4. Buch Esra

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Das 4. Buch Esra ist eine pseudepigraphische, christianisierte Apokalypse jüdischer Herkunft, die wohl um 100 n. Chr. entstanden ist. Sie dürfte ursprünglich in Hebräisch geschrieben und zunächst ins Griechische übersetzt worden sein; aus einer griechischen Vorlage jedenfalls wurde sie in andere Sprachen übersetzt (nur diese Zweitübersetzungen sind vollständig erhalten).

Codex Amiatinus mit einer Szene des 4. Buches Esra (8. Jhdt.)

Name[Bearbeiten]

Seinen Namen und somit auch die Zählung als viertes Buch Esra verdankt die Schrift ihrer Stellung in der Vulgata. Dort werden die biblischen Bücher Esra und Nehemia als 1. und 2. Buch Esra bezeichnet. Im Anhang der Vulgata befindet sich das 3. Buch Esra, eine apokryphe Schrift, die Exzerpte aus dem 1. Buch und dem 2. Buch der Chronik sowie aus Esra, Nehemia und weitere, kurze Texte enthält. Darauf folgt das hier behandelte 4. Buch Esra. Es ist weder identisch mit der griechischen noch mit der syrischen Esra-Apokalypse.

Text und Übersetzungen[Bearbeiten]

Das 4. Buch Esra ist mehrheitlich lateinisch überliefert, geht jedoch auf eine griechische Vorlage zurück. Indirekte Zeugnisse für eine griechische Vorlage sind die erhaltenen syrischen, äthiopischen, arabischen, armenischen und georgischen Übersetzungen[1] Adolf Hilgenfeld veröffentlichte 1869 eine Rückübersetzung ins Griechische. Die griechische Vorlage geht ihrerseits auf eine ältere hebräische oder aramäische Fassung zurück.[2]

Abfassungszeit und -ort[Bearbeiten]

Nach 4 Esr 3,1-2 datiert der Seher Esra seine Gegenwart auf das 30. Jahr nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (587 v. Chr.) durch die Babylonier.

„Im dreißigsten Jahre nach dem Untergange der Stadt verweilte ich Salathiel (der auch Esra heißt) in Babel, und als ich einmal auf meinem Bette lag, geriet ich in Bestürzung, und meine Gedanken gingen mir zu Herzen, weil ich Zion verwüstet, Babels Bewohner aber im Überfluß sah.“

– 4 Esr 3,1-2 in der Übersetzung Gunkels von 1900

Diese fiktive Zeitangabe verweist nach Ansicht der meisten Forscher auf etwa das 30. Jahr nach der Zerstörung des herodianischen Tempels (70 n. Chr.), also etwa auf das Jahr 100 n. Chr.[3] als Zeitpunkt der Abfassung des Buches. Die sogenannte Adler-Vision, das ist die fünfte Vision (4 Esr 10,60-12,50), bestätigt in ihrer rekonstruierten ursprünglichen Gestalt diese Datierung[4].

Als Abfassungsort ist durch die Einordnung des Verfassers in die Nähe der Schriftgelehrten von Jabne Palästina wahrscheinlich.[5] Andere Forscher nehmen den Orient[6] oder Rom[7] an.

Aufbau und Inhalt[Bearbeiten]

Die nach Esra benannte Schrift ist als Dialog zwischen dem Erzengel Uriel und dem Offenbarungsempfänger Esra gestaltet, in dem religiöse Probleme und Spekulationen in der Eschatologie ihren Anlass oder ihre Antwort finden. Jeweils nach solch einem Dialog folgt eine Vision, die das Vorhergehende vertieft und erweitert.

Von den überlieferten 16 Kapiteln stellen die Kapitel 1 und 2 (= 5. Buch Esra) sowie 15 und 16 (= 6. Buch Esra) spätere christliche Ergänzungen dar, die sich nur in der lateinischen Überlieferung finden; in den orientalischen, und damit auch ostkirchlichen Versionen fehlen diese Kapitel. Die jüdische Apokalypse, 4. Buch Esra (=Kapitel 3-14), ist in sieben Visionen eingeteilt:

Vision 1 = Kap 3,1-5,19
Vision 2 = Kap 5,20-6,34
Vision 3 = Kap 6,35-9,25
Vision 4 = Kap 9,26-10,59
Vision 5 = Kap 10,60-12,50
Vision 6 = Kap 12,51-13,56
Vision 7 = Kap 13,57-14,47

In den ersten drei Visionen wird die Zerstörung des Jerusalemer Tempels (587 v. Chr.) behandelt. In den nächsten drei Visionen offenbart Esra kommende Ereignisse. In der Schlussvision empfängt Esra den Auftrag, 24 zu veröffentlichende Heilige Schriften (gemeint sind wohl die Bücher des heutigen Tanach) und 70 geheimzuhaltende Schriften über das Ende der Weltzeit zu verfassen. Am Ende des Buches wird Esra zu Gott entrückt.

Ausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Biblia Sacra. Iuxta Vulgata Versionem, Stuttgart 1983, S. 1931-1974.
  • Josef Schreiner, Das 4. Buch Esra, JSHRZ V/4, Gütersloh 1981.
  • Hermann Gunkel, Das vierte Buch Esra, in: Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testaments, in Verb. mit Fachgenossen übers. u. hrsg. von Emil Kautzsch, 2 Bände, Tübingen 1900, Bd. 2, S. 331-401.
  • Adolf Hilgenfeld, Messias Judaeorum, libris eorum Paulo ante et Paulo post Christum natum conscriptis illustratus, Lipsiae, 1869.
  • Bruno Violet, Die Esra-Apokalypse (IV Esra), Leipzig 1910.
  • Bruno Violet, Die Apokalypsen des Esra und des Baruch in deutscher Gestalt, Leipzig 1924.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ferdinand Hahn: Frühjüdische und urchristliche Apokalyptik. Neukirchen-Vluyn 1998, S. 63-74.
  • Albertus Frederik Klijn (Hg.): Die Esra-Apokalypse (IV. Esra): Nach dem lateinischen Text unter Benutzung der anderen Versionen übersetzt. Berlin/New York 1992, ISBN 3-110-17310-7.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. .Hahn, Apokalyptik 64. Vgl. die ausführliche Übersicht bei Gunkel, Esra 331f.
  2. Auch wenn bisher von der angenommenen semitischen Urfassung keine Handschriften oder Fragmente gefunden wurden, gilt aufgrund sprachlich-stilistischer Textauffälligkeiten in den uns überkommenen Übersetzungen die Annahme einer semitischen Urfassung als gesichert. Vgl. Schreiner, Esra, 294f.; Hahn, Apokalyptik, 64; Gunkel, Esra, 333. Schreiner, Esra 295, hält eine hebräische Urfassung für wahrscheinlicher als eine Aramäische.
  3. Vgl. Schreiner, Esra 301; Hahn, Apokalyptik 65.
  4. Vgl. besonders 4 Esr 12,22-27 als Anspielung auf Vespasian, Titus und Domitian. Vgl. Hahn, Apokalyptik 74; Schreiner, Esra 301; Gunkel, Esra 352.
  5. So Schreiner, Esra 302 im Anschluss an Ferdinand Rosenthal (Vier apokryphische Bücher aus der Zeit und Schule Rabbi Akiba's, 1885).
  6. So Gunkel, Esra 352.
  7. So Bruno Violet, Die Apokalypsen des Esra, Leipzig 1924, S. L.

Weblinks[Bearbeiten]