AN.TAḪ.ŠUM-Fest

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Schriftzug und Transliteration

Das AN.TAḪ.ŠUM-Fest war vermutlich das bedeutendste Opferfest der Hethiter.[1] Es fand im Frühjahr statt und dauerte zwischen 35 und 40 Tagen. Benannt ist das Fest nach einer Frühlingspflanze. Der größte Teil der Feierlichkeiten wurde in der hethitischen Hauptstadt Ḫattuša abgehalten, daneben fanden aber auch mehrtägige Kultreisen statt, wobei wichtige Städte in der Umgebung der Hauptstadt aufgesucht wurden, darunter die beiden heiligen Städte Arinna und Ziplanda. Die das Fest betreffenden Texte sind im Catalogue des Textes Hittites unter den Nr. 604–621 und 625 geführt.

Die AN.TAḪ.ŠUM-Pflanze[Bearbeiten]

Die AN.TAḪ.ŠUM-Pflanze war ein Zwiebelgewächs, vermutlich eine Krokusart, aber auch Knoblauch und Fenchel werden vorgeschlagen. Sie muss eine Frühlingspflanze sein, die das Frühlingserwachen zu neuem Leben symbolisierte. Die Pflanze wurde am ersten, am 32. und 33. Tag des Festes zusammen mit anderen Speisen den Göttern geopfert. Zum Kultinventar gehörte eine große AN.TAḪ.ŠUM-Pflanze aus Gold, die mehr als eine Mine (etwa 500 Gramm) wog.

Das AN.TAḪ.ŠUM-Fest[Bearbeiten]

Das AN.TAḪ.ŠUM-Fest ist seit der Großreichszeit bezeugt und dauerte ursprünglich 35 Tage. Später wurde es um 3 Tage erweitert und seit Tutḫalija IV. dauerte es 40 Tage. Da das Fest ziemlich aufwändig war, dürfte es nach Meinung einiger Forscher nicht alljährlich gefeiert worden sein. Das Fest setzte sich aus verschiedenen lokalen Frühlingsfesten zusammen, die zu einem staatlichen Opferfest zusammengefasst wurden, bei dem das Königspaar eine bedeutende Rolle einnahm.

Das Fest wird in vier Übersichtstafeln beschrieben, die älteste stammt aus dem 14. Jahrhundert v. Chr. die jüngste von König Tutḫalija IV., der das Fest neu ordnete. Auch sein Vorgänger Šuppiluliuma I. hatte das Fest neu geregelt, zudem gibt es Hinweise, dass Muwatalli II. ebenfalls am Fest Neuerungen vornahm.

Ablauf des Festes[Bearbeiten]

Am ersten Tag reisten der König und die Königin nach Taḫurpa, wo der Sonnengöttin von Arinna und der lokalen Sonnengöttin Taḫurpištanu, dem Pferdegott Pirwa und der lokalen Schwurgöttin Amamma geopfert wurde. Anderntags fand ein Wettlauf bei Tippuna statt und das Königspaar kehrte dann zurück nach Ḫattuša und badete dort im tarnu-Haus.

Am dritten Tag begann die Kultreise des göttlichen kurša, eine Art kultisches Vlies, des Zitḫarija. Es wurde zuerst von Arinna nach Ḫattuša gebracht, am vierten Tag nach Tawinija. An diesem Tag fand in der Hauptstadt ein Opfer für Zababa statt. Nach der Übernachtung in Ḫijašna kehrte das kurša nach Ḫattuša zurück, wo der Wettergott von Ziplanda verehrt wurde. Das kurša wurde am sechsten Tag zum Tempel der Korngöttin Ḫalki gebracht, worauf das Vorratsgefäß neben dem Wettergott von Ziplanda geöffnet wurde. Es folgte ein dreitägiges Opferfest mit Rinder- und Schafopfern; Erde wurde vom ḫeštu-Haus (Beinhaus, Totentempel) hergebracht.

Am achten Tag fuhr der König nach Arinna, wobei er unterwegs mehrere heilige Haine aufsuchte. Er übernachtete in Arinna, während die Königin im Königinnenpalast in Ḫattuša schlief. Am neunten Tag legte der König in Arinna die AN.TAḪ.ŠUM-Pflanze nieder, dasselbe machte die Königin im Königinnenpalast. Am zehnten Tag kehrte der König nach Ḫattuša zurück.

In den folgenden Tagen fanden die Feierlichkeiten in der Hauptstadt statt. Am elften Tag wurde das Jahr ins ḫeštu-Haus getragen, gefolgt vom König, später fanden Pferderennen statt, wobei als Siegerpreis eine Kupfersichel verliehen wurde. Am zwölften Tag begann das mehrtägige Fest im Tempel des Ziparwa. Gleichzeitig wurde das große Weizen-Vorratsgefäß des Wettergottes von Ḫatti geöffnet und im Tempel der Sonnengöttin von Arinna das ḫadauri-Schlachtfest mit Schafopfer gefeiert. An den folgenden Tagen wurden mehrere Feiern, Libationen und Schlachtopfer für verschiedene Gottheiten durchgeführt, an denen das Königspaar und die Prinzen teilnahmen. Zu den gefeierten Gottheiten gehörten unter anderem die Sonnengöttin der Erde, der palaische Wettergott Ziparwa, der Kriegsgott Zababa und die ansonsten unbekannte Gottheit Ḫannu. Ein Teil dieser Feierlichkeiten wurde am Buchsbaumhain bei der Stele des Wettergottes zelebriert. Am 18. Tag opferte der König im Reinen Tempel dem Wettergott Piḫašašši und die Königin im ḫalentu-Haus der Sonnengöttin von Arinna. Am 21. Tag wurden mehreren Gottheiten Schafe geopfert und am 22. Tag feierte das Königspaar im Tempel von Aškašepa.

Am 23. Tag begann das mehrtägige Fest für Šauška von Ḫattarina, darauf folgten mehrere Gartenfeste für diverse Gottheiten, darunter der Schutzgott von Tauriša, der Berg Tapala, Ea, die Muttergöttin oder der Wettergott von Ḫuršanašša.

Am 32. Tag begann eine mehrtägige Kultreise. Das Königspaar betrat frühmorgens den Tempel des Schutzgottes von Tauriša und pilgerte danach zum Berg Piškurunuwa. Der König übernachtete in Ḫaitta. Anderntags stiegen König und Königin auf den Berg und feierten beim Gehege des heiligen Hirsches der Sonnengöttin von Arinna und spendeten diesem ein Trankopfer. Am 35. Tag opferte die Königin in Ḫarranašša der Sonnengöttin von Arinna, gleichzeitig wurden Opfertiere nach Ziplanda getrieben, wo am 36. Tag ein Opferfest gefeiert wurde, wobei auch der dortige heilige Berg Taḫa aufgesucht wurde. Am 37. Tag führte die Kultreise nach Ankuwa, wo anderntags das Regenfest zelebriert wurde.

Während der ganzen Zeit fanden an verschiedenen Örtlichkeiten große Versammlungen statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans G. Güterbock: An Outline of the Hittite AN.TAḪ.ŠUM Festival. In: Journal of Near Eastern Studies. Bd. 19, No. 2, 1960, ISSN 0022-2968, S. 80–89.
  • Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion (= Handbuch der Orientalistik. Abt. 1, Bd. 15). Brill, Leiden u. a. 1994, ISBN 90-04-09799-6.
  • Piotr Taracha: Religions of Second Millennium Anatolia (= Dresdner Beiträge zur Hethitologie. Bd. 27). Harrassowitz, Wiesbaden 2009, ISBN 978-3-447-05885-8.
  • Christian Zinko: Betrachtungen zum AN.TAH.ŠUM-Fest: Aspekte eines hethitischen Festrituals. Verlag Scientia, Innsbruck 1987.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kapitel Das AN.TAḪ.ŠUM-Festritual, in: Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. 1994, S. 772–826