ʿAbdallāh ibn Sabaʾ

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ʿAbdallāh ibn Sabaʾ (arabisch ‏عبد الله بن سبأ‎) war ein Anhänger des Kalifen ʿAlī ibn Abī Tālib und gilt als Begründer der schiitischen Ghulāt-Tradition. Seine Anhängerschaft wird in der islamischen Doxographie als eigene Sekte mit dem Namen Sabaʾīya aufgeführt. Eine Überlieferung, die auf den kufischen Geschichtsschreiber Saif ibn ʿUmar zurückgeht, schiebt ihm die Schuld für die Ermordung des dritten Kalifen Uthman ibn Affan und die verhängnisvollen Ereignisse der ersten Fitna zu.

Die Nachrichten über ʿAbdallāh ibn Sabaʾ sind zum Teil widersprüchlich, so dass sich kein klares Bild von seinem Wirken gewinnen lässt. Zum Teil ist sogar seine Existenz überhaupt angezweifelt worden. Da sich die späteren Ghulāt-Gruppierungen jedoch selbst auf ihn berufen und ihn als Verkünder ihrer Geheimlehren verehren, ist eine bloße Erfindung unwahrscheinlich.[1]

Die arabische Überlieferung[Bearbeiten]

In der ältesten Überlieferung über ʿAbdallāh ibn Sabaʾ lassen sich drei selbständige Traditionen unterscheiden: die imamitisch-schiitische, die sunnitische und diejenige von Saif ibn ʿUmar, die in at-Tabarīs Geschichtswerk erhalten ist.

Die imamitische Tradition[Bearbeiten]

Nach der imamitischen Tradition, deren älteste Form in dem "Buch der Sekten der Schia" (Firaq aš-šīʿa) von al-Hasan ibn Mūsā an-Naubachtī festgehalten ist, war ʿAbdallāh ibn Sabaʾ der erste, der die Lehre von ʿAlīs Imamat verbreitete. Gleichzeitig habe er die drei ersten Kalifen Abū Bakr, Umar ibn al-Chattab und ʿUthmān geschmäht und sich von ihnen losgesagt. ʿAbdallāh ibn Sabaʾ berief sich dabei auf ʿAlī selbst und behauptete, er habe ihn das so geheißen. Als ʿAlī davon erfuhr, schickte er ihn nach al-Madāʾin in die Verbannung. Als ʿAbdallāh ibn Sabaʾ dort die Nachricht vom Tode ʿAlīs erreichte, soll er deren Richtigkeit abgestritten und ʿAlīs Wiederkehr als Weltenherrscher verkündet haben. Seine Anhänger, so heißt es bei einem anderen imamitischen Autor, zogen zum Hause ʿAlīs und sprachen dort: "Wir wissen, dass er nicht getötet wurde und dass er nicht sterben wird, damit er dereinst die Araber mit seinem Schwert und seiner Geißel leitet, so wie er sie (bisher) mit seinem seinem Argument und seinem Beweis geführt hat."[2]

An-Naubachtī überliefert auch die Auffassung, dass ʿAbdallāh ibn Sabaʾ ursprünglich ein Jude war. Das, was er über die Stellung ʿAlīs nach dem Tode Mohammeds lehrte, soll er, als er noch dem Judentum anhing, bereits über Josua nach dem Tode des Moses vertreten haben. Demnach war ʿAbdallāh ibn Sabaʾs Lehre über ʿAlī die Übertragung einer jüdischen Lehre in den Islam.[3] "Daher", so schreibt an-Naubachtī, "haben die Gegner der Schia behauptet, das Rafiditentum sei ursprünglich aus dem Judentum hervorgegangen."[4]

Die sunnitische Tradition[Bearbeiten]

Die sunnitische Tradition, die durch das Buch „Die Lehren der Anhänger des Islam und der Dissens der Betenden“ (Maqālāt al-islāmīyīn wa-ḫtilāf al-muṣallīn) von Abū l-Hasan al-Aschʿarī und das Buch „Der Unterschied zwischen den Sekten“ (al-Farq baina l-firaq) von ʿAbd al-Qāhir al-Baghdādī (st. 1037) repräsentiert wird, stimmt mit der imamitischen Tradition darin überein, dass ʿAbdallāh ibn Sabaʾ den Tod ʿAlīs leugnete und seine Entrückung und „Wiederkehr“ (raǧʿa) lehrte. Im Unterschied zur schiitischen Überlieferung war allerdings ʿAbdallāh ibn Sabaʾ nicht selbst jüdischer Herkunft, sondern einer seiner Anhänger namens Ibn Saudāʾ, der „Sohn der Schwarzen“, ein Jude aus al-Hīra. Er übertrug seine auf die Thora gegründete Lehre, wonach jeder Prophet einen „Bevollmächtigten“ (waṣī) hat, auf den Islam und das Verhältnis zwischen Mohammed und ʿAlī. Eine Besonderheit al-Baghdādīs ist, dass nach seiner Aussage ʿAbdallāh ibn Sabaʾ zunächst die Behauptung aufstellte, ʿAlī sei ein Prophet gewesen, später aber behauptete, er sei ein Gott.[5]

Die Überlieferung des Saif ibn ʿUmar[Bearbeiten]

Nach dem Bericht des Saif ibn ʿUmar, der in at-Tabarīs Geschichtswerk aufgenommen wurde, war ʿAbdallāh ibn Sabaʾ ein Jude aus Sanaa, der während der Regierung ʿUthmāns zum Islam übertrat. Die Figur ist hier mit Ibn Saudāʾ verschmolzen, denn es wird gleichzeitig ausgesagt, ʿAbdallāhs Mutter sei eine Schwarze gewesen. Saif berichtet, ʿAbdallāh ibn Sabaʾ habe die Lehre vertreten, ʿAlī sei das Siegel der Bevollmächtigten, sowie Mohammed das Siegel der Propheten sei. Außerdem habe er die Wiederkunft Mohammeds gelehrt. Während des Kalifats von ʿUthmān, so berichtet Saif, hetzte dann ʿAbdallāh ibn Sabaʾ verschiedene Prophetengefährten gegen den Kalifen auf, zunächst in Syrien Abū Dharr al-Ghifārī, später in Ägypten den dortigen Statthalter ʿAmmār ibn Yāsir. Dann befand er sich unter denen, die im Jahre 656 von Ägypten nach Medina zogen, den Kalifen ʿUthmān in seinem Haus belagerten und ihn schließlich ermordeten. Im folgenden Bürgerkrieg war es wiederum ʿAbdallāh ibn Sabaʾ, der die Kamelschlacht herbeiführte.[6]

Beurteilung in der Moderne[Bearbeiten]

Für viele arabische Gelehrte des 20. Jahrhunderts war die Figur ʿAbdallāh ibn Sabaʾs ein wichtiger Bestandteil ihrer Interpretation der Frühgeschichte des Islams. ʿAbdallāh ibn Sabaʾ als jüdischem Konvertiten wurde dabei die Schuld an der unheilvollen Spaltung der Muslime während der ersten Fitna gegeben. So verwies zum Beispiel der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, der wegen seiner politischen Rolle im Zweiten Weltkrieg bekannt wurde, in seinen Äußerungen gegen den Zionismus gern auf verderblichen Umtriebe ʿAbdallāh ibn Sabaʾs. Eine derartige Interpretation belastete allerdings auch das Verhältnis zwischen Sunniten und Schiiten, weil sich Schiiten dadurch dem Vorwurf ausgesetzt sahen, ihre Gemeinschaft sei das Ergebnis einer nichtarabischen, jüdischen Verschwörung gegen Islam und Arabertum.[7] In dieser Situation verfassten einige schiitische Autoren Bücher, in denen sie ʿAbdallāh ibn Sabaʾ als eine bloße Erfindung abtaten. Als Erfinder dieser Figur betrachteten sie dabei entweder Saif ibn ʿUmar oder die Umayyaden, gegen die sich die von ʿAbdallāh ibn Sabaʾ ausgelöste Revolution richtete.[8]

Literatur[Bearbeiten]

  • Sean W. Anthony: The caliph and the heretic: Ibn Sabaʾ and the origins of Shīʿism. Leiden [u.a.]: Brill, 2012.
  • Sean W. Anthony: The Legend of ʿAbdallāh Ibn Sabaʾ and the Date of Umm Al-Kitāb. in Journal of the Royal Asiatic Society 21 (2001) 1–30.
  • Werner Ende: Arabische Nation und islamische Geschichte. Die Umayyaden im Urteil arabischer Autoren des 20. Jahrhunderts. Beirut 1977. S. 199–210.
  • Israel Friedlaender: ʿAbdallāh ibn Sabā, der Begründer der Šīʿa, und sein jüdischer Ursprung. in Zeitschrift für Assyriologie 23 (1909) 296–327. Hier online verfügbar: http://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/dmg/periodical/titleinfo/118132
  • Heinz Halm: Die islamische Gnosis. Die extreme Schia und die Alawiten. Zürich-München 1982. S. 33–43.
  • M.G.S. Hodgson: Art. ʿAbd Allāh b. Sabaʾ. in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. I, S. 51.
  • Qasim al-Samarrai: Sayf ibn ʿUmar and ibn Sabaʾ: A new approach. in Tudor Parfitt: Israel and Ishmael: studies in Muslim-Jewish relations. Richmond: Curzon 2000. S. 52–58.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Halm 32.
  2. Zit. Halm 35.
  3. Vgl. Halm 34f.
  4. Vgl. an-Naubaḫtī: Firaq aš-šīʿa. Ed. H. Ritter. Istanbul 1931. S. 20.
  5. Vgl. dazu Halm 36–40.
  6. Vgl. Halm 40f.
  7. Vgl. Ende 199-201.
  8. Vgl. Ende 202–209.