Adhān
Der arabische Begriff Adhān / أذان / aḏān (von der Wurzel أذن / aḏina /‚erlauben, zulassen‘; auch Azan/Ezan; [ʔæˈðæːn]) bezeichnet den islamischen Gebetsruf. Er wird fünfmal täglich zum Aufruf des gemeinschaftlichen Gebets (Salat) durch den Muezzin (Gebetsrufer) gerufen. In großen Moscheen wird er vom Minarett (Turm) aus gerufen, in kleinen Moscheen von der Tür aus oder von der Seite des Gebäudes. Heute geschieht dies meist über Lautsprecher. Der Adhān ruft die Gläubigen zum Ort des Gebetes, wogegen unmittelbar vor Beginn des Gebetes die Iqama (Gebetsaufruf) ertönt, die bis auf eine zusätzliche Zeile dem Adhān gleicht.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Ritualrechtliche Einordnung
Unter den vier sunnitischen Rechtsschulen besteht Einigkeit darüber, dass der Adhān und die Iqāma für die fünf täglichen Gebete und das Freitagsgebet religionsrechtlich vorgeschrieben sind. Während sie im hanafitischen, malikitischen und schafiitischen Maddhab als Sunna eingeordnet werden, hat sie Ahmad ibn Hanbal zur farḍ kifāya erklärt, also zur obligatorischen Pflicht, die dadurch erfüllt wird, dass einer sie für die Gemeinschaft erfüllt. Für Frauen dagegen ist der Adhān nicht vorgesehen.[1]
[Bearbeiten] Geschichte
Der erste Adhān in der Geschichte des Islam soll von Bilal al-Habaschi, einem freigelassenen abessinischen Sklaven und engem Vertrauten des Propheten Mohammed, im Jahr 622 oder 623, kurz nach dem Auswandern (Hidschra) aus der Stadt Mekka, gerufen worden sein.
Bevor man sich zum Adhān als Form des Gebetsrufs entschieden hatte, wurden auch andere Alternativen vorgeschlagen, beispielsweise ein Feuer, eine Glocke, ein Hornsignal oder die Verwendung des Naqus.
[Bearbeiten] Wortlaut
| Wiederh. | Arabisch | Wortlaut des Adhān | deutsche Übersetzung | Kommentar |
|---|---|---|---|---|
| 4x | الله أكبر | Allāhu akbar | Allah (Gott) ist groß (größer als alles und mit nichts vergleichbar) | malikitische Rechtsschule: 2x |
| 2x | أشهد أن لا اله إلا الله | Ašhadu an lā ilāha illā llāh | Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah (Gott) | – |
| 2x | أشهد أن محمدا رسول الله | Ašhadu anna Muḥammadan rasūlu llāh | Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs (Gottes) Gesandter ist | – |
| 2x | حي على الصلاة | Ḥayya ʿalā ṣ-ṣalāh | Eilt zum Gebet | – |
| 2x | حي على الفلاح | Ḥayya ʿalā l-falāḥ | Eilt zur Seligkeit (Heil/Erfolg) | – |
| 2x | حي على خير العمل | Ḥayya ʿalā ḫayri l-ʿamal | Eilt zum besten Werk | ausschließlich Schiiten |
| 2x | الصلاة خير من النوم | aṣ-ṣalātu ḫayrun mina n-naum | Das Gebet ist besser als Schlaf | ausschließlich Sunniten (nur zum Morgengebet) |
| 2x | الله أكبر | Allāhu akbar | Allah (Gott) ist groß (größer als alles und mit nichts vergleichbar) | – |
| 1x | لا إله إلا الله | Lā ilāha illā llāh | Es gibt keine Gottheit außer Allah (Gott) | Schiiten 2x |
Die Formel Hayya 'ala chair al-'amal wird ausschließlich von Schiiten verwendet und dient ihnen als Erkennungszeichen. Wenn sie vom Minarett einer Moschee ertönt, weiß das Volk, dass die Schia hier maßgeblich ist.
[Bearbeiten] Adhān in der Türkei
Im Zuge der gesellschaftlichen Reformen des türkischen Präsidenten Atatürk, wurde der Adhān ab 1932 auf Türkisch ausgerufen. Der erste türkische Gebetsruf wurde von Hafız Rıfat Bey am 3. Februar 1932 gerufen. Der landesweit verpflichtete türkische Adhān wurde am 18. Juli 1932 durch einen Erlass des Diyanet İşleri Başkanlığı eingeführt. Am 16. Juni 1950 verabschiedete die Großen Nationalversammlung der Türkei ein Gesetz, wonach der Adhān wieder in Arabisch ausgerufen werden konnte.
[Bearbeiten] Wortlaut
| Wiederh. | Wortlaut des Adhān | türkischer Wortlaut | deutsche Übersetzung |
|---|---|---|---|
| 4x | Allāhu akbar | Tanrı (Yaratan, herseyin Hakimi olan) uludur | Gott ist groß |
| 2x | Aschhadu an la ilaha illa-llah | Şüphesiz bilirim bildiririm Tanrı´dan başka yoktur tapacak | Zweifellos weiß ich und verkünde, dass es außer Gott nichts gibt zum anbeten |
| 2x | Aschhadu anna Muhammadan rasūlu llāh | Şüphesiz bilirim bildiririm Tanrı´nın elçisidir Muhammed | Zweifellos weiß ich und verkünde, dass Muhammed Gottes Gesandter ist |
| 2x | Hayya ʿalā-ṣ-ṣalāt | Haydi namaza | Auf zum (rituellen) Gebet |
| 2x | Hayya 'alā-l-falāḥ | Haydi felaha | Auf zur Seligkeit (Heil/Erfolg) |
| 2x | aṣ-ṣalātu khayrun mina-n-naum | Namaz uykudan hayırlıdır | Das Gebet ist besser (segenreicher) als Schlaf |
| 2x | Allāhu akbar | Tanrı uludur | Gott ist groß |
| 1x | Lā ilāha illā llāh | Tanrı'dan başka yoktur tapacak | Es gibt nichts außer Gott zum anbeten |
[Bearbeiten] Varianten
Eine Besonderheit in der Türkei ist das Vortragen des Adhān in verschiedenen Makam. In der Türkei wird zu jeder der fünf Gebetszeiten ein anderer Melodietyp verwendet, was jedoch auch an anderen Orten anzutreffen ist. Die Makam-Tradition in der Türkei ist:
| Gebetszeit | Makam |
|---|---|
| Sabah (Fajr / Morgen) | Sabâ oder Dilkeşhâveran |
| Öğle (Dhur / Mittag) | Sabâ oder Hicaz |
| İkindi (Asr / Nachmittag) | Hicaz |
| Akşam (Magreb / Abend) | Hicaz oder Rast |
| Yatsı (Isha / Nacht) | Hicaz, Bayatî, Nevâ oder Rast |
[Bearbeiten] Belege
- ↑ Vgl. Ibn Hubaira: al-Ifṣāḥ ʿan maʿānī aṣ-ṣiḥāḥ. Beirut: Dar al-Kutub al-ʿilmīya 1996. Bd. I., S. 64 (Bāb al-aḏān).
[Bearbeiten] Literatur
Th. W. Juynboll in: E. J. Brill's First Encyclopaedia Of Islam 1913–1936, Leiden 1987, Bd. I, Stichwort: Adhān books.google.de
[Bearbeiten] Weblinks
- Gebetsruf als MP3
- Gebetsruf als PDF (21 kB)