Abbas Kiarostami

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Abbas Kiarostami (2013)

Abbas Kiarostami (persisch ‏عباس كيارستمى‎‎; * 22. Juni 1940 in Teheran) ist ein iranischer Drehbuchautor, Filmregisseur und Lyriker. Er gilt als einer der bedeutendsten und bekanntesten Regisseure des iranischen Films.

Leben[Bearbeiten]

Kiarostami drehte 1970 seinen ersten Kurzfilm Nan va Kutcheh (Brot und Gasse). Im Jahr 1974 erschien sein erster vollwertiger Spielfilm Mossafer. Zum Ende der 1980er Jahre wurde Kiarostami durch seinen Film Wo ist das Haus meines Freundes? auch international bekannt.

Im Jahr 1997 wurde er bei den Internationalen Filmfestspiele von Cannes mit der Goldenen Palme für seinen Film Der Geschmack der Kirsche ausgezeichnet. Zwei Jahre später erhielt er bei den Filmfestspielen von Venedig verschiedene Auszeichnungen für seinen Film Der Wind wird uns tragen,

Die 1969 geschlossene Ehe mit Parvin Amir-Gholi wurde 1982 geschieden. Aus der Beziehung gingen zwei Söhne hervor, Ahmad (* 1971) und Bahman Kiarostami (1978). Letzterer ist ebenfalls als Filmregisseur tätig.

Werk[Bearbeiten]

Kiarostamis Filme zeigen den Einfluss von Tati, Rossellini und Bresson. Er dreht meist ohne konkretes Drehbuch. Unter Filmemachern werden vor allem Kiarostamis Fähigkeiten im Umgang mit Kindern und Laiendarstellern gelobt. Wichtig ist sein Werk aber besonders, weil er die soziale Stellung des Kinos und des Regisseurs sowie die realen Beziehungen zwischen Film(kamera) und Objekt zum Thema seiner Filme macht. Das Resultat ist ein Metakino, das zwischen Dokumentation und Fiktion oszilliert. Die Filme scheinen bemüht, ihre Künstlichkeit und Konstruiertheit sichtbar zu machen. Die Grenzen der Möglichkeiten des Kinos werden ausgelotet und oft schließlich doch in einem transzendentalen Akt scheinbar überschritten.

Kiarostamis Ansehen beruht im Wesentlichen auf der Würdigung anderer Filmregisseure. So wird etwa Jean-Luc Godard das Zitat zugeschrieben: Der Film beginnt mit D. W. Griffith und endet mit Abbas Kiarostami. Und Martin Scorsese beschreibt Kiarostami als Repräsentanten des höchsten künstlerischen Niveaus im Kino. Einem breiteren Publikum sind Kiarostamis Filme aber bis heute noch unbekannt. Das Werk des iranischen Regisseurs Abbas Kiarostami ist in einer engen Beziehung zur iranischen bzw. persischen Lyrik zu erschließen.

Die persische Literatur hat sich hauptsächlich durch die Lyrik tradiert und funktionierte im Laufe der Geschichte als Träger der nationalen Identität der Iraner. Lyrik war unter den historischen Umständen die einzige mögliche Kunst nach der Islamisierung des Landes im siebten Jahrhundert. Kiarostami baut seine Dramaturgie auf dieser poetischen Basis auf, um seine eigene Poesie zu erzählen. Eine Poesie, die nicht die Verfilmung der Poesie, sondern Poesie des modernen Kinos erzählt. So kann man sein Kino einem Genre zuordnen, das eine Mischung der abendländischen und morgenländischen Kultur innehat. Im Unterschied zum poetischen Kino erzählt dieses Genre Kino-Poesie nicht nur vom realen Leben, sondern selbst die Bilder auf der Leinwand leben. Als ob das Publikum dieses Kino auf der Leinwand lebe. In diesem Zusammenhang präsentieren die Bilder die moderne Philosophie des Kinos auf der Leinwand, dass das Kino die Realität sei.

Drei Werke von ihm: Wo ist das Haus meines Freundes, Das Leben geht weiter (Das Leben und nichts mehr) und Quer durch den Olivenhain, die als Trilogie bekannt sind, zeigen musterhaft die Entwicklung seines Kinos.

Lyrik[Bearbeiten]

Eine erste Sammlung mit Gedichten von Abbas Kiarostami erschien 1999 in Teheran. Sie besteht aus 221 kurzen, schwebend leichten und lakonisch kräftigen Texten, die eine stilistische Nähe zur japanischen Haikudichtkunst aufweisen. Nachdem sie zuvor ins Englische, Französische und Italienische übersetzt worden war, erschien sie 2004 unter dem Titel In Begleitung des Windes auch in deutscher Sprache (Suhrkamp Verlag, mit einem Nachwort von Peter Handke).

Filmografie[Bearbeiten]

  • 1970: Nan va Kutcheh (Brot und Gasse)
  • 1972: Zang-e Tafrih (Die Pause)
  • 1973: Tadschrobeh (Die Erfahrung)
  • 1974: Mossafer (Der Reisende)
  • 1975: Manam Mitunam (Ich kann es auch)
  • 1975: Do Rahehal baraye yek Massaleh (Zwei Lösungen für ein Problem)
  • 1976: Rang-ha (Farben)
  • 1976: Lebasi baraye Arusi (Ein Kleid für die Hochzeit)
  • 1977: Gozaresh
  • 1977: Bozorgdasht-e mo’allem (Dem Lehrer zu Ehren)
  • 1977: Az Oghat-e Faraghat-e Khod Chegouneh Estefadeh Konim? (Wie können wir unsere Freizeit nutzen?)
  • 1978: Rah-e Hal-e Yek (Die erstbeste Lösung)
  • 1979: Ghazieh-e Shekl-e Aval, Ghazieh-e Shekl-e Do Wom (Erster Fall, zweiter Fall)
  • 1980: Behdaasht-e Dandan (Zahnhygiene)
  • 1981: Be Tartib ya Bedun-e Tartib (Mit Ordnung oder ohne Ordnung)
  • 1982: Hamsarayan (Der Chor)
  • 1983: Hamshahri (Mein Mitbürger)
  • 1983: Dandan Dard (Der Zahnschmerz)
  • 1984: Avaliha (Die Ersten)
  • 1988: Wo ist das Haus meines Freundes? (Khane-ye doust kodjast?)
  • 1989: Mashgh-e Shab
  • 1990: Close-Up (Nema-ye Nazdik)
  • 1992: Und das Leben geht weiter (Zendegi va digar hitch)
  • 1994: Quer durch den Olivenhain (Zire darakhatan zeytun)
  • 1995: A propos de Nice – Wie es weiterging (À propos de Nice, la suite)
  • 1997: Der Geschmack der Kirsche (Ta'm e guilass)
  • 1999: Der Wind wird uns tragen (Bad ma-ra khahad bord)
  • 2001: ABC Africa
  • 2002: Ten
  • 2003: Five Dedicated to Ozu
  • 2004: 10 on Ten
  • 2005: Tickets
  • 2006: Roads of Kiarostami (Dokumentar-Kurzfilm)
  • 2007: Kojast jaye residan (Dokumentar-Kurzfilm)
  • 2007: Chacun son cinéma ou Ce petit coup au cœur quand la lumière s'éteint et que le film commence (Segment Where is my Romeo?)
  • 2008: Shirin
  • 2010: Die Liebesfälscher (Copie conforme)
  • 2012: Like Someone in Love

Ausstellungen[Bearbeiten]

  • 2012: Abbas Kiarostami: Stille und bewegte Bilder. Museum Situation Kunst, Bochum, danach 2013 im Museum Wiesbaden und in Chemnitz. Katalog.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Abbas Kiarostami: Textes, entretiens, filmographie complète. Éd. de l'Etoile, Paris 1997, ISBN 2-86642-196-5 (Cahiers du Cinéma Livres).
  •  Abbas Kiarostami: Photographies. Hazan, Paris 1999, ISBN 2-85025-673-0 (Landschaftsfotografien von Kiarostami, mit einem Gespräch mit M. Ciment).
  •  Alain Bergala, Jordi Balló (Hrsg.): Erice-Kiarostami. Correspondences. ACTAR, Barcelona 2006, ISBN 84-96540-24-3 (Katalog zu einer gemeinsamen Ausstellung mit dem spanischen Regisseur Víctor Erice).
  •  Alain Bergala: Abbas Kiarostami. Cahiers du Cinéma, Paris 2003, ISBN 2-86642-374-7.
  •  Alberto Elena: The Cinema of Abbas Kiarostami. Saqi Books, London 2005, ISBN 0-86356-594-8.
  •  Mehrnaz Saeed-Vafa, Jonathan Rosenbaum: Abbas Kiarostami. University of Illinois Press, Urbana, Ill. 2003, ISBN 0-252-07111-5 (Taschenbuch; Reihe Contemporary Film Directors).
  •  Jean-Luc Nancy, Abbas Kiarostami: Evidenz des Films. Brinkmann und Bose, Berlin 2005, ISBN 3-922660-92-4.
  •  Youssef Ishaghpour: Le réel, face et pile – le cinéma d'Abbas Kiarostami. Farrago, Tours 2006, ISBN 2-8449-0063-1.
  • Eberhard Ostermann: Taste of Cherry – eine Allegorie der Zerrissenheit. In: E.O.: Die Filmerzählung. Acht exemplarische Analysen. München (Fink) 2007. S. 131–145. ISBN 978-3-7705-4562-9.
  •  Abolfazl Tavassolie: Eine Trilogie zum Monismus. Die Interaktion zwischen persischer Literatur und Kino des Abbas Kiarostami. Dr. Koester, Berlin 2009, ISBN 978-3-89574-701-4.
  • Abbas Kiarostami. Stille und bewegte Bilder / Images, Still and Moving, Ausst.-Kat. Situation Kunst (für Max Imdahl), Museum Wiesbaden, Kunstsammlungen Chemnitz, hrsg. von Silke von Berswordt-Wallrabe, Alexander Klar und Ingrid Mössinger, Ostfildern: Hatje Cantz, 2012, ISBN 978-3-7757-3436-3

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Abbas Kiarostami – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bilder, als hätte die Natur sie geschaffen, in FAZ vom 18. Oktober 2012, Seite 29