Absolute Musik

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Als absolute Musik (lat. absolutus „losgelöst“, „unabhängig“) bezeichnete die mitteleuropäische Musikästhetik seit etwa 1850 das Ideal einer Instrumentalmusik, die allein ihren eigenen musikalischen Gesetzen folge und von außermusikalischen Bindungen an einen Text, ein Bühnenbild oder ein Programm unabhängig, also zweckfrei sei. Im weiteren Sinn bezeichnet der Begriff ein Werturteil über das „Wesen“ der Musik oder eine höchste Qualität von „Reinheit“ und „Vollkommenheit“ in der Musik.[1]

Dieses Ideal wurde schon über 50 Jahre vorher für damalige Musikstile entwickelt. Wilhelm Heinrich Wackenroder und Ludwig Tieck formulierten 1799: „In der Instrumentalmusik aber ist die Kunst unabhängig und frei, sie schreibt sich nur selbst ihre Gesetze vor, sie phantasiert spielend und ohne Zweck, und doch erfüllt und erreicht sie den höchsten…“[2] Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (Rezension zu Beethovens 5. Sinfonie, 1810) verband damit einen Vorrang der Musik unter den Künsten: Sie allein sei „rein romantisch“ im Sinne der Autonomie des Kunstwerks.[3]

Richard Wagner prägte den Ausdruck „absolute Musik“ als Gegenbegriff zum Musikdrama und Gesamtkunstwerk, das er selbst vertrat. Erstere sei eine historische Fehlentwicklung, bei der Musik von den übrigen Künsten und vom Leben isoliert worden sei. Mit Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie sei der Höhepunkt dieser Entwicklung erreicht und durch die Hinzunahme von Chor und Text bereits überwunden worden. Sein eigenes (Wagners) musikalisches Drama sei die logische Konsequenz (Programm zu Beethovens 9. Sinfonie, 1846). Musik dürfe nicht selbst „Zweck“ sein, sondern müsse ein „Mittel“ bleiben (Oper und Drama).[4]

Eduard Hanslick entfaltete dagegen die Ästhetik der „absoluten Musik“ 1854 in seinem Aufsatz Vom Musikalisch-Schönen: Das Schöne einer Tondichtung sei „ein spezifisch Musikalisches…, das unabhängig und unbedürftig eines von Außen her kommenden Inhaltes, einzig in den Tönen und ihrer künstlerischen Verbindung liegt.“ Instrumentalmusik sei durch nichts zu übertreffen; „nur sie ist reine, absolute Tonkunst.“ Auch er bezog das Ideal vor allem auf die Instrumentalmusik der Wiener Klassik, besonders die Beethovens.[5]

Der Gegensatz von „absoluter Musik“ und „Programmmusik“ wurde für die musikästhetische Diskussion im Zeitalter der Romantik bestimmend. Befürworter und Gegner des Ideals bezogen sich auf Beethovens Werke und verteidigten ihre Musikrichtung als die einzig legitime Fortsetzung seiner Tradition. Franz Liszt etwa betrachtete die klassischen Kompositionsprinzipien Motivische Arbeit, thematische Entwicklung, Durchführung und Reprise einer Sonatenhauptsatzform nicht als unumstößliche formelle Regeln, sondern als wandelbaren Ausdruck poetischer Gedanken, die allein die freie Fantasie des Komponisten leite (Berlioz und seine Haroldsymphonie, 1855).[6]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albrecht von Massow: Absolute Musik. In: Hans Heinrich Eggebrecht (Hrsg.): Terminologie der Musik im 20. Jahrhundert. Franz Steiner, 1995, ISBN 3-515-06659-4, S. 13.
  2. Zitiert bei Carl Dahlhaus: Europäische Romantik in der Musik, Band 2. J.B. Metzler, 2007, ISBN 3-476-01982-9, S. 175.
  3. Zitiert bei Michael Neumann: Unterwegs zu den Inseln des Scheins: Kunstbegriff und literarische Form in der Romantik von Novalis bis Nietzsche. Vittorio Klostermann, 1991, ISBN 3-465-02514-8, S. 306.
  4. Karlheinz Barck, Martin Fontius (Hrsg.): Ästhetische Grundbegriffe (ÄGB): historisches Wörterbuch in sieben Bänden, Band 4. Metzler, 2002, ISBN 3-476-00913-0, S. 295.
  5. Albrecht von Massow: Absolute Musik. a.a.O., S. 14.
  6. Lenz Meierott (Hrsg.): Geschichte der Musik. Ein Studien- und Nachschlagebuch. 8. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-27811-X, S. 469.