Abdallah Yusuf Azzam

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Scheich Abdallah Yusuf Azzam (arabisch ‏عبدالله يوسف عزامʿAbdullāh Yūsuf ʿAzzām; * 1941 in Silat al-Harithiyya, Westjordanland; † 24. November 1989 in Peschawar) war ein palästinensischer islamistischer Theologe und Mentor von Osama bin Laden. Er gilt als Vater des Islamischen Dschihad in seiner modernen Form und war eine der zentralen Figuren in der Finanzierung und Organisation des afghanischen Widerstandes der 1980er-Jahre.[1]

Leben[Bearbeiten]

Azzam wurde 1941 in dem Dorf Silat al-Harithiyya bei Dschenin im Westjordanland geboren. Mitte der 1950er-Jahre dürfte er zur Muslimbruderschaft gestoßen sein. Er studierte in Damaskus (Abschluss in Theologie 1966), wo er Sprecher der Muslimbruderschaft war. 1965 heiratete er eine Palästinenserin, deren Familie 1948 nach der Gründung Israels in das Westjordanland geflohen war. Nach dem Sechstagekrieg 1967 musste Azzam mit seiner Familie nach Jordanien gehen, von wo aus er etwa eineinhalb Jahre am bewaffneten Widerstand gegen die israelische Besetzung des Westjordanlands teilnahm, was jedoch von seinen Eltern nicht gebilligt wurde.

Im Herbst 1968 schrieb er sich in Kairo an der Al-Azhar-Universität ein, ein Jahr später legte er dort ein Examen in islamischem Recht ab.[2] Anfang 1970 wurde er Dozent an der Universität von Jordanien in Amman, ein Jahr später kehrte er mit einem Doktorandenstipendium an die al-Azhar-Universität zurück, wo er 1973 einen Doktortitel in islamischen Recht erwarb. Während dieser Zeit in Kairo kam er mit der Familie des islamistischen Theoretikers Sayyid Qutb und wahrscheinlich auch mit dem „blinden Scheich“ Umar Abd ar-Rahman in Kontakt.[3]

Mit großem Erfolg lehrte er weiterhin an der Universität Amman über die Schia. 1975 wurde er eines von fünf Ratsmitgliedern bei der jordanischen Muslimbruderschaft. Er kam mit seinen radikalen islamischen Ansichten in Konflikt mit der jordanischen Obrigkeit, verlor seinen Posten an der Universität Amman und zog, wohl um einer Ausweisung zuvorzukommen, nach Saudi-Arabien, um an der König-Abdul-Aziz-Universität in Dschidda zu lehren. Dort traf er Muhammad Qutb, den Bruder Sayyid Qutbs. Zugleich reifte in ihm die Vorstellung, nur ein bewaffneter Dschihad könne erfolgreich sein.

Deshalb entschloss er sich als einer der ersten Araber, am Kampf gegen die Sowjetunion in Afghanistan nach deren Einmarsch 1979 teilzunehmen. 1981 zog er nach Islamabad, wo er mit den Anführern des afghanischen Befreiungskampfes zusammenkam und zeitweise an der Internationalen Islamischen Universität lehrte.[4] Die ersten Bemühungen um eine Unterstützung des afghanischen Dschihad waren wenig fruchtbar. 1982 begann er mit der Veröffentlichung von Artikeln in der kuwaitischen Zeitschrift al-Mudschtamaʿ, in denen er über die göttlichen Wohltaten sprach, die den Märtyrern des afghanischen Dschihads zukommen sollen, und daran die Aufforderung an junge Araber anschloss, "sich der Karawane anzuschließen."[5]

1984 erschien Azzams Werk „Die Verteidigung von muslimischen Ländern als höchste persönliche Pflicht“, das er als Fatwa proklamierte. Er griff eine schon vorher formulierte Idee auf, bezog sie auch auf äußere Feinde und nicht nur, wie vorher geschehen, auf innere, das heißt Regierungen im eigenen Land. Der Dschihad wurde auf diese Weise internationalisiert, auch wenn er sich noch nicht auf fremde Territorien erstreckte. Azzam stärkte die Ideen des Panislamismus und islamischer Territorien, die es im Namen des Islam zu verteidigen gelte. In Saudi-Arabien gab es allerdings auch Kritik an seiner Schrift. Safar al-Hawālī, ein wichtiger Vertreter der Sahwa-Bewegung, antwortete ihm darauf mit einem Vortrag über das "Verständnis des Dschihad", in dem er äußerte, nicht Dschihad, sondern Tauhīd, der Glaube an den einen Gott, sei die wichtigste individuelle Pflicht.[6]

Um näher am Geschehen zu sein, zog Azzam im Oktober 1984 nach Peschawar, wo er mit seinem Schützling Osama bin Laden ein „Büro für Mudschahedin-Dienste“ (Maktab al-Chadamat) gründete, um Mudschahidūn aus der ganzen Welt für den Dschihad in Afghanistan anzuwerben und auszubilden.[7] Fernes Ziel Azzams blieb auch die Befreiung Palästinas. Dem Büro angeschlossen waren Gästehäuser und Trainingslager. Azzam ging selbst zum Kampf nach Afghanistan und nahm bin Laden dorthin mit. Doch seine eigentliche Domäne war das Schreiben. ʿAzzām rief noch im Dezember 1984 eine Zeitschrift mit dem Namen al-Dschihad ins Leben, die über mehrere Jahre von Peschawar aus vertrieben wurde. Monatlich erscheinend, enthielt sie Nachrichten von der Front und ideologische Texte, die anschließend in arabischen Broschüren nachgedruckt und teilweise sogar in andere islamische Sprachen und ins Englische übersetzt wurden.[8] Zugleich reiste er durch die ganze Welt, um für die afghanische Sache zu werben. Unter anderem gründete er eine Zweigstelle des Büros in den USA.

Azzams Werbung hatte großen Erfolg: Mit Geld von Osama bin Laden, Saudi-Arabien und der CIA (über den pakistanischen Geheimdienst ISI) gelang, vor allem ab 1986, die Anwerbung von geschätzten mehreren Tausend bis 20.000 Mudschahedin aus 20 Ländern. Dabei betrieb vor allem bin Laden die Ausbildung unabhängiger arabischer Kampfgruppen, die seit 1984 in eigenen Lagern ausgebildet wurden. Es entstand über die Jahre eine Art islamistische Internationale von arabischen Kämpfern und Aktivisten.

Dennoch war Azzam in der Dschihad-Bewegung nicht unumstritten. Deutlichster Ausdruck dafür ist sein Streit Mitte der 1980er mit dem Haupt der jordanischen Muslimbruderschaft, der sogar zum Ausschluss Azzams aus der Bruderschaft führte. Ihm wurde vorgeworfen, über dem Kampf in Afghanistan den in Palästina als das eigentlich „zentrale Anliegen des Islams“ zu vernachlässigen. Jedoch war Azzam 1987 an der Gründung der palästinensischen Hamas beteiligt, und in seinen Schriften nennt er neben Afghanistan und Palästina Länder wie Tschad, Eritrea, Somalia, die Philippinen, Burma oder Südjemen.

Was die Kampftaktik angeht, wendete sich Azzam gegen das Konzept der revolutionären Avantgarde, die durch einen Staatsstreich die Macht übernimmt. Er setzte stattdessen auf Bildung einer „soliden Basis“ (al-Qāʿida as-sulba) von lang erprobten und ideologisch geschulten Kämpfern, wozu er im April 1988 in der Zeitschrift al-Dschihad aufrief. Eine kurz darauf erfolgende Versammlung zu diesem Zweck wurde jedoch von bin Laden geleitet und markierte dessen Abwendung von Azzam.

1989 starb Azzam durch eine Bombe in Peschawar. Die Täterschaft ist ungeklärt, im Verdacht stehen die CIA, der Mossad, Osama bin Laden, Aiman az-Zawahiri, afghanische Mudschahedin und die ISI.

Azzam hat über 100 Bücher und Artikel verfasst. Nach seinem Tod wurden seine Werke durch das in London ansässige Verlagshaus Azzam Publications vertrieben. Von Azzam beeinflusst wurden auch Abu Musab az-Zarqawi und Mullah Krekar.

Theorien über den Tod Abdallah Azzams[Bearbeiten]

Verschiedene Täter kommen in Frage, Azzam ermordet zu haben. Am weitesten verbreitet ist die Annahme, dass Osama bin Laden die Ermordung Azzams befahl. Quellen zufolge kam es zwischen Azzam und Bin Laden zu Streit über die Zukunft der arabischen Kämpfer in Afghanistan, unter vielen anderen Differenzen. Eine zweite Theorie geht von Aiman az-Zawahiri als Drahtzieher des Attentates aus, mit dem sich Azzam ebenfalls zerstritten hatte. Nach der dritten Theorie wurde Azzam Opfer rivalisierender afghanischer Stammestruppen, die die Einmischung Azzams in deren Angelegenheiten unterbinden wollten. Weitere Theorien beschuldigen den pakistanischen Geheimdienst ISI, die amerikanische CIA, und den israelischen Mossad.[9]

Ideologie und Bedeutung[Bearbeiten]

Nach Thomas Hegghammer hat das Vermächtnis Abdallah Azzams drei wichtige Dimensionen:

  1. Politische Dimension: Azzam war eine zentrale Kraft in der Ausweitung des afghanischen Dschihad der 80er-Jahre von einem Regionalkonflikt zu einem weltweiten Konflikt.
  2. Organisatorische Dimension: Azzams Engagement im afghanischen Widerstand, die Eröffnung ausländischer Geldquellen sowie die Rekrutierung tausender Araber für den Afghanistan-Widerstand brachte ihm den Namen "Vater der arabischen Afghanen" ein.
  3. Ideologische Dimension: Azzam wird vielmals als erster Theoretiker des weltweiten Jihads angesehen.[10]

Ideologie über Islam und Politik[Bearbeiten]

Azzam interpretierte das Konzept des Dschihad neu: Anstatt gegen den inneren Feind hieß es nun, gegen den äußeren Feind, eine äußere Bedrohung zu kämpfen, eine nicht-muslimische Macht, die wie in Afghanistan (und Palästina) muslimisches Land besetzte und unterdrückte. Dies stellt eine Abkehr von der bis dahin gängigen Lehre der ägyptischen Radikalen dar, die den Dschihad vor allem als Mittel gegen die Unterdrückung eines Volkes durch einen muslimischen Herrscher betrachtete.

Der Islamismus Azzams war außerdem stärker territorial ausgerichtet als jede andere Form des Islamismus. Dschihad sah er nicht als Mittel um ein politisches System, einen Staat zu befreien, sondern muslimischen Boden gleich wo er sich befindet. Damit fanden seine Theorien großen Zulauf in Konfliktherden wie Bosnien, Tschetschenien und den Palästinensergebieten in den 90er-Jahren. Außerdem betonte er die Idee, politische Erfolge auch als Folge von revolutionären kleinen Gruppen anstatt durch großangelegte militärische Erfolge zu verstehen - eine wichtige ideologische Voraussetzung für die Geburt zahlreicher extremistischer Gruppen sowie Terrororganisationen, die auf genau diese Taktik des kleinen aber wirkungsvollen Guerilla- bzw. Terror-Kampfes setzen.[11]

Azzam war auch ein starker Verfechter des Panislamismus. Damit gilt er als Vordenker jener internationaler islamistischer Organisationen, die sich während der 90er-Jahre bildeten - vor seiner Ideologie waren die meisten radikal-islamistischen Gruppen stärker nationalistisch ausgerichtet.[12]

Azzam und Internationaler Terrorismus[Bearbeiten]

Azzam trug mit seiner Ideologie der Verherrlichung des Märtyrertodes stark zur Entwicklung des Märtyrerkultes bei, der in den 1980er- und 90er-Jahren zur Konsequenz der Selbstmordattentate führte. Dennoch sprach sich Azzam nie dafür aus, Attacken gegen das Gebiet ferner Feinde zu führen.[13] Er rief zu keiner weltweiten Erhebung gegen undefinierte „Feinde des Islams“ aus. Daher kann davon ausgegangen werden, dass Abdallah Azzam zwar radikal in vielen seiner Ansichten war, nicht aber als wirklicher geistiger Vater heutiger Terrororganisationen gelten kann.[14]

Bedeutung für den Afghanistan-Krieg 1985-1989[Bearbeiten]

„Keine andere Person (spielte) eine wichtigere Rolle als Abdallah Azzam bei den Bemühungen, die Unterstützung der muslimischen Welt für die afghanische Sache zu bündeln. Seine systematischen Bemühungen, Propaganda zu machen, Geld zu sammeln und Netzwerke zu knüpfen, trugen wesentlich zur Internationalisierung eines Konflikts bei, der sonst nur eine regionale Auseinandersetzung am Rand der muslimischen Welt geblieben wäre.“[15]

Bedeutung für den Nahostkonflikt[Bearbeiten]

Azzams Theorien waren von großer Bedeutung und Einfluss in seiner Heimat, den Palästinensergebieten: „Man kann sagen, dass seine Schriften dort zur Neudefinition des Nahostkonflikts beitrugen. In den Augen vieler führten die Palästinenser nicht einen nationalistischen Kampf um einen eigenen Staat, sondern einen erbitterten Kampf um muslimischen Boden.“[16]

Azzam über den Nahostkonflikt:

„Das Palästinenserproblem ist nur durch den Dschihad zu lösen. (…) Der Dschihad und das Gewehr, das ist alles. Keine Verhandlung, keine Konferenz, kein Dialog.“[17]

Werke[Bearbeiten]

  • Die Liebhaber der Paradiesjungfrauen (Ushasha qu l-Hur)
  • Die Verteidigung von muslimischen Ländern als höchste persönliche Pflicht (Fatwa, 1984)
  • Folgt der Karawane! (1987)

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Pohly, Khalid Durán: Osama bin Laden und der internationale Terrorismus. Ullstein, München 2001, ISBN 3-548-36346-6.
  • Berndt Georg Thamm: Al-Qaida: Das Netzwerk des Terrors. Diederichs, München 2005, ISBN 3-7205-2636-4.
  • Jean-Charles Brisard: Das neue Gesicht der al-Qaida. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07266-X.
  • Thomas Hegghammer: Einführung: Abdullah Azzam, der Imam des Dschihads. In: Gilles Kepel, Jean-Pierre Milelli (Hrsg.): Al-Qaida: Texte des Terrors. Piper, München 2006, ISBN 3-492-04912-5, S. 145–173.
  • Stéphane Lacroix: Awakening Islam. The politics of religious dissent in contemporary Saudi Arabia. Harvard University Press, Cambridge 2011. S. 110-114.
  • Thomas J. Moser: Politik auf dem Pfad Gottes: Zur Genese und Transformation des militanten sunnitischen Islamismus. IUP, Innsbruck 2012, ISBN 978-3-902811-67-7, S. 111–120.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Biographie (englisch; Archivversion vom 29. März 2008)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hegghammer, S. 164–170
  2. Vgl. Hegghammer 151.
  3. Vgl. Hegghammer 152f.
  4. Vgl. Hegghammer 157.
  5. Vgl. Lacroix 110.
  6. Vgl. Lacroix 111.
  7. Vgl. Lacroix 113.
  8. Vgl. Patrick Franke: "Rückkehr des Heiligen Krieges? Dschihad-Theorien im modernen Islam" in André Stanisavljevic und Ralf Zwengel (Hg.): Religion und Gewalt. Der Islam nach dem 11. September. Potsdam 2002. S. 47-68. Hier S. 62.
  9. Hegghammer, 164
  10. Hegghammer, S. 165
  11. Hegghammer, S. 167–168
  12. Hegghammer, S. 168
  13. Hegghammer, S. 169
  14. Hegghammer, S. 170
  15. Hegghammer, S. 165
  16. Hegghammer, S. 167
  17. Hegghammer, S. 168