Berg Říp besteigen, um nach der Landschaft zu sehen und sah das weite Land mit Wäldern, Wiesen und Flüssen. Er predigte seinem Stamm gegenüber, wie schön es sei. Daraufhin riefen die Leute mit einer Stimme: "Lass uns dieses Land nach Čech benennen!" Mit dem Willen des Stammes einverstanden kniete Čech nieder, küsste die Erde und segnete dieses Land. Er besiedelte dieses Gebiet mit seinem Stamm, und gemäß der Přibík Pulkava-Version (um 1374) ging Lech später mit seinem Stamm über die Berge des Nordens weiter ins Flachland, um dort seinen eigenen Slawischen Burgwall zu bauen. Es sei hart gewesen, Lech zu verabschieden, aber er würde nicht weit weg gehen. Am breitgefächertsten und historisch am wahrscheinlichsten ist die Beschreibung von Václav Hájek z Libočan (1530er Jahre), die eine Reihe von Details bringt, unter anderem das exakte Datum von Čechs Ankunft am Berg Říp, das Jahr 644. Er erhebt auch zwei Herzöge empor und behauptet, dass sie auch schon eine eigene Burg in ihrer Heimat besaßen.

Kroatische Abwandlungen[Bearbeiten]

Neben der polnischen und tschechischen Version der Sage gibt es eine vergleichbare Sage mit teilweise ausgetauschten Namen auch in den Volksmärchen zweier getrennter Regionen in Kroatien: im Kajkavischen Dialekt von Krapina (Nordkroatien) und im Čakavischen Dialekt des Fischerdorfes Poljica an der Adria (Zentral-Dalmatien). Die kroatische Variante der Sage wurde 1940 im Detail beschrieben und analysiert von S. Sakač. [2]

Namensvarianten von Lech und Čech[Bearbeiten]

Lech wird in den historischen Quellen oft auch als Lechus, [3] Lachus, Lestus und Leszek genannt.

Čech wird in den historischen Quellen oft auch lateinisch Bohemus genannt, weil das Christentum das Land der Tschechen - abgeleitet von den Ureinwohnern des Landes, dem keltischen Stamm Boii - lateinisch als Boiohaemum. bezeichnete. [4] Daher leitet sich auch die später entstandene deutsche Bezeichnung Böhmen.

Historischer Kern der Sage[Bearbeiten]

Gebiet des Balto-Slawischen Sprachraums (violett)

Unter den historischen Quellen ist 1125 die Böhmische Chronik von Cosmas von Prag das erste Dokument, das Čech als Bohemus erwähnt. In den Böhmischen Chroniken insgesamt wird jedoch immer nur von ihm und Lech gesprochen.

Lech, Čech und Rus werden in den historischen Quellen erstmals 1295 in der Großpolnischen Chronik erwähnt [5]

Die Sage unterstellt die allgemeine Verwandtschaft der Polen, Tschechen, Ruthenen, Ukrainer, Russen sowie Weißrussen und illustriert die Tatsache, dass genau in der Zeit des 13. Jahrhunderts mindestens drei verschiedene slawische Völker wussten, dass sie ethnisch und sprachlich in einer Wechselbeziehung standen und sich tatsächlich von einem gemeinsamen Stamm ableiten.

Herzog Čech

Die Sage stimmt auch überein mit der Lokalisierung des Heimatlandes der Slawen Mittel- und Osteuropas. Dieses Gebiet überlappt die Region, von der die meisten Wissenschaftler sagen, dass sie das proto-indoeuropäische Vaterland ist innerhalb der Pontokaspis. [6] Im Rahmen der Kurgan Hypothese sprachen die Indo-Europäer, die nach der Völkerwanderung blieben, Balto-Slawisch. [7] Die Sage versucht auch die Etymologie der Volksbezeichnungen zu erklären: Lechland - ein weiterer Name für Polen, Čechy - das tschechische Wort für "Böhmen" (umfasste damals auch Mähren und Schlesien) und Rus - der Name für die Kiewer Rus als Vorläuferstaat der heutigen Staaten Russland, Weißrussland und Ukraine.

Der polnische Belletrist der Renaissance Jan Kochanowski erwähnt in seinem Aufsatz über den Ursprung der Slawen keinen Rus als dritten Bruder. Er tut die Sage sogar insgesamt ab, in dem er sagt: "Kein Historiker, der sich mit den Slawen beschäftigt hat [...] erwähnt irgendeinen der beiden slawischen Führer Lech und Čech". Er vermutet, dass Čechy und "Lachy" höchstwahrscheinlich die Originalnamen der zwei Nationen sind, obwohl er die Möglichkeit nicht ausschließt, dass es einen großen Führer mit dem Namen Lech gegeben haben könnte, dessen Name gegen das Original ausgetauscht und später von den Polen vergessen wurde. [8]

Literatur[Bearbeiten]

  • Stanislaw Dzieciol (Illustr.) Katarzyna Malkowska (Autor): Lech, Czech i Rus, broschürt, Astra 2013
  • Adam Fałowski, Bogdan Sendero: Biesiada słowiańska, Universitas, Kraków 1992, S. 40
  • Alois Jirásek: Böhmens alte Sagen (Staré pověsti české), übers. ins Deutsche, Vitalis, Prag 2006, ISBN 978-3-89919-082-3.
  • Krapina-Kijev-Ararat: Priča o troje braće i jednoj sestri. Život 21/3: 129–149, Zagreb
  • Jan Kochanowski: Proza polska, Universitas, Kraków 2004, S. 19-21
  • Brygida Kurbisówna: Studia nad Kroniką wielkopolską, Poznańskie Towarzystwo Przyjaciół Nauk, Poznań 1952
  • Jerzy Strzelczyk: Mity, podania i wierzenia dawnych Słowian, Poznań: Rebis, 2007, S. 176-177. ISBN 978-83-7301-973-7
  • Kazimierz Tymieniecki, Czesław Łuczak. [w:] Europa, Słowiańszczyzna, Polska. 1970. S. 296

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lech, Czech i Rus - Drei Rogalin-Eichen
  2. Krapina-Kijev-Ararat, Priča o troje braće i jednoj sestri. Život 21/3: 129–149, Zagreb
  3. Reges Et Principes Regni Poloniae, Adrian Kochan Wolski; Riksarkivet E 8603; BUV 18.24.1.17 [1] Quote: LECHUS adest, a quo deducta colonia nostra est.
  4. Andreas Osiander, Before the state: systemic political change in the West from the Greeks to the French Revolution, S. 241, Oxford University Press (2008), ISBN 0-19-829451-4
  5. Fix hiis itaque Pannoniis tres fratres filii Pan principis Pannoniorum nati fuere quorum primogenitus Lech, alter Rus, tercius Czech nomine habuerunt. Et hii tres hec tria regna Lechitarum, Ruthenorum, et Czechorum quit et Bohemi [...] Germo est quaddam instrumentum in quo duo boves simul iuncti trahendo aratrum seu plaustrum incedunt, sic et Theutunici cum slavis regna contigua habentes simul... Englische Übersetzung: "Among the Pannonians, therefore, three brothers were born to Pan, prince of the Pannonians. The first was named Lech, the second Rus and the third Czech. These three held the three kingdoms of the Lechites [Poles], Russians and Czechs (or Bohemians) […] Germo is a type of vehicle in which two oxen are yoked together to draw a plough or pull a cart, and so the Germans and the Slavs, having common borders, pull together; there is no people in the world so familiar and friendly to one another as the Slavs and Germans.", [in:] Chronica Poloniae Maioris. Kronika Wielkopolska. ed. and commentary by Brygida Kürbis. Warszawa 1970
  6. Anthony, David W. (2007). The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World. Princeton, NJ: Princeton University Press. ISBN 978-0-691-05887-0
  7. F. Kortlandt, The spread of the Indo-Europeans, S.4
  8. Jan Kochanowski, Proza polska, Universitas, Kraków 2004, S. 19-21 (poln.)