6. Sinfonie (Beethoven)

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Beethoven-Porträt aus dem Jahr 1803, gemalt von Christian Hornemann

Die Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 (Pastorale) ist eine Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

Entstehung[Bearbeiten]

Die Sinfonie entstand in den Jahren 1807 und 1808 (Vorarbeiten schon ab 1803) angeblich in Nußdorf und Grinzing, damals Vororte von Wien, heute Teile des 19. Wiener Gemeindebezirkes. Zwischen beiden Ortschaften fließt der Schreiberbach: „Hier habe ich die Szene am Bach geschrieben, und die Goldammern da oben, die Wachteln, Nachtigallen und Kuckucke ringsum haben mitkomponiert.“ Dieses von Anton Schindler überlieferte Zitat ist jedoch zweifelhaft. Die Sinfonie wurde vermutlich in keinem der damaligen Vororte von Wien begonnen, sondern in Wien selber.[1]

Beethoven schrieb zur gleichen Zeit seine 5. Sinfonie. Diese augenscheinlich unterschiedlichen Sinfonien werden als Werke angesehen, die sich gegenseitig ergänzen. So schrieb zum Beispiel im Jahre 1995 der US-amerikanische Musikwissenschaftler William Kinderman: „Wie die ‚Waldstein‘ und ‚Appassionata‘-Sonate stellen die Fünfte und die Sechste Sinfonie disparate musikalische Werke dar, die […] einander ergänzen“[2]

Darstellung Beethovens bei der Komposition der Pastorale; Lithographie aus dem Zürcher Almanach der Musikgesellschaft, 1834

Beethoven war erwiesenermaßen ein großer Naturliebhaber und liebte die Spaziergänge im Freien; zu seinen Lieblingsbüchern gehörte Betrachtungen der Werke Gottes im Reiche der Natur von Christoph Christian Sturm[3]. So schrieb er auch beispielsweise im Jahr 1815:

„Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Wie leicht ist in jedem Flecken dieses erfüllt! Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken? Schlägt alles fehl, so bleibt das Land selbst im Winter wie Gaden, untere Brühl usw. Leicht bei einem Bauern eine Wohnung gemietet, um die Zeit gewiß wohlfeil. Süße Stille des Waldes! Der Wind, der beim zweiten schönen Tag schon eintritt, kann mich nicht in Wien halten, da er mein Feind ist.“

Ludwig van Beethoven: Skizzenblatt 1815

Als Vorläufer späterer Programmmusik hat Beethoven dieser Sinfonie die Eindrücke eines (Stadt-)Menschen in der Natur und pastoraler (= ländlicher) Umgebung zugrunde gelegt. Jeder der fünf Sätze behandelt dabei eine Situation, die sich zu einem Gesamtwerk zusammenfügen. „Sinfonia caracteristica“ und „Sinfonia pastorella“ hieß die 6. Sinfonie in den ersten Skizzen, erst bei der Drucklegung nannte Beethoven sie „Pastoral-Sinfonie oder Erinnerungen an das Landleben“. Da Beethoven der musikalischen Darstellung eines außermusikalischen Inhalts im Sinne der Programmmusik kritisch gegenüberstand – von dieser Kritik waren auch nicht die Oratorien „Die Jahreszeiten“ und „Die Schöpfung“ seines Lehrers Joseph Haydn ausgenommen – fügte Beethoven dieser Bezeichnung in Klammern den Zusatz „Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“ hinzu und bestand auch auf wortgetreuer Wiedergabe dieser sorgfältig formulierten Bezeichnung auf dem Titelblatt der gedruckten Partitur.[4] »Man überlässt es dem Zuhörer, die Situationen auszufinden«, so der Komponist. »Wer auch je nur eine Idee vom Landleben erhalten, kann sich ohne viele Überschriften selbst denken, was der Autor will«[5]

Dennoch ahmt er mit instrumentalen Mitteln Vogelrufe, die Schritte des Wanderers, das Plätschern eines Baches und ein Gewitter nach.

Die fünfte und die sechste Sinfonie wurden in einem vierstündigen Konzert am 22. Dezember 1808 unter der Leitung Beethovens im Theater an der Wien uraufgeführt – es sollte im Übrigen die einzige Uraufführung mit Beethovens Werken bleiben, in der zwei Sinfonien des Komponisten erklangen[6]. Beethoven widmete das Werk Franz Joseph Maximilian von Lobkowitz und dem russischen Grafen Rasumowskij. Der Verlag Breitkopf & Härtel Leipzig veröffentlichte die Stimmen 1809 und die Partitur 1826. Das Autograph befindet sich im Beethoven-Haus in Bonn.

Orchesterbesetzung[Bearbeiten]

1 Piccoloflöte, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 2 Hörner, 2 Trompeten, 2 Posaunen, Pauken, Streicher in 5 Stimmen (I. und II. Violinen, Violen, Violoncelli, Kontrabässe)

Die Satzbezeichnungen[Bearbeiten]

  1. Satz: Allegro ma non troppo (Erwachen heiterer Empfindungen bey der Ankunft auf dem Lande)
  2. Satz: Andante molto mosso (Szene am Bach)
  3. Satz: Allegro (Lustiges Zusammensein der Landleute)
  4. Satz: Allegro (Gewitter und Sturm)
  5. Satz: Allegretto (Hirtengesänge – Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm)

Zur Musik[Bearbeiten]

Eine Seite aus Beethovens Manuskript der 6. Sinfonie

Bereits die ersten vier Takte des ersten Satzes (Erwachen heiterer Empfindungen bey der Ankunft auf dem Lande) enthalten im Bass die im ganzen Werk wiederkehrende Bordun-Quinte. Ungewöhnlich ist in der Durchführung die 72fache Wiederholung des fallenden Violinmotives aus dem zweiten Takt der Einleitung.

Im zweiten Satz (Szene am Bach) wird das murmelnde Wasser des Baches durch Sechzehntel-Noten in Violinen, Bratschen und Celli dargestellt. Im Schlussteil (Coda) des Satzes wird explizit der Ruf von Nachtigall, Wachtel und Kuckuck[7] wiedergegeben: die Nachtigall wird von der Flöte, die Wachtel von der Oboe sowie der Kuckuck von zwei Klarinetten dargestellt; diese Zuordnungen wurden von Beethoven selbst explizit in die Partitur eingetragen[8]. Die Darstellung des Kuckucks durch eine große Terz – statt der zu Beethovens Zeit üblichen kleinen Terz – inspirierte später Gustav Mahler, in den ersten 62 Takten seiner 1. Sinfonie („Titan“) den Kuckuck mit einer Quarte darzustellen.

Der dritte Satz (Lustiges Zusammensein der Landleute) hat nur etwa fünf Minuten Spielzeit; in der Musik wird u. a. eine Dorfkapelle karikiert. (Diese Karikatur erfolgt u. a. durch regelwidrige Einsätze der Instrumente und das eintönige „Schrumm-Schrumm“ des Fagotts, wobei z. B. die Oboe ihren Einsatz ein Viertel zu früh beginnt.)

Der vierte Satz (Gewitter und Sturm) ist mit knapp vier Minuten der kürzeste der Sinfonie, aber zugleich mit der Schilderung des Gewitters der fulminanteste. (In diesem Satz wird das Donnergrollen des Unwetters durch an Quintolen geriebenen Sechzehnteln in den Kontrabässen und Celli musikalisch umgesetzt, während die Piccolo-Flöte das Pfeifen des Windes darstellt. Der Regen findet sich als Staccato-Achtel in den ersten beiden Violinen, der Blitz als Vierton-Figur.) Der choralartige Schluss dieses Satzes gilt als Schlüsselstelle innerhalb der Sinfonie.[9]

Der dritte, vierte und fünfte Satz der Sinfonie gehen ineinander über, was Beethoven einige Mühe bei der Komposition kostete. Für die Darstellung des Tanzes der Landleute im dritten Satz greift Beethoven auf den „Deutschen Tanz“ zurück.

Der Quartsextakkord in der Einleitung des fünften Satzes (Hirtengesänge – Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm) greift motivisch auf die ersten vier Takte des ersten Satzes zurück.[10] Ab dem neunten Takt erklingt in der ersten Violine der Hirtenruf als liedhaftes Hauptthema.

Rezeption[Bearbeiten]

Kritik[Bearbeiten]

Anlässlich einer Aufführung der Sinfonie schrieb die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ im Jahr 1812:

„In dem zweyten Concerte, am 31sten Dec., zeichnete sich vor andern aus, die für uns noch neue Pastoral-Symphonie von Beethoven. Nicht mit Unrecht darf man die Erfindung, so wie die nur allmählig erfolgte Ausbildung jener Instrumentalstücke, denen man den Namen der Symphonie beygelegt hat, zu den merkwürdigen Schöpfungen des menschlichen Geistes zählen, die unser Zeitalter, und insbesondere Deutschland ehren, und die Gränzen musikal. Kunst erweitert haben. Ist es der blossen Instrumentalmusik, so kunstvoll sie auch der Meister nach ästhetischen Regeln geordnet haben mag, schwer, eine bestimmte Empfindung in dem Gemüthe des Zuhörers zu erregen, so sind doch die Versuche, mehr Licht in diese noch dunkle Region zu bringen, unseres Dankes werth. […] Doch wurde es dem nichteingeweihten Zuhörer schwer, in all diese, ihm verschlossenen Geheimnisse einzugehen.“

Allgemeine Musikalische Zeitung, 1812, Spalten 125/126

Bearbeitungen[Bearbeiten]

Ein Zeitgenosse Beethovens, Michael Gotthard Fischer, veröffentlichte im Jahre 1810 eine Bearbeitung der 6. Sinfonie für Streichsextett. Anlässlich der Veröffentlichung einer Faksimileausgabe des Autographs der Pastorale im Jahre 2002 wurde diese selten gespielte Bearbeitung vom Kölner Streichsextett im Bonner Beethoven-Haus aufgeführt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Renate Ulm (Hrsg.): Die 9 Sinfonien Beethovens Bärenreiter. Kassel 1994, ISBN 3-7618-1241-8
  • Roland Schmenner: Die Pastorale – Beethoven, das Gewitter und der Blitzableiter. Kassel 1998
  • Wolfram Steinbeck: 6. Symphonie op. 68. In: Beethoven – Interpretationen seiner Werke. Laaber 1996

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Cooper, Barry: Schindler and the Pastoral Symphony, in: The Beethoven Newsletter, Vol. 8, Nr. 1, 1993.
  2. William Kinderman: Beethoven, Berkeley 1995, S. 123
  3. Maynard Solomon, The Quest for Faith, in: ders., Beethoven Essays, Cambridge, Mass., 1988, S.216-232, besonders S.220ff.
  4. Renate Ulm (Hrsg.): Die 9 Sinfonien Beethovens. Bärenreiter, Kassel 1994, S. 182
  5. Gustav Nottebohm: Zweite Beethoveniana: Nachgelassene Aufsätze, Leipzig 1887, S. 375 und S. 504
  6. Lewis Lockwood: Beethoven: Seine Musik – Sein Leben. Metzler, 2009; S.170
  7. Anmerkung: In den verlinkten Artikeln sind auch die Vogelstimmen von Goldammer, Nachtigall, Wachtel und Kuckuck zum Vergleich anzuhören.
  8. Sieghard Brandenburg (Hrsg.): Ludwig van Beethoven Sechste Symphonie F-Dur Opus 68. Faksimilie nach dem Autograph BH 64 im Beethoven-Haus Bonn, Bonn 2000, S. 45
  9. Rudolf Bockholdt: Beethoven, VI. Symphonie F-Dur, op. 68, Pastorale (Werkmonographie), in: Meisterwerke der Musik, Heft 23, München 1981, S. 57f.
  10. Peter Hauschild: Beethoven, Sinfonie Nr. 6 (Editionsbericht), Leipzig/Dresden 1987, S. 107