Abendzeitung

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Abendzeitung (Begriffsklärung) sowie Abendblatt aufgeführt.
Abendzeitung
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Fachgebiet Deutsche Tageszeitung
Sprache Deutsch
Verlag Abendzeitung München Verlags-GmbH
Erstausgabe 16. Juni 1948
Erscheinungsweise werktäglich (Mo–Sa)
Verkaufte Auflage
(IVW 3/2014, Mo–Sa)
48.445 Exemplare
Reichweite (MA 2014 I) 0,21 Mio. Leser
Chefredakteur Michael Schilling[1]
Herausgeber Martin Balle, Dietrich von Boetticher
Geschäftsführer Joachim Melzer
Weblink www.abendzeitung-muenchen.de
ISSN 0177-5367

Die Abendzeitung, kurz AZ, ist eine Münchner Boulevardzeitung.

Geschichte und Konzept[Bearbeiten]

Ab 1945 gehörte München zur US-Besatzungszone. Diese Zone unterstand bis zur Gründung der Bundesrepublik der US-Militärregierung („OMGUS“). Ernest Langendorf von der Pressekontrollbehörde der OMGUS ergriff die Initiative, die Abendzeitung zu gründen. Werner Friedmann, der schon eine Lizenz für die Süddeutsche Zeitung bekommen hatte, wurde von der OMGUS am 16. Juni 1948 als Chefredakteur eingesetzt. Geplant war die Abendzeitung als Straßenverkaufszeitung. Ziel war es, eine in München verankerte Tageszeitung zu schaffen, die viele Leser von Boulevardzeitungen und auch intellektuelle Kreise ansprechen sollte. Die Abendzeitung erhielt unter anderem einen umfangreicheren Kulturteil und deutlich längere Texte als typische Boulevardzeitungen.

In den 1970er-Jahren schlug die Ausgabe einer nach der Bild am Sonntag gestylten Sonntagszeitung mit dem Titel AZ fehl.

Langjährige Herausgeberin waren Anneliese Friedmann und Johannes Friedmann, die Ehefrau und der Sohn des Gründers. Das Hauptverbreitungsgebiet der überregional erscheinenden Zeitung sind München und die angrenzenden Teile Oberbayerns. Die politische Grundhaltung des Blattes gilt als liberal.

In den 1980er-Jahren war die AZ Gegenstand der Fernsehserie Kir Royal, deren Drehbuch Helmut Dietl mit Patrick Süskind schrieb. Zentrale Figur war der Klatschreporter Baby Schimmerlos, der nach dem Vorbild von Michael Graeter geschaffen wurde.

Bis 2008 verpasste die Abendzeitung einige Entwicklungen der Zeitungslandschaft. Die Übernahme der Chefredaktion durch den erfahrenen Münchner Lokaljournalisten Arno Makowsky sollte dies ändern. Die Zeitung wurde wieder konsequent zum Lokalblatt mit Schwerpunkten auf Sport und Kultur. Mehrere Jahre lang wurde eine Website mit für die Online-Veröffentlichung aufbereiteten Inhalten geschaffen.[2] Gleichzeitig verließ im September 2008 die AZ ihr Traditionshaus in der Sendlinger Straße; auf dem Grundstück wurde die Einkaufspassage Hofstatt errichtet. Die Redaktion zog in die Hopfenpost.

Wegen „wirtschaftlicher Schwierigkeiten“ entschied die Geschäftsführung im März 2010, die Zahl der Mitarbeiter in Redaktion und Verlag erheblich zu reduzieren.[3] Demnach sollten 22 von 80 Stellen in der Redaktion abgebaut werden, insgesamt sollten laut Süddeutscher Zeitung 40 von 90 Mitarbeitern von dem Stellenabbau betroffen sein. Im November 2010 verstärkte die AZ ihre Lokalredaktion für München. Neuer Ressortleiter wurde Michael Schilling, seine Stellvertreter Timo Lokoschat und Thomas Müller. Tina Angerer übernahm die neu geschaffene Stelle der Chefreporterin im Lokalteil.[4]

Insolvenzantrag[Bearbeiten]

Am 5. März 2014 stellte die Abendzeitung einen Insolvenzantrag.[5][6] Seit 2004/2005 hat der Verlag Verluste von rund 70 Millionen Euro gemacht, davon 10 Millionen allein im Jahr 2013. Die Erträge aus dem Verkauf des ehemaligen Redaktionssitzes in der Sendlinger Straße und der Nürnberger Abendzeitung wurden dadurch vollkommen aufgebraucht. Die Eigentümerfamilie sah sich nicht in der Lage, die Verluste weiter zu tragen.[2] Als erste Maßnahme ließ der Insolvenzverwalter den Straßenverkaufspreis werktags von 60 Cent auf 1 Euro anheben.[7]

Der Spiegel machte als Gründe für den Niedergang der AZ einen absurd teuren und langfristigen Druckvertrag aus, ferner ein inhaltliches Ausbluten der Zeitung, wobei nur ein flotter Sportteil in der Zeitung verblieben sei. Auch die 1999 eingeführten Zeitungsboxen, aus welchen man die AZ kostenlos herausnehmen konnte, hätten die Leser daran gewöhnt, dass Journalismus nichts koste.[8]

Fortführung[Bearbeiten]

Am 17. Juni 2014 wurde bekanntgegeben, dass Martin Balle, Verleger des Straubinger Tagblatts, und als Minderheitseigner der Rechtsanwalt Dietrich von Boetticher die Zeitung zusammen mit dem Internetauftritt übernehmen.[9][10]

Die erste Ausgabe unter neuer Führung erschien am 1. Juli 2014 in einem kleineren Format und mit dem Untertitel „Das Gesicht dieser Stadt“. Der frühere Geschäftsführer Christoph Mattes kam als Verantwortlicher für Anzeigen und Vertrieb. Der Abendzeitung blieben nur etwa 25 Redakteure in der Zeitung, dazu ca. fünf bis zehn weitere Stellen; alle anderen Mitarbeiter wurden in eine Beschäftigungsgesellschaft übernommen. Auch Chefredakteur Arno Makowsky musste gehen, sein Nachfolger wurde Michael Schilling. Die Abendzeitung wird jetzt in Straubing gedruckt, da der langjährige, teure Druckvertrag im Zuge der Insolvenz gekündigt werden konnte.[10] Alle Inhalte werden in München geschrieben.[11] Das ist eine positive Entwickliung gegenüber ersten Planungen und Berichten. Die ließen erwarten, dass die Redaktion nur den Lokalteil einschließlich des für die Abendzeitung traditionell sehr bedeutenden Kulturteils und Lokalsports schreiben sollte. Alle anderen Themen würden aus dem von Straubing bereitgestellten Material zusammengestellt.[12]

Für die Abendzeitung gab es mehrere Interessenten. Dirk Ippen, Verleger des Münchner Merkurs und der tz, soll ein Angebot abgegeben haben. Die Süddeutsche Zeitung wollte im Falle einer Einstellung der Printausgabe die Online-Präsenz der Abendzeitung fortführen.[13]

Wegen des Drucks in Straubing und des Andrucks um 19 Uhr musste der Redaktionsschluss nach vorne verlegt werden, was die Möglichkeit aktueller Reaktionen auf Ereignisse am Abend in der Anfangsphase verhinderte. Durch den Druck einer Teilauflage in Traunstein seit Mitte September 2014 kann die Zeitung inzwischen wieder auf aktuellere Ereignisse wie spät stattfindende Fußballspiele reagieren.[14] Die Redaktionsräume in der Innenstadt wurden aufgegeben, die Zeitung entsteht seitdem am Mittleren Ring im Stadtbezirk Sendling-Westpark.

Nach drei Monaten meldete die Abendzeitung eine verkaufte Auflage von rund 40.000 Exemplaren, und damit deutlich über der Gewinnschwelle, die mit 30.000 angegeben wurde.[14]

Nürnberger Ausgabe[Bearbeiten]

Die Nürnberger Ausgabe entstand durch Übernahme des dortigen, 1918 erstmals erschienenen 8-Uhr-Blattes in den 1960er-Jahren. Die Abendzeitung experimentierte auch – erfolglos – mit Ausgaben für Stuttgart und Augsburg.

Im Februar 2010 wurde bekannt, dass der Verlag die Nürnberger Ausgabe der Abendzeitung und das zugehörige Anzeigenblatt Der Frankenreport an „media-regional“, ein Unternehmen des Nürnberger Telefonbuchverlegers und Radiounternehmers Gunther Oschmann, verkauft. Eine enge Kooperation zwischen den beiden Ausgaben in München und Nürnberg solle erhalten bleiben. Der Titel solle erhalten bleiben, der Mantelteil solle weiter aus München bezogen werden.[15][16] Das Bundeskartellamt erteilte für den Kontrollerwerb am 1. März 2010 die Freigabe.[17][18]

Die verkaufte Auflage der Abendzeitung Nürnberg ging im dritten Quartal 2012 auf unter 14.000 Exemplare am Tag zurück.[19] Am 27. September 2012 gab Geschäftsführer Roland Finn das Ende der Nürnberger Ausgabe zum 29. September bekannt; 35 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz.[20][21]

Chefredakteure[Bearbeiten]

Mitarbeiter[Bearbeiten]

Zu den bekanntesten Autoren der Abendzeitung zählten Sigi Sommer, der zwischen 1949 und 1987 mehr als 3500 Kolumnen verfasste, Dorothea Federschmidt, langjährige Feuilletonchefin und erste Frau überhaupt in der Redaktion der AZ, und Werner Meyer, der 37 Jahre lang Chefreporter des Blattes war. Regelmäßige Kolumnen schrieben Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, Kabarettist Django Asül, Kabarettistin Lisa Fitz, Schriftsteller Joseph von Westphalen, Gesellschaftsreporter Michael Graeter und Filmkritikerin Ponkie, die bis heute für das Blatt tätig ist. Täglich erscheint im Lokalteil der Zeitung eine Zeichnung von Franziska Bilek. Bedeutende Ehrungen erhielt die Abendzeitung für die Arbeit der Landtagskorrespondentin Angela Böhm, die zwischen 1990 und 2014 3x mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet wurde.

Zu den ehemaligen Mitarbeitern der AZ gehören unter anderem Helmut Fischer, Nils von der Heyde, Erich Böhme, Bernd Dost, Peter Glotz, Hans-Jürgen Jakobs, Sebastian Borger, Michael Jürgs, Arno Luik, Frank Plasberg, Marie Waldburg, Jan-Eric Peters, Andreas Petzold, Rafael Seligmann und Claus Strunz.

Projekte[Bearbeiten]

Über 40 Jahre lang organisierte die Abendzeitung mit dem Bayerischen Rundfunk die Wohltätigkeitsveranstaltung Stars in der Manege.

Bei der Aktion „Ein Brunnen für Dangona“ handelte es sich um ein Langzeitprojekt des Bayerischen Roten Kreuzes und der AZ zur Verbesserung der Wasserversorgung des Dorfes Dangona im Staat Niger.

Auflage[Bearbeiten]

Die Abendzeitung gehört zu den deutschen Tageszeitungen mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre. Die verkaufte Auflage ist seit 1998 um 69,2 Prozent gesunken.[22] Sie beträgt gegenwärtig 48.445 Exemplare.[23] Der Anteil der Abonnements an der verkauften Auflage liegt bei 53,6 Prozent.

Entwicklung der verkauften Auflage[24]


Entwicklung der Abonnentenzahlen[25]


1998 lag die verkaufte Auflage noch bei ungefähr 157.000 Exemplaren, 2013 bei gut 100.000.[7] Auffällig für eine Boulevardzeitung ist, dass ein vergleichsweise großer Teil der Auflage über Abonnements vertrieben wird und die Leserschaft ein relativ hohes Einkommens- und Bildungsniveau erreicht. Allerdings wurde im Quartal I/2014 mehr als 40 Prozent der verkauften Auflage nicht zum Straßenpreis oder im Abonnement abgegeben, sondern als Teil von Sonderprogrammen oder als Bordexemplare, die dem Verlag wesentlich geringere Erlöse einbringen.[7]

Nationale Reichweite der in München erscheinenden Tageszeitungen
Medium 2005 2009 2013
Süddeutsche Zeitung 1.161.000 1.160.000 1.431.000
tz 298.000 335.000 256.000
Abendzeitung 280.000 233.000 210.000
Bild München 406.000 379.000 331.000
Münchner Merkur 703.000 722.000 723.000
Leser-Reichweiten in Deutschland laut Media-Analyse Pressemedien 2005, 2009 und 2013

Online-Auftritt[Bearbeiten]

Der Internetauftritt der Abendzeitung ist unter www.abendzeitung-muenchen.de zu finden. Er wird von sueddeutsche.de bereitgestellt und erreicht rund 3,7 Millionen Unique User (AGOF 7/2014) im Monat.[26] Damit liegt er bei den Boulevardzeitungen nach bild.de deutschlandweit auf Platz 2.

Literatur[Bearbeiten]

  • Henning Kornfeld: Der Boulevard-Blues. In: journalist. April 2014, S. 42–46.
  • Henning Kornfeld: Weiter zittern. In: journalist. Juni 2014, S. 7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Abendzeitung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Impressum der Abendzeitung.
  2. a b Christian Jakubetz: Das Aus der AZ. In: Blog von Christian Jakubetz, 5. März 2014.
  3. Marc Felix Serrao: Radikaler Jobkahlschlag. In: Süddeutsche Zeitung. 23. März 2010.
  4. Neue Gesichter für den AZ-Lokalteil. In: Abendzeitung. 6./7. November 2010, S. 16.
  5. Münchner „Abendzeitung“ meldet Insolvenz an. In: Süddeutsche.de. 5. März 2014, abgerufen am 5. März 2014.
  6. Münchner „Abendzeitung“ stellt Insolvenzantrag. In: Spiegel Online. 5. März 2014, abgerufen am 5. März 2014.
  7. a b c Primitives Management. In: taz. 17. April 2014.
  8. Klaus Brinkbäumer: Servus. In: Der Spiegel. 11/2014, S. 142-143.
  9. Erscheinen gesichert: Abendzeitung gerettet: Mit 66 Jahren ist noch nicht Schluss. In: Abendzeitung. 17. Juni 2014, abgerufen am 17. Juni 2014.
  10. a b Neuer Investor aus Straubing: Provinz-Verleger will „Abendzeitung“ retten. In: Der Spiegel. 17. Juni 2014, abgerufen am 17. Juni 2014.
  11. Abendzeitung: IVW: AZ verkauft täglich 48.445 Exemplare, 20. Oktober 2014
  12. Zukunft der "Abendzeitung" wird konkreter. In: Süddeutsche Zeitung. 25. Juni 2014.
  13. Straubinger Verleger erhält Zuschlag für „Abendzeitung“. In: Süddeutsche Zeitung. 17. Juni 2014.
  14. a b W&V: Sparkonzept geht auf: Neue Abendzeitung liefert Gewinn ab, 17. September 2014
  15. „Abendzeitung“ verkauft Nürnberger Tochter. In: DWDL.de. 3. Februar 2010.
  16. Nürnberger Abendzeitung soll verkauft werden. Pressemitteilung des Bayerischen Journalisten-Verbands, 3. Februar 2010.
  17. Monika Lungmus: Kartellamt stimmt Abendzeitungs-Verkauf zu. In: Journalist Online, 5. März 2010. Die AZ hatte diesen am 27. Januar 2010 beantragt.
  18. Entscheidungen über Zusammenschlussverfahren, Aktenzeichen B6-20/10. In: Bundeskartellamt, abgerufen am 31. März 2010.
  19. laut IVW, drittes Quartal 2012 (Details und Quartalsvergleich auf ivw.eu).
  20. Wir sagen leise Adé. In: Abendzeitung Nürnberg. 27. September 2012.
  21. Abendzeitung Nürnberg schließt. In: Handelsblatt. 27. September 2012.
  22. laut IVW, (Details auf ivw.eu)
  23. laut IVW, drittes Quartal 2014, Mo–Sa (Details und Quartalsvergleich auf ivw.eu)
  24. laut IVW, jeweils viertes Quartal (Details auf ivw.eu)
  25. laut IVW, jeweils viertes Quartal (Details auf ivw.eu)
  26. Abendzeitung: [www.abendzeitung-muenchen.de/inhalt.rekorde-fuer-az-muenchende-die-az-im-web-muenchens-reichweiten-champion.fdbb0879-e959-4b28-b877-12fef7502a89.html Reichweite: 3,7 Millionen Unique User für die AZ im Web], 19. September 2014