Abbeville

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Abbeville (Begriffsklärung) aufgeführt.
Abbeville
Wappen von Abbeville
Abbeville (Frankreich)
Abbeville
Semper fidelis[1]
Region Picardie
Département Somme
Arrondissement Abbeville (Unterpräfektur)
Kanton Abbeville-Nord und Abbeville-Sud (Chef-lieu)
Koordinaten 50° 6′ N, 1° 50′ O50.1052777777781.835277777777810Koordinaten: 50° 6′ N, 1° 50′ O
Höhe 2–76 m
Fläche 26,42 km²
Einwohner 24.104 (1. Jan. 2011)
Bevölkerungsdichte 912 Einw./km²
Postleitzahl 80100
INSEE-Code
Website http://www.ville-abbeville.fr
.

Abbeville ([abˈvil] dt. „Stadt des Abtes“) ist eine französische Gemeinde im Département Somme in der Region Picardie. Sie ist Bezirkshauptstadt (sous-préfecture) des gleichnamigen Arrondissement. Die 24.104 Einwohner (Stand 1. Januar 2011) nennen sich Abbevillois.

Geografie[Bearbeiten]

Die Stadt befindet sich an der Somme etwa 12 km südöstlich von der Baie de Somme, wo der Fluss in den Atlantik mündet. Die Departementshauptstadt Amiens liegt etwa 45 km stromaufwärts, weit im Landesinnern; deshalb gilt Abbeville als Zentrum der maritimen Picardie.

Geschichte[Bearbeiten]

Stiftskirche St. Vulfran

In den 1830er Jahren vom französischen Hobbyarchäologen Jacques Boucher de Perthes nahe Abbeville ausgegrabene altsteinzeitliche Faustkeile weisen auf eine sehr frühe menschliche Besiedlung dieses Platzes hin. In Abbeville fanden sich sodann römische Siedlungsspuren des 3. Jahrhunderts. Als ein unter der Herrschaft der Abtei Saint-Riquier stehender Marktflecken erscheint Abbeville, damals lateinisch Abbatis villa genannt, erstmals im Jahr 831 in historischen Aufzeichnungen. Hugo Capet ließ Abbeville 992 zu einer Festung ausbauen, welche die Mündung der Somme sichern sollte, und übergab den Ort seinem in Montreuil residierenden Gefolgsmann Hugo. Dieser war mit Hugo Capets Tochter Gisela verheiratet und bekam auch die advocatia über Saint-Riquier. 1053 wurde in Abbeville, das seit dem 11. Jahrhundert Hauptort der Grafschaft Ponthieu war, die erste Stiftskirche des heiligen Vulfran (Wulfram[2]) erbaut. Den Führern des Ersten Kreuzzugs diente Abbeville 1096 als Sammelplatz vor der Abfahrt ins Heilige Land, ebenso später jenen des Zweiten Kreuzzugs. Die verwandtschaftlichen Verbindungen zwischen Graf Gui I. von Ponthieu und den Kapetingern sorgten dafür, dass Abbeville königstreu blieb. Um 1130 erhielt der Ort von seinem Oberherrn, dem Grafen Guillaume I. Talvas, das Recht, sich als Gemeinde mit einem Bürgermeister und 24 Schöffen zu organisieren. Allerdings stellte erst Graf Jean I. von Ponthieu 1184 die entsprechende Urkunde aus. Diese Gemeindeorganisation blieb im Wesentlichen bis zur Französischen Revolution bestehen.

Der französische König Philipp II. August zog Ponthieu 1221 kurzzeitig ein, womit auch Abbeville unter königliche Herrschaft kam. 1225 wurde es wie das übrige Ponthieu der Gräfin Marie zurückerstattet. Fälschlicherweise wurde der am 4. Dezember 1259 zwischen dem französischen König Ludwig IX. und dem englischen König Heinrich III. geschlossene Friede nach Abbeville benannt, da dieser vielmehr in Paris unterzeichnet wurde.[3] 1279 erbte der englische König Eduard I. als Schwiegersohn der Gräfin Johanna von Ponthieu deren Grafschaft, so dass Abbeville damals an England fiel, in dessen Besitz es bis zu einem 1345 erfolgten Aufstand blieb. Aufgrund des Friedens von Brétigny kam es 1361 wieder unter Kontrolle der Engländer, die jedoch bereits 1369 von französischen Truppen mit Unterstützung der Einwohner vertrieben wurden.

Nach dem Tod Karls VI. (1422) erkannte Abbeville Heinrich VI. als französischen König an. Der burgundische Herzog Philipp der Gute erhielt es 1435 durch den Vertrag von Arras mit den übrigen Somme-Städten, für die Frankreich allerdings ein Rückkaufrecht besaß. König Ludwig XI. machte von diesem Recht 1463 Gebrauch und bestätigte Abbeville seine Privilegien, doch kam die Stadt bereits 1465 durch den Vertrag von Conflans an Karl den Kühnen und damit wieder zu Burgund. Das von diesem Herrscher in Abbeville erbaute Schloss wurde später (1591) durch den Herzog von Aumale zerstört. Nach dem Tod Karls des Kühnen (1477) annektierte Ludwig XI. erneut Abbeville, wo im Oktober 1514 die Heirat von König Ludwig XII. mit Mary Tudor, einer Tochter Heinrichs VII. von England, stattfand. 1583 gehörte die Stadt zur Apanage von Diane de France. Abbeville unterstützte während der Hugenottenkriege zuerst die Heilige Liga, erkannte dann aber im April 1594 Heinrich IV. an, der seinerseits der Stadt ihre alten Rechte bestätigte. Als Diane de France starb (1619), wurde Abbeville an Charles de Valois übergeben, der es bis zu seinem Ableben (1650) behielt.

Wirtschaftlich gesehen war Abbeville im Mittelalter seit dem 12. Jahrhundert ein wichtiger Handelshafen am Ärmelkanal. Hier blühte auch das Tuchmachergewerbe und die Stadt war im 13. Jahrhundert Mitglied der Londoner Hanse. Schätzungen zufolge hatte Abbeville bis zu 40.000 Einwohner. Die Versandung der Somme-Bucht drängte aber das Meer allmählich zwölf Kilometer zurück. Damit ging seit dem 17. Jahrhundert ein ökonomischer Verfall der Stadt einher, zu dem auch die Aufhebung des Ediktes von Nantes (1685) beitrug. Während der Regierung Ludwigs XIV. erhielt Abbeville immerhin 1665 durch Colbert die erste, vom Niederländer Josse van Robais errichtete königliche Tuchmanufaktur sowie 1667 die erste Teppichfabrik. Der verarmte Adlige Jean-François Lefèbvre, chevalier de la Barre wurde 1766 in Abbeville wegen angeblicher Gottlosigkeit zum Tod verurteilt.

Am 16. Mai 1940, dem siebten Tag des Westfeldzuges, erreichten Panzer der 2. Panzer-Division des XIX. Armeekorps die Kanalküste bei Abbeville.[4] Die Wehrmacht war schnell durch die neutralen Länder Niederlande und Belgien marschiert und kesselte das britische Expeditionskorps in und um Dünkirchen ein. Damit war die alliierte Nordgruppe mit rund 400.000 Mann eingeschlossen (Näheres siehe Schlacht um Dünkirchen). Vom 28. Mai bis 4. Juni 1940 fand die Schlacht von Abbeville statt.

Bombardements der Deutschen wie der Alliierten richteten während des Zweiten Weltkriegs zwischen 1940 und 1944 Zerstörungen im Stadtgebiet an. Im Herbst 1944 zog sich die Wehrmacht aus Abbeville zurück.

Im Jahre 2013 sorgte der Abriss der Kirche des Heiligen Jakob (Église Saint-Jacques d'Abbeville) für überregionale Schlagzeilen[5]. Mit dem Überschrift "Église Saint Jacques l'oubliée...." wurde auf die unwiederbringliche Zerstörung von architektonischer Geschichte und Kulturgut hingewiesen[6]. Kritik ließ die katholische Kirche jedoch nicht auf sich sitzen. Seit der Französischen Revolution befinden sich alle Kirchengebäude in Frankreich in Staatsbesitz und daher ist der französische Staat für den Unterhalt und für den Abriss von Kirchen zuständig.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Siehe auch: Liste der Monuments historiques in Abbeville

  • Die Stiftskirche St. Vulfran ist ein Meisterwerk spätgotischer Baukunst. Ihre 1488 begonnene Erbauung wurde 1539 unterbrochen und fand erst im 17. Jahrhundert ihre Fertigstellung. Das Bauwerk erlitt im Zweiten Weltkrieg schwere Zerstörungen.
  • Abbeville ist wegen altsteinzeitlicher Funde in einer Kiesgrube nahe der Stadt namengebend für die altsteinzeitliche Epoche des Abbevillien.

Wirtschaft[Bearbeiten]

In Abbeville sind Brauereien und die Textilindustrie ansässig.

Sport[Bearbeiten]

Der vor allem durch seine Fußballer landesweit bekannteste Sportverein Abbevilles ist der 1901 gegründete Sporting Club.

Städtepartnerschaften[Bearbeiten]

Abbeville hat 1993 mit Argos auf der Peloponnes in Griechenland und 1994 mit Burgess Hill in der englischen Grafschaft West Sussex Städtepartnerschaften geschlossen.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Victor Adolfe Malte-Brun: La France illustrée: géographie, histoire, administration, statistique. Paris: J. Rouff, 1881-1884, S. 77.
  2. Der Heilige Wulfram lebte im 7. Jahrhundert und war Erzbischof von Sens
  3. Abbeville, in: Brockaus’ Konversationslexikon, 14. Auflage, 1894-1896, Bd. 1, S. 19.
  4. Norman Davies, Europa im Krieg, 2009 (deutsche Ausgabe), S. 143
  5. "L'agonie de l'église Saint-Jacques", bei: courrier-picard.fr
  6. "église Saint-Jacques" bei: somme-photos.com

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernest Prarond: La Topographie historique et archéologique d'Abbeville, Abbeville 1871-84.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Abbeville – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien