Abraham Gumbel

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Abraham Gumbel (* 21. Dezember 1852 in Stein am Kocher; † 25. Dezember 1930 in Heilbronn) war ein Heilbronner Bankier und sozialdemokratischer Kritiker des Ersten Weltkrieges.

Werdegang[Bearbeiten]

Abraham Gumbel, verheiratet mit Elise Aron (* 26. Dezember 1868 in Freudental), war der Sohn von Isaak Gumbel (* 15. Dezember 1825 in Stein a. K.), der mit seinem Bruder Moses (Max) Gumbel zu den ersten Juden gehörte, die seit der Vertreibung der Juden im 14. Jahrhundert aus Heilbronn 1860 wieder die Erlaubnis erhielten, sich in der Stadt niederzulassen. Die Brüder gründeten in Heilbronn ein Bankhaus und gehörten bald zu den wohlhabendsten Familien Heilbronns.

Abraham Gumbel übernahm 1889 die Leitung des Bankhauses Gebrüder Gumbel und weiterer Familienunternehmen. 1909 gründete er den Heilbronner Bankverein, den Vorläufer der heutigen Volksbank Heilbronn, indem er die Bank der Familie in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umwandelte, der er bis zu seinem Tode als Geschäftsführer vorstand. Die Gesellschaft erwies sich als erfolgreich und vergrößerte ihr Volumen erheblich. Hatte sie im Jahre 1913 noch 1034 Konten, so vermehrte sich deren Anzahl bis zum Jahr 1930 auf 4157 Konten. Die Bilanzsumme vergrößerte sich von 2,3 Millionen auf 6,1 Millionen Mark. Anlässlich seines Todes am 25. Dezember 1930 wurde er im Geschäftsbericht des Bankvereins gewürdigt: „Ein Mann mit unbeugsamem Willen, war er in vorbildstrengster Pflichterfüllung ein Muster des grundsoliden Bankiers, dass der Heilbronner Bankverein, der seine Entwicklung in erster Linie ihm verdankt, in seinem Sinn und nach seinen soliden Grundsätzen weitergeführt werde, das war sein Vermächtnis.“[1]

Schon Gumbels Vater Isaak war ein engagierter Vertreter liberaler Politik gewesen. Abraham Gumbel setzte diese Tradition fort und schloss sich seinerseits der Sozialdemokratie an. Im Kampf gegen die bevorstehenden Sozialistengesetze soll er 1878 Mitverfasser von Gustav Kittlers Flugschrift "Trau! Schau! Wem?" (10. Juni 1878) gewesen sein,[2] 1884 trat er in der Zeitschrift Sozialdemokrat für Bismarcks Vorhaben einer neuen Börsensteuer ein und erregte dadurch das Missfallen führender Köpfe der Arbeiterbewegung,[3] 1887 unterstützte er die Sozialdemokraten im Wahlkampf für die Reichstagswahl. Als sein jüngster Sohn Max (* 2. Juli 1893 in Heilbronn; † 24. August 1914) in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs fiel, als erster Heilbronner Jude unter den Gefallenen dieses Weltkrieges, wurde Gumbel einer der entschiedensten Gegner des Krieges und Kritiker des Hohenzollernregimes. Aufgrund seiner Privatrecherchen zur Kriegsschuldfrage galt er später als einer der besten Kenner der Materie in Deutschland. Seine politische Haltung wurde von prägender Bedeutung für seinen Neffen, den Pazifisten und Mathematiker Emil Julius Gumbel. Emil Julius Gumbel schrieb einen Nachruf, als sein Onkel Abraham verstarb, der in der Heilbronner Sonntags-Zeitung am 4. Januar 1931 veröffentlicht wurde:

„Mit 78 Jahren ist in Heilbronn mein Onkel Abraham Gumbel, den Lesern dieser Zeitung als ‚Emel‘ bekannt, sanft in das Land gegangen, aus dem es keine Wiederkehr gibt. Im Dorfe Stein am Kocher, wo unsere Ahnen seit über 200 Jahren ansässig waren, ist er geboren, in Heilbronn bestattet. Mit ihm starb einer der wenigen unabhängig denkenden freien Menschen, die unser angebliches ‚Land der Dichter und Denker‘ aufzuweisen hat.
Schon unter dem Sozialistengesetz hat er gezeigt, daß die herrschende Meinung, d.h. die Meinung der Herrschenden, ihn nicht beeinflußt, das Geschrei der Straße ihn nicht berührt hätte. Er war eng und nah dem Heimatboden verwuzelt und gerade deswegen ein überzeugter Europäer. So verstand er die heimische Erde, das Volk , die Scholle zu lieben, und die Herren, die säbelrasselnden Habebald und Eilebeute, die Vaterlandspartei und die ‚angestammten‘ Fürsten anzuklagen.
Im Jahr 1914, als sein Sohn gefallen war, wandte er sich der Kriegsschuldfrage zu. Mit ungeheurem Eifer, Fleiß und Nachdruck vertrat er die Theorie, die er mit immer neuen Dokumenten zu belegen verstand, daß das deutsche Volk unschuldig sei, daß aber die volle Alleinschld auf den Berliner Hof treffe. Seinem profunden Wissen der ganzen diplomatischen Aktenstücke wurde das Bild der Entstehung des Krieges immer einfacher. In zahlreichen Artikeln hat er dies belegt und manche Polemik durchgehalten.
Während des Kriegs hoffte er auf eine geistige Revolution, die das alte Regime und alle, die den Krieg bejaht hatten, mit Stumpf und Stil auszrotten sollten. Nach der Niederlage, die er immer hatte kommen sehen, vertrat er den Standpunkt Eiseners, daß nur ein neues Deutschland einen gerechten Frieden erringen könnte … Schon früh erkannte er auch die ungeheure Gefahr des Nationalsozialismus. Er blieb ein Prediger in der Wüste. Nur im engen Kreis seiner schwäbischen Heimat hat er gewirkt. Mir hat er mehr gegeben als irgendein anderer Mensch. Er liebte die Wahrheit er war aufrecht und frei. Sein Leben war voller Mühe, sein Tod ohne Schmerz.“

E.J.Gumbel:Abraham Gumbel gestorben. In: Heilbronner Sonntags-Zeitung am 4. Januar 1931

Schriften Abraham Gumbels[Bearbeiten]

  • Wie stellen wir uns zur Börsensteuer? In: Der Sozialdemokrat, 11. September 1884 (anonym)
  • Unseres Glückes Totengräber. Eine Auseinandersetzung mit den Alldeutschen über die Schuldfrage am Krieg. Verlagsbuchhandlung der Deutschen Friedensgesellschaft, Stuttgart 1919 (veröffentlicht unter den Initialen A. G.)
  • Eine falsche Diagnose. In: Süddeutsche Sonntags-Zeitung (SZ), 16. Januar 1921
  • Hat ER die Wahrheit gefunden? Verlag das Andere Deutschland, o.D. (1921, veröffentlicht unter dem Pseudonym Emel)
  • Die Schuld der 110. In: Das Andere Deutschland, 17. Juli 1926 (veröffentlicht unter dem Pseudonym Emel)
  • Der Abstieg deutscher Gelehrter. In: Das Andere Deutschland, 10. Juli 1926 (veröffentlicht unter dem Pseudonym Emel)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Franke (s. Literatur), S. 200
  2. So Wolfgang Schmierer, Von der Arbeiterbildung zur Arbeiterpolitik, Hannover 19170, S. 245, und Christoph Rieber, Das Sozialistengesetz und die Sozialdemokratie in Württemberg, 1878-1890, Stuttgart 1984, S. 748 und S. 826
  3. Vgl. Helmut Hirsch (Hrsg.): Eduard Bernsteins Briefwechsel mit Friedrich Engels. Van Gorkum, Assen 1970, ISBN 90-232-0715-7 (Quellen und Untersuchungen zur Geschichte der deutschen und österreichischen Arbeiterbewegung. Neue Folge 1), S. 178, S. 183f., S. 295, S. 299

Literatur[Bearbeiten]

  • Arthur David Brenner: Emil J. Gumbel: Weimar German Pacifist and Professor. Brill, Boston / Leiden 2001, ISBN 0-391-04101-0, S. 17f. u.ö.
  • Hans Franke: Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn. Vom Mittelalter bis zur Zeit der nationalsozialistischen Verfolgungen (1050–1945). Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1963 (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn. Band 11)
  • Emil Julius Gumbel: Abraham Gumbel gestorben. In: Süddeutsche Sonntags-Zeitung (SZ), 4. Januar 1931
  • Christoph Rieber: Das Sozialistengesetz und die Sozialdemokratie in Württemberg, 1878–1890. Müller und Gräff, Stuttgart 1984, ISBN 3-87532-078-6 (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde. Band 19)
  • Wolfgang Schmierer: Von der Arbeiterbildung zur Arbeiterpolitik. Die Anfänge der Arbeiterbewegung in Württemberg 1862/1863–1878. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1970
  • Lothar Wieland: Abraham Gumbel. In: Helmut Donat, Karl Holl (Hrsg.): Die Friedensbewegung. Organisierter Pazifismus in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Econ-Verlag, Düsseldorf 1983, S. 167–168