Abbildzüchtung

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Unter einer Abbildzüchtung versteht man eine Tierrasse, die, meist infolge von Kreuzungen für ursprünglich befundener Haustierrassen, das Ziel hat, der Wildform des jeweiligen Haustieres möglichst nahe zu kommen. Abbildzüchtungen können ausgerottete Wildformen nicht ersetzen bzw. wiederherstellen, sondern lediglich imitieren. Folglich ist der häufig verwendete Begriff "Rückzüchtung" ungenau.

Die Authentizität einer Abbildzüchtung hängt von der Qualität der Umsetzung ab. Manche Rassen, wie das Heckrind, vermitteln manchen Autoren ein nur vages bzw. falsches Bild von der Stammform.[1] Nicht zu verwechseln ist die Abbildzüchtung mit der Dedomestikation und der Rückkreuzung.

Fokus[Bearbeiten]

Während in der Natur üblicherweise die Tiere überleben und sich fortpflanzen, die an die dort herrschenden Umweltbedingungen gut angepasst sind, wählt der Mensch im Zuge der Domestizierung oft gezielt besonders umgängliche, besonders auffällige oder besonders ertragreiche Tiere zur Zucht. Somit unterscheiden sich die Selektionsbedingungen in der Natur und in der Obhut des Menschen, weshalb sich Tiere durch die Domestikation in Bezug auf Erscheinungsbild, Verhalten und Genetik verändern. Ziel der Abbildzüchtung ist es, eine Rasse zu züchten, welche der ausgestorbenen Stammform eines Haustieres in ausgewählten Aspekten nahekommt oder gleicht. Meist wird dabei nur auf phänotypische Merkmale geachtet, doch einzelne Projekte, wie TaurOs Project, beachten auch den genetischen Aspekt [2]. Für eine Abbildzüchtung müssen einzelne ursprüngliche Eigenschaften, die sich bei verschiedenen Rassen dieses Haustiers noch finden, wieder in der Art und Weise zusammengefügt werden, wie sie bei der ausgestorbenen Stammart vermutet werden. Voraussetzung dafür ist, dass diese gesuchten Einzeleigenschaften noch bei verschiedenen domestizierten Rassen oder Einzeltieren vorhanden sind. Tiere mit solchen Eigenschaften werden dann ausgewählt und gezielt gekreuzt, um diese Eigenschaften wieder in einer der Stammart ähnlichen Weise zu kombinieren.

Da eventuell nicht mehr alle Allele der Stammformen in den modernen domestizierten Nachkommen vorhanden sind, oder dem Menschen aufgrund der Problematik, dass das Aussehen ausgerotteter Stammformen oft nur noch durch historische Beschreibungen oder Darstellungen sowie Skelettfunde bekannt sind, womöglich nicht alle phänotypischen Aspekte des Wildtieres dem Menschen mit Sicherheit bekannt sein können, ist es immer fraglich, ob ein durch Abbildzüchtung entstandenes Tier auch bei möglichst genauer Umsetzung seiner Stammform tatsächlich in allen phänotypischen Aspekten entsprechen kann. Um genetische Aspekte ausreichend abzudecken, müsste sowohl das mitochondriale als auch nukleare Genom der ausgerotteten Wildformen entschlüsselt sein. Da viele primitive Haustierrassen Verhaltensaspekte zeigen, welche wahrscheinlich von ihren ausgerotteten Vorfahren übernommen sind, sowie im Stande sind, unter natürlichen Bedingungen zu überleben, ist es wahrscheinlich, dass gezielt Ersatzzüchtungen in der Wildnis ähnlich fungieren wie ihre Stammformen. Denn der Mensch hat durch die Domestikation hauptsächlich äußere körperliche Merkmale verändert, nicht jedoch innere Mechanismen wie etwa den Verdauungsapparat[1]. Die Futterauswahl müsste daher bei Wildform und Hausform, insbesondere dedomestizierter Hausform, dieselbe sein. Zusätzlich kann Natürliche Selektion in der Wildnis nach einer möglichen Auswilderung der durch Abbildzüchtung entstandenen Tiere durch Bevorzugung der für das Überleben wichtigen Eigenschaften diese hinsichtlich Robustheit und Verhalten sowie eventueller phänotypischer Merkmale an die Wildform heranführen. Bei großen Herbivoren ist hierfür ein ausreichendes Aufgebot an entsprechenden Raubtieren vonnöten, welches im heutigen Europa jedoch oftmals nicht vorhanden ist. Es muss in Erinnerung behalten werden, dass Abbildzüchtung zwar in einem der Stammform womöglich in vielen Aspekten sehr ähnlichen Tier resultieren kann, doch der ursprüngliche Genpool dieser dennoch mit ihrem Aussterben verloren ging und nicht wiederherzustellen ist.

Zu unterscheiden ist zwischen einer Abbildzüchtung mittels Haustieren und derer Stammform als Zuchtziel und Abbildzüchtung aus mit einem ausgerotteten Tier verwandten, nicht domestizierten Tieren, da bei erster Methode mit den abgewandelten Nachkommen des gewünschten Tieres gearbeitet wird, bei letzterer Methode jedoch mit einer, wenn auch ähnlichen, gänzlich anderen Art oder Unterart. Auch hier werden die dem angezielten Tier ähnlichsten noch lebenden Tiere ausgewählt und gekreuzt, um durch gezielte Selektion ein der ausgerotteten Tierform optisches Tier zu erhalten, so etwa beim Quagga. Da das Quagga eine eigenständige Population des Steppenzebras, Equus quagga, war, ist damit zu rechnen, dass die speziellen Allele dieser Form mit ihrer Ausrottung verschwanden, da hier nicht eine domestizierte Form die Gene der Stammform konserviert hat. Eventuelle Ähnlichkeiten, welche durch Selektivzucht heutiger Steppenzebras erzielt werden können, werden daher rein oberflächlicher Natur sein.

Zweck[Bearbeiten]

Authentische Abbildzüchtungen sind besonders für Renaturierung und Naturschutz interessant, da sie als Ersatz für die vom Menschen ausgerotteten Stammformen fungieren können. Es ist anzunehmen, dass eine gelungene Abbildzüchtung die ökologischen Kriterien der Wildform erfüllt, wenn etwa Aspekte wie Futterwahl, Robustheit, Verteidigung gegen Raubtiere bzw. Jagdinstinkt etc. denen der Wildform weitestgehend entsprechen. Die Auswilderung der Tiere, welche ähnlich wie die Stammform agieren, ist daher die Wiedereinbringung einer ökologischen Komponente, welche durch den Einfluss des Menschen, etwa Habitatzerstörung oder Jagd, einst verloren ging. Sie ermöglicht ein natürlicheres Zusammenspiel der Tier- und Pflanzenarten in einem Ökosystem. Anzumerken ist, dass eine Abbildzüchtung nicht automatisch die der Stammform am ähnlichsten seiende Rasse sein muss, da dies von der Qualität der Umsetzung des Zuchtversuchs und der Ursprünglichkeit anderer Rassen abhängt. Ein Beispiel hierfür ist das Heckrind, welches aufgrund der für nicht ausreichend effizient befundenen Umsetzung der Zuchtversuche der Heck-Brüder, teilweise weniger phänotypische Eigenschaften mit dem Ur teilt als etwa das Spanische Kampfrind [1].

Zucht mit domestizierten Nachkommen[Bearbeiten]

Auerochse[Bearbeiten]

Das Heckrind ähnelt hauptsächlich farblich und mitunter bezüglich der Hornform dem Auerochsen. Weitere, phänotypisch authentischere und ökologisch ebenfalls taugliche Abbildzüchtungen werden derzeit angestrebt.

Der Auerochse starb im Jahre 1627 infolge von Jahrhunderte langer Habitatszerschneidung und Bejagung aus. Im modernen Naturschutz wird die Rolle von Großherbivoren in Ökosystemen als essentiell erkannt (siehe Megaherbivorenhypothese), weshalb die Notwendigkeit eines geeigneten Ersatzes für dieses Wildtier gegeben ist. Obwohl die Idee eines solchen Experimentes bereits 1835 formuliert wurde (siehe Hauptartikel), wurde es das erste mal von den Brüdern Heinz und Lutz Heck versuchsweise umgesetzt. Das entstandene Heckrind ist laut wissenschaftlicher Literatur im Wesentlichen ein Robustrind mit dem üblichen Körperbau eines Hausrinds, doch aufgrund der Verwendung des korsischen Rindes farbliche Charakteristika des Auerochsen sowie aufgrund der Verwendung von Steppenrind und Hochlandrind längeren Hörnern (siehe Artikel Heckrind).

Da das Heckrind phänotypisch in vielen Punkten für zu wenig dem Auerochsen entsprechend und zu sehr mitteleuropäisches Hausrind seiend befunden wird, wünschen verschiedene Gruppen Abbildzüchtungen, welche ebenfalls robust genug für das Auskommen in der Wildnis sind, dem Auerochsen jedoch gleichzeitig deutlich näher kommen. Einen dieser Ansätze verfolgen u.a. die Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz sowie der NABU, welche ursprüngliche oder alte Rinderrassen wie Sayaguesa, Spanisches Kampfrind und Chianina mit Heckrindern kreuzen und durch Selektivzucht ein dem Auerochsen optisch besser gleichendes Rind schaffen will. Diese Weiterzucht wird Taurusrind genannt[3]. Ein weiteres Projekt, TaurOs Project, verzichtet gänzlich auf Heckrinder und arbeitet ausschließlich mit Primitivrassen, welche nach enger gefassten phänotypischen und Robustheit betreffenden Kriterien gewählt wurden. Unter anderem werden ebenfalls Sayaguesa, aber auch Pajuna, Maremmana primitivo, Limia-Rinder oder auch Maronesa verwendet. Auch findet das Schottische Hochlandrind aufgrund seiner Robustheit in nördlicheren Tauros-Herden Verwendung[4].

Tarpan[Bearbeiten]

Heckpferde mit deutlichem Konik-Einfluss, das Resultat eines Abbildzüchtungsversuch der Gebrüder Heck.

Das polnische Konik-Pferd ist, entgegen der landläufigen Vorstellung nicht das Resultat eines Rückzüchtungsprojekts, sondern eine polnische Landpferderasse[5]. Die Brüder Heck kreuzten diese Koniks mit anderen Pferderassen, etwa Gotland-Ponys oder Islandpferde und auch Przewalski-Pferden. Diese Heckpferde, oft als "Tarpan-Abbildzüchtung" bezeichnet, wurden später immer wieder mit den Koniks gekreuzt und sind von diesen heute optisch oft fast nicht unterscheidbar, es ist jedoch feingliedriger gebaut.

Neben dem Konik/Heckpferd wird dem Exmoor-Pony ebenfalls eine Nähe zum europäischen Wildpferd attestiert. Auch dieses hat eine ursprüngliche, kleine Statur sowie einen robusten Schädelbau, und zeigt farblich deutliche Ähnlichkeit mit Höhlenmalereien etwa aus Lascaux und Przewalski-Pferden[6]. So sind etwa ein weißes Maul und die weißen Augenringe, sowie eine hellere Körperunterseite vorhanden. Das Exmoor-Pony entstand jedoch ebenfalls nicht durch Abbildzüchtung, sondern ist eine ursprünglich gebliebene Pferderasse.

Wolf[Bearbeiten]

Der Tamaskan ist eine durch Kreuzungs- und Selektionszucht dem Wolf ähnelnde Hunderasse.

Zwar ist der Wolf, die Stammform des Haushunds, keineswegs ausgestorben, doch dessen phänotypisches Erscheinungsbild ist Zuchtziel mancher Hunderassen. Ein Beispiel hierfür ist der Tamaskan, welcher aus der Kreuzung von deutschen Schäferhunden und Schlittenhunden hervorging, den man nach Wolfsmerkmalen selektierte. Der Tamaskan ist daher ebenfalls als Abbildzüchtung zu verstehen [7].

Zucht mit ähnlichen Arten bzw. Unterarten[Bearbeiten]

Quagga[Bearbeiten]

Das Quagga ist eine Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottete Subform des Steppenzebras, welche sich durch eine Streifenreduktion besonders auf der hinteren Körperhälfte auszeichnete. Das Quagga Project versucht, eine optische Imitation dieses Tieres durch Selektivzucht auf Streifenreduktion zu erhalten. Einige Exemplare zeigen dies bereits deutlich, doch die Ähnlichkeiten mit dem Quagga werden rein oberflächlicher Natur bleiben. [8]

Canis dirus[Bearbeiten]

Der "American Alsatian" wird mit dem Ziel gezüchtet, der ausgestorbenen Art Canis dirus vom Knochenbau her zu ähneln.

Das Dire Wolf Project versucht, eine Hunderasse zu schaffen, welche dem vor rund 10.000 Jahren aus dem Fossilbericht verschwundenen Wildhund Canis dirus hinsichtlich des Skelettbaus, dem einzig mit Sicherheit bekanntem Aspekt des Phänotyps dieser Art, ähneln soll. Die daraus entstehende Hunderasse wird „American Alsatian“ genannt [9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Cis van Vuure: Retracing the Aurochs – History, Morphology and Ecology of an extinct wild Ox. 2005. ISBN 954-642-235-5
  2. http://www.time.com/time/health/article/0,8599,1961918,00.html Aurochs Project Aims to Breed Extinct Ancient Cattle
  3. Bunzel-Drüke, Finck, Kämmer, Luick, Reisinger, Riecken, Riedl, Scharf & Zimball: "Wilde Weiden: Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung
  4. http://www.taurosproject.com/ TaurOs Project
  5. Tadeusz Jezierski, Zbigniew Jaworski: Das Polnische Konik. Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 658, Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2008, ISBN 3-89432-913-0
  6. http://www.eurowildlife.org/news/wild-horses-for-europe–-which-breed-is-the-best/ European Wildlife über Wildpferd-Ersatz in Europa
  7. C. Gamborg et al: De-Domestication: Ethics at the Intersection of Landscape Restoration and Animal Welfare In: Environmental Values 2010, 19(1):57-78
  8. http://www.quaggaproject.org/ Quagga Project
  9. http://www.direwolfproject.com/ Dire Wolf Project