Aer-Lingus-Flug 712

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Aer-Lingus-Flug 712
Aer Lingus Viscount 808 Manchester 1963.jpg

Eine Vickers Viscount der Aer Lingus (Vergleichsmodell)

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Strukturelles Versagen während des Fluges
Ort bei Wexford, Irland
Datum 24. März 1968
Todesopfer 61
Verletzte 0
Überlebende 0
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Vickers Viscount 803
Betreiber Aer Lingus
Kennzeichen EI-AOM
Name St. Phelim
Abflughafen Flughafen Cork
Zielflughafen London Heathrow Airport
Passagiere 57
Besatzung 4
Liste von Katastrophen der Luftfahrt

Aer-Lingus-Flug 712 war die Flugnummer eines Linienfluges der irischen Fluggesellschaft Aer Lingus von Cork nach London, der am 24. März 1968 aus ungeklärter Ursache mit einem Absturz endete. Bei dem Unglück wurden alle 61 Insassen getötet. In Irland wird der Absturz oft als Tragedy at Tuskar Rock (dt.: „Tragödie am Tuskar Rock“) bezeichnet.

Der Unfall[Bearbeiten]

Unfallhergang[Bearbeiten]

Die Maschine vom Typ Vickers Viscount 803 mit dem Taufnamen „St. Phelim“ hob vom Flughafen Cork um 11:32 Uhr Ortszeit ab und hätte um 12:48 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen London-Heathrow landen sollen.[1] Der Wetterbericht sagte Bewölkung voraus, es waren keine widrigen Bedingungen zum Fliegen erwartet worden.[2]

Der letzte reguläre Funkspruch, eine Positionsmeldung, wurde um 11:56 Uhr empfangen. Um 11:57 Uhr erreichte der Tower in Heathrow eine verstümmelte Nachricht, wonach das Flugzeug ins Trudeln geraten sein sollte. Aus eine Höhe von 17.000 ft (ca. 5.180 m) stürzte die Maschine in der Nähe des zum irischen County Wexford gehörenden Tuskar Rock ins Meer.[1] Wenige Minuten nach dem Funkspruch wurde ein Such- und Rettungseinsatz gestartet, an dem sich zuerst zwei Fregatten sowie diverse andere Schiffe der Royal Navy und eine Avro Shackleton der Royal Air Force beteiligten. Darüber hinaus wurde über die Küstenfunkstelle Land's End Radio (GLD) eine Nachricht an alle in der Nähe befindlichen Handelsschiffe übermittelt. Aus Irland wurde ein Hubschrauber entsandt. Durch die eintreffenden Flugzeuge konnte im Wasser treibende Gegenstände gesichtet werden, Überlebende wurden jedoch nicht gefunden.[1]

Ursachenermittlung[Bearbeiten]

Das Unglücksflugzeug hatte zum Zeitpunkt des Absturzes ungefähr 18.800 Flugstunden absolviert. [3] Der 35-jährige Flugkapitän stand seit 1956 im Dienst der Aer Lingus. Er hatte insgesamt 6.683 Flugstunden, davon 1.679 auf diesem Muster. Sein 22-jähriger Copilot hatte insgesamt 1.139 Flugstunden, davon 900 auf Flugzeugen des Typs Vickers Viscount.[4]

Die im Tower in Heathrow gemachten Mitschnitte der Funksprüche wurden einen Tag nach dem Unglück abgehört. Aufgrund der Analyse konnte der verstümmelte Funkspruch um 11:57 Uhr eindeutig dem verschollenen Flugzeug zugeordnet werden.[3] Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde ein Motorversagen oder eine Kollision als Unglücksursache ausgeschlossen. Am folgenden Tag wurden die ersten Leichen sowie Trümmer des Flugzeuges geborgen und von der Fregatte HMS Hardy nach Wexford gebracht. Die aufgefundenen Leichen waren alle mit Schwimmwesten bekleidet.[5]

Bereits drei Tage nach dem Absturz wurde über ein strukturelles Versagen des Flugzeugs spekuliert, da einige Trümmer weit entfernt von der eigentlichen Unglücksstelle gefunden wurden.[6] Die Untersuchungskommission entschloss sich daher zur Bergung der im Meer liegenden Trümmer, da diese Hinweise auf die Unglücksursache geben sollten.[2]. Dies erschien bei einer Wassertiefe von 255 ft (78 m) möglich. [7] Im Laufe der Bergungsmaßnahmen wurden etwa 60 Prozent des Wracks durch Taucher geborgen.[2]

Die Untersuchungen der Unglücksursache dauerten über zwei Jahre, der Grund des Absturzes konnte jedoch nicht ermittelt werden.

Gerüchte um die Absturzursache[Bearbeiten]

Es hielt sich über Jahrzehnte das Gerücht, dass das Flugzeug von einer britischen Versuchsrakete abgeschossen wurde.[8][9][10] Innerhalb der Gemarkung der Gemeinde Aberporth im Westen Wales, und entlang der Flugroute dem irischen Ufer gegenüberliegend, war zu diesem Zeitpunkt das modernste Raketentestgelände des britischen Militärs.

In den Jahren seit dem Absturz meldete sich eine Anzahl von Zeugen, die die sogenannte „Raketentheorie“ bestätigen wollten. Unter diesen Personen befand sich auch ein Besatzungsmitglied der britischen Fregatte HMS Penelope das behauptete, dass Wrackteile, die von der HMS Penelope aufgenommen worden waren, heimlich nach Großbritannien verbracht wurden.

Erneute Untersuchung 2002[Bearbeiten]

Im Jahr 2002 förderte eine erneute Überprüfung der irischen Flugunfalluntersuchungsstelle Air Accident Investigation Unit (AAIU) zu Tage, dass Wartungsunterlagen der Aer Lingus für eine im Dezember 1967 durchgeführte Routineinspektion im Jahr 1968 nicht auffindbar waren. Vielmehr führte die Behörde schon nach dem Unglück Untersuchungen hinsichtlich der Wartungsintervalle und -bücher der Vickers Viscount EI-AOM durch. Sie konzentrierte sich dabei auf Defekte am Flugzeug, die in den Wartungsunterlagen eingetragen waren. Diese Untersuchungen fehlten jedoch 1970 im Abschlussbericht zum Flugzeugabsturz. Daraufhin setzte die irische Regierung eine neue Untersuchungskommission ein, die schließlich zu dem Ergebnis kam, dass der Absturz eine Verkettung unglücklicher Umstände war. Ursache war ein Versagen des linken Höhenruders, ausgelöst entweder durch Materialermüdung, Korrosion, Flattern oder Vogelschlag, wobei die flatterinduzierte Materialermüdung der Steuerstange des Trimmruders als wahrscheinlichster Grund angegeben wird.

Eine Fouga Magister (Vergleichsmodell)

Im März 2007 behauptete ein pensionierter RAF-Angehöriger, der selbst Chef-Fluglehrer am RAF-Stützpunkt Little Rissington war, dass der Absturz durch eine Flugzeugkollision zwischen der Vickers Viscount und einem Militärflugzeug französischer Bauart der Irischen Luftstreitkräfte verursacht wurde, die in diesem Luftraum trainierte. Er habe Beweise, dass ein Schulflugzeug des Typs Fouga Magister mit der Aer-Lingus-Maschine kollidiert sei. Die Fouga Magister sei dem Hilferuf nachgekommen, das Fahrwerk der Viscount zu überprüfen, welches sich nicht ordnungsgemäß verriegelt habe. Während alle Insassen des Fluges 712 in dem darauf folgenden Absturz getötet wurden, hätten die beiden Insassen der Fouga Magister das Unglück durch Betätigen des Schleudersitzes überlebt. Die französischen und irischen Behörden hätten daraufhin die Verschleierung der Tatsachen vereinbart, das Wrack der Fouga Magister müsse jedoch noch vor der Küste von Wexford am Grund des Meeres zu finden sein.[11]

Diesen Behauptungen wird durch Captain Mike Reynolds widersprochen. Reynolds ist ein pensionierter Schiffsführer, Inhaber einer Pilotenlizenz und Autor des Buches Tragedy at Tuskar Rock, welches er 2003 veröffentlichte.[11]

Ein Mitglied der Untersuchungskommission belegt die Aussagen des Untersuchungsberichtes aus dem Jahr 2002, wonach französische und australische Experten die Möglichkeit ausschlossen, dass die Viscount mit einem anderen Flugzeug zusammenstieß oder von einer Rakete getroffen wurde. Die internationale Untersuchung sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Unglücksursache ein strukturelles Versagen war, welches durch Materialermüdung, Korrosion, Flattern oder Vogelschlag verursacht wurde.[11]

Ein Sprecher der irischen Streitkräfte beschrieb die Behauptungen des pensionierten RAF-Angehörigen als falsch und sagte, dass es keinen Beweis gäbe, dass eine Maschine der Irischen Luftstreitkräfte zum Unglückszeitpunkt in der Nähe gewesen sei.[11] Vielmehr sei die Fouga Magister nicht vor 1976 von der irischen Luftwaffe in Dienst gestellt worden. Allerdings konnte er nicht erklären, warum Anlage 5.2.g des Untersuchungsberichtes in der Luftfahrzeugrolle des Jahres 1968 der irischen Luftwaffe eine Fouga Magister aufführt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Mike Reynolds: Tragedy at Tuskar Rock. Gill & Macmillan, Dublin 2003, ISBN 0-7171-3619-1.
  • David Gero: Luftfahrtkatastrophen: Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950., 1. Auflage. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01580-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b c The Times: Lost In Airliner Off Welsh Coast After 'Spinning' Call, 25 März 1968; Seite 1; Ausgabe 57209
  2. a b c  David Gero: Luftfahrtkatastrophen: Unfälle mit Passagierflugzeugen seit 1950. 1. Auflage. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 1994, ISBN 3-613-01580-3.
  3. a b The Times: Recording of last seconds von Arthur Reed, 25 März 1968; Seite 1; Ausgabe 57209
  4. Air Accident Investigation Unit report, Der Bericht der Untersuchungskommission
  5. The Times: First bodies of air crash victims are brought ashore von Julian Mounter, 26. März 1968; Seite 1; Ausgabe 57210
  6. The Times: Waves Scatter Crash Clues - Airliner's last moments, 27. März 1968; Seite 4; Ausgabe 57211
  7. The Times: Viscount salvage attempt today 22. Juli 1968; Seite 2; Ausgabe 57309
  8. John Mullin: Did British missile hit Flight 712?. 1. Januar 1999. Abgerufen am 4. Juni 2009. 
  9. Paul Lashmar: For 30 years, the RAF has been suspected of causing Ireland's worst air disaster. Until now.... 16. März 2000. Abgerufen am 4. Juni 2009. 
  10. Irish air crash report due. 19. April 2000. Abgerufen am 4. Juni 2009. 
  11. a b c d Lorna Siggins: Tuskar Rock crash caused by collision - RAF man. 3. März 2007. Abgerufen am 4. Juni 2009. 

52.189089-6.181183Koordinaten: 52° 11′ 21″ N, 6° 10′ 52″ W,