9/11 Commission Report

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Der 9/11 Commission Report von 2004 ist der Abschlussbericht einer parteiübergreifenden Untersuchungskommission des US-Kongresses zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA. Gemäß dem Kommissionsauftrag stellt der Bericht die Planung und Durchführung der Anschläge sowie die Erstreaktionen der US-Behörden am 11. September 2001 darauf detailliert dar. Daraus leitet er Empfehlungen an die US-Regierung für notwendige Strukturreformen in diesen Behörden und sonstige Maßnahmen ab.

Die Kommission[Bearbeiten]

Entstehung[Bearbeiten]

Auf Initiative des Senators Bob Graham und des Abgeordneten Porter Goss führten die zuständigen Ausschüsse des US-Kongresses von Februar bis Dezember 2002 eine „Gemeinsame Untersuchung der Aktivitäten der Geheimdienste vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001“ durch. Die 37-köpfige Kommission sollte die geheimdienstliche Terrorismusbekämpfung der USA auf mögliche Lücken untersuchen. Sie prüfte etwa 500.000 Geheimdienstdokumente und befragte etwa 600 Personen in neun öffentlichen und 13 nichtöffentlichen Sitzungen. CIA, FBI und Weißes Haus unterstützten sie entgegen vorherigen Zusagen kaum. Nur 24 von 800 Seiten des Abschlussberichts durften veröffentlicht werden. Der Teil zu den Bürgern Saudi-Arabiens, die vor 9/11 in den USA gelebt hatten, sollte vollständig zensiert werden. Nach zähen Verhandlungen blieben 27 Seiten davon zensiert, die mögliche finanzielle Unterstützung der späteren Attentäter durch Saudi-Arabiens Regierung betrafen.[1] Der Bericht zeigte Fehler beim Sammeln und Austausch geheimdienstlicher Informationen auf, enthielt aber keine Dokumente zum Verhalten der Bush-Regierung vor den Anschlägen. Diese verweigerte deren Herausgabe mit Berufung auf die Gewaltenteilung.[2]

Vor allem Opferfamilien um vier Witwen aus New Jersey (die „Jersey Girls“: Lorie Van Auken, Kristen Breitweiser, Patty Casazza, Mindy Kleinberg) forderten daher eine neue parteiübergreifende Kommission mit einem umfassenden Auftrag, selbstbestimmten Untersuchungsmethoden und unbegrenztem Zugang zu allen relevanten Materialien und Zeugen. Die US-Regierung blockierte diesen Vorstoß monatelang und wollte die Befugnisse der Kommission einschränken. Auf Druck der Opferfamilien stimmte das Weiße Haus am 15. November 2002 einem Entwurf des Repräsentantenhauses zu: Danach sollte die Kommission aus je fünf Vertretern der Republikanischen und der Demokratischen Partei bestehen und 18 Monate Zeit für Anhörungen erhalten. Sie sollte jede Person befragen dürfen, die mindestens sechs Kommissionsmitglieder vorladen wollten, auch Vertreter der US-Geheimdienste, der Einwanderungsbehörden und Diplomaten. Senator John McCain (Republikaner), der sich monatelang für die Kommission eingesetzt hatte, sollte die Vertreter seiner Partei bestimmen. Der US-Präsident durfte den Kommissionsvorsitzenden bestimmen. Bis zum 15. Dezember 2002 sollten die übrigen Mitglieder benannt werden.[3]

Am 28. November 2002 ernannte US-Präsident George W. Bush den früheren Außenpolitiker Henry A. Kissinger zum Vorsitzenden. Die Demokraten bestimmten George J. Mitchell zum Vizevorsitzenden. Das neu gebildete Family Steering Committee, das die Opferfamilien vertrat, wollte die Kommission nur dann unterstützen, wenn alle ihre Mitglieder ihre Einkommensquellen und Wirtschaftsbeziehungen aufdeckten. Es lehnte Kissinger ab, weil er finanzielle und politische Verbindungen nach Saudi-Arabien hatte, unter anderem zur Familie Bin Laden.[4] Am 14. Dezember trat Kissinger wegen dieses Interessenkonflikts zurück: Er wollte die Kunden seiner Wirtschaftsberatungsfirma nicht aufdecken, um sie zu behalten. Auch Mitchell trat zugunsten seiner Rechtsberatungsfirma zurück.[5]

Mitglieder[Bearbeiten]

Die zehn Kommissionsmitglieder

Am 17. Dezember ernannte Bush den früheren Gouverneur Thomas Howard Kean zum neuen Vorsitzenden. Die Demokraten ernannten Lee H. Hamilton zu seinem Partner. Am 28. Januar 2003 beschloss die Kommission bei ihrem ersten Treffen, alle Einkommensquellen ihrer Mitglieder offenzulegen und diese aus Untersuchungsbereichen zu entfernen, falls sich dort finanzielle Interessenkonflikte ergäben. Die Kommission erhielt drei Millionen Dollar für ihre Untersuchung.[6]


Der US-Kongress wählte neben den beiden Vorsitzenden acht weitere Abgeordnete für die Untersuchung aus: für die Republikaner Fred F. Fielding, Slade Gorton, John Lehman (früherer Marinestaatssekretär) und James Robert Thompson (früherer Gouverneur von Illinois), für die Demokraten Richard Ben-Veniste (früherer Chef der Watergate Task Force im Watergate Special Prosecutor's Office), Jamie Gorelick, Max Cleland (nach seinem Austritt ersetzt durch Bob Kerrey) und Timothy J. Roemer.[7] Hinzu kam ein Stab von rund 80 Mitgliedern unter dem Exekutivdirektor Philip D. Zelikow und seinem Stellvertreter Christopher Kojm. Daniel Marcus war General Counsel (Berater), Al Felzenberg war Pressesprecher.[8]

Kommissionssiegel

Auftrag[Bearbeiten]

Die Kommission erhielt ihren Auftrag am 27. November 2002 durch ein vom Kongress formuliertes, vom US-Präsidenten George W. Bush unterzeichnetes Gesetz. Es verlangte, „alle Fakten und Umstände festzustellen, die zu den Anschlägen gehören, einschließlich solchen, die sich auf Informationsdienste, Strafverfolgungsbehörden, Diplomatie, Einwanderungsthemen, Grenzkontrolle, Finanzströme zu Terrororganisationen, kommerzielle Luftfahrt, die Rolle der Kongressaufsicht, Zuteilung von Ressourcen und andere Bereiche beziehen, die die Kommission als relevant zu bestimmen habe.“[9]

Die Untersuchung sollte also zwei Hauptfragen beantworten: 1. Wie konnten die Anschläge geschehen, 2. wie wären sie zukünftig vermeidbar. Die Hauptaufgaben der Kommission waren daher:

  • Vorbereitung und Ablauf der Anschläge lückenlos zu rekonstruieren,
  • die Arbeit der für die Verteidigung der USA gegen derartige Anschläge zuständigen Behörden und Organe der Streitkräfte zu bewerten,
  • Vorschläge zur Verhinderung zukünftiger Anschläge auszuarbeiten.

Die Ergebnisse dazu sollten dem US-Kongress, dem US-Präsidenten und der Öffentlichkeit in einem gemeinsam ausgearbeiteten Bericht vorgelegt werden. Die physikalischen Einsturzursachen der von den Anschlägen betroffenen Gebäude sollte die Kommission nicht untersuchen. Dazu erhielten die US-Behörden FEMA und NIST eigene Untersuchungsaufträge, auf die der Bericht der 9/11-Kommission verwies.

Untersuchungsverlauf[Bearbeiten]

Die Opferfamilien bildeten nach Gründung der Kommission das zwölfköpfige Family Steering Committee, dem sich die „Jersey Girls“ anschlossen. Sie akzeptierten Thomas Kean als Vorsitzenden, beobachteten aber fortlaufend die Untersuchung und beeinflussten sie durch ständige Rückfragen. Sie wurden deshalb von Republikanern angegriffen und dadurch zu deren politischen Gegnern.[10] Das Familienkommittee übergab der Kommission vor deren erstem Treffen eine Liste mit 57 Fragen, die die Untersuchung beantworten müsse. Ihr Hauptanliegen war, die persönliche Verantwortung von Behördenmitgliedern für das Zustandekommen der Anschläge herauszufinden und festzustellen.[11]

Während der Untersuchung traten erhebliche Konflikte zwischen der Kommission und Bundesbehörden auf. Diese stellten anfangs nur geringe Teilmengen der angeforderten Millionen Dokumente zur Verfügung. Besonders das Pentagon und das Justizministerium verzögerten deren Freigabe. Bush verbot Regierungsmitgliedern zunächst, sich einzeln befragen zu lassen, und verlangte Verhöre nur in Gegenwart anderer Regierungsmitglieder. Im Juli 2003 beklagten die Kommissionsvorsitzenden diese Praxis als Einschüchterung und stellten den rechtzeitigen Abschluss ihrer Untersuchung in Frage. Daraufhin ließ Bush ausrichten, er habe die Behörden zu voller und rascher Kooperation angewiesen.[12]

2003 drängte Max Cleland darauf, die von der US-Regierung seit 2002 behauptete Beteiligung des irakischen Diktators Saddam Hussein an den Anschlägen vom 11. September 2001 gründlich zu untersuchen. Er ging davon aus, dass die Bush-Regierung diese Behauptung als Vorwand für den Irakkrieg benutzt hatte, blieb damit aber Außenseiter in der Kommission. Philip Zelikow lud stattdessen im Juli 2003 Laurie Mylroie als Zeugin ein. Sie vertrat das neokonservative American Enterprise Institute und behauptete, der Irak sei seit 1990 an allen bisherigen großen Terroranschlägen gegen die USA beteiligt gewesen und habe weitere geplant. Damit rechtfertigte sie den Sturz Saddam Husseins auch ohne Beweise für Massenvernichtungsmittel im Irak.[13]

Im Oktober 2003 gab Kean bekannt, das Weiße Haus und andere Behörden hielten Dokumente mit hoher Geheimhaltungsstufe zurück, darunter Geheimdienstberichte an Bush in den Wochen vor den Anschlägen. Daher erwäge die Kommission, deren Freigabe gerichtlich zu erzwingen (subpoena). Man werde alle Rechte ausschöpfen, um jedes für die Untersuchung wichtige Dokument zu erhalten. Im November 2003 willigte das Weiße Haus ein, zwei Kommissionsmitgliedern volle Lektüre aller Tagesberichte an Bush zu gewähren und ausgewählte Kopien davon freizugeben. Dabei ging es vor allem um ein Memorandum vom 6. August 2001, das Bush vor bald bevorstehenden Anschlägen von Al Qaida in den USA gewarnt hatte. Regierungsmitglieder fürchteten, damit könne ein Vorherwissen der Regierung von den Anschlägen behauptet werden.[14] Max Cleland, der die Opferfamilien in der Kommission vertrat, lehnte die mit Bush vereinbarte Begrenzung der Akteneinsicht strikt ab. Auch deshalb kündigte er im Dezember 2003 seinen Austritt aus der Kommission an.[15]

Am 4. Dezember 2003 übergab der Bürgermeister von New York City Michael R. Bloomberg der Kommission infolge einer Erzwingungsklage Aufzeichnungen der Notrufe am 11. September 2001. Deren Freigabe hatte er zuvor als Verletzung der Privatsphäre von Opfern verweigert. Personennamen waren darin geschwärzt; im Gegenzug erhielten Kommissionsmitglieder täglich 14 Stunden Einsicht in die unzensierten Originaldokumente.[16]

Am 5. Februar 2004 gewährte das Weiße Haus der Kommission eine bis Ende Juli 2004 verlängerte Frist für den Abschluss ihres Berichts. Kritiker vermuteten, damit wolle die Regierung einer Untersuchung über 2004 hinaus wegen des Wahlkampfs zur Wiederwahl Bushs vorbeugen. Am 31. März 2003 erlaubte Bush seiner Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, öffentlich vor der Kommission auszusagen. Er erweiterte auch den bisher begrenzten Zugang der Kommission zu seinen Privatgesprächen mit Vizepräsident Dick Cheney vor den Anschlägen. Auch dieses Zugeständnis ging auf Druck der „Jersey Girls“ zurück. Es wurde als Reaktion auf Vorwürfe des ehemaligen Terrorexperten Richard Clarke gewertet: Seinen Aussagen zufolge hatte vor allem Rice seine Warnungen vor Al-Qaida-Anschlägen ignoriert. [17]

Die Kommission wertete über 2.5 Millionen Seiten von Dokumenten aus und befragte über 1.200 Personen aus zehn Staaten. Darunter waren 160 direkte Zeugen der Anschläge. An 19 Tagen wurden öffentliche Befragungen durchgeführt.[7] Befragt wurde jeder Minister und höhere Staatsbeamte der US-Regierungen unter Bill Clinton und George W. Bush, der mit auftragsrelevanten Themen zu tun hatte, darunter:

In geschlossenen Sitzungen wurden ferner befragt:

  • Präsident George W. Bush
  • Vizepräsident Dick Cheney
  • Ex-Präsident Bill Clinton
  • Ex-Vizepräsident Al Gore.

Der Kommissionsbericht[Bearbeiten]

Der Bericht erschien ohne Vorabdrucke am 22. Juli 2004 in den USA. Die Erstauflage von 600.000 Exemplaren war in einer Woche verkauft. In acht Monaten wurden etwa zwei Millionen Stück verkauft. Bis März 2005 wurde der Bericht im Internet 6.9 Millionen mal als Download heruntergeladen.[18]

Gliederung[Bearbeiten]

  • Executive Summary
  • Contents, List of Illustrations and Tables, Members, and Staff
  • Vorwort-Preface
  • Kapitel 1: „We Have Some Planes“
  • Kapitel 2: The Foundation of the New Terrorism
  • Kapitel 3: Counterterrorism Evolves
  • Kapitel 4: Responses to al Qaeda’s Initial Assaults
  • Kapitel 5: Al Qaeda Aims at the American Homeland
  • Kapitel 6: From Threat to Threat
  • Kapitel 7: The Attack Looms
  • Kapitel 8: „The System Was Blinking Red“
  • Kapitel 9: Heroism and Horror
  • Kapitel 10: Wartime
  • Kapitel 11: Foresight and Hindsight
  • Kapitel 12: What to do? A Global Strategy
  • Kapitel 13: How to do it? A Different Way of Organizing the Government
  • Appendices
  • Notes

Ergebnisse[Bearbeiten]

Als ausführende Täter identifizierte der Bericht anhand der Ermittlungen des FBI die 19 Flugzeugentführer, alle Mitglieder von Al-Qaida. Als ihren Auftraggeber identifizierte er Osama bin Laden. Einige Täter hatten nach ihrer Einreise in den USA eine auf Landeanflüge begrenzte Pilotenausbildung gemacht und waren dadurch bereits unter Verdacht geraten, der jedoch von übergeordneten Stellen nicht ausreichend beachtet wurde.

Nach dem Bericht wurden die Anschläge vor allem durch Versäumnisse und fehlendes Zusammenwirken von CIA und FBI sowie zu langsame Befehlswege nach Beginn der Flugzeugentführungen möglich. Bei rechtzeitiger Weitergabe und Beachtung von Einzelinformationen über einzelne Täter, ihren Aktivitäten in den USA und anderen Mosaikteilen, die einzelnen Behörden jeweils im Vorfeld bekannt waren, hätten die Anschläge verhindert werden können. Als vier Hauptfaktoren dieses Behördenversagens nannte der Bericht:

  1. fehlende Vorstellung von der bloßen Möglichkeit solcher koordinierter Terroranschläge,
  2. fehlende Kapazität von Behörden, die Planung der Anschläge innerhalb der USA zu verhindern,
  3. versagendes Management bei Leitern von Behörden, die nicht zusammenarbeiteten,
  4. versagende Politik der Regierungen Bill Clintons und George W. Bushs, die der Terrorismusbekämpfung zuvor keine Priorität gegeben hätten.[19]

Dem Bericht zufolge gab es keine Belege für eine Zusammenarbeit zwischen Al-Qaida und Saddam Hussein. Die Kommission empfahl der amtierenden US-Regierung eine weitgehende Reform des US-amerikanischen Geheimdienstsystems, unter anderem die Zusammenführung der Leitungsebenen von 28 mit nationaler Sicherheit befassten Regierungsbehörden in einem nationalen Terrorabwehrzentrum, das von einem „nationalen Intelligenzdirektor“ geführt werden sollte. Die Kontrolle der Geheimdienste durch den US-Kongress, der Informationsfluss innerhalb des FBI sollte verbessert, der Informationsaustausch zwischen US-Behörden sollte auf vielen Ebenen transparenter und der Übergang von einer Regierung zur nächsten sollte reibungsloser werden.[19]

Die Gründung des Department of Homeland Security („Heimatschutzministerium“) im November 2002 erfüllte die wichtigste Empfehlung der Kommission.[20] Es berichtete 2011 über seine Fortschritte bei der Umsetzung weiterer Empfehlungen der 9/11-Kommission.[21]

Die Kommission hatte den Bericht einstimmig gebilligt und die Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Gründlichkeit ihres Vorgehens betont.[9] Am 21. August 2004 stellte sie ihre Arbeit ein.

Kritik[Bearbeiten]

an Mitgliedern[Bearbeiten]

Philip Zelikow, der spätere Leiter des Kommissionsstabes, hatte seit Juni 2002 öffentlich einen Präventivkrieg gegen Saddam Hussein, den Diktator des Irak, befürwortet. Im Auftrag der Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice verfasste er im September 2002 anonym die Bush-Doktrin: ein Strategiepapier, mit dem George W. Bush ab März 2003 den Irakkrieg legitimierte. Diese Beteiligung Zelikows machte nach beiläufigen Zeitungsmeldungen ein Buch des Journalisten Jim Mann im März 2004 publik.[22]

Das Family Steering Committee lehnte Zelikows Führungsrolle in der Kommission wegen zu großer Nähe zur Bush-Regierung ab, konnte sich aber mit einer Petition zu seinem Ausschluss nicht durchsetzen. Es kritisierte auch, dass mindestens fünf Kommissionsmitglieder US-Behörden angehörten, deren Verhalten die Kommission zu prüfen hatte.[23]

Der Kommission wurde mangelnde Unabhängigkeit und mangelnde Kritikbereitschaft an den Positionen der US-Regierung vorgeworfen. An ihrer Arbeitsweise und ihren Ergebnissen wurde von verschiedenen Seiten Kritik geübt. Einige Zeugen behaupteten später, sie seien nicht befragt oder ihre Aussagen seien nicht berücksichtigt oder unterdrückt worden. Manche Beweismittel seien zu wenig gewürdigt worden. Der Bericht lasse wesentliche Vorgänge wie den Einsturz des Original 7 World Trade Center und mögliche andere Ursachen der Anschläge unberücksichtigt. Ein Großteil dieser Kritik stammt aus dem 9/11 Truth Movement, dessen Vertreter Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 vertreten und verbreiten.[24]

Ernest May, einer der Hauptautoren des Kommissionsberichts, erklärte im Mai 2005: Hoch qualifizierte Personen, darunter Historiker und Antiterrorexperten früherer US-Regierungen, hätten den Bericht gemeinsam erstellt und einstimmig gebilligt. Das Weiße Haus habe seines Wissens alle verfügbaren Dokumente dazu zur Verfügung gestellt. Die CIA habe der Kommission alle Verhörsprotokolle zum 11. September übergeben, ihr aber direkten Zugang zu Al-Qaida-Häftlingen verwehrt und nur die Namen von bereits offiziell anerkannten Tätern zu nennen erlaubt. Die Kommission habe den anonymisierten Häftlingsaussagen nie vertraut, aber die CIA-Verbote nicht aufzuheben versucht, wohl da sie selbst aus vielen ehemaligen oder noch tätigen CIA-Beamten bestanden habe.[18]

an Verfahren[Bearbeiten]

Im Januar 2008 gab CIA-Direktor Michael V. Hayden im US-Senat bekannt, die CIA habe drei Al-Qaida-Mitglieder (Khalid Sheikh Mohammed, Abu Zubaydah und Abd al-Rahim al-Nashiri) bis Anfang 2003 bei Verhören legal dem Waterboarding und etwa 30 von 100 Al-Qaida-Gefangenen anderen „erweiterten Befragungsmethoden“ (etwa Schlafentzug) unterzogen. Waterboarding ist nach internationalem Recht als Folter verboten. Der US-Sender NBC berichtete danach, etwa ein Viertel aller Fußnoten des Kommissionsberichts nenne CIA-Verhöre von Al-Qaida-Mitgliedern als Quelle. Alle drei von Hayden genannten Zeugen seien darunter, aber nur zehn der befragten Al-Qaida-Häftlinge würden namentlich genannt. Drei Kommissionsmitglieder hätten eingeräumt, dass sie von harten Verhörstechniken der CIA gewusst hätten. Sie seien diesen aber nicht nachgegangen, da dies nicht zum Kommissionsauftrag gehört habe. Der Kommissionstab habe diese Verhörsmethoden nicht kritisiert, sondern Anfang 2004 für mehr Informationen sogar eine zweite Verhörsserie von der CIA verlangt.[25]

Der Exekutivdirektor der Kommission Philip Zelikow erklärte dazu: Man habe die CIA sehr präzise und wiederholt nach den Umständen der Verhöre befragt und das Ausbleiben der CIA-Antworten darauf, die Weigerung, direkte Befragungen zuzulassen und Zweifel an bestimmten Häftlingsaussagen explizit im Bericht vermerkt. Von Folter habe man nichts gewusst. Nach deren Bekanntwerden habe man einen ausführlichen internen Bericht über die Kommissionsversuche verfasst, direkten Zugang zu den Gefangenen und ihren Verhörern zu erhalten, den die New York Times veröffentlicht habe. Die Tatbeteiligung von Khalid Sheikh Mohammed und Ramzi Binalshibh sei durch ihre Eigenaussagen gegenüber Al Jazeera vor ihrer Festnahme erwiesen.[26] Die Zeitschrift Newsweek schrieb im März 2009: Es sei sogar möglich, dass die Al-Qaida-Gefangenen gerade wegen der Kommissionsforderung nach einer zweiten Verhörsserie gefoltert worden seien. Das beeinträchtige die Glaubwürdigkeit des Kommissionsberichts erheblich.[27]

an Ergebnissen[Bearbeiten]

Das Familienkommittee und andere kritisierten besonders, dass der Abschlussbericht keine bestimmten Personen für das Behördenversagen vor 9/11 verantwortlich machte und keine personellen Konsequenzen forderte. Das Familienkommittee setzte sich für die Umsetzung der geforderten strukturellen Konsequenzen ein und führte eine öffentliche Namensliste der Kongressmitglieder, die diese Umsetzung verzögerten. Nachdem die Kommissionsempfehlungen im Dezember 2004 per Gesetz erfüllt wurden, löste es sich auf.[28]

Am 19. Juni 2005 machte ein Journalist das militärische Überwachungsprogramm Able Danger bekannt, das das Pentagon von 1999 bis April 2001 betrieben hatte.[29] Durch Abgleich von Internetdaten mit Verschlussdokumenten von US-Behörden sollte es mögliche Terrorzellen inner- und außerhalb der USA entdecken. Nach Angaben mehrerer Mitarbeiter hatte das Programm 1999 vier Mitglieder von Al Qaida entdeckt, die in den USA lebten, darunter Mohammed Atta. Pentagonjuristen verboten im Februar 2001 die Weitergabe der Funde an das FBI, weil die eingereisten Araber eine Greencard und damit dieselben Rechte wie US-Bürger besaßen. General Hugh Shelton ließ das Programm im April 2001 auslaufen und die gespeicherten Datensätze löschen. Der Kongressabgeordnete Curt Weldon machte diesen Vorgang und die Kenntnis der 9/11-Kommission davon am 27. Juni 2005 bekannt. Anthony Shaffer, Verbindungsoffizier von Able Danger zur Defense Intelligence Agency (DIA), bezeugte, er habe Philip Zelikow im Oktober 2003 in Bagram über das Pentagonwissen von Atta und den übrigen Mitgliedern der Zelle informiert. Zwei weitere Mitarbeiter von Able Danger bestätigten das. - Lee Hamilton gab zu, die Kommission sei kurz vor Erscheinen des Berichts über das Programm informiert worden, habe aber keine Dokumente dazu erhalten. Im September 2006 bestritt das Pentagon, Able Danger habe Atta vor den Anschlägen entdeckt. Im Dezember 2006 kam das Geheimdienstkommittee des US-Senats nach sechsmonatiger Prüfung zu dem Schluss, für eine Entdeckung späterer Attentäter vor 9/11 gebe es keine Beweise. Die DIA entließ Shaffer und zerstörte seine Aufzeichnungen. Weldon verlor sein Abgeordnetenamt bei der folgenden Parlamentswahl.[30]

2011 bestätigten die Investigativjournalisten Anthony Summers und Robbyn Swan das Hauptergebnis der 9/11-Kommission: Erhebliches Chaos in den Flugaufsichtsbehörden, das Missachten zahlreicher Warnungen im Vorfeld durch die US-Regierung und Nichtweitergabe von Informationen zwischen Sicherheitsdiensten hätten die Anschläge ermöglicht. Sie wiesen einige Verschwörungsthesen wie die einer Falsche Flagge-Aktion, eines wissentlichen Zulassens der Anschläge oder aktiven Beteiligung der Bush-Regierung, einer heimlich vorbereiteten Sprengung der WTC-Gebäude und andere als haltlos zurück.[31] Sie fassten aber auch Mängel des Berichts zusammen, die seit 2004 immer wieder kritisiert wurden:

  • Er sei der Frage nicht nachgegangen, weshalb die CIA ihr Wissen seit März 2000 von der Einreise von zwei Al-Qaida-Mitgliedern in die USA nicht an das FBI weitergegeben habe.
  • Er habe keine finanziellen Verbindungen der Flugzeugentführer nach Saudi-Arabien aufgedeckt. Das Kapitel, in dem es darum gehen sollte, sei ohne zureichende Begründung unter US-Präsident George W. Bush geheimgehalten und trotz versprochener Freigabe auch unter Barack Obama bis 2011 nicht veröffentlicht worden.
  • Er habe eine interne Anfrage Philip Zelikows an die Kommissionsleiter, wie mit Falschaussagen von Zeugen der U.S. Air Force, der Federal Aviation Administration (FAA) und NORAD umzugehen sei, nicht weitergegeben. Die Anfrage wurde erst 2009 bekannt. Wichtige Aussagen der FAA, die das Ausmaß ihres Versagens deutlich machten, seien unerwähnt geblieben.
  • Er habe den FBI-Fund eines vierseitigen Schriftstücks („geistliche Anleitung“) im Gepäck Mohammed Attas und in einem PKW von Nawaf al-Hazmi am Flughafen Washington-Dulles-International nicht erwähnt.
  • Er habe nicht erwähnt, dass das Pentagon bestimmten Zeugen die Aussage vor der 9/11 Kommission verboten habe und Dokumente darüber zerstört worden seien.
  • Er habe nicht erwähnt, dass die DIA dem FBI ihr Wissen des Jahres 2000 über vier spätere Flugzeugentführer vorenthalten habe.
  • Die Kommission habe den Al-Jazeera-Redakteur Yosri Fouda ohne Begründung nicht befragt, obwohl preisgekrönte Journalisten wie Peter Bergen und Ron Suskind Foudas Interview mit den Planern der Anschläge als glaubwürdig eingestuft hatten. Die im Kommissionsbericht wiedergegebenen Aussagen der Al-Qaida-Planer aus CIA-Verhören stimmten jedoch im Wesentlichen mit ihren von Fouda berichteten Aussagen überein.

Diese und andere Auslassungen des Berichts müssten ohne Verschwörungstheorien aufgeklärt werden.[32]

Literatur[Bearbeiten]

Quellen
  • Thomas H. Kean (Ed.): The 9/11 Commission Report. W. W. Norton, New York 2004, ISBN 0-393-32671-3 (Volltext online; PDF)
  • National Commission on Terrorist Attacks (Hrsg.): The 9/11 Commission Report: The Attack from Planning to Aftermath: Authorized Text. (Nachwort von Philip Zelikow) W. W. Norton, New York 2011
  • Steven Strasser, Craig R. Whitney (Hrsg.): The 9/11 Investigations: Staff Reports of the 9/11 Commission: Excerpts from the House-Senate Joint Inquiry Report on 9/11: Testimony from Fourteen Key Witnesses, Including Richard Clarke, George Tenet, and Condoleezza Rice. PublicAffairs, 2004, ISBN 1586482793
Kommentare und Kritik
  • David Jenkins, Amanda Jacobsen, Anders Henriksen: The Long Decade: How 9/11 Changed the Law. Oxford University Press, 2014, ISBN 9780199368327
  • Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2. Auflage, ABC-Clio, 2011, ISBN 1598849212
  • Anthony Summers, Robbyn Swan: The Eleventh Day: The Full Story of 9/11 and Osama bin Laden. Random House, 2011, ISBN 0-345-53125-6
  • Philip Shenon: The Commission: The Uncensored History of the 9/11 Investigation. (2008) Little Brown Book Group, London 2011, ISBN 0446580759
  • Stuart Farson, Mark Phythian: Commissions of Inquiry and National Security: Comparative Approaches. Praeger Frederick, 2010, ISBN 0313384681
  • John Iseby (Hrsg.): 9/11 Commission Recommendations. Nova Science, 2008, ISBN 1604565209
  • Government Publications: Implementing Recommendations of the 9/11 Commission Act of 2007. Conference Report to Accompany H.R. 1. Agency Publisher: House, Committee on Conference, 2007, ISBN 9780160790683
  • Thomas Kean, Lee H. Hamilton: Without Precedent: The Inside Story of the 9/11 Commission. Alfred A. Knopf, 2007, ISBN 0307263770
  • James Ridgeway: The 5 Unanswered Questions about 9/11: What the 9/11 Commission Report Failed to Tell Us. Seven Stories Press, New York 2005, ISBN 1583227121.
  • Richard A. Posner: Preventing Surprise Attacks: Intelligence Reform in the Wake of 9/11. Rowman & Littlefield, 2005, ISBN 074254947X
  • James R. Holbein: The 9/11 Commission: Proceedings and Analysis, Volume 1-3. Oceana Publications, 2005, ISBN 0379215292

Weblinks[Bearbeiten]

Verschwörungsthesen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Online-Fassung des Abschlussberichtes der Joint Inquiry into Intelligence Community Activities before and after the Terrorist Attacks of September 11, 2001; Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 388 f.
  2. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 315
  3. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung mit Artikeln aus der New York Times) S. IX
  4. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 163
  5. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. Xf.)
  6. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. XI-XIV)
  7. a b Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 318
  8. Kurzbiographien der Mitarbeiter der 9/11-Commission
  9. a b 9/11 Report, Vorwort S. XV
  10. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 260
  11. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 317
  12. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. XV f.)
  13. Philip Shenon: The Commission, London 2011, S. 156
  14. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. XVI-XVIII)
  15. Philip Shenon (New York Times, 5. Dezember 2003): Ex-Senator Will Soon Quit 9/11 Panel, Leaving Gap for Victims' Advocates
  16. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. XIX)
  17. Thomas H. Kean, Lee H. Hamilton (Hrsg.): The 9/11 Report, 2010 (Einleitung S. XX ff.)
  18. a b Ernest May (New Republic, 23. Mai 2005): When Government Writes History: The 9-11 Commission Report
  19. a b Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 317
  20. Creation of the Department of Homeland Security DHS, November 2014
  21. U.S Department of Homeland Security: Implementing 9/11 Commission Recommendations - Progress Report 2011
  22. Philip Shenon: The Commission, London 2011, S. 155
  23. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 316
  24. Beispiel: David R. Griffin: The 9/11 Commission Report: Omissions and Distortions. Arris Books, Ort 2004, ISBN 1844370577
  25. Robert Windrem, Victor Limjoco (NBC, 30. Januar 2008): 9/11 Commission controversy (Memento vom 7. April 2008 im Internet Archive)
  26. Democracy Now, 7. Februar 2008: The 9/11 Commission & Torture: How Information Gained Through Waterboarding & Harsh Interrogations Form Major Part of 9/11 Commission Report
  27. Newsweek, 13. März 2009: The 9/11 Commission's Blind Spot
  28. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2. Auflage 2011, S. 167
  29. Philadelphia Times Herald, 19. Juni 2005: Missed chance on way to 9/11
  30. Stephen E. Atkins: The 9/11 Encyclopedia. 2011, S. 20-23
  31. Anthony Summers, Robbyn Swan: The Eleventh Day, 2011, S. 97 und 117f.
  32. Anthony Summers, Robbyn Swan: The Eleventh Day, 2011, S. 6, 119f., 161, 168-170, 244