107-mm-rückstoßfreies Geschütz B11

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
107-mm-rückstoßfreies Geschütz B11 in Marschlage

Das 107-mm rückstoßfreie Geschütz B11 ist ein in der damaligen Sowjetunion von 1954 bis 1964 produziertes rückstoßfreies Geschütz. Die Waffe vereint die Eigenschaften eines Granatwerfers und einer Panzerabwehrwaffe und wurde in motorisierten Schützen- und Luftlandeeinheiten zur Bekämpfung von gepanzerten Fahrzeugen, Feldbefestigungsanlagen und ständigen Kampfanlagen, zum Niederhalten und Vernichten von Truppen innerhalb und außerhalb von Deckungen und zum Schaffen von Gassen in Drahthindernissen eingesetzt. Obwohl in regulären Streitkräften mittlerweile meist durch modernere Waffensysteme ersetzt, findet sie sich noch in der Bewaffnung verschiedener Armeen und irregulärer Kräfte.

Die Originalbezeichnung lautet 107-мм безоткатное орудие Б-11, der deutsche Name ist eine lineare Übersetzung dieser Bezeichnung. In verschiedenen Quellen wurde die Waffe auch als RG-107 in Anlehnung an das Kaliber bezeichnet.[1] Der GRAU-Index lautet 52-M-883.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die sowjetischen Luftlandetruppen und motorisierten Schützenverbände verfügten auf der Batallionsebene zu Beginn der 1950er Jahre über den 82-mm-Granatwerfer SG-82 als Bewaffnung. Die Entwicklung dieser Waffe war 1942 begonnen worden, jedoch wurde der Granatwerfer erst 1950 in die Bewaffnung übernommen. Die unzureichenden Gefechtseigenschaften zeigten sich jedoch schnell. Die Waffe war zu schwer und unhandlich. Nachteilig war auch die geringe Reichweite, die ein Bekämpfen und Niederhalten gegnerischer Truppen auf größere Entfernungen nicht zuließ. Dazu kam, dass die Mitgliedsstaaten der NATO zu Beginn der 1950er Jahre eine neue Generation von Kampfpanzern einführten, die mit dem SG-82 nicht bekämpft werden konnten.

Die Hauptverwaltung Artillerie (GAU) im sowjetischen Ministerium für Verteidigung (Главное артиллерийское управление МО (ГРАУ)) forderten daher die Entwicklung einer neuen Waffe mit einem Gesamtgewicht von nicht mehr als 100 kg und einer effektiven Reichweite von mindestens 4000 m. Die Waffe sollte in der Lage sein, Panzerungen mit einer Stärke von 200 bis 250 mm zu durchschlagen. Für die Entwicklung wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem sich das Spezialkonstruktionsbüro Nr. 4 (SKB-4) (Специальное конструкторское бюро (СКБ-4)) in Kolomna unter Leitung von Boris Iwanowitsch Schawyrin (Борис Иванович Шавырин) und das Zentrale Konstruktionsbüro der Artillerie (Центральное артиллерийское конструкторское бюро (ЦАКБ)) in Koroljow unter Leitung von Wassili Gawrilowitsch Grabin (Василий Гаврилович Грабин) beteiligten. Das SKB-4 entwickelte nach diesen Vorgaben das 82-mm-rückstoßfreie Geschütz B10, das 1954 in die Bewaffnung der Sowjetarmee aufgenommen wurde. Gleichzeitig arbeitete das Konstruktionsbüro an einer Variante mit größerem Kaliber. Vom größeren Kaliber versprach man sich eine höhere effektive Reichweite und eine größere Durchschlagsleistung. Konstruktiv sind beide Waffen nach dem gleichen Prinzip aufgebaut. Das erleichterte die Organisation der Serienproduktion, die 1954 im Maschinenbauwerk Tula begann.

Konstruktion[Bearbeiten]

Waffe in Gefechtslage, beachte den Visieraufsatz
Rohr mit geöffnetem Verschluss

Rohr[Bearbeiten]

Die Waffe ist analog zum 82-mm-rückstoßfreien Geschütz B10 aufgebaut. Am hinteren Ende des einteiligen Rohres befinden sich Kammer und Verschluss, die Kammer ist von einer zweiten Kammer mit Löchern zum Gasaustritt umgeben. Auch bei dieser Waffe handelt es sich um eine Glattrohrkanone, die flügelstabilisierte Munition verschießt. Geladen wird die Waffe von hinten über den Verschluss.

An der Mündung des Rohres sind zwei abnehmbare Handgriffe angebracht, um das Geschütz im Mannschaftszug leichter bewegen zu können. Die Bedienung bestand in der NVA aus insgesamt vier Mann: dem Geschützführer, dem K1 (Richtkanonier), dem K2 (Ladekanonier) und dem K3 (Munitionskanonier). Die Waffe kann innerhalb von einer Minute von Marsch- in Gefechtslage gebracht werden.

Visier[Bearbeiten]

Die Visiereinrichtung befindet sich links am Rohr. Verwendet wird der Richtaufsatz PBO-4 mit zwei Aufsätzen. Der Aufsatz A wird für das indirekte Richten benutzt, der Aufsatz B für das direkte Richten. Der Aufsatz A hat ein Gesichtsfeld von 9° und vergrößert 2,5fach, der Aufsatz B hat ein Gesichtsfeld von 18° und vergrößert 3fach. Der Richtaufsatz kann für den Nachtkampf beleuchtet werden. Zum Einmessen der Stellung stehen außerdem ein Winkelmessquadrant und Messlatten zur Verfügung.

Lafette[Bearbeiten]

Die Konstruktion der Lafette unterscheidet sich deutlich von der beim 82-mm-rückstoßfreie Geschütz B10 verwendeten. Sie ist als geschweißte Konstruktion aus Stahlrohr ausgeführt. Die Lafette ist zweiholmig, die Holme können jedoch nicht gespreizt werden. Am Ende der Holme befinden sich Stützteller, auf denen sich die Waffe beim Schuss abstützt. An den Holmen sind an beiden Seiten zwei Griffe angeschweißt, um das Manövrieren der Waffe im Gelände zu erleichtern. Die Lafette sitzt auf einem einachsigen, gefederten und gedämpften Fahrgestell mit großen Rädern. Die B11 kann im Gegensatz zur B10 an Fahrzeuge als Zuglast angehängt werden.

Munition[Bearbeiten]

Schnittzeichnung der Hohlladungs-Wurfgranate BK-833

Für die B11 existiert eine Vielzahl von Munitionstypen. Verschossen werden Splittergranaten zum Kampf gegen weiche und halbharte Ziele und Hohlladungsgranaten zum Kampf gegen Panzer.

Munitionsarten
Typ Bezeichnung Gewicht der Granate in kg Gewicht der Sprengladung in g Mündungsgeschwindigkeit in m/s Durchschlagsleistung, mm Panzerstahl effektive Reichweite, m
Hohlladungsgranaten
Hohlladungs-Wurfgranate[2] MK-11 12,57 400 290
Hohlladungs-Wurfgranate BK-883 7,51 1,06 381 450
Splittergranaten
Splitter-Wurfgranate[2] MO-11 13,53 375
Splitter-Wurfgranate O-883A 8,5 2,088 375 6650

Versionen[Bearbeiten]

Es sind keine weiteren Versionen der Waffe bekannt.

Technische Daten[Bearbeiten]

107-mm-rückstoßfreies Geschütz B11
Allgemeine Eigenschaften
Klassifikation
Chefkonstrukteur Boris Iwanowitsch Schawyrin
Bezeichnung des Herstellers B-11
Hersteller Maschinenbauwerk Tula
Gewicht in Feuerstellung 304,8 kg
Gewicht in Fahrstellung
Mannschaft 4 Mann
Baujahre 1954–
Stückzahl
Rohr
Kaliber 107 mm[2]
Rohrlänge 3.383 m
Feuerdaten
Höhenrichtbereich -10/+45°
Seitenrichtbereich 35°
Höchstschussweite 6.650 m
Höchstmündungsgeschwindigkeit 400 m/s
Feuerrate 5–6 Schuss/min[2]
Beweglichkeit
Höchstgeschwindigkeit im Schlepp

Einsatz[Bearbeiten]

Einsatzgrundsätze[Bearbeiten]

Die Waffe wurde in der Sowjetarmee und in den nach sowjetischem Vorbild strukturierten Streitkräften in Luftlande- und motorisierten Schützenbatallionen bzw. -regimentern eingesetzt. Ihre hohe Beweglichkeit, verbunden mit guten ballistischen Leistungen, machte sie zu einer vielseitig einsetzbaren Waffe und führte jedoch dazu, dass die Waffe auch außerhalb dieser Strukturen zum Einsatz kam.

Die Waffe konnte erfolgreich gegen die in den 1950er Jahren eingeführten Panzer eingesetzt werden, jedoch zeigte sich mit der im Laufe der technischen Entwicklung zunehmenden Stärke der Panzerungen die Grenze der B11. Nachteilig im Gefecht waren auch die prinzipbedingte hohe Geräusch- und Staubbelastung, die die Stellung der Waffe verrieten und ein Zielen nach dem ersten Schuss erschwerten. Da ab Mitte der 1960er Jahre auch in der Sowjetunion Panzerabwehrlenkraketen zur Verfügung standen, wurde die B11 in ihrer Rolle als Panzerabwehrwaffe von diesen abgelöst.

Einsatzländer[Bearbeiten]

Die Waffe wurde nach Bulgarien, Kambodscha, China, die DDR, Ägypten, die Demokratische Volksrepublik Korea, Vietnam und Polen exportiert.

Einsatz in der NVA[Bearbeiten]

Die NVA setzte das 107-mm-rückstoßfreie Geschütz B11 ab 1957 ein. Für ein motorisiertes Schützenregiment der NVA waren insgesamt 12 Waffen vorgesehen, die vorgesehenen Stückzahlen konnten auch beschafft werden. Die Waffe wurde jedoch bereits bis 1967 ausgesondert, da zunehmend Panzerabwehrlenkraketensysteme und in den Artillerieabteilungen der Regimenter Haubitzen des Kalibers 122 mm verfügbar waren. Die freiwerdenden Waffen wurden nicht ausgesondert, sondern den Kampfgruppen der Arbeiterklasse übergeben. Dort wurden sie bis zu deren Auflösung im Jahre 1990 genutzt.[1]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b siehe Kopenhagen
  2. a b c d siehe RWD III

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: B-11 recoilless rifle – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilfried Kopenhagen: Die Landstreitkräfte der NVA, Motorbuch Verlag, Stuttgart, 2003, ISBN 3-613-02297-4.
  • В. Н. Шунков: Оружие Красной Армии., Мн.: Харвест, 1999. ISBN 985-433-469-4.