9/11 Commission Report

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Der 9/11 Commission Report von 2004 ist der Abschlussbericht einer parteiübergreifenden Untersuchungskommission des US-Kongresses zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA. Gemäß dem Kommissionsauftrag stellt der Bericht die Planung und Durchführung der Anschläge sowie die Erstreaktionen der US-Behörden am 11. September 2001 darauf detailliert dar. Daraus leitet er Empfehlungen an die US-Regierung für notwendige Strukturreformen in diesen Behörden und sonstige Maßnahmen ab.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Das United States Senate Select Committee on Intelligence und das United States House Permanent Select Committee on Intelligence, die beiden für die US-Nachrichtendienste zuständigen Ausschüsse des US-Kongresses, führten von Februar bis Dezember 2002 eine „Gemeinsame Untersuchung der Aktivitäten der Geheimdienste vor und nach den Anschlägen vom 11. September 2001“ durch. Diese sollte die geheimdienstliche Terrorismusabwehr der USA auf mögliche Lücken untersuchen. Diese Kommission legte ihren Abschlussbericht inklusive von Minderheitsvoten im Dezember 2002 vor.[1]

Die auf Nachrichtendienste begrenzte Untersuchung wurde zunehmend öffentlich kritisiert. Vor allem Interessenverbände von Opferfamilien setzten schließlich durch, dass der US-Kongress eine weitere Kommission mit einem umfassenderen Auftrag und selbstbestimmten Untersuchungsmethoden einrichtete.

Untersuchungsauftrag[Bearbeiten]

Kommissionssiegel

Der US-Kongress berief im November 2002 eine parteiübergreifende „Untersuchungskommission zu den Anschlägen des 11. Septembers 2001“ (Kurzbezeichnung: 9/11-Commission) ein. Diese sollte zwei Fragen beantworten: 1. Wie geschahen die Anschläge, 2. wie wären sie zukünftig vermeidbar? Sie erhielt ihren Auftrag am 27. November 2002 durch ein vom Kongress formuliertes, vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush unterzeichnetes Gesetz. Es verlangte, „alle Fakten und Umstände festzustellen, die zu den Anschlägen gehören, einschließlich solchen, die sich auf Informationsdienste, Strafverfolgungsbehörden, Diplomatie, Einwanderungsthemen, Grenzkontrolle, Finanzströme zu Terrororganisationen, kommerzielle Luftfahrt, die Rolle der Kongressaufsicht, Zuteilung von Ressourcen und andere Bereiche beziehen, die die Kommission als relevant zu bestimmen habe.“[2] Die Hauptaufgaben der Kommission waren also:

  • Vorbereitung und Ablauf der Anschläge lückenlos zu rekonstruieren,
  • die Arbeit der für die Verteidigung der USA gegen derartige Anschläge zuständigen Behörden und Organe der Streitkräfte zu bewerten,
  • Vorschläge zur Verhinderung zukünftiger Anschläge auszuarbeiten.

Die Ergebnisse aller drei Hauptaufgaben sollten dem US-Kongress, dem US-Präsidenten und der Öffentlichkeit in einem gemeinsam ausgearbeiteten Bericht vorgelegt werden. Dies geschah am 22. Juli 2004. Die Kommission billigte den Bericht zuvor einstimmig und betonte die Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Gründlichkeit ihres Vorgehens.[2] Am 21. August 2004 stellte sie ihre Arbeit ein.

Die Untersuchung der physikalischen Einsturzursachen der von den Anschlägen betroffenen Gebäude gehörte nicht zum Arbeitsauftrag der Kommission. Dazu erhielten die US-Behörden FEMA und NIST eigene Untersuchungsaufträge.

Kommissionsmitglieder[Bearbeiten]

Die Untersuchungskommission

Der US-Kongress wählte je fünf Abgeordnete der Republikaner und der Demokraten für die Untersuchung aus. Die Republikaner waren Thomas Kean (Vorsitzender), Fred F. Fielding, Slade Gorton, John Lehman (früherer Marinestaatssekretär) und James Robert Thompson (früherer Gouverneur von Illinois).

Die Demokraten waren Lee H. Hamilton (stellvertretender Vorsitzender), Richard Ben-Veniste (früherer Chef der Watergate Task Force im Watergate Special Prosecutor's Office), Jamie Gorelick, Bob Kerrey und Timothy J. Roemer.[3]

Hinzu kam ein Stab von rund 80 Mitgliedern unter dem Exekutivdirektor Philip D. Zelikow und seinem Stellvertreter Christopher Kojm. Daniel Marcus war General Counsel (Berater), Al Felzenberg war Pressesprecher.

Philip D. Zelikow

Anhörungen[Bearbeiten]

Die Kommission wertete über 2.5 Millionen Seiten von Dokumenten aus und befragte über 1.200 Personen aus zehn Staaten. Darunter waren 160 direkte Zeugen der Anschläge, die an insgesamt 19 Tagen befragt wurden, sowie jeder Minister und höhere Staatsbeamte der US-Regierungen unter Bill Clinton und George W. Bush, der mit auftragsrelevanten Themen zu tun hatte. Öffentlich befragt wurden unter anderen:

In geschlossenen Sitzungen wurden ferner befragt:

  • Präsident George W. Bush
  • Vizepräsident Dick Cheney
  • Ex-Präsident Bill Clinton
  • Ex-Vizepräsident Al Gore

Gliederung[Bearbeiten]

  • Executive Summary
  • Contents, List of Illustrations and Tables, Members, and Staff
  • Vorwort-Preface
  • Kapitel 1: „We Have Some Planes“
  • Kapitel 2: The Foundation of the New Terrorism
  • Kapitel 3: Counterterrorism Evolves
  • Kapitel 4: Responses to al Qaeda’s Initial Assaults
  • Kapitel 5: Al Qaeda Aims at the American Homeland
  • Kapitel 6: From Threat to Threat
  • Kapitel 7: The Attack Looms
  • Kapitel 8: „The System Was Blinking Red“
  • Kapitel 9: Heroism and Horror
  • Kapitel 10: Wartime
  • Kapitel 11: Foresight and Hindsight
  • Kapitel 12: What to do? A Global Strategy
  • Kapitel 13: How to do it? A Different Way of Organizing the Government
  • Appendices
  • Notes

Ergebnisse[Bearbeiten]

Der Bericht erschien ohne Vorabdrucke am 22. Juli 2004 in den USA. Die Erstauflage von 600.000 Exemplaren war in einer Woche verkauft. In acht Monaten wurden etwa zwei Millionen Stück verkauft. Bis März 2005 wurde der Bericht im Internet 6.9 Millionen mal als Download heruntergeladen.[4]

Nach dem Bericht wurden die Anschläge vor allem durch Versäumnisse und fehlendes Zusammenwirken von CIA und FBI sowie zu langsame Befehlswege nach Beginn der Flugzeugentführungen möglich. Bei rechtzeitiger Weitergabe und Beachtung von Einzelinformationen über einzelne Täter, ihren Aktivitäten in den USA und anderen Mosaikteilen, die einzelnen Behörden jeweils im Vorfeld bekannt waren, hätten die Anschläge verhindert werden können. Als ausführende Täter identifizierte der Bericht die 19 Flugzeugentführer, alle Mitglieder von Al-Qaida. Als ihren Auftraggeber identifizierte er Osama bin Laden. Einige Täter hatten nach ihrer Einreise in den USA eine auf Landeanflüge begrenzte Pilotenausbildung gemacht und waren dadurch bereits unter Verdacht geraten, der jedoch von übergeordneten Stellen nicht ausreichend beachtet wurde. Dem Bericht zufolge gab es keine Belege für eine Zusammenarbeit zwischen Al Qaida und Saddam Hussein, dem im Irakkrieg 2003 gestürzten Diktator des Irak. Die Kommission empfahl der amtierenden US-Regierung eine weitgehende Reform des US-amerikanischen Geheimdienstsystems, unter anderem die Zusammenführung der Leitungsebenen von 28 mit nationaler Sicherheit befassten Regierungsbehörden in einem zentralen Department of Homeland Security („Heimatschutzministerium“). Dieses wurde im November 2002 eingerichtet und im März 2003 eröffnet.[5] Es berichtete 2011 über seine Fortschritte bei der Umsetzung weiterer Empfehlungen der 9/11-Kommission.[6]

Kritik[Bearbeiten]

Der Kommission wurde mangelnde Unabhängigkeit und mangelnde Kritikbereitschaft an den Positionen der US-Regierung vorgeworfen. An ihrer Arbeitsweise und ihren Ergebnissen wurde von verschiedenen Seiten Kritik geübt. Einige Zeugen behaupteten später, sie seien nicht befragt oder ihre Aussagen seien nicht berücksichtigt oder unterdrückt worden. Manche Beweismittel seien zu wenig gewürdigt worden. Der Bericht lasse wesentliche Vorgänge wie den Einsturz des Original 7 World Trade Center und mögliche andere Ursachen der Anschläge unberücksichtigt. Ein Großteil dieser Kritik stammt aus dem 9/11 Truth Movement, dessen Vertreter Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 vertreten und verbreiten.[7]

Ernest May, einer der Hauptautoren des Kommissionsberichts, erklärte im Mai 2005: Hoch qualifizierte Personen, darunter Historiker und Antiterrorexperten früherer US-Regierungen, hätten den Bericht gemeinsam erstellt und einstimmig gebilligt. Das Weiße Haus habe seines Wissens alle verfügbaren Dokumente dazu zur Verfügung gestellt. Die CIA habe der Kommission alle Verhörsprotokolle zum 11. September übergeben, ihr aber direkten Zugang zu Al-Qaida-Häftlingen verwehrt und nur die Namen von bereits offiziell anerkannten Tätern zu nennen erlaubt. Die Kommission habe den anonymisierten Häftlingsaussagen nie vertraut, aber die CIA-Verbote nicht aufzuheben versucht, wohl da sie selbst aus vielen ehemaligen oder noch tätigen CIA-Beamten bestanden habe.[4]

Im Januar 2008 gab CIA-Direktor Michael V. Hayden im US-Senat bekannt, die CIA habe drei Al-Qaida-Mitglieder (Khalid Sheikh Mohammed, Abu Zubaydah und Abd al-Rahim al-Nashiri) bis Anfang 2003 bei Verhören legal dem Waterboarding und etwa 30 von 100 Al-Qaida-Gefangenen anderen „erweiterten Befragungsmethoden“ (etwa Schlafentzug) unterzogen. Waterboarding ist nach internationalem Recht als Folter verboten. Der US-Sender NBC berichtete danach, etwa ein Viertel aller Fußnoten des Kommissionsberichts nenne CIA-Verhöre von Al-Qaida-Mitgliedern als Quelle. Alle drei von Hayden genannten Zeugen seien darunter, aber nur zehn der befragten Al-Qaida-Häftlinge würden namentlich genannt. Drei Kommissionsmitglieder hätten eingeräumt, dass sie von harten Verhörstechniken der CIA gewusst hätten. Sie seien diesen aber nicht nachgegangen, da dies nicht zum Kommissionsauftrag gehört habe. Der Kommissionstab habe diese Verhörsmethoden nicht kritisiert, sondern Anfang 2004 für mehr Informationen sogar eine zweite Verhörsserie von der CIA verlangt.[8]

Der Exekutivdirektor der Kommission Philip Zelikow erklärte dazu: Man habe die CIA sehr präzise und wiederholt nach den Umständen der Verhöre befragt und das Ausbleiben der CIA-Antworten darauf, die Weigerung, direkte Befragungen zuzulassen und Zweifel an bestimmten Häftlingsaussagen explizit im Bericht vermerkt. Von Folter habe man nichts gewusst. Nach deren Bekanntwerden habe man einen ausführlichen internen Bericht über die Kommissionsversuche verfasst, direkten Zugang zu den Gefangenen und ihren Verhörern zu erhalten, den die New York Times veröffentlicht habe. Die Tatbeteiligung von Khalid Sheikh Mohammed und Ramzi Binalshibh sei durch ihre Eigenaussagen gegenüber Al Jazeera vor ihrer Festnahme erwiesen.[9] Die Zeitschrift Newsweek schrieb im März 2009: Es sei sogar möglich, dass die Al-Qaida-Gefangenen gerade wegen der Kommissionsforderung nach einer zweiten Verhörsserie gefoltert worden seien. Das beeinträchtige die Glaubwürdigkeit des Kommissionsberichts erheblich.[10]

Die Investigativjournalisten Anthony Summers und Robbyn Swan fassten zum zehnten Jahrestag der Anschläge durch andere Berichte bestätigte Fakten des Kommissionsberichts zusammen, wiesen einige Verschwörungsthesen wie die einer Falsche Flagge-Aktion, eines wissentlichen Zulassens der Anschläge oder aktiven Beteiligung der Bush-Regierung, einer heimlich vorbereiteten Sprengung der WTC-Gebäude und andere als haltlos zurück und bestätigten das Hauptergebnis der 9/11-Untersuchung: Erhebliches Chaos in den Flugaufsichtsbehörden, das Missachten zahlreicher Warnungen im Vorfeld durch die US-Regierung und Nichtweitergabe von Informationen zwischen Sicherheitsdiensten hätten die Anschläge ermöglicht.[11] Sie fassten aber auch Auslassungen des Kommissionsberichts zusammen, die seit 2004 immer wieder kritisiert und Anlass für Verschwörungstheorien geworden waren:

  • Er sei der Frage nicht nachgegangen, weshalb die CIA ihr Wissen seit März 2000 von der Einreise von zwei Al-Qaida-Mitgliedern in die USA nicht an das FBI weitergegeben habe.
  • Er habe keine finanziellen Verbindungen der Flugzeugentführer nach Saudi-Arabien aufgedeckt. Das Kapitel, in dem es darum gehen sollte, sei ohne zureichende Begründung unter US-Präsident George W. Bush geheimgehalten und trotz versprochener Freigabe auch unter Barack Obama bis 2011 nicht veröffentlicht worden.
  • Er habe eine interne Anfrage Philip Zelikows an die Kommissionsleiter, wie mit Falschaussagen von Zeugen der U.S. Air Force, der Federal Aviation Administration (FAA) und NORAD umzugehen sei, nicht weitergegeben. Die Anfrage wurde erst 2009 bekannt. Wichtige Aussagen der FAA, die das Ausmaß ihres Versagens deutlich machten, seien unerwähnt geblieben.
  • Er habe den FBI-Fund eines vierseitigen Schriftstücks („geistliche Anleitung“) im Gepäck Mohammed Attas und in einem PKW von Nawaf al-Hazmi am Flughafen Washington-Dulles-International nicht erwähnt.
  • Er habe nicht erwähnt, dass das US-Verteidigungsministerium bestimmten Zeugen die Aussage vor der 9/11 Kommission verboten habe und Dokumente darüber zerstört worden seien.
  • Er habe nicht erwähnt, dass die Defense Intelligence Agency dem FBI ihr Wissen des Jahres 2000 über vier spätere Flugzeugentführer vorenthalten habe.
  • Die Kommission habe den Al-Jazeera-Redakteur Yosri Fouda ohne Begründung nicht befragt, obwohl preisgekrönte Journalisten wie Peter Bergen und Ron Suskind Foudas Interview mit den Planern der Anschläge als glaubwürdig eingestuft hatten. Die im Kommissionsbericht wiedergegebenen Aussagen der Al-Qaida-Planer aus CIA-Verhören stimmten jedoch im Wesentlichen mit ihren von Fouda berichteten Aussagen überein.

Diese und andere Auslassungen des Berichts müssten ohne Verschwörungstheorien aufgeklärt werden.[12]

Nach Presseberichten von 2013 wurden 28 Seiten des Untersuchungsberichts nicht veröffentlicht, die Saudi-Arabien belasten sollen. Von dort stammten 15 der 19 ausführenden Täter. Die Senatoren Walter B. Jones und Stephen Lynch fordern die Veröffentlichung.[13]

Quelle[Bearbeiten]

  • Thomas H. Kean (Ed.): The 9/11 Commission Report. W. W. Norton, New York 2004, ISBN 0-393-32671-3 (Volltext online; PDF)
  • National Commission on Terrorist Attacks (Hrsg.): The 9/11 Commission Report: The Attack from Planning to Aftermath: Authorized Text. (Nachwort von Philip Zelikow) W. W. Norton, New York 2011

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Verschwörungsthesen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Online-Fassung des Abschlussberichtes der Joint Inquiry into Intelligence Community Activities before and after the Terrorist Attacks of September 11, 2001
  2. a b 9/11 Report, Vorwort S. XV
  3. Kurzbiographien der Mitarbeiter der 9/11-Commission
  4. a b Ernest May (New Republic, 23. Mai 2005): When Government Writes History: The 9-11 Commission Report
  5. Creation of the Department of Homeland Security. DHS, abgerufen am 2014 (englisch).
  6. U.S Department of Homeland Security: Implementing 9/11 Commission Recommendations - Progress Report 2011
  7. Beispiel: David R. Griffin: The 9/11 Commission Report: Omissions and Distortions. Arris Books, Ort 2004, ISBN 1844370577
  8. Robert Windrem, Victor Limjoco (NBC, 30. Januar 2008): 9/11 Commission controversy (Version vom 7. April 2008 im Internet Archive)
  9. Democracy Now, 7. Februar 2008: The 9/11 Commission & Torture: How Information Gained Through Waterboarding & Harsh Interrogations Form Major Part of 9/11 Commission Report
  10. Newsweek, 13. März 2009: The 9/11 Commission's Blind Spot
  11. Anthony Summers, Robbyn Swan: The Eleventh Day: The Full Story of 9/11 and Osama bin Laden. Random House, 2011, ISBN 0-345-53125-6, S. 97 und 117f.
  12. Anthony Summers, Robbyn Swan: The Eleventh Day: The Full Story of 9/11 and Osama bin Laden. 2011, S. 6, 119f., 161, 168-170, 244
  13. Der Standard, 17. Dezember 2013: 9/11-Bericht soll Saudis belasten