5. Sinfonie (Sibelius)

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Die Sinfonie Nr. 5 in Es-Dur op. 82 ist ein großes Werk für Orchester in drei Sätzen von Jean Sibelius.

Geschichte[Bearbeiten]

Sibelius wurde von der finnischen Regierung beauftragt, eine Sinfonie aus Anlass des 50. Geburtstages des Landes zu schreiben, der zum nationalen Feiertag deklariert wurde. Die Sinfonie wurde ursprünglich 1915 komponiert, 1916 und dann noch mal 1919 überarbeitet.

Die originale Version wurde uraufgeführt – nach dem Muster der bisherigen Sinfonien – unter Sibelius’ Leitung mit dem Sinfonischen Orchester Helsinki am 8. Dezember 1915 in Helsinki. Die zweite Version, von der sich nur ein Teil erhalten hat, wurde zuerst aufgeführt vom Orchester von Turun Soitannollinen Seura in Turku genau ein Jahr später. Die dritte Version, die heute meistens gespielt wird, wurde wieder – wie schon bei der Uraufführung - unter Sibelius’ Leitung mit dem Sinfonischen Orchester Helsinki am 24. November 1919 in Helsinki zuerst aufgeführt.

Das Jahrzehnt von 1910 bis 1920 war durch einen generellen Wandel in der sinfonischen Form gekennzeichnet, wie er sich über ein Jahrhundert lang erhalten hatte. 1909 hatte Arnold Schoenberg in seinen Fünf Stücken für Orchester, op. 16 die Entwicklung zu mehr dissonanten und chromatischen Harmonien vorangetrieben. Von 1910 bis 1912 veröffentlichte Igor Stravinsky drei revolutionäre Ballette: Der Feuervogel, Petruschka und Le sacre du printemps. Maurice Ravel und Claude Debussy waren dabei, ihre neue impressionistische Musik zu entwickeln. 1911 fand die Premiere von Richard Strauss’ Oper Der Rosenkavalier statt, die die Musik ebenfalls zu einem neuen Stil voranbrachte.

Und obwohl Sibelius zu dieser Zeit bereits seit 30 Jahren im Scheinwerferlicht stand, bedauerte er, dass sein letztes Werk, seine im gleichen Jahr uraufgeführte 4. Sinfonie wenig öffentliche Anerkennung erfuhr. James Hepokoski meint, Sibelius hätte damals begonnen, sich selbst im Wettkampf der Modernisierer in der Musik als nicht gleichwertig anerkannt zu sehen.

Sibelius war zu dieser Zeit unschlüssig, ob er seinen Stil mehr in Richtung der vom Publikum gewünschten aktuellen Moderne ändern sollte oder bei dem weiter zu machen, was am besten zu ihm passte. Die erste Version der fünften Sinfonie blieb bei seinem Orchesterstil einer harmonischen Klangfülle, Holzbläsermelodien in parallelen Linien und einer reichen melodischen Entwicklung. Der strukturelle Stil wurde aber geändert. James Hepokoski nennt diese Veränderung „Sonatendeformation“. Der Erfolg dieser Methode spiegelt sich in der Popularität, die die fünfte Sinfonie sich bis heute erhalten hat.

Die erste Version der Fünften hat noch viel gemeinsam mit der mehr modernistischen 4. Sinfonie, indem sie noch einige bitonale Passagen enthält; die 1919-Version wirkt dagegen eher zielorientiert und klassizistisch. Sibelius kommentierte seine Revisionen: „Ich wollte meiner Sinfonie eine andere – mehr humane – Form geben, mehr erdbezogen, mehr lebendig.“[1]

Instrumentierung[Bearbeiten]

Die Sinfonie ist ausgelegt für 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Waldhörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, Pauke und Streicher.

Struktur[Bearbeiten]

Der Satzaufbau der Sinfonie ist ungewöhnlich:

  1. Tempo molto moderato - Allegro moderato (ma poco a poco stretto) - Vivace molto - Presto - Più Presto
  2. Andante mosso, quasi allegretto - Poco a poco stretto - Tranquillo - Poco a poco stretto - Ritenuto al tempo I
  3. Allegro molto - Misterioso - Un pochettino largamente - Largamente assai - Un pochettino stretto

Der erste Satz beginnt langsam, aber endet mit einem schnellen Scherzo. Der zweite Satz hat weder ein langsames noch ein schnelles Tempo, sondern hat eher die Form eines ruhigen Intermezzos. Dann folgt der dritte Satz, der schnell beginnt, aber langsam endet. Die gesamte Sinfonie dauert ca. 32 Minuten.

Erster Satz[Bearbeiten]

Sibelius hatte eigentlich vorgehabt, zwei getrennte Sätze zu komponieren, dann aber doch die langsame Einleitung mit dem schnelleren walzerförmigen Scherzo zu einer Einheit verbunden. Der Satz beginnt mit einem Hornruf, der bereits viel des musikalischen Materials enthält.

Obwohl der Satz in der Sonatensatzform geschrieben ist, kann er strukturell in sehr unterschiedlicher Weise gesehen werden. Viele von Sibelius’ Schülern - Cecil Gray (1935)[2], Gerald Abraham (1947)[3], Simon Parmet (1955)[4], Robert Layton (1965)[5] und James Hepokoski (1993)[6] - alle haben sehr unterschiedliche Ansichten über die formalen Unterteilungen des ersten Satzes. Sie argumentieren mit der Trennung in eigentlich zwei Teile, mit dem Vorhandensein von eigentlich zwei Expositionen, sie unterscheiden sich in der Beschreibung des Scherzo und des Trios und über den genauen Beginn der Rekapitulation und der Coda.

Unterschiedliche analytische Sichtweisen[Bearbeiten]

Cecil Gray, der erste Musikologe, der sich mit der Struktur der fünften Sinfonie von Sibelius beschäftigt hat, erwähnt die Sonatensatzform überhaupt nicht in seiner Diskussion und beschäftigt sich mit den beiden unterschiedlichen musikalischen Subjekten, was sich so anhört, als würde er automatisch davon ausgehen, es handele sich um eine Sonatenform.

Gerald Abraham ist einer der ersten, der das Werk in den Begriffen der Sonate erklärt und klar darlegt, wo seiner Meinung nach jede Sektion beginnt und warum. Er legt dar, dass das Werk mit einer doppelten Exposition beginnt, jede mit deutlich ausgeprägtem A- und B-Gruppen-Material, um dann in die Durchführung dieses Materials überzugehen. Er beschreibt die genaue melodische Sektion, die mit dem Allegro moderato beginnt, die als Scherzo und Trio gehandhabt werden als Ersatz für die zweite Hälfte der Durchführung.

Robert Layton jedenfalls widerspricht Abraham und behauptet, dass das Scherzo der Beginn der Rekapitulation ist.

Die meisten Musikologen stimmten mit dieser Analyse überein, bis James Hepokoskis Untersuchungen 1993 erschienen (‘’Sibelius: Symphony No. 5’’), der eine völlig andere Interpretation anbot. Er erklärte, die Sinfonie könne überhaupt nur in Begriffen beschrieben werden von etwas, das er “rotational form”, also Rotationsform nannte. Er bleibt zwar bei der üblichen Aufteilung des Satzes in doppelte Exposition, Scherzo und Rekapitulation, aber er hat ein neues Vokabularium entwickelt, um die musikalische Entwicklung zu beschreiben. Hepokoski zeigt, wie Sibelius dem musikalischen Material in vielen seiner Werke erlaubt, sich selbst eine Form zu wählen, und zwar aus der Notwendigkeit der Musik selbst heraus und nicht nach vorgeformten Normen des 18. oder 19. Jahrhunderts. Von da her benutzt Sibelius eine zirkuläre Form von Rotation oder Strophe, die die diversen Abteilungen des Materials durchzieht und während dessen sich selber weiter entwickelt. Hepokoski bleibt also in seiner Analyse bei der generellen Lokalisierung der musikalischen Wendungen, wie sie frühere Autoren beschrieben haben, und stimmt mit ihnen überein, dass der erste Satz prinzipiell in den Begriffen einer Sonatenform beschrieben werden kann.

Zweiter Satz[Bearbeiten]

Dieser ruhige Satz ist gekennzeichnet durch mehrere Variationen eines Themas, das zuerst von den Streichern in pizzicato vorgetragen und dann von den Flöten aufgegriffen wird. Zusammen mit den Holzbläsern ist die Stimmung der Musik lieblich und warmherzig.

Dritter Satz[Bearbeiten]

Der Satz beginnt mit einer schnellen, in Sechzehnteln gespielten Melodie in den vierfach geteilten zweiten Geigen. Nach der Exposition dieses Themas beginnt ein neues beherrschendes Motiv in den Hörnern, zu dem Sibelius in seinen Tagebüchern notierte, er habe 16 Schwäne über den See bei Ainola fliegen sehen; dieser Abschnitt mit seiner elegischen Melodie in Streichern und Holzbläsern wird deswegen auch als Schwanenhymne bezeichnet. Nach abruptem Übergang wird in einer kurzen Durchführung das erste Thema variiert, bevor die Melodie des Schwanenthemas in Es-Moll zurückkehrt und zusammen mit dem Ostinato-Motv der Blechbläser in einem langsamen Aufbau gesteigert wird. Dabei verwendet Sibelius starke Dissonanzen und setzt die für ihn typischen langen Orgelpunkte mit großem Effekt ein, zunächst über des, dann über c, bis triumphal die Ausgangstonart Es-Dur wieder erreicht wird. Die Sinfonie endet so schlicht wie ungewöhnlich: Die sechs Akkorde der Schlußkadenz werden einzeln gespielt, unterbrochen von unregelmäßigen, langen Pausen. Dieser Schluss erschienen vielen Interpreten, die der Spätromantik verpflichtet waren, als zu zerrissen; zum Beispiel auf der Aufnahme Karajans sind die Pausen deutlich gekürzt.

Die Sinfonie in der populären Kultur[Bearbeiten]

Das Schwanenruf-Motiv ist aufgenommen worden in einer ganzen Reihe von Pop-Songs, beispielsweise „Popsicles and Icicles“ von den Murmaids (1963), „Beach Baby“ von The First Class (1974), „Since Yesterday“ von Strawberry Switchblade (1984) und „Oh What A Life“ von Play People (2008).[7] Der Beginn des ersten Satzes wird zitiert am Anfang von John Coltrane’s A Love Supreme. Es wird angenommen, dass Coltrane nicht direkt Sibelius zitiert hat, sondern eher Leonard Bernstein’s Musical On the Town, das aber seinerseits die Sinfonie zitiert.[8]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cf. Kari Kilpeläinen, Booklet of the BIS-recording of the original version 1919 (Osmo Vänskä, Sinfonia Lahti)
  2. Gray, Cecil. Sibelius: The Symphonies. London: Oxford University Press, 1935.
  3. Abraham, Gerald. The Music of Sibelius. New York: W. W. Norton, 1947.
  4. Parmet, Simon. The Symphonies of Sibelius: a Study in Musical Appreciation. Translated by Kingsley A. Hart. London: Cassell, 1959.
  5. Layton, Robert. Sibelius. London: J. M. Dent and Sons Ltd.; New York: Rarrar, Straus and Giroux, Inc., 1965.
  6. Hepokoski, James. Sibelius, Symphony No. 5. Cambridge, England: Cambridge University Press, 1993.
  7. BARR ber-ber, BARR ber-ber. 8. Juli 2008. Abgerufen am 6. Oktober 2010.
  8. therestisnoise.com