Agnes (Roman)

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Agnes ist ein 1998 erschienener Roman von Peter Stamm.

Er erzählt aus der personalen Perspektive des Erzählers die Liebesgeschichte zwischen dem namenlosen Ich-Erzähler und Agnes, einer jüngeren Physikerin. Der Roman ist gegliedert in 36 kurze Kapitel, die den Beginn, die Entwicklung und das Ende dieser Beziehung beschreiben und dabei die Themen Liebe und Tod, Nähe und Fremdheit, Freiheit und Verantwortung ansprechen.

Der Roman gehört zur Pflichtlektüre für das Abitur 2013 an beruflichen und ab 2014 an allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg.

Handlung[Bearbeiten]

Oberflächlich betrachtet besitzt der Roman wenig Handlung. Alltägliche Ereignisse reihen sich aneinander, haben aber häufig eine symbolische oder metaphorische Bedeutung. Ihre Verknüpfung erschließt sich meist erst im Nachhinein. Um die Handlung verstehen zu können, müssen auch scheinbar nebensächliche Details beachtet werden.

In der folgenden inhaltlichen Darstellung der einzelnen Kapitel steht A für Agnes und E für den Ich-Erzähler. Die Ziffern bezeichnen wie im Roman die einzelnen Kapitel.

1. Mit den Sätzen „Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ beginnt der Roman. E berichtet, dass für ihren Tod eine Geschichte verantwortlich sei, die vor neun Monaten in der öffentlichen Bibliothek von Chicago begonnen habe, wo er A kennenlernte. E blickt aus dem Fenster in die winterliche Nacht von Chicago. Dann sieht er sich ein Video an, das im Oktober bei einem gemeinsamen Ausflug am Columbus Day in einem Nationalpark von A gedreht worden ist. Er berichtet, dass A den Videoverkäufer im Haus nicht leiden konnte und sich an E klammerte.

2. E begegnet A erstmals im April in der Bibliothek (woraus folgt, dass die aktuelle Erzählzeit im Januar liegt). Er arbeitet an einem Sachbuch über Pullmanwagen, sie sitzt ihm gegenüber. In einer Raucherpause kommen sie miteinander ins Gespräch. A nennt ihm ihren Namen, und sie verabreden sich unausgesprochen für den nächsten Tag.

3. Am Tag darauf erzählt A wieder in einer Raucherpause von sich und einem Freund namens Herbert. Herbert sei in einem Hotel einer schwarz gekleideten Frau begegnet, beide hätten sich schweigend angesehen, dann habe die Frau Herbert geküsst und sei weitergegangen. E lädt A in einen Coffee-Shop ein, in dem er Stammgast ist und den er gerade deshalb liebt, weil er sehr unpersönlich wirkt. A erzählt, dass sie Physikerin ist und an ihrer Dissertation arbeitet. Sie ist 25 Jahre alt, spielt Cello und interessiert sich für Malerei und Gedichte.

4. E hat sich mit A zum Abendessen bei einem Chinesen verabredet. Vor dem Lokal liegt eine tote Frau im Alter von A auf der Straße, E ruft eine Ambulanz. Beim Essen reden sie über den Tod, den A fürchtet. Sie gehen zusammen zu E nach Hause.

5. Die beiden schlafen miteinander, A ist nach eigener Aussage noch Jungfrau, aber unbefangen. Morgens sprechen sie wieder über den Tod und magisches Denken. E scheint deutlich älter als A zu sein. Zitat: „Ich könnte fast dein Vater sein (…)“. [1]

6. Gemeinsames Frühstück. A erkundigt sich nach E.s Büchern, er erzählt von einem aufgegebenen Romanprojekt, ist mit den Sachbüchern unzufrieden. Sie sprechen über metaphorische Unsterblichkeit im Werk. A erzählt von einem tödlichen Unfall in einem Pfadfinderlager ihrer Kindheit. Ihr schwieriges Verhältnis zum Vater wird deutlich, der das verunglückte Nachbarskind vielleicht mehr liebte als seine Tochter.

7. E fährt nach New York, um Literatur einzusehen. Er hat unangenehme Begegnungen im Zug: Eine nach Schweiß riechende, übergewichtige Frau erzählt ihm, dass sie auf dem Weg zu einem Blind Date sei; ein junger Mann bietet ihm in der Bar des Zuges an, ihn für wenig Geld zu massieren.

8. Zurück in Chicago lädt ihn A erstmals zu sich nach Hause ein. Sie hat gekocht, ihr Zimmer wirkt trotz Pflanzen „unbelebt“. Sie besitzt kaum Bücher. An der Wand hängt unter anderem das Plakat zu einem Theaterstück von Oskar Kokoschka mit dem Titel „Mörder, Hoffnung der Frauen“. A erzählt, wie sie Herbert bei der Diplomfeier kennenlernte. Er sei eigentlich Schauspieler, arbeitete aber für eine Catering-Firma, die bei der Feier bewirtete. Nach dem Essen soll E eine Geschichte lesen, die A geschrieben hat. Sie löscht die Geschichte auf dem Computer, als E sich bei der Beurteilung ausweichend äußert und zeigt ihm stattdessen Röntgenbilder, die atomare Kristallgitter zeigen, ihr Forschungsgebiet. Gespräch über Asymmetrie als Voraussetzung des Lebens. Sie schlafen miteinander.

9. Abend des Unabhängigkeitstages. A bittet E, eine Geschichte über sie zu schreiben, damit sie weiß, was er von ihr hält. Er willigt ein, weil er „verliebt“ ist. Sie beobachten das Feuerwerk von der Dachterrasse aus.

10. E beginnt die Geschichte und liest den Anfang vor. A will nicht, dass erwähnt wird, wie leicht sie errötet.

11. Die Geschichte wächst. In Details sind die beiden unterschiedlicher Meinung. War es ein chinesisches oder indisches Restaurant, in dem sie sich erstmals trafen? A behauptet, es sei ein indisches und weist dies durch einen Eintrag in ihrem Taschenkalender nach. Im September erreicht die Geschichte die Gegenwart des Erzählens.

12. E hat das Gefühl großer Nähe zu A, bis zur Abhängigkeit. Die Geschichte stößt in die erzählte Zukunft der Beziehung vor. E sieht A als „mein Geschöpf“, dessen Zukunft er plant.[2]

13. In seiner Geschichte bittet E A darum, zu ihm zu ziehen. Ende September zieht sie tatsächlich zu ihm.

14. Beide sind glücklich, es ereignet sich wenig, deshalb stagniert die Geschichte, die E über A schreibt. Ein pointillistisches Bild von Georges Seurat in einer Ausstellung wird zur Metapher ihrer Beziehung. Zitat: „Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat.“[3]

15. Ausflug in einen Nationalpark am Columbus Day (s. Kap. 1). Nahe dem See, an dem sie zelten, fällt A ohne erkennbaren Grund in Ohnmacht.

16. Sie wandern weiter und treffen auf eine verlassene Siedlung mit Kirche und Friedhof. A spricht davon, dass erfrieren ein schöner Tod sei (s. Kap. 35). Nach drei Tagen Wanderung Rückkehr zum Parkplatz.

17. In seiner Geschichte phantasiert E, dass er A bittet, ihn zu heiraten. Sie stimmt zu. Dann eine plötzliche Vision: Sie sind verheiratet, tief zerstritten und A flieht vor ihm.

18. E geht nicht mit A auf die Halloween-Party ihrer Universität, sondern auf die Feier einer Firma, die Pullmanwagen verleiht. Dort lernt er Louise kennen, die sich für ihn interessiert und ihm ihre Telefonnummer gibt.

19. A kommt betrunken von ihrer Party und offenbart E am nächsten Tag, dass sie schwanger ist. Er will kein Kind und deutet die Möglichkeit einer Abtreibung an. Sie wendet sich von ihm ab und er verlässt die Wohnung.

20. Als er zurückkommt, hat sie ihn verlassen und ist zurück in ihre alte Wohnung.

21. Er sucht die räumliche Nähe zu A in ihrem Wohnviertel, es gelingt ihm aber nicht, Kontakt zu ihr herzustellen. In der Bibliothek trifft er Louise, die ihn zu Thanksgiving zu ihren Eltern einlädt. E hat ein schlechtes Gewissen und schreibt für die Geschichte einen Schluss, in dem er mit dem Kind einverstanden ist.

22. Bei Louises Eltern, die E gerne als Schwiegersohn sehen würden. Gespräch über Amerika und Europa. Der Vater ist Franzose, die Mutter Amerikanerin.

23. E besucht Louise in ihrer Firma. Sie küssen sich im Archiv, Louise findet es gut, dass sie nicht ineinander verliebt sind. E arbeitet an einem Artikel über den Streik der Pullmann-Arbeiter, in dem der Konflikt zwischen Freiheit und Fürsorge thematisiert wird. Zitat: „Mit allem hatte Pullman gerechnet, nur nicht mit dem Bedürfnis seiner Arbeiter nach Freiheit. Er hatte geglaubt, ihnen ein Paradies gebaut zu haben. Aber das Paradies hatte keine Tür (…)“.[4]

24. E schreibt weiter an der Geschichte und phantasiert ein Leben mit A und dem Kind. Eine Kollegin von A ruft ihn an und teilt ihm mit, dass A erkrankt sei und er sich um sie kümmern solle. E fürchtet um seine Freiheit, wenn er wieder mit A zusammenkommt, macht sich dann aber auf den Weg zu ihr.

25. A hatte eine Fehlgeburt, E ist erleichtert.

26. Sie zieht wieder bei ihm ein, er erzählt ihr von Louise, was ihr aber gleichgültig zu sein scheint. Sie fordert ihn auf, die Geschichte weiterzuschreiben und das Kind darin lebendig werden zu lassen.

27. Auf einem Weihnachtseinkaufsbummel kauft A Geschenke und Kleidung für das Kind. Zu Hause bricht sie zusammen und nennt ihre Handlung eine „Lüge“. Sie wirft das Eingekaufte weg und verlangt von E die Geschichte so zu erzählen, wie sie „wirklich“ war.

28. Gemeinsamer Alltag. A zieht sich auf sich selbst zurück. Kristallstrukturen als Metapher menschlicher Beziehungen. A denkt an die Zeit, wenn E mit seinem Buch zu Ende ist und in die Schweiz zurückmuss.

29. Weihnachtsabend. Sie schenkt ihm einen Pullover, er ihr einen Ausdruck der bisher entstandenen Geschichte. Mit der Post kommt ein Geschenk von Louise, das Modell eines Pullmanwagens und die Einladung an beide zur Silvesterfeier. A gesteht E, dass sie ihn liebt.

30. A bleibt erkältet im Bett und weint wegen eines Gedichtes von Dylan Thomas, das den Tod thematisiert. Er geht spazieren, denkt an das tote Kind und beschließt die Geschichte zu Ende zu bringen.

31. Anruf von A.s Eltern, die offenbar nichts von ihm wissen. Er beschließt einen zweiten Schluss zu schreiben, der positiver ausfällt als die erste Version. A möchte nicht, dass die Geschichte zu Ende geschrieben wird, aber E ist schon damit fertig.

32. A ist weiterhin krank, E überarbeitet zwanghaft die Geschichte immer wieder.

33. Mit Einverständnis von A, die noch krank ist, verbringt E den Silvesterabend bei Louise. Er spricht mit dem Vater über den Pullman-Streik (s. Kap. 23) und geht mit Louise in deren Zimmer.

34. Nachdem die beiden miteinander geschlafen haben, fährt Louise ihn nach Hause und erfährt erst jetzt, dass A wieder bei ihm ist. Sie stellt ihm eine Beziehung in Aussicht, wenn er will und ist vielleicht doch in ihn verliebt. Zu Hause bekommt E das Schloss zu seiner Wohnung nicht auf und bemerkt erst nach einer Weile, dass er eine Etage zu tief ist. (Metaphorische Darstellung seiner emotionalen Desorientierung und des drohenden Niveauverlustes).

35. Als E in die Wohnung kommt ist der Computer eingeschaltet und die Datei mit dem zweiten, neuen Schluss, den A nicht kannte, geöffnet. Darin erzählt E, dass A im Winter in den Nationalpark gegangen sei, in dem sie mit E am Columbus Day gewesen war (s. Kap. 16) und sich bei Frost in den Schnee legt. Es wird angedeutet, dass sie erfrieren will. A hat offenbar diesen Schluss gelesen und die Wohnung verlassen.

36. A kommt nicht mehr zurück. E sieht sich das anfangs erwähnte Video an, das A im Nationalpark gedreht hatte.

Thematik[Bearbeiten]

Der Roman behandelt, häufig in symbolischer oder metaphorischer Form, die Themen Liebe und Selbstliebe (der Erzähler, Agnes und das Kind), Leben und Tod (Symmetrie und Asymmetrie), Verantwortung, Fürsorge und Freiheit (der Pullman-Streik) und das Verhältnis zwischen Nähe und Fremdheit.

In den Personen des Erzählers und Agnes werden unterschiedliche Haltungen und Weltanschauungen deutlich. Anders als in Homo faber von Max Frisch ist hier der Künstler als Schriftsteller der nüchtern und lakonisch-distanziert Berichtende und kein Techniker, während die Naturwissenschaftlerin Agnes die musische und emotionale Seite repräsentiert.

Peter Stamm selbst zur Deutung von „Agnes“: „Zur Interpretation von «Agnes» kann und will ich mich nicht äußern. Sie ist nicht Aufgabe des Autors. (…) Ich denke, das beste Verständnis liefert eine genaue und unvoreingenommene Lektüre des Textes. Er bietet viele Interpretationsmöglichkeiten, keine davon ist richtig, falsch sind allenfalls jene, die an den Haaren herbeigezogen oder schlecht begründet sind oder die für sich in Anspruch nehmen, die einzig richtige zu sein. Es gibt für das Buch keine Lösung wie für ein Kreuzworträtsel. Nicht einmal die Frage, ob Agnes am Ende des Buches tot ist oder lebt, lässt sich eindeutig beantworten. Weder von mir noch von Ihnen. Das soll Sie nicht daran hindern, darüber nachzudenken. In jeder Interpretation steckt viel vom Interpretierenden. Es liegt auf der Hand, dass Männer ein Buch anders lesen als Frauen, sechzehnjährige anders als sechzigjährige. Schön wäre es, wenn diese unterschiedlichen Lesarten zu konstruktiven Diskussionen führen, die weit über die Geschichte von «Agnes» hinausführen“.[5]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Arche Verlag, Zürich-Hamburg, 1998
  • Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2009, ISBN 978-3-596-17912-1

Literatur[Bearbeiten]

  • Johannes Wahl: Peter Stamm, Agnes. Klett Lerntraining Lektürenhilfen, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-12-923072-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fischer Taschenbuch (siehe Abschnitt Ausgaben), Seite 26
  2. a.a.O., Seite 62
  3. a.a.O., Seite 69
  4. a.a.O., Seite 104
  5. http://www.peterstamm.ch/agnes.php