Agrarsoziologie

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Die Agrarsoziologie (in erweiterter Bedeutung Land- und Agrarsoziologie[1]) ist Teildisziplin der Soziologie und der Agrarwissenschaft. Sie war ursprünglich mit der Untersuchung der besonderen Bedeutung von agrarischer Produktion, bäuerlicher Familie und dörflicher Lebensweise in der Industriegesellschaft befasst, wobei implizit davon ausgegangen wurde, dass eine ländliche Gesellschaft auch im Industriezeitalter fortbesteht.[2] Mit der Reduzierung bäuerlicher Betriebe und der soziostrukturellen Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land verlor die Agrarsoziologie ihren ursprünglichen Forschungsgegenstand. Inzwischen sind die wieder zunehmenden regionalen Disparitäten zwischen Städten und ländlichen Räumen Forschungsgegenstand der Landsoziologie. Das wissenschaftliche Interesse richtet sich einerseits auf prosperierende Gebiete im Umkreis von Agglomerationen und andererseits auf entlegene Regionen, die in Gefahr sind, von der gesellschaftlichen Entwicklung abgekoppelt zu werden.[3]

Geschichte der Agrar- und Landsoziologie[Bearbeiten]

Der russisch-amerikanische Soziologe Pitrim A. Sorokin gilt als Begründer der akademischen Disziplin, er legte 1929 zusammen mit Carle Clark Zimmerman die grundlegende Schrift Principles of rural-urban sociology vor.[4] In den USA wurden an Colleges und Universitäten Departements für Landsoziologie (rural sociology) eingerichtet. Obschon es in Deutschland einzelne Untersuchungen zum Thema gegeben hatte, wie etwa eine wegweisende Arbeit von Max Weber aus dem Jahr 1892,[5] gab es bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges keine institutionalisierte Agrarsoziologie. Während der Zeit des Nationalsozialismus stellten sich viele mit der Agrarsoziologie befasste Wissenschaftler „bereitwilig in den Dienst der Blut- und Bodenideologie“.[6] Erst nach dem Krieg wurden in Deutschland einzelne Lehrstühle für Agrarsoziologie eingerichtet, ausschließlich an agrarwissenschaftlichen Fakultäten. Stets wurde der Disziplin Theorieferne und Politiknähe vorgeworfen, es wurde überwiegend Auftragsforschung betrieben. Erst in den 1970er Jahren öffnete sich die deutsche Agrarsoziologie der internationalen Diskussion und wandte sich allgemeineren und auch alternativen Themen zu wie Nachhaltigkeit, Ökologie, Mensch-Nutztier-Beziehung. Hauptforschungsgebiet sind nach wie vor die ländlichen Räume.

Literatur[Bearbeiten]

Bücher

  • Planck, Ulrich und Joachim Ziche: Land- und Agrarsoziologie; Ulmer Stuttgart 1979, ISBN 3-8001-2123-9
  • Encyclopaedia of rural sociology, hrg. von Arvind Kumar, Lucknow : Institute for Sustainable Development, 1998
  • Stephan Beetz, Kai Brauer, Claudia Neu (Hg.): Handwörterbuch zur ländlichen Gesellschaft in Deutschland. Wiesbaden 2005, VS, ISBN 3-8100-3749-4
  • Pierre Bourdieu: Junggesellenball: Studien zum Niedergang der bäuerlichen Gesellschaft, Konstanz: Uvk, 2008, ISBN 3-89669-790-0
  • Frederick H. Buttel, Olaf F. Larson, Gilbert W. Gillespie: The Sociology of Agriculture, New York: Greenwood, 1990
  • Heide Inhetveen: Land- und Agrarsoziologie. In: Barbara Orth, Thomas Schwietring, Johannes Weiß (Hg.): Soziologische Forschung: Stand und Perspektiven. Ein Handbuch. Leske + Budrich, Opladen 2003
  • Olaf F. Larson and Julie N. Zimmerman: Sociology in government : the Galpin-Taylor years in the U.S. Department of Agriculture, 1919 - 1953, Kluwer Academic Publ, 2008, Paperbackausgabe, ISBN 0-271-02849-1
  • Claudia Neu: Land- und Agrarsoziologie, in: Georg Kneer /Markus Schroer (Hg.): Handbuch Spezielle Soziologien, Wiesbaden, VS-Verlag, 2010, S. 243-261, ISBN 978-3-531-15313-1.
  • www.agrar.hu-berlin.de - Skript Sozialer Wandel im ländlichen Raum (Version vom 26. März 2005 im Internet Archive), HU Berlin (PDF-Datei; 17 kB)

Zeitschriften

  • Rural sociology, 1936-1989 Volltext
  • The journal of peasant studies, seit 1973
  • Sociologia ruralis. Journal of the European Society for Rural Sociology, seit 1960
  • Zeitschrift für Agrargeschichte und Agrarsoziologie

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. So auch die Bezeichnung der entsprechenden Sektion der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
  2. Vgl. Claudia Neu, Land- und Agrarsoziologie, in: Georg Kneer /Markus Schroer (Hg.): Handbuch Spezielle Soziologien, Wiesbaden, VS-Verlag, 2010, S. 243-261, hier. S. 243.
  3. Vgl. Claudia Neu, a.a.O.
  4. Holt: New York, 1929.
  5. Max Weber: Die Verhältnisse der Landarbeiter im ostelbischen Deutschland. Schriften des Vereins für Socialpolitik, Band 55, Leipzig 1892.
  6. Neu, a.a.O., S. 256.