Adam Czerniaków

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Adam Czerniaków (vor 1939)

Adam Czerniaków (geboren am 30. November 1880 in Warschau; gestorben am 23. Juli 1942 ebenda) war Ingenieur und Mitglied des polnischen Senats. Er war von den deutschen Besatzern zwangsweise nahezu drei Jahre lang zum Vorsitzenden des Judenrates des Warschauer Ghettos bestimmt worden. Czerniaków wurde von den Deutschen gezwungen, mit seiner Verwaltungsbehörde deutsche Unterdrückungsmaßnahmen gegenüber den Juden durchführen zu lassen. Als er gezwungen werden sollte, täglich 6000 Einwohner zur Deportation in den Osten bereitstellen zu lassen, beging er Selbstmord. Czerniaków führte bis zu seinem Tod ein Tagebuch, in dem er die Verbrechen der Deutschen an den Juden im Warschauer Ghetto festhielt.

Leben[Bearbeiten]

Czerniaków studierte Ingenieurwissenschaften und unterrichtete in der jüdischen Gewerbeschule von Warschau. Von 1927 bis 1934 war er Mitglied des Warschauer Stadtrates (rada miasta) und 1931 wurde er in den polnischen Senat gewählt. Einer seiner größten Kritiker war zeit seines Lebens Emanuel Ringelblum. Am 4. Oktober 1939, einige Tage nach der Kapitulation der Stadt gegenüber der Wehrmacht, wurde Czerniaków zum Vorsitzenden des 24-köpfigen „Judenrates“ oder Ältestenrates ernannt und war damit verantwortlich für die Umsetzung der deutschen Anordnungen und Befehle im Warschauer Ghetto. Am 22. Juli 1942 erhielt er die Anweisung, Listen von täglich 6000 Einwohnern zu erstellen, die „in den Osten“ deportiert werden sollten. Tatsächlich war mit dem Osten das Vernichtungslager Treblinka gemeint. Andernfalls wurde mit der Erschießung mehrerer hundert Geiseln einschließlich seiner Ehefrau und Angehöriger des Ältestenrates gedroht. Im Laufe des Tages gelang es ihm lediglich, einige wenige Ausnahmen für Krankenhausmitarbeiter, Ehegatten von Fabrikarbeitern und einigen Berufsschülern zu erhalten. Vergeblich war auch seine Fürsprache für die Waisenkinder von Janusz Korczak. Am 23. Juli 1942 nahm er sich mit einer Cyankalikapsel das Leben, da er lieber sterben wollte, als mit der deutschen Besatzung bei der Aufstellung von Todeslisten zur Ermordung der Menschen aus dem Warschauer Ghetto zu kooperieren.

Vor seinem Selbstmord hinterließ er zwei Abschiedsbriefe, einen für seine Frau, einen für seine Mitarbeiter:

„Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben“ und „Worthoff und seine Kollegen [vom Umsiedlungsstab] waren bei mir und verlangten, daß für morgen ein Kindertransport vorbereitet wird. Damit ist mein bitterer Kelch bis zum Rand gefüllt, denn ich kann doch nicht wehrlose Kinder dem Tod ausliefern. Ich habe beschlossen abzutreten. Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder eine Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen. Meine Tat wird alle die Wahrheit erkennen lassen und vielleicht auf den rechten Weg des Handelns bringen. Ich bin mir bewußt, daß ich Euch ein schweres Erbe hinterlasse.“[1]

Das Tagebuch von Adam Czerniaków wurde 1979 ausführlich kommentiert von Raul Hilberg in englischer Sprache herausgegeben. Eine hebräische Übersetzung war bereits 1968 veröffentlicht worden, der polnische Originaltext erst 1972. Darauf basierend erschien eine kommentierte polnische Version, die von dem polnischen Historiker Marian Fuks herausgegeben wurde. Diese Version war die Grundlage der deutschen Fassung des Tagebuches - siehe unten. Marcel Reich-Ranicki hat ein Kapitel seiner Autobiographie mit dem Titel Ein Intellektueller, ein Märtyrer, ein Held Adam Czerniaków gewidmet.[2]

Für Claude Lanzmanns epische Shoah-Filmdokumentation las und kommentierte Hilberg Auszüge aus Czerniakóws Tagebuch.[3] Am Ende der Sequenz bemerkte Lanzmann: „Du warst Czerniaków“. Lanzmann sah in Hilberg einen Wesensverwandten von Czerniaków, dem nüchternen Chronisten des Untergangs.[4]

Filme[Bearbeiten]

2001 wurde Czerniaków im dokumentarisch orientierten Spielfilm Der Aufstand von Donald Sutherland verkörpert.

In Claude Lanzmanns Filmdokumentation Shoah (1974–1985) las und kommentierte Raul Hilberg Auszüge aus Czerniakóws Tagebuch.

Veröffentlichung des Tagebuches von Adam Czerniakow[Bearbeiten]

  • 23.7.1942-ומן גיטו וארשא : 6.9.1939. Hrsg. Nachmann Blumental, Originalausgabe in hebräischer Sprache mit Facsimiles des polnischen Originals, herausgegeben von Yad Vashem, Jerusalem 1968 . Yad Vashem hatte das Manuscript 1964 aus Kanada erworben.
  • Dziennik Getta Warszawskiego 6.IX.1939-23.VII.1942. Eine polnische Fassung des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, veröffentlicht im Bulletin des Instituts 1972.
  • Adama Czerniakowa Dziennik getta warszawskiego : 6. IX. 1939-23. VII. 1942. Staatlicher Wissenschaftsverlag, Warschau 1983. Hrsg. Marian Fuks (Mitarbeiter und späterer Direktor des jüdisch-historischen Instituts Warschau), wissenschaftlich kommentierte polnische Version mit einem Vorwort von Israel Gutman.
  • The Warsaw diary of Adam Czerniakow. Prelude to doom. Hrsg Raul Hilberg; Stanislaw Staron; Josef Kermisz ( Mitbegründer des jüdisch-historischen Instituts Warschau und Mitarbeiter von Yad Vashem), in englischer Sprache In Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Yad Vashem. Stein and Day, New York 1979, ISBN 0-8128-2523-3, 420 Seiten, Ill. (englisch), Nachdruck Ivan R. Dee Publisher 1999, ISBN 1-56663-230-7, 444 S. Es handelt sich um eine Ausgabe mit einer wissenschaftlichen Einführung durch Josef Kermis und einer durch Raul Hilberg und Stanislaw Staron. Die Ausgabe beruht auf der polnischen Fassung aus dem Jahr 1972. Dem Text sind Erklärungen Hilbergs und seiner Mitautoren angefügt.
  • Im Warschauer Getto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939–1942. Deutsche Ausgabe, Beck, München 1986, ISBN 3-406-31560-7. (Verschiedene Auflagen, zuletzt als Taschenbuch Beck Verlag, München 2013, ISBN 978-3-406-62949-5). Basiert auf der von Marian Fuks herausgegebenen und bearbeiteten polnischen Version mit einem Vorwort von Israel Gutman 1983 in Warschau. In dieser deutschen Ausgabe sind, wie die deutsche Übersetzerin Silke Lent in ihrer Vorbemerkung schreibt, die sehr ausführlichen Anmerkungen Marian Fuks nur in gekürzter Form übernommen.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Adam Czerniaków – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Raul Hilberg (Hrsg.): Im Warschauer Getto. Das Tagebuch des Adam Czerniaków 1939–1942 („Dziennik getta warszawskiego“). Beck, München 1983, ISBN 3-406-31560-7, S. 285.
  2. Marcel Reich-Ranicki: Ein Intellektueller, ein Märtyrer, ein Held. In: Ders.: Mein Leben, Bd. 2: Von 1938 bis 1944. Edition Pantheon, München 2012, ISBN 978-3-570-55186-8, S. 243–252.
  3. Sequenzprotokoll in Shoah, siehe Kassette 4, 03.
  4. Den Tätern auf der Spur. In: Berliner Zeitung, 7. August 2007