Abitur nach der 12. Jahrgangsstufe

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Das Abitur nach der 12. Jahrgangsstufe (auch achtjähriges Gymnasium, kurz G8 oder Gy8) ist das Ergebnis einer Schulreform an den Gymnasien in Deutschland. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von bisher dreizehn auf nunmehr zwölf Jahre wurde in fast allen Bundesländern eingeführt. Lediglich in Rheinland-Pfalz bleibt es bisher bei einem Modellversuch an 19 Ganztagsschulen, während die reguläre Schulzeit an Gymnasien bis zum Abitur weiterhin gut zwölfeinhalb Jahre dauert.[1]

Zweck der Reform[Bearbeiten]

Als Hauptargument für die Einführung der verkürzten Schulzeit wird die zu anderen Ländern vergleichsweise lange Dauer der Schulzeit angeführt. Den Abiturienten soll daher durch die Schulzeitverkürzung ermöglicht werden, ein Jahr früher die Berufsausbildung zu beginnen und entsprechend ein Jahr früher Geld zu verdienen. Die Wirtschaft soll auf im Durchschnitt ein Jahr jüngere Berufseinsteiger mit Abitur bzw. abgeschlossener Hochschulreife zurückgreifen können.

Gesamtgesellschaftlich bzw. gesamtwirtschaftlich betrachtet soll wegen der demografischen Alterung die Lebensarbeitszeit der in Deutschland lebenden Menschen zunehmen. Dieser Effekt soll nicht nur durch einen späteren Eintritt in die Rente, sondern auch durch einen früheren Einstieg ins Berufsleben erzielt werden.

Voraussetzung für diese Effekte ist insbesondere, dass sich die Zahl der Sitzenbleiber nicht durch die Verdichtung des Unterrichts erhöht und dass die minderjährigen Schulabgänger zügig an die Universitäten und auf den Arbeitsmarkt drängen. Erste Rückmeldungen der Universitäten deuten darauf hin, dass die Studierfähigkeit der Studienanfänger durch die Umstellung gelitten hat.

Geschichtlicher Hintergrund und Einführung[Bearbeiten]

Das bislang neunjährige Gymnasium (Klasse 5 bis 13) wurde in der Weimarer Republik nach der obligatorischen vierjährigen Grundschule, statt der bisher meist üblichen dreijährigen Vorschule, für alle Kinder eingeführt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde per Erlass vom 30. November 1936 die höhere Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzt. Hintergrund dieser Regelung war der Wunsch, die deutsche Wehrmacht durch die dann früher zur Verfügung stehenden Offiziersanwärter erheblich aufzurüsten.[2]

Nach Kriegsende hielt die neu gegründete DDR vor allem aus bildungstheoretischen, aber auch aus ideologischen Gründen am Reifezeugnis nach zwölf Klassen fest. Das Abitur konnte für wenige Schüler auf der Erweiterten Oberschule nach zwölf Jahren Schulzeit und mit Samstagsunterricht abgelegt werden (Abiturquote: 10 Prozent). Eine weitere Möglichkeit bestand in der dreijährigen Berufsausbildung mit Abitur.

Die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland kehrte zum Abitur nach 13 Jahren zurück.

Nach der Wiedervereinigung führten die neuen Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt aufgrund der hohen Wochenstunden-Vorgaben der Kultusministerkonferenz nach und nach dreizehn Klassen bis zum Abitur ein. Nur die Freistaaten Sachsen und Thüringen blieben beim Abitur nach zwölf Jahren. [3]

Die anderen neuen und alle alten Bundesländer schlossen sich dem ab 2003 an und führten das zwölfjährige Abitur (wieder) ein,[3] Rheinland-Pfalz jedoch nur als Modellversuch an 19 Ganztagsschulen.

Nach anhaltender Kritik wurde ab 2013 die Einführung des 12-jährigen Abiturs teilweise wieder zurückgenommen. In Niedersachsen wurde im März 2014 ab Schuljahr 2015/2016 die Umstellung auf G9 beschlossen. Leistungsstärkere Schüler sollen die Möglichkeit haben, abweichend bereits nach zwölf Jahren das Abitur abzulegen.[4] Bei Gesamtschulen wurde im Regelfall keine Verkürzung auf 12 Jahre vorgenommen. In Hessen wurde eine Wahlfreiheit beschlossen. Die Schulkonferenz entscheidet hier über G8 oder G9.[5]

Land Einführung beschlossen Erste „G8“-Schulabschlüsse ehemals eingeführt Einführung zurückgenommen
Baden-WürttembergBaden-Württemberg Baden-Württemberg ja 2012 Modellversuch ab Schuljahr 2012/13, z. Zt. an 44 Gymnasien G9
BayernBayern Bayern 2011
BerlinBerlin Berlin 2012 1949–2000 (Ost-Berlin)
BrandenburgBrandenburg Brandenburg 2012 1949–2000
BremenBremen Bremen 2012
HamburgHamburg Hamburg 2010
HessenHessen Hessen 2013 Wahlfreiheit ab Schuljahr 2013/14
Mecklenburg-VorpommernMecklenburg-Vorpommern Mecklenburg-Vorpommern 2008 1949–2001
NiedersachsenNiedersachsen Niedersachsen 2011 Der 8. Jahrgang 2015/16 wird 2021 wieder nach G9 geprüft
Nordrhein-WestfalenNordrhein-Westfalen Nordrhein-Westfalen 2013 Modellversuch an einigen Gymnasien
Rheinland-PfalzRheinland-Pfalz Rheinland-Pfalz Modellversuch
an 19 Ganztagsschulen
2016
SaarlandSaarland Saarland ja 2009
SachsenSachsen Sachsen 1949
Sachsen-AnhaltSachsen-Anhalt Sachsen-Anhalt 2007 1949–2000
Schleswig-HolsteinSchleswig-Holstein Schleswig-Holstein 2016 Ab Schuljahr 2011/12 an 15 Gymnasien G9
ThüringenThüringen Thüringen 1949

Umsetzung[Bearbeiten]

Im Vorfeld der Umstellung wurde gefordert, dass die kürzere Schulzeit nicht zu einer Qualitätsminderung des Abiturs führen dürfe. Die Kultusministerkonferenz (KMK) entsprach dem, indem sie die Anzahl der Wochenstunden, die für den Erwerb der allgemeinen Hochschulreife erforderlich sind, unverändert bei insgesamt 265 Jahreswochenstunden beließ, diese aber statt auf 13 nunmehr auf 12 Schuljahre aufteilte. Trotz des Wegfalls eines Unterrichtsjahres sollen weiterhin alle Inhalte vermittelt werden, die bisher die Stoffmenge für 13 Schuljahre darstellten.[6]

Folge war eine signifikante Erhöhung der Wochenstundenzahlen für die Schüler mit verkürzter Schulzeit: Mussten Schüler des neunstufigen Gymnasiums auf neun Jahre aufgeteilt durchschnittlich 30 Wochenstunden absolvieren, müssen Schüler des achtstufigen Gymnasiums durchschnittlich 33 Stunden pro Woche belegen. Daran üben Eltern-, Lehrer- und Schülerorganisationen zum Teil heftige Kritik.[7] Die 265 Jahreswochenstunden werden je nach Bundesland unterschiedlich auf die Jahrgangsstufen verteilt. Um jüngeren Schülern eine zu große Stundenzahl zu ersparen, werden die Stunden oftmals so aufgeteilt, dass Schüler in den niedrigeren Jahrgangsstufen weniger und Schüler in älteren Jahrgängen mehr als 33 Wochenstunden Unterricht haben. So kommen Stundentafeln mit bis zu 36 Wochenstunden zustande.[8]

Kritik und Kontroversen[Bearbeiten]

Während der Umstellung auf G8 wurden vereinzelt Stimmen laut, die eine Streichung von Unterrichtsinhalten zu Gunsten einer geringeren Wochenstundenzahl forderten. Der Verband Bildung und Erziehung Niedersachsen wies darauf hin, dass im Fall einer Streichung ganzer Unterrichtsfächer in höheren Jahrgangsstufen dieses vor allem einseitig zu Ungunsten der musischen Fächer und Religion drohe.[9] Auch eine Ausdehnung des Unterrichts auf den Samstag, wie von der damaligen Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges-Dierig vorgeschlagen und früher bis Mitte der 1970er Jahre in Westdeutschland üblich, wurde diskutiert. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezeichnete den Samstagsunterricht als „familienfeindlichen Unsinn“.[10] Kritik wird auch bezüglich der nachmittäglichen Versorgung der Schüler geäußert: Anders als in Deutschland sind die Schulen in anderen europäischen Staaten durchweg als Ganztagsschulen mit Mensa konzipiert und bieten am Nachmittag deutlich mehr Förderangebote als in Deutschland.[11] In einer ersten Reaktion haben sich die Kultusminister der Länder (Kultusministerkonferenz) auf „mehr Zeit für individuelles Üben“ verständigt.[12]

Kritisiert wird weiter, dass entgegen ursprünglicher Beteuerungen teilweise eine Straffung der Lehrpläne stattfindet. So soll etwa nach einem Entwurf des Kultusministeriums in Bayern die Thematik des Nationalsozialismus in der Oberstufe nur noch in sieben Schulstunden abgehandelt werden.[13] Problematisch sei insbesondere die hohe Belastung, die Jugendliche durch die G8-Reform erfahren würden. Viele Gymnasiasten hätten kaum noch Freizeit, sie müssten Hobbys wie Musikunterricht und Sportvereine aufgeben, um in der Schule bestehen zu können.[14]

Ausblick[Bearbeiten]

In Hessen und Schleswig-Holstein ist eine parallele Entwicklung zur Beibehaltung der längeren Schulzeit zu verzeichnen. Es besteht künftig abhängig vom Schulstandort die Möglichkeit, die Abiturprüfungen wie bisher erst nach neun Schuljahren abzulegen.[15][16]

In Hessen startete im Herbst 2013 eine schwarz-grüne Koalition (Kabinett Bouffier II). Der neue Kultusminister Ralph Alexander Lorz kündigte an, von den 107 Gymnasien im Land würden voraussichtlich nur noch 31 reine G8-Gymnasien sein. 22 bisherige G8-Gymnasien wollten im Schuljahr 2014/15 zurück zu G9 wechseln.[17] [18]

In Nordrhein-Westfalen konnten Gymnasien Ende 2010 beantragen, im Rahmen eines Schulversuchs wieder von acht auf neun Jahre umzusteigen.[19] Den Antrag stellten bis zum Ende der Bewerbungsfrist (30. Dezember 2010) 13 der 630 Gymnasien in Nordrhein-Westfalen.[20]

In Baden-Württemberg wurde im Schuljahr 2012/13 ein Modellversuch zur Wiedereinführung des G9 an 22 Schulen gestartet. Weitere 22 Schulen folgten im Schuljahr 2013/14. Der Modellversuch läuft 7 Jahre (bis der erste Jahrgang Klasse 11 erreicht) und startet derweil jedes Jahr in Klasse 5. Im Anschluss besuchen die Modellversuchs-G9-Schüler zusammen mit Schülern des G8 die Kursstufe in Klasse 12-13 (11-12 für G8). Somit wird der Modellversuch für den ersten Jahrgang 2021/22, komplett aber erst in den Jahren 2026/27 bzw. 2027/28 abgeschlossen sein, wenn die letzten Modell-Jahrgänge Abitur machen[21].

Das Land Niedersachsen beschloss 2014 die Abkehr vom G8-Gymnasium zum Schuljahr 2015/16.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Schulzeit endet im März, http://www.ganztagsschulen.org/de/5525.php
  2.  Franz-Werner Kersting: Wehrmacht und Schule im „Dritten Reich“. In: Rolf-Dieter Müller, Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Oldenbourg-Verlag, München 1999, ISBN 3-486-56383-1 (bei Google Books). Hier S. 447.
  3. a b Spiegel Online: Im Osten nichts Neues (abgerufen am 1. April 2011)
  4. [1]
  5. [2]
  6. Internetseite der Kultusministerkonferenz: 'Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II (Beschluss der KMK vom 07.07.1972 i.d.F. vom 09.02.2012)' (PDF; 88 kB) Seite 4, (abgerufen am 4. Januar 2013)
  7. Spiegel Online: Diebstahl der Kindheit
  8. Turbo-Abi wird zur Belastung für Schüler auf Welt.de (abgerufen am 1. April 2011)
  9. Spiegel Online: Gymnasiasten ächzen unter der Stundenlast
  10. Spiegel Online: Hamburgs Schüler bleiben verschont
  11. Spiegel Online: Kultusminister bessern beim Turbo-Abi nach
  12. Süddeutsche Zeitung 2008: Kultusminister wollen Schnell-Abitur entschärfen
  13. Süddeutsche Zeitung 2008: Nationalsozialismus light, vom 19. Juli 2008
  14. Ich habe ein illegales Abitur, Autor Anonym, in: Bettina Malter/Ali Hotait (Hg.): Was bildet ihr uns ein? Eine Generation fordert die Bildungsrevolution. Berlin 2012. Vergangenheitsverlag.
  15. Hessisches Kultusministerium räumt auch Gymnasien Wahlmöglichkeit ein
  16. Ab 2011 Abitur wieder nach neun Jahren auf welt.de, 2. November 2009
  17. FAZ.net 30. Januar 2014: Immer mehr Gymnasien kehren zu G9 zurück
  18. http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/abschied-vom-turbo-abi-ein-neues-schulgesetz-soll-es-richten-12786802.html Abschied vom „Turbo-Abi“ Ein neues Schulgesetz soll es richten
  19. RP 27. November 2010: „Auf das Angebot der rot-grünen Landesregierung, am "Schulversuch" zur Wiedereinführung des Abiturs nach neun Jahren (G 9) teilzunehmen, haben die Gymnasien bislang nicht reagiert. Dies geht aus einer Antwort von NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) an den FDP-Politiker Ralf Witzel hervor.“
  20. ruhrnachrichten.de vom 6. Januar 2011: 13 Gymnasien in NRW wollen zurück zum Abi nach neun Jahren
  21. http://www.kultusportal-bw.de/,Lde/Startseite/schulebw/G9_Modellschulen