Aelita (Film)

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Filmdaten
Deutscher Titel Aelita
Originaltitel Аэлита
Produktionsland UdSSR
Originalsprache Russisch
Erscheinungsjahr 1924
Länge 111 Minuten
Stab
Regie Jakow Protasanow
Drehbuch Alexei Fajko
Fjodor Ozep
Produktion Meschrabpom-Rus
Kamera Emil Schünemann
Juri Scheljabuschski
Besetzung
Filmplakat zu Aelita
Aelita 1924 still 04.jpg
Aelita 1924 still 03.jpg

Aelita (russ. Аэлита), auch Aëlita (weil das "e" getrennt gesprochen wird), ist ein sowjetischer Stummfilm aus dem Jahr 1924, der auf der gleichnamigen Novelle Aelita von Alexei Tolstoi basiert. Er erhielt bei der deutschen Erstaufführung den Verleihtitel Der Flug zum Mars.

Der Film ist historisch bedeutend und nahm einen richtungsweisenden Einfluss auf die Entwicklung des Genres der Science Fiction in Theater und Film. Zum einen stellen seine aufwändigen Science-Fiction-Elemente in einem Nebenhandlungsstrang einen in dieser Zeit ungewöhnlich neuen Stil vor, der von vielen Theateraufführungen aufgegriffen wurde und sich bald mit einer typischen Vorstellung über futuristische Gesellschaften verband. Mit seinem für die damaligen sowjetische Verhältnisse völlig neuartigen Dekor im Stile des deutschen Filmexpressionismus nahm er auch einen großen Einfluss auf spätere (internationale) Filmproduktionen. Der Haupthandlungsstrang des Films spielt im zeitgenössischen Alltag und weist viele ideologische Elemente auf, die zunächst zu einer weiten Verbreitung in der Sowjetunion und den internationalen Kinos führte.

Zum anderen gilt dieser Film heute auch thematisch als erster Film seines Genres überhaupt, der die Science Fiction maßgeblich thematisiert und die enthaltene Motive wurde im Laufe der Zeit immer wieder für Spielfilme und Serien aufgegriffen und verändernd weiter entwickelt. In der Sowjetunion wurde der Film später strikt zensiert, nachdem sich die zeitgenössische Ideologie verändert hatte. Dies zeigte sich unter anderem auch in der Parodie "Межпланетная революция" [1], Die interplanetare Revolution, von 1924 (von dem noch ein Fragment vorhanden ist), einem Animationsfilm aus einer Mischung aus Zeichentrick- und Silhouettenfilm. Auch während des Kalten Kriegs wurde "Aelita" nicht in den sowjetischen Kinos gezeigt. Heute kann der Film weltweit in DVD-Versionen mit Untertiteln in verschiedenen Sprachen gesehen werden, aber das Thema wurde bislang nicht wieder aufgegriffen.

Handlung[Bearbeiten]

Der Film spielt gegen Ende der russischen Revolutionskriegszeit ab 1921, in der die Verhältnisse chaotisch waren und bittere Armut das Alltagsbild dominierte. Der Film enthält einige Alltagsaufnahmen, die nur unwesentlich dramaturgisch gestaltet wurden und ist somit auch streckenweise ein Zeitdokument. Im Nebenhandlungsstrang erreichen die Radiostationen in Europa zu Beginn des Films (1921) Signale aus dem Weltraum mit den unverständlichen Worten „Anta Odeli Uta“, denen die Militärs verschiedener Nationen keine Beachtung schenken, die aber von den sowjetischen Radioangestellten genauer begutachtet werden. Auf Anordnung von Ingenieur Loss versucht man vergeblich, die Sätze zu dechiffrieren. Loss vermutet, dass sie vom Mars kämen („Das klingt verrückt, aber jemand auf dem Mars wundert sich über uns.“), wird aber von seinen Kollegen ausgelacht. Loss verfällt dieser Idee und beginnt ausgeprägte Tagträume sowie Konstruktionsunterlagen für ein Raumschiff anzufertigen.

Der Haupthandlungsstrang, der den größten Teil des Films ausmacht und das Leben der damaligen Zeit beschreibt, entwickelt sich ausgehend vom Kursker Bahnhof in Moskau (damals zugleich Hospital), auf dem sich tausende Menschen versammelt haben, die sich auf der Flucht oder der Deportation befinden und bitter arm sind. Auch Loss' Frau Natascha arbeitet dort. In diesem Handlungsstrang werden die Zustände anschaulich beschrieben, die Aufnahmen sind 1924 an den originalen Orten mit vielen authentischen Statisten gemacht worden. Der Romanvorlage von Tolstoi folgend werden Ausschnitte der Lebensgeschichten seiner Zeitgenossen geschildert. Rückblicke der Personen, filmtechnisch durch überlagerte Szenenübergänge eingeschnitten, erzählen von besseren Zeiten vor dem Krieg. Gekürzte Rationen, gemeinsames Wohnen verschiedener Personen in einer Wohnung oder einem Haus, zwischenmenschliche Probleme, Zusammenhalt in großer Not aber auch Diebstahl von Nahrungsmitteln und Unterschlagung aus Bereicherungsmotiven werden thematisiert. Ein Herr Erlich (aus dem Deutschen ohne h entlehnt) stiehlt Nahrungsmittel. Loss wird zudem in ein Eifersuchtsmotiv mit Natascha und Erlich verwickelt, vertraut seine Konstruktionsunterlagen seinem Kollegen Spiridonow an, verlässt Natascha und arbeitet als Ingenieur, um das Land aufzubauen.

Während der Haupthandlungsstrang realistisch entwickelt wird, beschäftigt sich Loss parallel im Nebenhandlungsstrang damit, wie er zum Mars gelangen könnte und sehnt sich dorthin. In Tagträumen stellt er sich den Mars mit der Königin Aelita und dem Königsherrscher Tuskub in einer futuristischen Umgebung vor. Sprache und Gestik sei dort anders, Küssen sei gänzlich unbekannt. Der dort lebende "Energiewächter" Gor habe ein Teleskop entwickelt, mit dem er das Leben auf anderen Planeten beobachten könne, würde es aber auf Befehl Tuskubs unter Verschluss halten. Als die exotische Schönheit Aelita Gor umgarnt, damit dieser sie durch das Teleskop blicken lasse, habe er ihr seinerseits ein heimliches nächtliches Treffen auf dem von Robotern bewachten Turm der Radioenergie vorgeschlagen. Nachdem eine Kammerzofe Aelitas die Roboter ablenkte, habe Aelita das Leben auf dem anderen Planeten, der Erde gesehen. Sie entdeckte neben Landschaften auch Militär (Krieg) und Liebe (Frieden), wobei sie sich schließlich mit Gor zu küssen beginnt, wie es die Menschen tun. Dabei seien sie von Tuskub beobachtet worden. Aelita kann die Worte Anta Odeli Uta im Teleskop erkennen, die Loss gedankenversunken auf der Erde an eine schmutzige Fensterscheibe malt und denkt sehnsuchtsvoll an ihn, wie Loss sich wünscht. Aelita sei, wie Loss phantasiert, häufig zum Turm der Radioenergie gegangen. Als Aelita schließlich an einem ihrer Ausflüge in den Turm von Tuskub behindert wird, tritt sie als Königin vor den Ältestenrat der Marsgesellschaft und verlangt vehement das Recht auf Zutritt. Der Ältestenrat verwehrt ihr jedoch den Zugang und herrscht auch sonst sehr rigide, lässt Arbeitskräfte in Kühlhäuser einfrieren oder wie Sklaven in den Untergrund verbannen. Aelita verschafft sich selbst Zugang zum Turm und gerät in ein Eifersuchtsmotiv mit Tuskub. Diese Szenen wurden in einem Theater mit vielen aufwändigen Bühnenbildern gestaltet. In diesem Handlungsstrang treten neben vier Hauptcharakteren uniforme Gruppen von Schauspielern auf. Die herrschende Kaste ist silber, die Arbeitskräfte einheitlich dunkel und gesichtslos gekleidet, die Roboter und Soldaten sind mit futuristischen Applikationen gestaltet. Auch die Sklaventreiber sind erkennbar als Arbeiter kostümiert.

Unterdessen schreibt Spiridonow im Haupthandlungsstrang Loss einen Brief und erklärt seine Auswanderung aus Russland, hat aber zuvor die Konstruktionsunterlagen des Raumschiffs in einen Kamin eingemauert, damit sie nach seinem Abtritt erhalten bleiben. Loss geht dorthin und holt die Unterlagen. Es kommt zu einer Eifersuchtsszene, bei der auf Natascha geschossen wird. Loss phantasiert, Natascha getötet zu haben und er lebe sein Leben unter der Identität des verschwundenen Spiridonow weiter, baue das Raumschiff, das schließlich auch gestartet wird. Neben ihm und dem zur Mitreise vorgesehenen Kosmonauten Gussew, einem unternehmungslustigen bodenständigen Revolutionssoldaten, werde versehentlich auch ein örtlicher Dummkopf und Möchtegern-Detektiv mit auf die Reise zum Mars genommen. Dieser symbolisiert in dem Film einen halbseidenen und unzuverlässigen bürgerlichen Charakter.

Loss’ Fantasien stellen sich plötzlich als zutreffend heraus. Auf dem Mars beobachten der Ältestenrat und Aelita die Ankunft der Fremden in ihrem nahenden Raumschiff durch das Teleskop. Tuskub befiehlt die Aliens zu beseitigen, weil es sich um unwillkommene Revolutionäre von der Erde handelt, die die marsianische Sklavenhaltergesellschaft stören könnten. Aelita verhindert das, indem sie den Chefastronomen, der als einziger den berechneten Landeplatz kennt, durch ihre Zofe töten lässt. Sie lässt die Besucher unbehindert landen, zu sich bringen und küsst Loss leidenschaftlich, wie es die Menschen tun. Aelita und Loss treffen und lieben sich.

Der mitgereiste Dummkopf wird beim Versuch, Loss zu verraten, aufgrund von Sprachschwierigkeiten mit den Marsianern festgenommen und gemeinsam mit der Zofe zum Einfrieren in die Kühlhäuser gebracht. Aus einer Befreiungsaktion entsteht schließlich eine flammende Revolution auf dem Mars, wobei sich die Sklaven erheben. Der Kosmonaut Gussew stachelt die Sklaven dazu auf, sich zu wehren. Er ruft in einer mitreißenden Rede zum Widerstand auf. Der Film stellt sodann den Sturm auf das Winterpalais in futuristischer Umgebung nach, die Sklaven stürmen schließlich den Palast und töten den Ältestenrat und den Herrscher Tuskub in einer wüsten Keilerei. Königin Aelita schließt sich dem Aufruhr zunächst an und führt die Sklaven zum Erfolg. Aber sie ordnet nach dem Sieg die Niederlegung der Waffen an. Als schließlich auch die Mars-Armee auf Aelitas Seite steht, ruft sie sich als Alleinherrscherin aus und lässt die Sklaven erneut in die Gefängnisse zurücktreiben. Sie will sie loswerden.

Wegen dieses Verrats von Aelita wendet sich Loss gegen seine Geliebte und stürzt sie die Palasttreppe hinunter, wobei sie stirbt. Beim Versuch die Bedeutung der Worte Anta Odeli Uta zu ergründen, erwacht Loss plötzlich im Haupthandlungsstrang und bemerkt, dass die Reise zum Mars nur ein Tagtraum war. Die Worte sind der Eigenname einer Handelsmarke, deren Reklame er vor dem Traum gesehen hat (Ist im Film vorher eingeblendet). Natascha ist noch am Leben, Erlich wird festgenommen und Loss verbrennt die Konstruktionsunterlagen, da er davon genug hat und nie wieder tagträumen möchte.

Ideologische Bedeutung[Bearbeiten]

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Neben der erstaunlichen dramaturgischen und filmtechnischen Leistung dieser sehr frühen Produktion (1924) wurde vor allem die ideologische Bedeutung des Streifens in mehreren Aspekten diskutiert. Die Ereignisse auf dem Mars werden damals wie heute als Darstellung der sogenannten „Exportierten Revolution“ gesehen, die 1920 von einer zur anderen Sowjetrepublik getragen wurde, aber auch später im Kalten Krieg eine erhebliche Rolle spielte. Das Motiv der Übertragung des Volksaufstandes auf eine gänzlich andere, aber ungerechte (sklavenhaltende) Gesellschaft wurde unter den Entstehungsbedingungen des Films als zukunftsweisend empfunden.

Der Verrat Aelitas und die Strafe durch ihren Geliebten (Tötung durch Herabstürzen), der trotz aller Zuneigung das Motiv des Gussew ergreift (Befreiung um jeden Preis), symbolisieren die Forderungen der Russischen Revolution, dass sich die Unterdrückten selbst führen sollen, da von der Aristokratie nichts Gutes zu erwarten sei. Das Szenenbild lässt in diesen Passagen keine Umdeutungen zu und wurde hier auch nie umgeschnitten.

Die spätere Zensur des Films in der Sowjetunion geht auf Aelitas Mithilfe bei der marsianischen Revolution zurück, die sie nur leistet, um den Diktator Tuskub loszuwerden, dessen Stelle sie einnehmen will. Sie demonstriert die leninistische Vorstellung davon, was bei einer Revolution schiefgehen könnte, wenn man sich den falschen Führern anvertraut. Das blinde Vertrauen in Führer war jedoch später wieder ein wichtiger innenpolitischer Faktor in der stalinistischen und post-stalinistischen Sowjetunion.

Loss sieht zudem Aelita in seinem Tagtraum mehrmals als seine Frau Natascha erscheinen, die jedoch im Haupthandlungsstrang eine aufrichtige Revolutionärin ist. Aelita steht hingegen in der marsianischen Revolution für das Gegenteil dessen, was sie in der privaten romantischen Beziehung für Loss bedeutet. Auch diese mehrdeutige Symbolik war in späteren Zeiten nicht mehr erwünscht.

Bedeutung des Films[Bearbeiten]

Der Film wird als einzigartiges Zeitdokument der sowjetischen Revolutionszeit bewertet und gilt auch aus filmhistorischer Sicht sehr bedeutsam. Er nahm Einfluss auf spätere futuristische Spielfilme, darunter die US-amerikanischen Serien Flash Gordon und Buck Rogers aus den 30er Jahren sowie Metropolis von Fritz Lang von 1927. Umstrittene und unbestätigte Anspielungen auf den Film werden auch über spätere Folgen in Serienproduktionen diskutiert. In Aelita sind einige seltene Aufnahmen zu sehen, wie die einer frühen Parade auf dem Roten Platz, als dieser noch unbefestigt aus Grasland bzw. strohbedecktem Pflaster bestand.

Der Film hatte in einer 80-minütigen Fassung am 25. Juli 1969 im WDR III seine deutsche Fernseherstaufführung.[2]

Die interplanetare Revolution - Parodie auf Aelita[Bearbeiten]

Kurz nach Aelita erschien 1924 eine Parodie auf den Film, nämlich der Trickfilm "Межпланетная революция" (Meschplanetnaja Rewoljuzija, die interplanetare Revolution) von Nikolai Chodatajew, Senon Komissarenko und Juri Merkulow. Ursprünglich sollten Teile des Films "Aelita" zur Verfügung gestellt werden, was aber nicht zustande kam. Einige Szenen wurden aber für diesen Trickfilm verwendet, der somit als erster sowjetische Science-Fiction-Trickfilm gilt und ebenfalls unter die sowjetischen Propagandafilme geordnet wird. Dieser Trickfilm ist ca. 8 Minuten lang und zeigt den Export der Revolution von der Erde auf den Mars. Er ist eine Mischung aus Zeichentrick- und Silhouettenfilm. In neueren russischen Doppel-DVD-Ausgaben von "Aelita" wird der Film im Bonus-Material mitveröffentlicht.

Kritiken[Bearbeiten]

„Eifersuchtsdrama, das sich allmählich zur Komödie entwickelt und besonderen Reiz durch die expressionistischen Science-Fiction-Kulissen gewinnt.“

Lexikon des internationalen Films[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Евгений Харитонов: ГИПЕРБОЛОИД СТРЕЛЯЕТ С ЭКРАНА (Фантастика А. Н. Толстого на экране) - Jewgeni Charitonow, Der Hyperboloid trifft die Leinwand, Die Science Fiction A. N. Tolstois auf der Leinwand [1]
  2. a b Aelita im Lexikon des Internationalen Films