Agnes (Roman)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Agnes ist ein 1998 erschienener Roman von Peter Stamm.

Er erzählt aus der personalen Perspektive des Erzählers die Liebesgeschichte zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und Agnes, einer jüngeren Physikerin. Der Roman ist gegliedert in 36 kurze Kapitel, die den Beginn, die Entwicklung und das Ende dieser Beziehung beschreiben und dabei die Themen Liebe und Tod, Nähe und Fremdheit, Freiheit und Verantwortung ansprechen.

Der Roman gehört zur Pflichtlektüre für das Abitur 2013 an beruflichen und ab 2014 an allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg.

Handlung[Bearbeiten]

In der folgenden inhaltlichen Darstellung der einzelnen Kapitel steht A für Agnes und E für den Ich-Erzähler. Die Ziffern bezeichnen wie im Roman die einzelnen Kapitel.

1. Mit den Sätzen „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ beginnt der Roman. E behauptet also, dass Agnes tot sei und dass für ihren Tod eine (metadiegetische) Geschichte verantwortlich sei, deren Handlung vor neun Monaten in der öffentlichen Bibliothek von Chicago einsetzt, wo er A kennenlernt. E blickt in der Erzählergegenwart der intradiegetischen Geschichte aus dem Fenster in die winterliche Nacht von Chicago. Dann sieht er sich ein Video an, das im Oktober bei einem gemeinsamen Ausflug am Columbus Day in einem Nationalpark von A gedreht worden ist. Er merkt an, dass A den Videoverkäufer im Haus nicht leiden konnte und sich an E klammerte.

2. E begegnet A erstmals im April in der Bibliothek (woraus der Leser hier zwangsläufig folgert, dass E die intradiegetische Geschichte im Januar erzählt, was sich am Schluss bestätigt). Er arbeitet an einem Sachbuch über Pullmanwagen, sie sitzt ihm gegenüber. In einer Raucherpause kommen sie miteinander ins Gespräch. A nennt ihm ihren Namen, und sie verabreden sich, ohne das explizit zu sagen, für den nächsten Tag.

3. In einer weiteren Raucherpause am Tag darauf erzählt A von sich und einem Freund namens Herbert. Herbert sei in einem Hotel einer schwarz gekleideten Frau begegnet, beide hätten sich schweigend angesehen, dann habe die Frau Herbert geküsst und sei weitergegangen. E lädt A in einen Coffee-Shop ein, in dem er Stammgast ist und den er gerade deshalb liebt, weil er sehr unpersönlich wirkt. A erzählt, dass sie Physikerin sei und an ihrer Dissertation arbeite. Sie sei 25 Jahre alt, spiele Cello und interessiere sich für Malerei und Gedichte.

4. E hat sich mit A zum Abendessen bei einem „Chinesen“ verabredet (vgl. aber Kapitel 11). Vor dem Lokal liegt eine tote Frau im Alter von A auf der Straße, E ruft eine Ambulanz. Beim Essen reden sie über den Tod, den A fürchtet. Sie gehen zusammen zu E nach Hause.

5. Die beiden schlafen miteinander, A war zuvor nach eigener Aussage noch Jungfrau, aber unbefangen. Morgens sprechen sie wieder über den Tod und magisches Denken. E scheint deutlich älter als A zu sein („Ich könnte fast dein Vater sein […]“, S. 26).[1]

6. Gemeinsames Frühstück. A erkundigt sich nach E's Büchern, er erzählt von einem aufgegebenen Romanprojekt, ist mit den Sachbüchern unzufrieden. Sie sprechen über metaphorische Unsterblichkeit im Werk. A erzählt von einem tödlichen Unfall in einem Pfadfinderlager ihrer Kindheit. Es wird deutlich, dass ihr Verhältnis zu ihrem Vater schwierig war; A nimmt an, dass er das verunglückte Nachbarskind vielleicht mehr geliebt habe als seine Tochter.

7. E fährt nach New York, um Literatur einzusehen. Er hat unangenehme Begegnungen im Zug: Eine nach Schweiß riechende, übergewichtige Frau erzählt ihm, dass sie auf dem Weg zu einem Blind Date sei; ein junger Mann bietet ihm in der Bar des Zuges an, ihn für wenig Geld zu massieren.

8. Zurück in Chicago lädt A erstmals E zu sich nach Hause ein. Sie hat gekocht, ihr Zimmer wirkt trotz Pflanzen „unbelebt“. Sie besitzt kaum Bücher. An der Wand hängt unter anderem das Plakat zu einem Theaterstück von Oskar Kokoschka mit dem Titel „Mörder, Hoffnung der Frauen“. A erzählt, wie sie Herbert bei der Diplomfeier kennenlernte. Er sei eigentlich Schauspieler, habe aber für eine Firma gearbeitet, die bei der Feier das Catering organisiert habe. Nach dem Essen soll E eine Geschichte lesen, die A geschrieben hat. Sie löscht die Geschichte auf dem Computer, als E sich bei der Beurteilung ausweichend äußert, und zeigt ihm stattdessen Röntgenbilder, die atomare Kristallgitter zeigen, ihr Forschungsgebiet. A und E führen ein Gespräch über Asymmetrie als Voraussetzung des Lebens. Sie schlafen miteinander.

9. Am Abend des Unabhängigkeitstages (dem 4. Juli) bittet A E, eine Geschichte (die in Kapitel 1 genannte metadiegetische Geschichte) über sie zu schreiben, damit sie wisse, was er von ihr hält. Aus dem Gefühl heraus, verliebt zu sein, willigt er ein. Sie beobachten das Feuerwerk von der Dachterrasse aus.

10. E beginnt die Geschichte und liest den Anfang vor. A will nicht, dass erwähnt wird, wie leicht sie errötet.

11. Die metadiegetische Geschichte wächst. In Details sind die beiden unterschiedlicher Meinung über sie. A beweist durch einen Eintrag in ihrem Taschenkalender, dass sie sich bei einem Inder getroffen haben.[2] Im September ist die Handlung des metadiegetischen Textes in der erzählten Zeit der intradiegetischen Geschichte angelangt, der jene ab diesem Zeitpunkt vorgreift.

12. E hat das Gefühl großer Nähe zu A, die an Abhängigkeit grenze. In seiner Fantasie sieht E A als „mein Geschöpf“, dessen Zukunft er plant (S. 62)

13. Im Text bittet E A darum, zu ihm zu ziehen. Ende September zieht sie tatsächlich zu ihm.

14. Beide sind glücklich, es ereignet sich wenig, deshalb stagniert das Schreiben der metadiegetischen Geschichte. Ein pointillistisches Bild von Georges Seurat in einer Ausstellung wird zur Metapher ihrer Beziehung. („Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat.“, S. 69)

15. Am Columbus Day macht das Paar den bereits in Kapitel 1 erwähnten Ausflug in einen Nationalpark. Nahe dem See, an dem sie zelten, fällt A ohne erkennbaren Grund in Ohnmacht.

16. Sie wandern weiter und treffen auf eine verlassene Siedlung mit Kirche und Friedhof. A spricht davon, dass Erfrieren ein schöner Tod sei (s. Kap. 35). Nach drei Tagen Wanderung Rückkehr zum Parkplatz.

17. E setzt seine Arbeit an der metadiegetischen Geschichte fort und lässt dabei den Leser an seinen Gedanken bei deren Entstehung teilhaben. Zunächst stellt er sich vor, dass er A bittet, ihn zu heiraten, und dass sie in die Eheschließung einwilligt. Kurz darauf stellt sich E vor, dass das Ehepaar tief zerstritten ist und dass A vor ihm und seiner Eifersucht flieht. Spätestens an der Stelle, an der E A, die zuvor geschrieen hat: „Du bist krank!“, flüstern lässt: „Du bist tot.“ wird E dem Leser unheimlich.

18. E erzählt seine intradiegetische Geschichte weiter. Er geht nicht mit A auf die Halloween-Party ihrer Universität, sondern auf die Feier einer Firma, die Pullmanwagen verleiht. Dort lernt er Louise kennen, die sich für ihn interessiert und ihm ihre Telefonnummer gibt.

19. A kommt betrunken von ihrer Party und offenbart E am nächsten Tag, dass sie schwanger ist. Er will kein Kind und deutet die Möglichkeit einer Abtreibung an. Sie wendet sich von ihm ab und er verlässt die Wohnung.

20. Als er zurückkommt, hat sie ihn verlassen und ist zurück in ihre alte Wohnung.

21. Er sucht die räumliche Nähe zu A in ihrem Wohnviertel, es gelingt ihm aber nicht, Kontakt zu ihr herzustellen. In der Bibliothek trifft er Louise, die ihn zu Thanksgiving zu ihren Eltern einlädt. E hat ein schlechtes Gewissen und schreibt für die metadiegetische Geschichte einen Schluss, in dem er mit dem Kind einverstanden ist.

22. E besucht Louises Eltern, die ihn gerne als Schwiegersohn sehen würden. Gespräch über Amerika und Europa. Der Vater ist Franzose, die Mutter Amerikanerin.

23. E besucht Louise in ihrer Firma. Sie küssen sich im Archiv, obwohl Louise es für gut hält, dass sie nicht ineinander verliebt sind. E arbeitet an einem Artikel über den Streik der Pullmann-Arbeiter, in dem der Konflikt zwischen Freiheit und Fürsorge thematisiert wird. („Mit allem hatte Pullman gerechnet, nur nicht mit dem Bedürfnis seiner Arbeiter nach Freiheit. Er hatte geglaubt, ihnen ein Paradies gebaut zu haben. Aber das Paradies hatte keine Tür […]“, S. 104).

24. E schreibt weiter an der metadiegetischen Geschichte und phantasiert ein Leben mit A und dem Kind. Eine Kollegin von A ruft ihn an und teilt ihm mit, dass A erkrankt sei und er sich um sie kümmern solle. E fürchtet um seine Freiheit, wenn er wieder mit A zusammenkommt, macht sich dann aber auf den Weg zu ihr.

25. A hatte eine Fehlgeburt, E ist darüber erleichtert.

26. Sie zieht wieder bei ihm ein, er erzählt ihr von Louise, was ihr aber gleichgültig zu sein scheint. Sie fordert ihn auf, die metadiegetische Geschichte weiterzuschreiben und das Kind darin lebendig werden zu lassen.

27. Auf einem Weihnachtseinkaufsbummel kauft A Geschenke und Kleidung für das „Kind“. Zu Hause bricht sie zusammen und nennt die erfundene Handlung eine „Lüge“. Sie wirft das Eingekaufte weg und verlangt von E, die Geschichte so zu erzählen, wie sie „wirklich“ war.

28. Während des gemeinsamen Alltags zieht sich A auf sich selbst zurück. Kristallstrukturen dienen als Metapher menschlicher Beziehungen. A denkt an die Zeit, wenn E sein Buch fertiggestellt hat und in die Schweiz zurückmuss.

29. Am Weihnachtsabend schenkt A E einen Pullover, er ihr einen Ausdruck der bisher entstandenen metadiegetischen Geschichte. Mit der Post kommt ein Geschenk von Louise, das Modell eines Pullmanwagens und die Einladung an beide zur Silvesterfeier. Obwohl E hartnäckig bei seiner Behauptung bleibt, A habe ihn Anfang November verlassen, widerspricht sie ihm beim dritten Mal nicht mehr, sondern gesteht ihm, dass sie nur ihn liebe.

30. A bleibt erkältet im Bett und weint wegen eines Gedichtes von Dylan Thomas, das den Tod thematisiert. E geht spazieren, denkt an das tote Kind und beschließt, die Geschichte (nur die metadiegetische?) zu Ende zu bringen.

31. A.s Eltern rufen an, die offenbar nichts von E's Anwesenheit wissen. Er beschließt einen zweiten Schluss zu schreiben, der positiver ausfällt als die erste Version. A möchte nicht, dass die Geschichte zu Ende geschrieben wird, aber E ist schon damit fertig.

32. A leidet weiterhin unter ihrer Atemwegsinfektion, E überarbeitet zwanghaft die metadiegetische Geschichte immer wieder.

33. Mit Einverständnis der immer noch nicht genesenen A verbringt E den Silvesterabend bei Louise. Er spricht mit deren Vater über den Pullman-Streik (s. Kap. 23) und geht mit Louise in deren Zimmer.

34. Nachdem die beiden miteinander geschlafen haben, fährt Louise ihn nach Hause und erfährt erst jetzt, dass A wieder bei ihm ist. Sie stellt ihm eine Beziehung in Aussicht, wenn er will, und es zeigt sich, dass sie vielleicht doch in ihn verliebt ist. Zu Hause bekommt E das Schloss zu seiner Wohnung nicht auf. Absurderweise hält er es für möglich, dass Agnes in seiner Abwesenheit das Schloss ausgetauscht habe. Erst nach einer Weile bemerkt er, dass er eine Etage zu tief ausgestiegen ist.

35. Als E in die Wohnung kommt, ist der Computer eingeschaltet und die Datei mit dem zweiten, neuen Schluss der metadiegetischen Geschichte, den A zuvor nicht kannte, geöffnet. Darin erzählt E, dass A im Winter in den Nationalpark gegangen sei, in dem sie mit E am Columbus Day gewesen ist (s. Kap. 16), und sich bei Frost in den Schnee legt. Es wird angedeutet, dass sie erfrieren will. A hat offenbar diesen Schluss gelesen und die Wohnung verlassen.

36. A kommt während der Erzählergegenwart nicht mehr zurück. E sieht sich am Schluss der intradiegetischen Geschichte das anfangs erwähnte Video an, das A im Nationalpark gedreht hat.

Thematik[Bearbeiten]

Der Roman behandelt, häufig in symbolischer oder metaphorischer Form, die Themen Liebe und Selbstliebe (der Erzähler, Agnes und das Kind), Leben und Tod (Symmetrie und Asymmetrie), Verantwortung, Fürsorge und Freiheit (der Pullman-Streik) und das Verhältnis zwischen Nähe und Fremdheit.

In den Personen des Erzählers und Agnes werden unterschiedliche Haltungen und Weltanschauungen deutlich. Die Beziehung des nicht mehr ganz jungen Erzählers zu der 25-jährigen Agnes erinnert an die zwischen Walter Faber und Sabeth in Max Frischs Roman Homo faber. Wie in Frischs Roman berichtet der Ich-Erzähler in Agnes die Geschichte in einem nüchternen und lakonisch-distanzierten Stil, er ist aber anders als Walter Faber kein Techniker. Agnes hingegen ist zwar Naturwissenschaftlerin, dennoch aber musisch veranlagt und (anders als der Situationen oft falsch bewertende Erzähler) zur Empathie fähig.

Peter Stamm lehnt es ab, Interpretationshilfen zu seinem Roman „Agnes“ zu liefern: „Zur Interpretation von «Agnes» kann und will ich mich nicht äußern. Sie ist nicht Aufgabe des Autors. (…) Ich denke, das beste Verständnis liefert eine genaue und unvoreingenommene Lektüre des Textes. Er bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, keine davon ist richtig, falsch sind allenfalls jene, die an den Haaren herbeigezogen oder schlecht begründet sind oder die für sich in Anspruch nehmen, die einzig richtige zu sein. Es gibt für das Buch keine Lösung wie für ein Kreuzworträtsel. Nicht einmal die Frage, ob Agnes am Ende des Buches tot ist oder lebt, lässt sich eindeutig beantworten. Weder von mir noch von Ihnen. Das soll Sie nicht daran hindern, darüber nachzudenken. In jeder Interpretation steckt viel vom Interpretierenden. Es liegt auf der Hand, dass Männer ein Buch anders lesen als Frauen, sechzehnjährige anders als sechzigjährige. Schön wäre es, wenn diese unterschiedlichen Lesarten zu konstruktiven Diskussionen führen, die weit über die Geschichte von «Agnes» hinausführen“.[3]

Insbesondere Agnes' Tod („Tod“?) ermöglicht verschiedene Interpretationen:

1. Ein Leser kann der Behauptung am Beginn des Romans Glauben schenken. Demnach wäre Agnes mit Georg Bendemann in Franz Kafkas Erzählung Das Urteil vergleichbar: Georg Bendemann wird von seinem Vater zum „Tod durch Ertrinken“ verurteilt und vollstreckt unverzüglich dieses Urteil, indem er aus dem Elternhaus davonläuft und über das Geländer einer Flussbrücke springt. Agnes liest den Text, den der Erzähler geschrieben hat und in dem er ihren Tod durch Erfrieren andeutet. Sie fährt den Computer nicht herunter, lässt ihr angebissenes Sandwich liegen, nimmt nur ihren Mantel mit, läuft „wie in Trance“ (so wird es in „Schluss2“ beschrieben, S. 151) aus der Wohnung und dem Hochhaus in den Park und sucht den Tod durch Erfrieren. Diesen hat sie zuvor selbst als „schönen Tod“ bewertet (S. 78). Dieses Verhalten wäre ein weiteres Beispiel für eine „Vergiftung durch Lektüre“ (S. 120). Nach einer Lektüre von Hermann Hesses Siddhartha hat sie schon einmal riskiert, dass ihre nackten Füße im Schnee erfrieren (S. 119). Dass Agnes bereit ist, Vorgaben der metadiegetischen Geschichte zu befolgen, zeigt sich darin, dass sie „wirklich“ (S. 64) das blaue Kleid anzieht, das sie der metadiegetischen Geschichte zufolge an dem betreffenden Tag trägt. Aus einer Vorschrift im Sinne von vorweg Geschriebenem wird so eine Vorschrift im Sinne einer Anweisung.

2. Einer anderen Interpretation zufolge nimmt sich der Erzähler zu wichtig. Die Figur Agnes ist zwar insofern ein „Geschöpf“ (S. 62) des Erzählers, als er vom Zeitpunkt der Erzählung der intradiegetischen Geschichte im Januar aus über den Erzählstoff, also auch über die Figur Agnes, nach Belieben verfügen kann. In seiner Eigenschaft als Handelnder in der intradiegetischen Geschichte kann er aber nur mit der Agnes der metadiegetischen Geschichte nach Belieben umgehen. Aus dieser Perspektive ist die Agnes der intradiegetischen Geschichte ein „realer Mensch“, der sich nicht wie eine Marionette behandeln lässt. Das „Nachleben“ der metadiegetischen Geschichte steigert sich zwar bei Agnes bis hin zum Kauf von Babysachen für das Kind, das in Wirklichkeit nie geboren werden wird, dieser Exzess endet aber mit der Erkenntnis, dass sie „krank“ sei (S. 119). Folgerichtig ist Agnes die metadiegetische Geschichte zum Schluss hin nicht mehr wichtig. Die Beziehung des Paares ist im Januar längst auf einen Tiefpunkt abgekühlt. Ihre Zärtlichkeiten sind oberflächlich (S. 122), nur noch zu Weihnachten bekommt der Erzähler von Agnes Sex, und das auch noch ausdrücklich als „Geschenk“ (S. 128). Umso auffälliger ist die emotional intensive Verabschiedung Agnes' (S. 142), bevor der Erzähler zu Louises Party geht. Möglicherweise hat Agnes zu diesem Zeitpunkt bereits beschlossen, den Erzähler zu verlassen. Die Lektüre des Textes ist für sie der Anlass, spontan wegzugehen. Da die Geschichte kurz nach Agnes' Weggang erzählt wird, bleibt unklar, was Agnes' Abwesenheit wirklich zu bedeuten hat.

Intertextuelle Bezüge[Bearbeiten]

Der Roman Agnes greift eine Vielzahl von Motiven aus anderen literarischen Werken auf, von denen einige im Text explizit angesprochen werden.

  • Ein nicht mehr junger Mann reflektiert seine gescheiterte Vater-Tochter-Beziehung zu einer deutlich jüngeren Frau. → Max Frisch, Homo Faber
  • Ein Künstler (Pygmalion) schafft eine Figur, die lebendig wird. → Ovid, Metamorphosen
  • Ein Mann behandelt eine lebendige Frau wie eine Figur, die er nach eigenem Willen beliebig gestalten kann. → George Bernard Shaw, PygmalionFrederick Loewe, My Fair Lady
  • Ein älterer Mann verurteilt eine andere, jüngere Person zum Tode; die jüngere Person führt das Urteil unverzüglich durch Suizid aus. → Franz Kafka, Das Urteil
  • Der Tod durch Erfrieren erscheint als „schöner Tod“. → Robert Walser, Geschwister Tanner
  • Eine Geschichte, in der der Protagonist Suizid begeht, führt dazu, dass Menschen sich in der Realität auf die in der Geschichte beschriebene Weise umbringen. → Werther-Effekt, Legenden um Robert Walsers „Tod im Schnee“
  • Ein Mann (Nathanael) versucht, sein Leben durch Schreiben einer metadiegetischen Geschichte zu bewältigen, ist aber nach der Lektüre des Werks entsetzt über die Dämonen, die sein Unbewusstes dabei freigesetzt hat. → E.T.A. Hoffmann, Der Sandmann

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Arche Verlag, Zürich-Hamburg, 1998
  • Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2009, ISBN 978-3-596-17912-1

Literatur[Bearbeiten]

  • Johannes Wahl: Peter Stamm, Agnes. Klett Lerntraining Lektürenhilfen, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-12-923072-5.
  • Matthias Holthaus u.a.: Abschnitt C (Peter Stamm: Agnes). In: Literatur und Sprache von 1945 bis zur Gegenwart. Reflexion über Sprache und Sprachgebrauch Rahmenthemen 5 und 6 zum Kerncurriculum (Abitur 2015 [in Niedersachsen]), Abibox Deutsch Brinkmann Meyhöfer, Hannover, S. 72–110

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alle Seitenangaben beziehen sich auf die Taschenbuch-Ausgabe des Fischer Taschenbuch Verlags
  2. Obwohl der Text von Kapitel 4, wie die ganze intradiegetische Geschichte, aus der Perspektive des Januars geschrieben ist (also nach der Belehrung durch A, von der er in Kapitel 11 erzählt), bleibt der Erzähler in Kapitel 4 bei dem objektiv falschen Attribut „chinesisch“. Aufmerksame Leser verlieren bereits an dieser Textstelle das Vertrauen in die Zuverlässigkeit des unzuverlässigen Erzählers
  3. Peter Stamm: Agnes. 2012