44. Sinfonie (Haydn)

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Die Sinfonie e-Moll Hoboken-Verzeichnis I:44 komponierte Joseph Haydn um 1770/71 während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Werk trägt den nicht von Haydn stammenden Titel „Trauersinfonie“.

Allgemeines[Bearbeiten]

Joseph Haydn

Die Sinfonie Nr. 44 komponierte Haydn um 1770/71[1] während seiner Anstellung als Kapellmeister beim Fürsten Nikolaus I. Esterházy. Das Werk, dessen Autograph nicht erhalten ist, wurde im Breitkopf-Katalog von 1772 angekündigt.[2] Der Titel „Trauer-Sinfonie“ stammt nicht von Haydn, sondern geht wahrscheinlich auf dessen angeblichen Wunsch zurück, bei seinem Begräbnis das Adagio zu spielen (siehe beim dritten Satz).[3] Er taucht zum ersten Mal 1868 auf dem Titel einer beim Verlag André erschienenen Partitur auf und wurde 1879 von Carl Ferdinand Pohl in die Literatur eingeführt.[4]

Die Sinfonie trägt charakteristische Merkmale von Haydns „Experimentier“-Stil zwischen ca. 1768 und 1774[5] und weist folgende Besonderheiten auf:

  • der kontrapunktische Satzbau in Satz 1, 2 und 4,
  • die Stellung des kanonartigen Menuetts als zweiten und nicht wie üblich als dritten Satz,
  • Chromatik,
  • differenzierte Dynamik (z. B. von Pianissimo bis Fortissimo im ersten Satz, zahlreiche Akzente),
  • differenzierte Rhythmik z. B. durch zahlreiche Synkopen.

Zudem gehört dieses Werk neben den Sinfonien Nr. 12 und Nr. 29 zu Haydns einzigen Sinfonien in der für die damalige Zeit ungewöhnlichen Sinfonie-Tonart E (-Dur). Weitere Sinfonien dieser Schaffensphase in ungewöhnlichen Tonarten sind z. B. Nr. Nr. 45 in fis-Moll, Nr. 46 in H-dur oder Nr. 49 in f-Moll.

Zur Musik[Bearbeiten]

Besetzung: zwei Oboen, zwei Hörner, zwei Violinen, Viola, Cello, Kontrabass. Zur Verstärkung der Bass-Stimme wurden damals auch ohne gesonderte Notierung Fagott und Cembalo (sofern im Orchester vorhanden) eingesetzt, das Cembalo wahrscheinlich nicht am Hofe von Esterháza.[6]

Aufführungszeit: ca. 20-25 Minuten (je nach Einhalten der vorgeschriebenen Wiederholungen).

Bei den hier benutzten Begriffen der Sonatensatzform ist zu berücksichtigen, dass dieses Schema in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entworfen wurde (siehe dort) und von daher nur mit Einschränkungen auf die Sinfonie Nr. 44 übertragen werden kann. – Die hier vorgenommene Beschreibung und Gliederung der Sätze ist als Vorschlag zu verstehen. Je nach Standpunkt sind auch andere Abgrenzungen und Deutungen möglich.

Erster Satz: Allegro con brio[Bearbeiten]

e-Moll, 4/4-Takt, 157 Takte

Beginn des Allegro con brio

Der Satz beginnt mit einer durch Pausen unterbrochenen, chromatischen Unisono-Figur, dessen Eröffnung ein kraftvoll-aufsteigendes Viertonmotiv (signalartiges Eröffnungsmotiv A: gebrochener Akkord aufwärts mit Halbtonschritt abwärts) im Forte bildet, gefolgt von einer mehr zögerlichen Bewegung der Streicher im Piano, die die Dominante H andeutet. Da dem Eröffnungsakkord die Terz fehlt, bleibt die Tonalität (Dur oder Moll) zunächst offen.[7] Ebenfalls im Piano, aber durch Achtel-Tonrepetition mit mehr Bewegung, folgen nun die Streicher (mit Farbtupfern im Horn) mit einem Frage-Antwort-Motiv (Motiv B). Erst hier wird durch die Terz G die Grundtonart e-Moll festgelegt. Die Bewegung verebbt jedoch wieder und verhaucht schließlich in Takt 12/13 im Pianissimo als ganztaktiger Vorhalt zur Dominante H-Dur hin aus.

Nach einer Generalpause wird der Eröffnungsakkord wiederholt, jedoch mit variierter Streicherantwort (Motiv C). Diese geht in Takt 20 über in einen Forte-Abschnitt, der durch zwei Motive mit virtuosen Sechzehntel-Läufen und Tonrepetition in den Violinen gekennzeichnet ist („Laufmotive“ D1 mit vierfacher Achtelrepetition und D2 mit dreifacher Viertelrepetition). Zu den Motiven tritt gegenstimmenartig das Anfangsmotiv A (anfangs vollständig, später nur der Kopf über drei Oktaven aufsteigend). Motiv D2 wird von den Violinen versetzt gespielt, erreicht G-Dur, g-Moll (als Echo von G-Dur), a-Moll sowie D-Dur und kommt in Takt 42/43 mit Eröffnungsmotiv A zur Ruhe. Es folgt wieder die Streicherfloskel C, in welche die durch Akzente und Synkopen geprägte Schlussgruppe ab Takt 47 übergeht. Ein vorläufiger Schluss ist dann in Takt 55 mit Akkordschlägen in der Tonikaparallele G-Dur erreicht, doch Haydn wechselt weiter nach H-Dur, in der die Exposition mit einer fragenden Figur der 1. Violine im Pianissimo ausklingt.

In der Durchführung (Takt 62-100) tritt das Eröffnungsmotiv nur am Anfang von H und von A aus auf (mit gegenüber dem Beginn variierter Legato-Antwort). Anschließend folgt die Verarbeitung insbesondere von Laufmotiv D1 (Takt 77 ff.; Wechsel nach C-Dur; dialogisch zwischen 1. Violine / Bass sowie Oboe / 2. Violine / Viola; Verdichtung ab Takt 88 durch Unisono, Synkopen und ausgehaltene Begleittöne der Bläser), während das Eröffnungsmotiv teilweise als Gegenstimme auftritt und der Kopf von Laufmotiv D2 ab Takt 98 im Fortissimo überraschend zur Reprise überleitet.

Die Reprise setzt in Takt 101 mit dem Eröffnungsmotiv A in der Tonika e-Moll ein. Das Streichermotiv B leitet über eine Akzent-Passage direkt zum erweiterten Motiv C über. Die Passage mit den Laufmotiven kommt nun ohne Tonrepetition aus und steht durchweg in Moll. Die erweiterte Schlussgruppe wird vom Eröffnungsmotiv A angekündigt. Nachdem die Bewegung auf einem verminderten Akkord mit Fermate kurzfristig ausklingt, folgt versetzt Eröffnungsmotiv A sowie Laufmotiv D, bis der Satz nach mehreren Akzenten endet. Den Schlussakkorden fehlt (wie dem Eröffnungsmotiv) die Terz. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Zweiter Satz: Menuetto – Allegretto. Canone in Diapason[Bearbeiten]

e-Moll, 3/4-Takt, mit Trio 88 Takte

Das im Piano beginnende Thema des Menuetts ist tänzerisch-schwermütig mit dunkler Klangfarbe. Es enthält alle Töne der e-Moll-Tonleiter. Von der Struktur her ist dieser Satz ein zweistimmiger Kanon, wobei die erste Stimme von den beiden Violinen und den Oboen, die zweite Stimme vom Bass (Fagott, Cello und Kontrabass) gespielt wird, teilweise unterstützt durch das 2. Horn. Die Viola spielt sowohl in der ersten wie auch in der zweiten Stimme und hat sonst wie das 1. Horn mehr begleitende Funktion. Die zweite Stimme setzt nach drei Vierteln hinter der ersten Stimme ein; ab Takt 32 vergrößert sich der Abstand auf sechs Viertel (anstelle der zu erwartenden Wiederaufnahme des Hauptthemas). Für den ganzen Satz mit gespenstischer Wirkung sind die Farbtupfer durch kurze Hornsoli kennzeichnend.

Das lyrische[8] Trio im kontrastierenden E-Dur mit für den Hornisten anspruchsvollen solistischen Hornpassage beginnt im Pianissimo und ist im ersten Teil durch Terzbewegungen, im zweiten Teil durch Akzente und ein kurzzeitiges Fortissimo gekennzeichnet.

Ein kanonartiges Menuett benutzt Haydn auch in den Sinfonien Nr. 3 und Nr. 23.

Dritter Satz: Adagio[Bearbeiten]

E-Dur, 2/4-Takt, 82 Takte

Der Satz beginnt mit dem von den Streichern vorgetragenen, sanglichen Thema im Piano (stimmführende Violinen mit Dämpfer). Das Thema wird in einer etwas bewegteren Variante wiederholt und geht dann ab Takt 16 in einen Abschnitt über, der durch ein Triolen–Motiv und ein Crescendo bis zum Forte mit vollem Orchestereinsatz eine flächige Wirkung entfaltet. Die Triolen bestimmen auch den weiteren Satzverlauf und sorgen für einen durchgehenden Fluss der Musik.

Ab Takt 24 steigt die stimmführende 1. Violine steigt in der Dominante H-Dur von einem Oktavsprung aufwärts langsam und etwas chromatisch wieder herab und führt dann in eine längere Triolenpassage für Streicher. Zum Schluss der Exposition treten die Bläser wieder verstärkend hinzu.

Der Durchführungsteil wiederholt zunächst das erste Thema in H-Dur, greift dann das Triolen-Motiv in einer Variante auf und führt es durch verschiedene Tonarten. In Takt 57 ist mit dem Einsatz der Bläser wieder die Tonika E-Dur erreicht. Je nach Sichtweise kann man hier den Beginn der Reprise setzen. Die gleichmäßige Bewegung setzt sich weiter fort und erreicht in Takt 64 ein kurzes Spannungsmaximum im Fortissimo. Es folgen das zweite Thema, der Triolen-Abschnitt und die Schlusspassage mit Bläserbegleitung. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Der Erzählung nach soll Haydn den Wunsch gehabt haben, dass dieser Satz bei seinem Begräbnis gespielt werden sollte.[9] Dies war dann 1809 in Wien nicht der Fall, wo Mozarts Requiem erklang, während bei der musikalischen Feier zu Haydns Tod in Berlin seinem (angeblichen) Wunsch entsprochen wurde und „die schon ältere Symphonie aus e-moll, mit dem rührenden Largo aus E-Dur (…)“[10] aufgeführt wurde. Möglicherweise geht die Bezeichnung „Trauer-Sinfonie“ auch auf diese Aufführung zurück.[11]

Vierter Satz: Presto[Bearbeiten]

e-Moll, 4/4-Takt (Alla Breve), 187 Takte

In energischen Staccato-Achteln tragen die Streicher im Forte-Unisono das achttaktige Hauptthema vor, gefolgt von einer kontrastierenden Piano-Variante mit gebundener Bewegung. Die Überleitung (Takt 19-28) sequenziert den Kopf des Themas in den Streichern, in Takt 29 geht es dann ziemlich abrupt in ein aus dem Hauptthema abgeleitetes Tonrepetitionsmotiv in der Tonikaparallelen G-Dur über. Dabei spielt zunächst die 1. Violine sowie – versetzt – der Bass das Motiv, unterlegt von einem ebenfalls versetzen Kontrapunkt in der 2. Violine und Viola (als Doppelkanon interpretierbar). Ab Takt 37 tauschen die Instrumente ihre Rollen. Es folgt bis Takt 59 ein Abschnitt, der durch große Intervallsprünge im Staccato, Tremolo, Akzente und energische Wiederholungen gekennzeichnet ist. Die Schlussgruppe greift wieder den Kopf vom Thema auf (mit synkopischer Begleitung der 1. Violine), die Bewegung klingt dann auf einem Orgelpunkt auf der Dominante H aus.

Die Durchführung basiert ebenfalls auf dem Kopf vom Hauptthema. Bis Takt 95 wird es in der 1. Violine aufwärts sequenziert, unterlegt von Synkopen und einer chromatisch abfallenden Bewegung im Bass. Der starke Spannungsaufbau[12] wirkt wie ein Crescendo, obwohl dieser Abschnitt einheitlich im Forte steht. Ab Takt 96 entlädt sich die Spannung als Abwärts-Sequenzierung des Motivs im Bass und Tremolo in den Violinen. Die Überleitung zur Reprise (Takt 112-120) verwendet den Kontrapunkt des Tonrepetitions-Motivs von Takt 29, unterlegt von einem Orgelpunkt auf H. Ab Takt 120 setzt dann auch das Tonrepetitions-Motiv selbst ein, so dass man hier den Beginn der Reprise sehen kann. Wie in der Exposition schließt sich der Abschnitt mit den großen Intervallsprünge dem Forzato und den energische Wiederholungen an.

Der Beginn der Schlussgruppe in Takt 151, die wie in der Exposition gestaltet ist, wird von einem e-Moll-Dreiklang des Horns eingeleitet. Nach dem Orgelpunkt auf H schließt die Sinfonie mit dem Kopf vom Hauptthema, Tremolo und – wie auch im ersten und zweiten Satz – Schlussakkorden ohne Terz. Exposition sowie Durchführung und Reprise werden wiederholt.

Was beim Hören kaum auffällt, ist die Verwendung des Kopfes vom Eröffnungsmotiv des ersten Satzes in der Überleitung zur Reprise (Takt 119/120) in den Violinen sowie eines Fragments des Motivs in den Oboen / im Bass in den Takten 139 und 141 (betonte chromatische Abwärtsschritte).

Einzelnachweise, Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Informationsseite der Haydn-Festspiele Eisenstadt, siehe unter Weblinks.
  2. Howard Chandler Robbins Landon: Joseph Haydn, Symphonie No. 44, E-moll („Trauer-Sinfonie)“. Taschenpartitur Nr. 544, Ernst Eulenburg Ltd., London / Mainz ohne Jahresangabe
  3. Anton Gabmayer: Joseph Haydn: Symphonie Nr.44 e-moll, Hob.I:44 "Trauersymphonie". Begleittext zur Aufführung der Sinfonie am 30. Mai 2009 bei den Haydn-Festspielen Eisenstadt, www.haydn107.com/index.php?id=32, Stand September 2009
  4. Horst Walter: Trauersinfonie. In Armin Raab, Christine Siegert, Wolfram Steinbeck (Hrsg.): Das Haydn-Lexikon. Laaber-Verlag, Laaber 2010, ISBN 978-3-89007-557-0, S. 789 bis 790.
  5. Ludwig Finscher ( Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber-Verlag, Laaber 2000, ISBN 3-921518-94-6) lehnt die Einordnung in den Sturm-und-Drang-Kontext ab: „Mit der Jugendbewegung des literarischen Sturm und Drang, der nur ein kurzes Leben hatte und in Esterhaza wie in der ganzen habsburgischen Hofkultur schwerlich inhaltlich rezipiert wurde (…), haben Haydns Moll-Symphonien nichts zu tun – sehr wohl aber mit der allgemeinen Tendenz, durch Moll-Tonarten und die Übernahme von Elementen der Opernsprache wie Orchester-Tremolo, Synkopenketten, große Intervalle, schroffe Kontraste, Rezitativ-Formeln die Sprache der Symphonie anzureichern, zu vertiefen, ja überhaupt erst zum Reden zu bringen.“
  6. Die Haydn-Festspiele Eisenstadt (Orchesterbesetzung, 29. März 2013), schreiben hierzu: „Haydn setzte, außer in London, für seine Symphonien höchstwahrscheinlich kein Tasteninstrument ein. Diese Ansicht, die von früheren Meinungen abweicht, wird heute unter Musikwissenschaftlern weithin anerkannt.“
  7. Eine strukturell ähnliche Eröffnung benutzt Haydn bei der Sinfonie Nr. 46.
  8. Howard Chandler Robbins Landon: Haydn: Chronicle and works. Haydn at Eszterháza 1766 – 1790. Thames and Hudson, London 1978, S. 298.
  9. Karl Geiringer: Joseph Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik. B. Schott´s Söhne, Mainz 1959
  10. Allgemeine Musikalische Zeitung vom 11. Oktober 1809, zitiert bei Gabmayer
  11. James Webster: Hob.I:44 Symphonie in e-Moll. Informationstext zu Joseph Haydns Sinfonie Nr. 44 im Rahmen des Projektes „Haydn 100&7“ der Haydn-Festspiele Eisenstadt, http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=44, Stand Dezember 2009
  12. Howard Chandler Robbins Landon: The Symphonies of Joseph Haydn. Universal Edition & Rocklife, London 1955 S. 323

Weblinks, Noten[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]