ATD Vierte Welt

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Die Bewegung ATD Vierte Welt (englisch International Movement ATD Fourth World) ist eine internationale Nichtregierungsorganisation, die sich für die Menschenrechte, den Frieden und die Anerkennung der Würde jedes Menschen einsetzt.

Anliegen[Bearbeiten]

ATD Vierte Welt entstand 1957 als Selbsthilfevereinigung im Obdachlosenlager von Noisy-le-Grand bei Paris. Ihr Gründer, Père Joseph Wresinski, war selber in bitterer Armut aufgewachsen. Er wollte, dass die ausgeschlossenen Familien und Bevölkerungsgruppen ihre Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen und diese als gleichberechtigte Partner und Partnerinnen mitgestalten können.

Organisation[Bearbeiten]

ATD Vierte Welt ist parteipolitisch und konfessionell neutral und hat Beraterstatus bei ECOSOC, Unesco, Unicef, Internationale Arbeitsorganisation und Europarat. Sie ist in 29 Ländern auf allen Kontinenten tätig. Der Hauptsitz befindet sich in Pierrelaye/Frankreich, die Geschäftsstelle für Deutschland in München, das Schweizer Zentrum in Treyvaux.

Arbeitsweise[Bearbeiten]

ATD bedeutet englisch "All Together for Dignity" (gemeinsam für die Menschenwürde), französisch Aide à toute détresse (Hilfe in aller Not). Beide Formeln drücken den gleichen Gedanken aus: Um die Würde aller Menschen zu garantieren, muss immer wieder beim ärmsten, beim am stärksten ausgeschlossenen angesetzt werden.

Um Elend und Ausgrenzung zu überwinden, baut ATD Vierte Welt auf das persönliche Engagement von Menschen: Erwachsene, Jugendliche und Kinder, die sich als direkt Betroffene wehren, Verbündete, die das Anliegen in ihrem persönlichen Einflussbereich vertreten, und hauptamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus allen Berufssparten.

Gemeinsam entwickeln diese Mitglieder Projekte im Bereich der Bildung und der Kultur. Sie fördern den Dialog untereinander und mit der Gesellschaft. Ein Beispiel sind die „Volksuniversitäten Vierte Welt”. in verschiedenen europäischen Ländern. Hier tauschen armutsbetroffene und andere Menschen Erfahrungen aus, lernen aufeinander zu hören und thematisieren Lebensbereiche wie Arbeit, Kultur, Bildung oder Gesundheit. Sie üben den Dialog und bereiten auch Stellungnahmen vor.

Wirkung[Bearbeiten]

Durch ihr Forschungsinstitut hat die Bewegung ATD Vierte Welt seit den sechziger Jahren wesentlich zur Bewusstwerdung der anhaltenden Armut in den reichen Ländern beigetragen. Sie hat die internationale Staatengemeinschaft für den Zusammenhang zwischen Armut und Menschenrechten sensibilisiert, was im Herbst 2012 zur Verabschiedung entsprechender Leitlinien durch die UNO-Generalversammlung führte.[1] Wegweisend war hier der Wresinski-Bericht des französischen Wirtschafts- und Sozialrats[2] mit seiner Definition: "Wirtschaftliche und soziale Unsicherheit […] führt dann zu schwerer Armut, wenn sie mehrere Existenzbereiche berührt, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhält, wenn sie die Möglichkeiten beeinträchtigt, aus eigener Kraft in absehbarer Zeit seine Verantwortlichkeiten wieder zu übernehmen und seine Rechte zurückzuerwerben." Auf Initiative von ATD Vierte Welt wird der 17. Oktober seit 1987 als Welttag zur Überwindung der Armut begangen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jona M. Rosenfeld: Emerger de la grande pauvreté. Le Mouvement international ATD Quart Monde et son action avec les familles les plus pauvres. Editions Quart Monde, Paris 1994, ISBN 2-904972-28-5
  • Jona M. Rosenfeld, Bruno Tardieu: Artisans of Democracy: How Ordinary People, Families in Extreme Poverty, and Social Institutions Become Allies to Overcome Social Exclusion. University Press of America, 2000, ISBN 0-7618-1666-6

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Final draft of the guiding principles on extreme poverty and human rights, submitted by the Special Rapporteur on extreme poverty and human rights, Magdalena Sepúlveda Carmona, Bericht des UN Human Rights Council vom 18. Juli 2012 (PDF 576kb)
  2. Grande pauvreté et précarité économique et sociale. Journal Officiel de la République Française, 28 février 1987.