Aachener Königsthron

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Der Königsthron im Aachener Dom
Seitenansicht des Thronsitzes

Der Aachener Königsthron, auch Thron Karls des Großen oder Karlsthron genannt, ist ein in den 790er Jahren im Auftrag Kaiser Karls des Großen errichteter Thron, der zur Ausstattung seiner Pfalzkapelle, des heutigen Aachener Doms, gehörte, wo er seit seiner Schaffung im Hochmünster aufgestellt ist. Er diente bis zum Jahr 1531 insgesamt 30 deutschen Königen als Krönungssitz. Daher wurde bereits im elften Jahrhundert vom Aachener Königsthron als dem totius regni archisolium, dem Erzstuhl des ganzen Reiches, gesprochen.[1] Karl der Große selbst wurde nicht auf diesem Thron gekrönt.

Gestaltung[Bearbeiten]

Der Königsthron ist überaus schlicht und einfach gestaltet; Verzierungen fehlen gänzlich. Zu dem auf einem Unterbau errichteten Sitz führen sechs Stufen. Der Stuhl selbst besteht aus vier mit bronzenen Klammern zusammengehaltenen Marmorplatten, die nach den neueren Untersuchungen ebenso wie die Stufen um 800 der Grabeskirche in Jerusalem entnommen wurden. Eine andere (unbelegte) Interpretation verweist auf die Palasttreppe des Pilatus, über die Jesus nach seiner Geißelung hinaufgeschritten ist.[2] Auf einer der beiden seitlichen Platten finden sich feine, eingeritzte Linien, die wohl als Spielfeld für ein antikes Mühlespiel dienten. Die Rückplatte zeigt gar eine frühe Darstellung der Kreuzigungsszene.[3] Aus der Oberflächenbehandlung und den aus verschiedenen Epochen stammenden Einritzungen heidnischer wie christlicher Art kann darauf geschlossen werden, dass die Platten mindestens zum dritten Male verbaut wurden.[2]

Die hölzerne Innenkonstruktion, die sich heute im Rheinischen Landesmuseum Bonn befindet, diente als Unterkonstruktion der heute verlorenen Sitzplatte aus Marmor. Darunter befand sich ein Fach, in dem – wie neuere Forschungen zeigen – das Krönungsreliquiar oder Teile davon, insbesondere aber die Stephansbursa, aufbewahrt wurden. Eine Radiokohlenstoffdatierung ergab, dass die Eichenholzplatte karolingisch um 800 datiert ist.[4]

Der Thron ruht auf vier steinernen Pfeilern. Das ermöglichte es den Besuchern der Marienkirche in späterer Zeit, unter dem Thron hindurchzukriechen, was einerseits eine Demutshaltung gegenüber dem neu geweihten Herrscher und andererseits gewiss auch eine Geste der Huldigung Jesus Christus gegenüber, der mit den konstitutiven Marmorplatten in Beziehung gesetzt wird (siehe noch unter Symbolik), zum Ausdruck brachte. Die wie poliert wirkenden Innenflächen der vier Tragpfeiler zeugen davon, dass im Laufe der Jahrhunderte unzählige Besucher diesen Gang absolviert haben müssen.[2]

Der Thronsitz hat alle Umbauten und Zerstörungen in der Kapelle durch die Jahrhunderte hindurch überstanden. Jedoch wurde er im Zuge der vom Domkapitel veranlassten Maßnahmen zum Schutze der kostbaren Ausstattung von Dom und Domschatz vor Kriegsschäden durch Bomben und Löschwasser im Zweiten Weltkrieg mit teerhaltiger Pappe verhüllt, mit Sand aufgefüllt und eingemauert. Durch die Teerpappe sind die heute sichtbaren schmutzig gelben Verfärbungen entstanden, auf deren Entfernung man zugunsten einer Erhaltung der antiken Graffiti verzichtet hat.[2]

Im Durchgang unterhalb des Karlsthrons sowie in unmittelbarer Nähe desselben finden sich Originalstücke des karolingischen Fußbodenbelags. Die hierfür ausgewählten kostbaren Steinsorten stammen aus antiken Überresten und sind nach dem Vorbild italienischer Repräsentationsbauten verlegt worden. Im Einzelnen setzt sich der ursprüngliche Bodenbelag aus weißem Marmor, spinatgrünem antikem Porphyr und rotem Porphyr aus Ägypten zusammen. Das Material stammt evtl. aus dem Palast Theoderichs des Großen in Ravenna, wo sehr ähnliche Fußböden nachgewiesen sind.[5]

Symbolik[Bearbeiten]

Der Thron, dessen Bezüge ihn als herausragendes Dokument der karolingischen Renaissance qualifizieren, befindet sich in der Westempore des oberen Umgangs – Hochmünster genannt – des karolingischen Oktogons.

Die Platzierung des Thrones steht in einem engen baulichen Kontext zur Pfalzkapelle, deren Proportionsverhältnisse in Zahlen ausgedrückt ein symbolisches Abbild des Himmlischen Jerusalem darstellen sollen. Dem wohl nach biblischem Vorbild des Thrones Salomos gestalteten Herrschersitz wurde – auch durch die Anordnung auf einer Galerie, die den Herrscher in eine gesonderte Sphäre rückte – der höchste Platz zugewiesen und damit unmissverständliche Symbolkraft für den Anspruch auf die weltliche und geistliche Herrschaft über das Reich und die Mittlerfunktion zwischen Himmel und Erde verliehen. Dabei könnte die Zahl der Stufen von symbolischer Relevanz sein, denn nach 1 Kön 10,19 EU hatte auch Salomos Thron sechs Stufen und stand in einer Halle, dem Tempel mit seinem kubischen Allerheiligsten gegenüber (1 Kön 7,6f. EU). Eine bewusste Anlehnung an das salomonische Vorbild würde zu Karls bedingungslosem, universalem Herrschaftsanspruch und Sendungsbewusstsein als Regent eines christlichen Weltreiches über ein neues auserwähltes Gottesvolk und damit gleichsam als neuer Salomo passen. Diese Deutung verstärkt sich durch Karls nachgewiesene Bewunderung bereits als König für den gewiss zumindest ebenso ruhmreichen Vater und Vorgänger Salomos, König David, dessen Rolle als Statthalter Gottes auf Erden Karl von jeher gleichzukommen strebte. Im Jahre 801 heißt es gar: „Wir gaben Karl bei Hofe den Namen ,David‘.“[6] Unterstrichen wird diese Botschaft durch die Verwendung von Marmor aus dem Heiligen Land, der als Spolie aus der Jerusalemer Grabeskirche auf Christus und somit auf den Gedanken des Gottesgnadentums verweist. Nach mittelalterlicher Vorstellung sind die mamornen Platten durch die Berührung Christi zu heiligen Reliquien geweiht geworden. Aus Achtung hiervor hat man wohl die unregelmäßige Plattenstärke wie auch die unschöne Oberflächenstruktur in Kauf genommen.[7]

Der Kaiserthron ist in den westlichen Teil der von West nach Ost ausgerichteten Kapelle gestellt. Der Blick des thronenden Herrschers fällt nach Osten in der Erwartung, dass aus dieser Himmelsrichtung der Jüngste Tag anbrechen wird und sich damit das Ende aller weltlichen Herrschaft vollzieht (vgl. Ad orientem).

Die vier Säulen auf steinernem Podest repräsentieren die vom Weltenherrscher regierte Erde mit ihren nach antiker Vorstellung vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde, ihren Jahreszeiten und Himmelsrichtungen. Auch kann hierin ein Bezug zu den vier Paradiesflüssen gesehen werden, die der Erde die Fruchtbarkeit bringen.[8]

Höchstwahrscheinlich hat in dem Raum hinter dem Karlsthron ein dem hl. Michael geweihter Altar gestanden. Demnach durfte der Gekrönte auf dem Königsstuhl Platz nehmend darauf vertrauen, dass ihm der Erzengel wortwörtlich „den Rücken stärkte“.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Leo Hugot: Der Königsthron im Aachener Dom. In: Koldewey-Gesellschaft. Bericht über die 29. Tagung für Ausgrabungswissenschaft und Bauforschung vom 26. - 30. Mai 1976 in Köln. Köln, 1976, S. 36–42.
  • Francesco Gabrieli, André Guillou, Bryce Lyon, Jacques Henri Pirenne, Heiko Steuer: Mohammed und Karl der Große. Belser Verlag, 1993, ISBN 3-7630-2097-7.
  • Sven Schütte: Der Aachener Thron. In: M. Kramp (Hrsg.): Krönungen, Könige in Aachen - Geschichte und Mythos. Katalog 1999. Verlag Philipp von Zabern, ISBN 3-8053-2617-3, S. 213–222.
  • Katharina Corsepius: Der Aachener „Karlsthron“ zwischen Zeremoniell und Herrschermemoria. In: Marion Steinicke, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Investitur- und Krönungsrituale. Herrschaftseinsetzungen im kulturellen Vergleich. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-09604-0, S. 359–375.
  • Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 37–45.
  • Walter Maas, Pit Siebigs: Der Aachener Dom. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2445-9, S. 68–77.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 38.
  2. a b c d Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 41.
  3. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 39.
  4. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 44.
  5. a b Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 45.
  6. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 42 f.
  7. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 40.
  8. Hans Jürgen Roth: Ein Abbild des Himmels. Der Aachener Dom – Liturgie, Bibel, Kunst. Thouet, Aachen 2011, S. 42.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Aachener Königsthron – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

50.7746476.083766Koordinaten: 50° 46′ 29″ N, 6° 5′ 2″ O