Abdülaziz

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Sultan Abdülaziz
Tughra von Sultan Abdülaziz
Karikatur von Sultan Abdülaziz im Vanity Fair, 1869

Abdülaziz (* 8. Februar 1830 in Istanbul; † 4. Juni 1876 im Çırağan-Palast) war der 32. Sultan der Osmanen. Seine Herrschaftszeit fiel in die Zeit der Tanzimat-Reformen. Er war der erste osmanische Herrscher, der das europäische Ausland aufsuchte. In den ersten Jahren dominierte unter seiner Herrschaft die Reformpolitik. In den letzten Jahren kam es zur Krise des Staates, die in Aufständen in einigen Provinzen und im Staatsbankrott gipfelten. Am Ende wurde der Sultan abgesetzt und getötet.

Leben[Bearbeiten]

Abdülaziz war der zweite Sohn des Sultans Mahmud II. Seine Mutter war Pertevniyal Valide Sultan, eine gebürtige Walachin, die 1883 verstarb. Abdülaziz wurde im Sultanspalast erzogen und lebte wie für osmanische Thronerben üblich von der Öffentlichkeit isoliert.

Ära der Reformpolitik[Bearbeiten]

Am 25. Juni 1861 folgte er seinem Bruder Abdülmecid I. auf dem Thron. Wie seine Vorgänger setzte Abdülaziz den innenpolitischen Reformkurs und die Annäherung an Europa fort. Er bestätigte 1856 das Hatt-ı Şerif von Gülhane (1839) und setzte seine Zivilliste von 75 auf 12 Millionen Piaster herab. 1857 kam sein Sohn Yusuf Izzettin Efendi, 1868 sein Sohn Abdülmecid II. und 1874 sein Sohn Şehzade Mehmed Seyfeddin Efendi (Mutter:Gevherî Vâlide Sultan) zur Welt.

Neue finanzielle Lasten entstanden durch die Modernisierung der osmanischen Armee. Zur Finanzierung wurden mehrere Anleihen aufgelegt.

Politisch war seine Regierung durch den Aufstand auf Kreta 1866 bis 1869, den Aufstand in Bosnien und Herzegowina (1875), den bulgarischen Aprilaufstand von 1876 sowie das Streben von Serbien und Rumänien nach völliger Selbstständigkeit stark belastet, aber auch durch wiederholte Ausbrüche des muslimischen Fanatismus. 1869 gelang es, den Jemen erneut zu besetzen.

Unter Abdülaziz hatten Mehmed Fuad Pascha und Mehmed Emin Ali Pascha zentralen Einfluss auf die Politik. Ein Zeichen der Annäherung an Europa war der Besuch des Sultans bei der Pariser Weltausstellung im Jahr 1867 und seine anschließenden Reisen nach London und Paris.

Zu den Reformen gehörten 1864 die Aufhebung der Vorzensur sowie die rechtliche Gleichstellung der Ausländer. Im Jahr 1863 folgte eine novellierte Provinzialordnung. Im Jahr 1868 wurden ein Staatsrat und ein Kassationsgerichtshof eingerichtet. Zur Ausbildung von Juristen wurde 1870 eine neue Rechtsschule gegründet, die bald den traditionellen Medressen den Rang ablief. Den Jungtürken, die die Regierung vor allem aus dem Exil heraus kritisierten, gingen die Reformen nicht weit genug.

Staatskrise, Absetzung und Tod[Bearbeiten]

Schlafzimmer des Sultans im Dolmabahçe-Palast in Istanbul
Mausoleum des Sultans an der Divan Yolu in Istanbul

Nach dem Tod von Mehmed Fuad und Mehmed Emin Ali ernannte Abdülaziz 1871 Mahmud Nedim Pascha zum Großwesir. Der Sultan versuchte statt seines Neffen Murad, den die alte Thronfolgeordnung bestimmte, seinen Sohn Yusuf İzzedin zum Erben des Reichs ernennen zu lassen. Um dies vorzubereiten, hatte er schon 1865 dem Vizekönig von Ägypten das Erstgeburtsrecht zugestanden. Sogar mit Russland ließ er sich in Verhandlungen über einen Staatsstreich mit russischer Hilfe ein, um die alte Thronfolgeordnung umzustürzen.

Im Jahr 1875 spitzte sich die Lage durch den sich abzeichnenden Staatsbankrott zu. Beigetragen dazu hat die Modernisierung der Armee, aber auch der zunehmend luxuriöse Lebensstil des Sultans und dessen Bauvorhaben, darunter die aufwendige Renovation des Çırağan-Palastes. Im Jahr 1875 kam es zu Aufständen in Bosnien und Herzegowina, 1876 folgte der bulgarische Aprilaufstand. In der Hauptstadt kam es am 11. Mai 1876 zum Aufstand gegen Mahmud Nedim. Abdülaziz entließ diesen, wurde aber in der Nacht vom 29. zum 30. Mai 1876 von Hüseyin Avni Pascha, Midhat Pascha, Mütercim Mehmed Rüşdi Pascha und Süleyman zur Abdankung gezwungen. Am 4. Juni wurde Abdülaziz auf deren Befehl im Çırağan-Palast ermordet. Man gab vor, er habe sich mit einer Schere selbst die Pulsader aufgeschnitten. 1881 aber wurden die noch lebenden Paschas Midhat, Nuri und Mahmud wegen der Ermordung Abdülaziz’ zum Tod verurteilt, jedoch nicht hingerichtet. Avni Pascha wurde einige Tage nach der Ermordung des Sultans wiederum von Abdülaziz' Schwager, dem Prinzen Hasan-Bey Barakay und Bruder seiner fünften Gattin Neşerek Kadın Efendi, ermordet. Prinz Barakay versuchte durch die Ermordung der Paschas den Tod seiner Schwester zu rächen, die ebenfalls Opfer jener Paschas geworden war.

Sonstiges[Bearbeiten]

Sultan Abdülaziz war ein Liebhaber der schönen Künste. Er hat im Jahre 1876 das Richard-Wagner-Festspielhaus in Bayreuth mit einer Hilfe in Höhe von ungefähr 70.000 Euro nach heutiger Kaufkraft gesponsert.[1] Die Eröffnung des Festspielhauses erlebte er jedoch nicht mehr.[2]

Er hat außerdem klassische Musik komponiert. Bekannt ist seine Orchesterkomposition Invitation à la Valse, das in einer Bearbeitung Arthur Kullings für kleines Orchester im Druck erschienen ist.[3]

Gestiftete Orden[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Enver Ziya Karal: ʿAbd al-ʿAzīz. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 1, Brill, Leiden, S. 56 f. (englisch).
  • Klaus Kreiser, Christoph K. Neumann: Kleine Geschichte der Türkei. Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010540-4; S. 330–338.
  • Cevdet Küçük: Abdülaziz. In: Türkiye Diyanet Vakfı İslâm Ansiklopedisi. Band 1, TDV Yayını, Istanbul 1988, S. 179–185 (türkisch).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Abdülaziz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. „Pascha ein fauler, egoistischer Mann der sich gern von seiner Frau bedienen lässt?“
  2. Mustafa Armağan: Osmanlı Tarihinde Maskeler ve Yüzler. Timaş Yayınları, İstanbul 2007, ISBN 975-263-116-9 (Auszug in deutscher Übersetzung).
  3. Die Europäisierung der Türkei begann auf kulturellem Gebiet: vor allem im 19. Jahrhundert Türkei-Reisen-Hotels.de, 2009, abgerufen am 1. März 2013
Vorgänger Amt Nachfolger
Abdülmecid I. Sultan und Kalif des Osmanischen Reichs
1861–1876
Murad V.