Abbreviated Injury Scale
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Die AIS-Skala (Abbreviated Injury Scale, engl. Abgekürzte Verletzungs Skala) wurde Ende der sechziger Jahre als Bewertungsskala für die Mortalität von Einzelverletzungen eingeführt, d.h. es wird jede Einzelverletzung entsprechend ihrer Überlebenswahrscheinlichkeit klassifiziert. Die Klassifikation ist unabhängig von der Art der Behandlung und der Behandlungsqualität. Es hat sich hierbei gezeigt, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit als sehr valide Proxy-Variable für die Schwere einer Verletzung genutzt werden kann.
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[Bearbeiten] Geschichte
Mit der steigenden Automobilität in den Vereinigten Staaten in den 1950er und 60er Jahren stieg die Zahl der in Verkehrsunfällen verletzten und verstorbenen Verkehrsteilnehmer dramatisch an. Schon in den ersten Jahren der automobilen Sicherheitsforschung bestand das Hauptziel in der Reduktion der im Straßenverkehr Getöteten. Man ging stillschweigend davon aus, dass Maßnahmen, die zu einer Reduktion der Getöteten führten, auch zu einer Verschiebung von schwereren Verletzungen hin zu leichteren Verletzungen bewirken würden. Durch die Standardisierung der technischen Unfallerhebungen konnten die Unfallszenarien sehr gut klassifiziert und kategorisiert werden.[1][2] Bei der Erhebung der Verletzungen stellte sich jedoch schnell heraus, dass keine zwei Verletzungen einer Person und keine zwei Verletzungen zweier Personen identisch sind. Bei der Umsetzung der Idee, dass auch die Verletzungen, sprich Verletzungsschwere und Verletzungsart, zu Gruppen zusammengefasst werden könnten, ergab sich jedoch eine breite Streuung: Das Problem bestand z. B. darin, bei einer Frontalkollision die Verletzung des Kopfes mit der des Brustkorbs vergleichbar zu machen. Diese Harmonisierung der Verletzungen wurde durch die Bewertung jeder Einzelverletzung mit einem Mortalitätsrisiko, also dem Risiko an dieser Verletzung zu versterben, führte letztlich zum ‚Abbreviated Injury Score’ (AIS), also einer ‚verkürzten Verletzungsbewertung’. Mitte der 1960er Jahre bildeten sich die ersten sog. ‚Scaling Committees’,[3] die die Verletzungen noch detailliert abbilden wollten. Bereits 1969 stellte John D. States als Vorsitzender der ‚Ad hoc Injury Scaling Committee’ die ‚Abbreviated Injury Scale’ auf der STAPP Konferenz vor.[4]
Hierbei werden Verletzungen mit annähernd gleicher Mortalität zu Klassen zusammengefasst. Aus den zahlreichen Klassen der ersten Systeme bildete sich das System mit 6 Verletzungsklassen (1-6) sowie einer Klasse für Verletzungen, die nicht mit ausreichender Sicherheit diagnostiziert wurden, (9) aus. Erweitert man die Klassen um die Unverletzten (0) und schließt die nicht ausreichend diagnostizierten Patienten aus, so erhält man eine ordinal skalierte Rangfolge nach Überlebenswahrscheinlichkeit: Eine Verletzung mit der Ausprägung, auch AIS-Code genannt, von 0 führt ziemlich sicher nicht zum Ableben des Patienten, wo hingegen eine Verletzung mit dem AIS-Code von 6 sehr wahrscheinlich verstirbt. Das Besondere am AIS ist, dass die Überlebenswahrscheinlichkeiten für die einzelnen Verletzungen nicht explizit spezifiziert werden, sondern eben nur Gruppen von Verletzungen mit annähernd gleichem Risiko gebildet werden. Somit werden Verletzungen aus unterschiedlichen Körperregionen vergleichbar und zwar in Bezug auf Ihre Mortalität! Besitzt man einen nach AIS codierten Datenbestand, kann man den AIS-Ausprägungen Überlebenswahrscheinlichkeiten zuordnen. Problemlos ist dies aber nur für Einzelverletzungen möglich (siehe unten).
Zu beachten ist auch die Wahl der Ordinalskalierung: Zwar geht eine AIS-Code Ausprägung von 2 mit einem größeren Mortalitätsrisiko als eine Ausprägung von 1 einher, über die Größe des Unterschiedes lässt sich, aufgrund der Skalierung, keine Aussage machen. Somit sind zwei Verletzungen mit der Ausprägung von 1 auch nicht mit dem gleichen Mortalitätsrisiko behaftet, wie eine Verletzung mit einem AIS-Code von 2. Allgemein gesagt ist die AIS-Bewertung von Verletzungen eine Bewertung einer einzelnen Verletzung und die mit der Codierung ermittelte Mortalitätsklasse gilt nur für diese einzelne Verletzung.
In den ersten Versionen der AIS-Skala konnten ausschließlich Verletzungen mit morphologischem Korrelat codiert werden, also Verletzungen bei denen man mit diagnostischen Verfahren einen objektiven Befund erheben und direkt, z. B. durch Fotografie, Röntgen oder Obduktion, dokumentieren kann. Durch sogenannte ‚Modifier’ konnten die behandelnden bzw. die codierenden Ärzte den AIS-Code anfangs um 2 ‚Punkte’, später um einen ‚Punkt’, heben oder senken. Im Rahmen der Objektivierung der Erhebung (ab AIS 1990) wurde diese Möglichkeit der Wertung des eigenen Falles gestrichen. Verletzungen mit funktionellen Einschränkungen ohne direktes morphologisches Korrelat (z. B. Bewusstlosigkeit) können erst seit dem AIS 1990 codiert werden. Zur Verbesserung der Objektivität der Codierung dürfen nur von den direkt behandelnden Ärzten diagnostizierte und dokumentierte Befunde verwendet werden. Eine ausführliche, für alle Anwender verbindliche Codierungsanweisung ist den AIS-Codebüchern jeweils vorangestellt. Die vom AIS gebildeten Mortalitätsrisikoklassen erfüllten die damaligen Anforderungen an eine Bewertung der Insassengefährdung. Erst später zeigte sich, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit als eine sehr valide Proxy-Variable für die Schwere einer Verletzung genutzt werden kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn die technische Unfallschwere und die Überlebenswahrscheinlichkeit als Proxy-Variable für die Verletzungsschwere genutzt wird.
Die aktuelle Weiterentwicklung versucht durch eine genauere anatomische Gliederung des AIS-Identifiers neben dem AIS-Code auch ein Maß für die Spätfolgen einer Verletzung (Functional Capacity Index (FCI)) an den AIS-Identifier zu koppeln.
Die Verbreitung und Weiterentwicklung des AIS wurde durch die ‚Association for the Advancement of Automotive Medicine’ (Verband für den Fortschritt der automobilen Medizin, AAAM) übernommen.
Hierbei handelt es sich um die medizinische Unterabteilung des ‚Sports Car Club of America’ (Sportwagenverein von Amerika (SCCA), die 1957 von 6 autorennbegeisterten Ärzten gegründet wurde. Ziel der AAAM ist die Prävention von Verletzungen durch bzw. mit motorisierten Fahrzeugen. Sie hatte die Vision, Prävention und öffentliche Maßnahmen zur Unfallverhütung direkt von Klinikern durchführen zu lassen. Nach einer anfänglich streng medizinischen Ausrichtung wurde erkannt, dass nur eine Synthese der medizinischen Daten mit denen der technischen Rekonstruktion zu validen Ergebnissen führt, so dass ab 1964 auch Nicht-Ärzte Mitglieder werden konnten.
Das ‚International Injury Scaling Committee’ (IISC) der AAAM hält die Patenschaft des AIS und wacht über dessen Verwertung.
[Bearbeiten] AIS Revision 1990 Update 1998 (AIS98) [5]
Die AIS98-Skala setzt sich aus einem 6-stelligen ‚Anatomical Localizer’, der sog. AIS98-ID und dem einstelligen, die Verletzungsschwere (eigentlich Überlebenswahrscheinlichkeit) bewertenden AIS98-Code zusammen. Jeder AIS98-ID ist eindeutig genau ein AIS98-Code zugeordneten. Einen Bewertungsspielraum hin zu einem höheren (geringere Überlebenswahrscheinlichkeit) oder niedrigeren (größere Überlebenswahrscheinlichkeit) AIS98-Code durch sogenannte ‚Modifier’ für eine AIS98-ID gibt es nicht. Eine solche Adaptation des AIS98-Codes an den speziellen Fall würde den Kriterien der objektiven Erhebung widersprechen.
[Bearbeiten] Spezifikation der Körperregion
Die verletzte Körperregion wird durch einen 6-stelligen ‚Anatomical Localizer’ (AIS98-ID) spezifiziert, deren erste Stelle die Spezifikation der AIS-Körperregion ist:
| AIS98-ID (erste Stelle) | Körperregion (engl.) | Körperregion | Anzahl der AIS98-IDs | Anzahl der AIS2008-IDs |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Head | Kopf (ohne Gesicht und Gesichtsschädel) | 236 | 281 |
| 2 | Face | Gesichtsschädel, Gesicht (Einschließlich Augen und Ohren) | 87 | 175 |
| 3 | Neck | Hals (ohne Rückenmark) | 80 | 111 |
| 4 | Thorax | Brustkorb | 175 | 191 |
| 5 | Abdomen | Bauchraum | 233 | 250 |
| 6 | Spine | Rückenmark | 208 | 216 |
| 7 | Upper Extremity | Arme (einschließlich Schulter) | 125 | 325 |
| 8 | Lower Extremity | Beine (einschließlich Hüfte und Beckenknochen) | 164 | 402 |
| 9 | External and other Trauma | Äußere und andere Verletzungen | 33 | 48 |
Insgesamt gibt es im AIS98 1341 und im AIS2008 1999 verschiedene ‚Anatomical Localizer’, eine direkte Prüfsumme gibt es nicht, jedoch ist der Code dadurch das es zu jedem Localizer genau ein AIS98-Code gibt überspezifiziert.
Es gibt 6 Verletzungsschweregrade (AIS98-Codes) sowie ein Platzhalter (AIS98-Code = 9) für die allgemeinen AIS98-Localizer, die sich aufgrund fehlender Diagnostik nicht näher spezifizieren lassen:
| AIS-Code | AIS-Verletzungsschwere (engl.) | AIS-Verletzungsschwere | ISO Verletzungsschwere[6] | Anzahl der AIS98-Codes | Anzahl der AIS2008-Codes |
|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Minor | Gering | S1 | 258 | 447 |
| 2 | Moderate | Ernsthaft | S1 | 404 | 729 |
| 3 | Serious | Schwer | S2 | 339 | 419 |
| 4 | Severe | Sehr Schwer | S2 | 154 | 172 |
| 5 | Critical | Kritisch | S3 | 141 | 155 |
| 6 | Maximum | Maximal (nicht behandelbar) | S3 | 24 | 33 |
| 9 | NFS (Not Further Specified) | Nicht genauer angegeben | --- | 21 | 44 |
Die sprachliche Beschreibung soll bei der groben Einordnung der Verletzungsschwere helfen, sie dient nicht der Codierung. Unter ‚Minor’ Verletzungen sind u.a. oberflächliche Schürf- und Schnittwunden und Hämatome codiert. Verletzungen, die bei der Erstellung des Codebooks als ‚nicht behandelbar’ und damit zum Tode führend galten, wurden mit einem AIS-Code von 6 versehen. Codierungen von 9 sind ein Sonderfall: Hier hat der Codierer zwar Informationen über eine Verletzung, diese reichen jedoch nicht aus, um die beteiligte anatomische Struktur genau zu bestimmen (z.B. Beinverletzung bei Überrollen mit Todesfolge ohne Obduktion).
[Bearbeiten] Überlebenswahrscheinlichkeiten der AIS-Code Ausprägungen
Die Ausprägungen 1 bis 6 des AIS-Codes stellen definitionsgemäß gruppierte Überlebenswahrscheinlichkeiten dar, ohne die dahinter liegenden Wahrscheinlichkeiten zu spezifizieren. Der Grund liegt in dem verletzungsdokumentierenden Ansatz des AIS, der die Rettung und Behandlung der Verletzungen nicht mit beurteilen will. Betrachtet man jedoch die Überlebensrate für Verletzte der ‚National Trauma Data Base’ (NTDB) mit genau einer codierten Verletzung (38,3% der codierten Verletzten), so kann man die Überlebenswahrscheinlichkeiten für die unterschiedlichen Ausprägungen des AIS-Codes bestimmen.[7] Ein entsprechender Ansatz führte zu den Werten des Traumaregisters. Die unterschiedlichen Werte für die Überlebenswahrscheinlichkeiten sind in der folgenden Tabelle dargestellt:
| AIS98-Code | AIS-Verletzungsschwere | NTDB | Trauma.org |
|---|---|---|---|
| 0 | Unverletzt | 100,0 | 100,0 |
| 1 | Gering | 99,3 | 100,0 |
| 2 | Ernsthaft | 99,2 | 99,3 |
| 3 | Schwer | 96,5 | 97,1 |
| 4 | Sehr Schwer | 85,4 | 93,1 |
| 5 | Kritisch | 60,4 | 67,7 |
| 6 | Maximal (nicht behandelbar) | 21,0 | 0,0 |
[Bearbeiten] Skalenniveau des AIS-Codes
Entsprechend der Definition im AIS98-Codebook ist der AIS-Code mit seinen Ausprägungen 1, …, 6 und 9 nominal skaliert. Nimmt man die 'Nicht genauer spezifizierten Verletzungen', also alle Verletzungen mit einem AIS-Code von 9 von den Betrachtungen aus, so sind hebt sich das Skalenniveau auf ordinal, d.h. unter den AIS-Codes besteht eine Rangordnung. Bei der Betrachtung der Verletzungsschwere von Personen mit mehreren Verletzungen, müssen die Personen mit auch nur einem AIS-Code von 9 ausgenommen werden, wenn das ordinale Skalenniveau erhalten bleiben soll (siehe z. B. ISS). Das ordinale Skalenniveau bleibt auch bei Einführung der Ausprägung ‚0’ für unverletzte Personen oder Körperregionen erhalten.
Die Überlebenswahrscheinlichkeiten, die hinter den AIS-Codes stehen, sind intervallskaliert.
[Bearbeiten] Maximaler AIS (MAIS)
In medizinischen und vor allem in technisch orientierten Darstellungen wird die Verletzungsschwere eines Patienten häufig als maximaler AIS-Wert (MAIS) angegeben. Die Maximalwertbildung darf nur bei AIS Verletzungscodierungen mit Ausprägungen zwischen 1 und 6 gebildet werden. Bei der Betrachtung der Verletzung von Körperregionen ist es üblich für diese einen MAIS-Wert anzugeben (z. B. MAIS-Thorax). Hierbei darf entsprechend keine die Körperregion betreffende Verletzung mit einem AIS-Code von 9 codiert sein. Die Definition der Körperregionen muss sich dabei nicht unbedingt an denen des AIS98 orientieren, siehe z. B. die Körperregionen des ISS. Unverletzten Personen bzw. Körperregionen wird der MAIS-Wert 0 zugeordnet.
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ W. D. Nelson: The History and Evolution of the Collision Deformation Classification SAE J224 Mar80. In: SAE. SAE02/1981. doi:810213
- ↑ Accident Investigation And Reconstruction Practices Committee: SAE J224. In: SAE. SAE03/1980. doi:J224
- ↑ D. J. van Kirk, W. A. Lange: A Detailed Injury Scale for Accident Investigation. In: STAPP Car Crash Journal. 12The Stapp AssociationAnn Arbor, MI, 1968, S. 240-259
- ↑ John D. States: The Abbreviated and the Comprehensive Research Injury Scales. In: STAPP Car Crash Journal. 13The Stapp AssociationAnn Arbor, MI, 1969, S. 282-294
- ↑ The Abbreviated Injury Scale 1990 Revision Update 1998. Barrington, IL: Association for the Advancement of Automotive Medicine (AAAM) 2001
- ↑ Road vehicles — Functional safety — Part 3, S. 6.4.4.3.2, ISO to be published
- ↑ The Abbreviated Injury Scale 2005. Barrington, IL: Association for the Advancement of Automotive Medicine (AAAM) 2005

