Aberglaube

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Die Schwarze Katze

Die Bezeichnung Aberglaube wird in der Regel negativ wertend auf Glaubensformen und religiöse Praktiken angewandt, die nicht dem als „richtig“ und „allgemeingültig“ empfundenen System kultureller Überzeugungen und Lehrmeinungen entsprechen.[1] Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch wurde der Begriff weitgehend durch die Bezeichnung Volksglaube abgelöst.[1]

Der Aberglaube wird im allgemeinen Sprachgebrauch mit Unvernunft und Unwissenschaftlichkeit gleichgesetzt. In abrahamitisch-religiös geprägten Kreisen wird die Bezeichnung unter Gleichgesinnten zur Aufzeigung mangelnder theologischer Bildung, aber auch zur Herabwürdigung volkstümlicher und okkulter Glaubensrichtungen verwendet.[2][3] Auch Religionskritiker verwenden den Begriff, seiner negativen Konnotierung wegen allerdings für sämtliche Glaubensvorstellungen und Religionen. Da sich der Begriff von der jeweils herrschenden Welt- und Glaubenssicht her definiert, wird der Inhalt von dem jeweiligen wissenschaftlichen oder religiösen Standpunkt des Darstellers bestimmt.[4]

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff Aberglaube ist seit dem 15. Jahrhundert belegt (abergloube). Der Wortbestandteil „aber-“ bedeutete nach Auffassung heutiger etymologischer Wörterbücher ursprünglich „nach, wider, hinter“, wobei es später eine abschätzige Bedeutung annahm und das Gegenteil dessen bezeichnete, was der zweite Wortbestandteil ausdrückte, z. B. bei „Aberwitz“.[5] Das Wort kam als Lehnübertragung des lateinischen Begriffs super-stitio in Gebrauch.[6] Der Begriff wurde von Afterglaube (= Mißglaube) abgeleitet und stand für „falsche“, d. h. von der christlichen Glaubenslehre abweichende, Glaubensinhalte und -formen. Aberglaube galt als heidnisch, unmoralisch und ketzerisch.

Die Bekehrung der Heiden war in Europa zwar abgeschlossen, doch die lokalen Volksglauben lebten in gewissen Grenzen weiter: Zauber, Amulette, Böser Blick, heilige Bäume und heilige Haine sollten die Christen nicht vom wahren Glauben abbringen. Außerdem wollte man mit dem Begriff Aberglauben den neuen vorreformatorischen und sektiererischen Einflüssen entgegenwirken. Kirchenkritiker und Abweichler, die Ketzer, sollten damit auf die gleiche Ebene wie Hexen und Zauberer gestellt werden. Auch das Regelwissen der aufstrebenden Naturwissenschaft wurde diffamiert: Wissen oder Sehen-Wollen statt Glauben und Vertrauen stand im Verdacht der Überheblichkeit und des Fanatismus, befand sich also im Widerspruch zur christlichen Ethik.

Der griechische Philosoph Plutarch verurteilt alles als Aberglaube, was Gott negative Eigenschaften unterstellt, namentlich die Vorstellung einer Hölle.[7]

Bereits Augustinus übernahm den Begriff „superstitio“, um nichtchristliche Religionen zu kennzeichnen. Er legte die theoretischen Grundlagen der mittelalterlichen Lehre über die Geschichte des Aberglaubens. In seinen Werken De civitate Dei, De doctrina christiana, De divinatione daemonum und De natura daemonum befasste er sich ausführlich mit dem Aberglauben. Als Bischof von Hippo war er insbesondere mit dem Amulettglauben konfrontiert, der nach seiner Meinung eine ernsthafte Bedrohung des Christentums darstellte.[8] Seine Terminologie und seine Kenntnisse entnahm er weitgehend Marcus Terentius Varro.[9] Die Lehre von den Dämonen übernahm er im Wesentlichen von den Neuplatonikern. Augustinus ging von der realen Existenz von Dämonen aus. Sie bevölkerten nach ihm den Weltstaat („civitas terrena“ oder „civitas diaboli“). Um einem dualistischen Weltbild zu entgehen, erklärte er die Dämonen als urgeschichtlich gefallene und von Gott verstoßene Engel.[10] Die magischen Praktiken waren heidnischen Ursprungs, und Augustinus sah im Aberglauben den Versuch, sich mit Hilfe der heidnischen Götter, die mit den Dämonen identifiziert wurden, Sicherheit zu verschaffen. So wurde der Aberglaube mit dem heidnischen Götzendienst identifiziert.[11] Auch Thomas von Aquin verstand Aberglauben als sittlichen, intellektuellen und religiösen Verfall. Den Götzendienst interpretierte er als eine Form der „superstitio“, beschäftigte sich aber auch mit abergläubischen Formen der an sich richtigen, christlichen Gottesverehrung; diese seien nichtsdestoweniger sündhaft.

Im Zeitalter der Aufklärung trat ein grundlegender Wandel ein: An die Stelle der Frage nach dem rechten Glauben trat das Bemühen, den Geltungsbereich vernunftgemäßen Urteilens und naturwissenschaftlicher Prinzipien zu bestimmen. Aberglaube galt als Abweichung der Vernunft und war in erster Linie ein historisches und soziales Bildungsproblem. Die Aufklärung richtete sich unter anderem gegen den religiösen Aberglauben und entwickelte eine „Vernunftreligion“. Immanuel Kant sagte etwa: „Aberglaube ist der Hang, in das, was als nicht natürlicher Weise zugehend vermeint wird, ein größeres Vertrauen zu setzen, als was sich nach Naturgesetzen erklären lässt – es sei im Physischen oder Moralischen.“[12] Heute bezeichnet der Begriff Aberglaube – nach einer Definition des Sozialpsychologen Judd Marmor – Glaubenssätze und Praktiken, die wissenschaftlich unbegründet sind und nicht dem erreichten Kenntnisstand einer Gesellschaft entsprechen.

Charakteristik[Bearbeiten]

Im weltlichen Bereich bezeichnet man als Aberglaube entweder ein Regelwissen, das sich nicht belegen lässt oder sich nicht bestätigt, oder eine Interpretation von Mechanismen als soziale Handlungen (etwa Naturphänomene als Verhalten von Naturgeistern). Dieses Urteil kann entweder abschätzig oder scherzhaft gemeint sein (Illusionsbereitschaft im Bewusstsein der Illusion).

Aberglaube entsteht auch durch die falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Das Magazin Gehirn & Geist schrieb 2009: „Menschen neigen zu der Vorstellung, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind“. Bei ein- oder zweimaligem zeitlichen Zusammentreffen von zwei Ereignissen würde eine ursächliche Verbindung angenommen, so dass abergläubisches Verhalten relativ schnell entstehe. Umgekehrt benötige es viele Male des Nichtzusammentreffens, um diesen Verdacht wieder zu zerstreuen.[13]

Ein Hintergrund vieler weltlicher Formen von Aberglauben ist der sogenannte „Volksglauben“, wobei hier die Grenze zwischen Fehlverwendung und mangelnder Informationslage nur schwer zu ziehen ist – etwa bei den sogenannten Bauernregeln, mit denen zum Teil Erfahrungswerte aus Haushalt und Landwirtschaft vermittelt werden, zum Teil jedoch auch Wettervorhersagen betrieben werden.

Der Nachweis, dass Glaubensinhalte von Konventionen abhängig und deshalb nicht objektiv seien, macht sie in der westlichen Welt oft zum Aberglauben. Dagegen kennen viele Kulturen außerhalb Europas weder den Begriff „Aberglauben“ noch die exklusive Vorstellung eines „rechten Glaubens“.

Ursachen[Bearbeiten]

An diesen „Wunschbaum“ auf dem Pfullinger Berg (Schwäbische Alb) hängt man Zettel mit seinen Wünschen in der Hoffnung, dass der Baum sie erfüllt

Weltbild[Bearbeiten]

Meist besitzt ein als abergläubisch bezeichnetes Weltbild eine weniger in sich geschlossene Struktur als sie beispielsweise von den Scholastikern für die katholische Kirche aufgebaut wurde oder vom Szientismus für seine Anhänger. Es gibt starke regionale Unterschiede – die sich aber durch moderne Medien und die neueren Möglichkeiten der Kommunikation immer mehr verwischen. Die einzelnen Spielarten grenzen sich gegeneinander weniger deutlich ab als dies bei den Religionen der Fall ist. Dies bedeutet aber nicht unbedingt, dass zwischen konkurrierenden Formen des Aberglaubens eine größere Toleranz besteht.

Der Grund für das fehlende Grundgerüst ist häufig in der Christianisierung des ursprünglichen Volksglaubens zu sehen, wodurch der Unterbau verloren ging und nur Rituale wie das Silvesterschießen oder einzelne Zeremonien z. B. bei Totenfeiern erhalten blieben oder sich als katholisch gebilligter Heiligenglauben versteckten.

Aberglaube liefert aufgrund der narrativen Einbettung seiner Inhalte noch heute viele Hinweise auf das soziokulturelle Wissen alter Kulturen und ist Objekt zahlreicher volkskundlicher Forschungsarbeiten. Aus volkskundlicher Sicht kann man sagen, dass der Glaube dann zum Aberglauben wird, wenn er mit der soziokulturellen Entwicklung nicht mehr Schritt halten kann.

Psychologie[Bearbeiten]

In der Psychologie ist Aberglaube eng verwandt mit Begriffen wie magisches Denken, selbsterfüllende Prophezeiung, „Mythos der eigenen Unverletzbarkeit“ (siehe Arbeitssicherheit), Glaube an das „todsichere System“ beim Glücksspiel (siehe Wahrscheinlichkeit). Er entsteht z. B. bei indeterministischen Experimenten (z. B. die von Burrhus Frederic Skinner gefilmten Experimente mit Haustauben[14][15] und die so genannten abergläubischen Ratten). Aberglaube und magische Praktiken sind auch entwicklungspsychologisch relevant, da Kinder in einer so genannten Phase des Egozentrismus sich einem magisch-abergläubischen Weltbild zuwenden können.

Der Psychologe und Parapsychologe Hans Bender forderte eine kritisch-wissenschaftliche Untersuchung des Aberglaubens, da er dahinter ein bisher unerforschtes kollektives Wissen unterschiedlicher Kulturen im Sinne der von ihm postulierten Gleichförmigkeit des Okkulten vermutete.[16]

Rituale und Bräuche[Bearbeiten]

Aberglaube ist oft eine Form von überlieferten wiederholten, habitualisierten sozialen Handlungen und Bräuchen, die einstmals unter Umständen mit Sinn verbunden waren, später jedoch zu sinnentleerten Ritualen wurden. Auch sind in bestimmten Milieus abergläubische Vorstellungen verbreiteter als in anderen, was auf eine soziale Funktion des Aberglaubens hindeutet. Besonders in Berufsgruppen, die sehr von äußeren Umständen abhängen, ist oft ein durchaus lebendiger und ritualisierter Aberglaube typisch, so bei Seeleuten, Bauern, Soldaten im Krieg, darstellenden oder riskanten Berufen (z. B. Schauspielern, Sängern, Glücksspielern, Sportlern u.a.m.). Das deutet auf eine Sicherheit schaffende psychologische Funktion von Aberglauben hin. Auch ist er in allen Gesellschaften dort häufiger, wo die Lebenschancen gering sind (vgl. Unterschicht), und äußert sich dann in besonderen Verhaltensformen im Umfeld von Lotterien und dergleichen.

Häufig entsteht auch ein privater Aberglaube aus der Verknüpfung bestimmter Erfolgs- oder Unglückserlebnisse mit zufälligen Begleiterscheinungen, zwischen denen dann eine kausale Verknüpfung hergestellt wird. Ein Beispiel dafür ist die „Glückssocke“ (oder irgendein anderes Kleidungsstück oder Accessoire), die ihrem Träger zu bestimmten Anlässen beisteht, wenn er sie mit sich führt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bände. De Gruyter, Berlin / Leipzig 1929-1942 (unveränderter Nachdruck 2000, ISBN 3-11-016860-X).
  • Ditte Bandini, Giovanni Bandini: Kleines Lexikon des Aberglaubens Area, Erftstadt 2006, ISBN 978-3-89996-853-8.
  • Augustin Calmet, Abraham & Irina Silberschmidt: Gelehrte Verhandlung der Materie von den Erscheinungen der Geister, und der Vampire in Ungarn und Mähren, Edition Roter Drache, Rudolstadt 2007, ISBN 978-3-939459-03-3
  • Nils Freytag: Aberglauben im 19. Jahrhundert. Preußen und seine Rheinprovinz zwischen Tradition und Moderne 1815-1918. In: Quellen und Forschungen zur brandenburgischen und preußischen Geschichte. Band 22, Duncker und Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-10158-8 (Zugleich Dissertation an der Universität Trier 1998).
  • Karl-Heinz Göttert: Daumendrücken - Der ganz normale Aberglaube im Alltag, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2003, ISBN 3-15-010533-1
  • Dieter Harmening: Superstitio. Überlieferungs- und theoriegeschichtliche Untersuchungen zur kirchlich-theologischen Aberglaubensliteratur des Mittelalters. Schmidt, Berlin 1979, ISBN 3-503-01291-5.
  • Dieter Harmening: Wörterbuch des Aberglaubens, 2., durchgesehene und erweiterte Auflage, Reclams Universal-Bibliothek 18 620, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-018620-6.
  • Patrick Hersperger: Kirche, Magie und ‚Aberglaube‘. Superstitio in der Kanonistik des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht. Band 31, Böhlau, Köln 2010, ISBN 978-3-412-20397-9.
  • Hanns-Peter Mederer: Der unterhaltsame Aberglaube. Sagenrezeption in Roman, Erzählung und Gebrauchsliteratur zwischen 1840 und 1855. In: Berichte aus der Literaturwissenschaft. Shaker Verlag, Aachen 2005, ISBN 3-8322-4201-5 (Zugleich Dissertation an der Universität Hamburg 2005)
  • Heinrich Bruno Schindler: Der Aberglaube des Mittelalters. Ein Beitrag zur Culturgeschichte. Breslau 1858 (Digitalisat, Neuausgabe: BiblioBazaar, LLC, 2009, ISBN 978-1-110-11259-3).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Aberglaube – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Aberglaube – Zitate
 Wikisource: Aberglaube – Quellen und Volltexte
 Commons: Aberglaube – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Stichwort „Aberglaube“ in Pschyrembel Wörterbuch Sexualität. Walter de Gruyter, Berlin 2003; Seite 1. ISBN 3-11-016965-7.
  2. Helmut Hiller, Lexikon des Aberglaubens, München 1986, S. 315
  3. Rüdiger Hauth: Taschenhandbuch Esoterik: Von Bachblüten bis Yoga: Ein kritischer Leitfaden S.16.
  4. Hersperger S. 156 f.
  5. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Aufl. Berlin [u. a.] 2002, S. 6 sowie Pfeifer, Wolfgang: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, 5. Aufl. München 2000, S. 3.
  6. Mörschel: Aberglaube. In: Lexikon des Mittelalters (LexMA). Band 1, Artemis & Winkler, München/Zürich 1980, ISBN 3-7608-8901-8, Sp. 29.
  7. Plutarch: über den Aberglauben
  8. Roland Götz: „Der Dämonenpakt bei Augustinus.“ In: Georg Schwaiger (Hrg.): Teufelsglaube und Hexenprozesse. München 1999. S. 57-84, 64.
  9. D. Harmening: Artikel „Aberglaube“ in: Lexikon des Mittelalters Bd.1 Artemis Verlag 1980. Sp. 29-32, 30.
  10. Ch. Daxelmüller: Artikel „Dämonen, Dämonologie. B. Lateinisches Mittelalter.“ In: Lexikon des Mittelalters Bd. 3. Artemis Verlag 1986. Sp. 477-478, 477.
  11. L. Hödl: Artikel „Dämonen, Dämonologie. B. Lateinisches Mittelalter. III. Scholastisches Mittelalter.“ In: Lexikon des Mittelalters Bd. 3. Artemis Verlag 1986. Sp. 478-480, 479.
  12. Immanuel Kant: Werkausgabe, hrg. von Wilhelm Weischedel, Bd.XI, Frankfurt 4. Aufl. 1982, S. 335.
  13. Aberglaube bald stärker als Gottesglaube, Die Welt vom 11. März 2009
  14. Skinner und seine abergläubischen Tauben (PDF; 1,5 MB) ewi-psy.fu-berlin.de. Abgerufen am 3. Juli 2010.
  15. Burrhus Frederic Skinner: Superstition in the Pigeon. Journal of Experimental Psychology 38, 1947, S. 168–172, Volltext
  16. Hans Bender, Unser sechster Sinn, Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1971, ISBN 3-421-02228-3