Ahnenverlust

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Berühmtes Beispiel für Ahnenverlust: alle acht Urgroßeltern von Karl II. stammen von Johanna von Kastilien ab, die rund 200 Jahre zuvor lebte (siehe Tabelle unten)

Ahnenverlust oder Ahnenschwund bezeichnet in der Genealogie (Familiengeschichtsforschung) die Verringerung der tatsächlichen Anzahl der Vorfahren (Ahnen) einer Person gegenüber der theoretisch möglichen Gesamtzahl, weil innerhalb der Ahnenliste der Person mindestens ein Vorfahre gleichzeitig zwei Ahnenpositionen belegt – es fehlt dann mindestens ein von allen anderen unterscheidbarer Ahne.

Mathematisch berechnet, liegt die logisch mögliche Anzahl der Vorfahren von Lebewesen mit zwei­geschlecht­licher Fortpflanzung bei 2 hoch n in der n-ten Voreltern-Generation, beispielsweise für die Urgroßeltern (3. Generation): 2 hoch 3 = 2 × 2 × 2 = 8 verschiedene Urgroß­elternteile. Am weitesten verbreitet ist Ahnenverlust bei Nachkommen aus Cousin-Cousine-Paarungen (siehe auch Cousinenheirat, Verwandtenheirat). Waren die Eltern einer Person Cousins 1. Grades, haben ihre eigenen Kinder einen Ahnenverlust von etwa 25 Prozent, da sie bereits in ihrer Vorfahren-Generation der Großeltern nur sechs Ahnen haben statt insgesamt acht verschiedenen: Jeweils zwei Groß­eltern­teile sind identisch, weil sie die Eltern von einem Geschwisterpaar sind. Diese Verringerung (Schwund) setzt sich in sämtlichen zurückliegenden Generationen fort.

Innerhalb gewisser Grenzen ist Ahnenverlust eine statistisch normale Erscheinung, die auf viele Vorfahren-Generationen betrachtet jede Person betrifft, im Falle menschlicher Inzucht aber viel stärker ausgeprägt ist (siehe dazu auch Ahnen­gemeinschaft der Menschheit).

Auch in der Tierzucht kann Ahnenverlust eine Rolle spielen, so wird beispielsweise in der Hundezucht der sogenannte Ahnenverlustkoeffizient eines Individuums errechnet; dieser kann mit seinem mathematischem Inzuchtkoeffizienten übereinstimmen (siehe unten: Ahnenverlust versus Inzucht).

Ahnenverlust bei verschiedenen Verwandtschaftsgraden[Bearbeiten]

Die größtmögliche Verringerung von Ahnen hat eine Person, deren Elternteile selber voneinander abstammen, deren einer Elternteil also Kind oder Enkel des anderen ist (siehe auch Inzestverbot). Wenn beispielsweise ein Vater mit seiner eigenen (biologischen oder adoptierten) Tochter ein Kind zeugt, überlagern sich für dieses Kind die vaterseitigen und die mutterseitigen Verwandtschaftsbeziehungen vollständig: Der Großvater väterlicherseits (Vater des Vaters) ist gleichzeitig der Großvater mütterlicherseits (Vater der Mutter), die Großmutter ist gleichzeitig die Mutter des Vaters und der Mutter; vier Ahnenpositionen werden von nur zwei Vorfahren eingenommen, und so fort. Außerdem ist sein Vater gleichzeitig sein Großvater (da Vater seiner Mutter), sein Großvater gleichzeitig sein Urgroßvater, und so weiter in aufsteigender Folge.

Einen 50-prozentigen Ahnenschwund hat eine Person, deren Eltern vollbürtige Bruder und Schwester sind (siehe auch Geschwisterehe): Auch bei ihr sind die vater- und die mutterseitige Verwandtschaft deckungsgleich, da ihre Eltern dieselbe Mutter und denselben Vater haben. Da alle Vorfahren der Person gleichzeitig zwei Positionen in ihrer Ahnenliste belegen, halbiert sich die Gesamtzahl ihrer faktischen Ahnen – es fehlt der komplette Verwandtschaftsbaum eines nicht mit dem anderen verwandten Elternteils. Der Ahnenschwund deckt sich hier mit dem Verwandtschaftskoeffizienten von vollbürtigen Geschwistern: 0,5 = 50 Prozent.

Den drittgrößten Ahnenverlust haben Nachkommen von Onkel-Nichte- oder Neffe-Tante-Verbindung (Beispiel: Onkel-Nichte-Ehen in der Bibel); er deckt in sich etwa mit dem Ahnenschwund der Nachkommen aus einer Verbindung von Halbgeschwistern oder einem Großelternteil mit seinem Enkelkind.

Erklärung[Bearbeiten]

Bei der Geschwisterehe kommt es bereits in der zweiten Generation zum Ahnenverlust, da der Proband nicht vier, sondern nur zwei Großeltern hat. Da in den meisten menschlichen Gesellschaften ein Inzesttabu gilt, tritt Ahnenverlust normalerweise frühestens in der dritten Generation auf, in der Regel aber erst in späteren Generationen. In diesen Fällen treten Geschwister als Ahnen auf, so dass in der nächsten Generation deren Eltern mehrfach als Ahnen auftreten. Es kann auch vorkommen, dass eine Person in verschiedenen Generationen als Ahn auftritt. Dadurch verringert sich die Anzahl der tatsächlich verschiedenen gegenüber der Zahl der theoretisch möglichen Vorfahren, woraus sich der Inzuchtkoeffizient der Ahnenliste schätzen lässt.

Wenn man die Generationenfolge nur weit genug in die Vergangenheit verfolgt, ist Ahnenverlust mathematisch unvermeidbar, da sich die Anzahl der Voreltern-Nummern in jeder Voreltern-Generation verdoppelt, in der n-ten Voreltern-Generation also 2n beträgt. Geht man bei einem Menschen 30 Generationen zurück (also etwa 500 bis 1.000 Jahre), dann ergeben sich für diese eine Generation mehr als eine Milliarde Ahnen, was die Zahl der damaligen Weltbevölkerung übersteigt. In der Ahnenliste kommen folglich zwangsläufig viele Ahnen mehrfach vor, je weiter man zurückgeht.

Beispiele[Bearbeiten]

Hochadel[Bearbeiten]

Beispiele für starken Ahnenverlust finden sich bei lange Zeit isolierten Populationen, etwa bei Inselbewohnern oder bei religiösen Minderheiten. Da bei Adligen die Vorfahren besonders gut dokumentiert und publiziert sind und aus Gründen der Ebenbürtigkeit und des Erbrechts Ehen zwischen nahen Verwandten besonders häufig waren, beziehen sich die meisten Beispiele der Literatur auf Angehörige europäischer Herrschergeschlechter.

Ein Paradebeispiel von Ahnenverlust ist Alfons XII., dessen Großväter Brüder und dessen Großmütter Schwestern waren. Er hat dadurch nur vier Urgroßeltern (statt acht), da beide Urgroßelternpaare sowohl auf der väterlichen als auch auf der mütterlichen Seite erscheinen. Somit haben seine Eltern Francisco de Asís de Borbón und Isabella II. zusammen nur vier Großeltern und weisen dadurch nur einen Genpool auf, der normalerweise bei Geschwistern zu finden ist.[1]

Ein weiteres besonders deutliches Beispiel von Ahnenverlust im Hochadel ist Karl II., dessen sämtliche Urgroßeltern (teilweise mehrfach) von Johanna von Kastilien abstammten, dabei hatte er nur 6 Urgroßeltern, da die „fehlenden“ 2 Urgroßeltern bereits als Großeltern in seiner Ahnentafel auftreten. In der 5. Generation (Ur-ur-ur-Großeltern) treten nur 10 neue Individuen auf, die restlichen 22 (von insgesamt möglichen 32) sind bereits in der 4. Generation vorhanden oder treten mehrfach in der 5. Generation auf.

Für Friedrich den Großen, Maria Theresia und August den Starken lässt sich der Ahnenverlust absolut und in Prozent über 12 Generationen ermitteln (nach den Veröffentlichungen Erich Brandenburgs, 1934–1937). Und auch bei heutigen Mitgliedern des Hochadels wie dem spanischen Kronprinzen Felipe oder König Harald V. von Norwegen lässt sich der Ahnenschwund deutlich erkennen.

Generation 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Theoretische Ahnenzahl 2 4 8 16 32 64 128 256 512 1024 2048 4096
Tatsächliche Zahl der Vorfahren:
Friedrich der Große 2 4 6 10 18 35 63 118 201 357 627 1108
Ahnenverlust: 0 % 0 % 25 % 38 % 44 % 45 % 51 % 54 % 61 % 65 % 69 % 73 %
Maria Theresia 2 4 8 16 26 50 74 113 158 238 351 569
Ahnenverlust: 0 % 0 % 0 % 0 % 19 % 22 % 42 % 56 % 69 % 77 % 83 % 87 %
August der Starke 2 4 8 14 23 39 52 74 122 196 302 499
Ahnenverlust: 0 % 0 % 0 % 13 % 28 % 39 % 59 % 71 % 76 % 81 % 85 % 88 %
Karl II. 2 4 6 10 10 18 32
Ahnenverlust (siehe Grafik oben): 0 % 0 % 25 % 38 % 69 % 72 % 75 %
Alfons XII. 2 4 4 6 8 16 28 48 70
Ahnenverlust: 0 % 0 % 50 % 63 % 75 % 75 % 78 % 81 % 86 %
Felipe von Spanien 2 4 8 16 26 42 55 79 132
Ahnenverlust: 0 % 0 % 0 % 0 % 19 % 34 % 57 % 69 % 74 %
Harald V. von Norwegen 2 4 6 10 18 34 57 92
Ahnenverlust: 0 % 0 % 25 % 38 % 44 % 47 % 56 % 64 %
Theoretische Ahnenzahl 2 4 8 16 32 64 128 256 512 1024 2048 4096
Generation 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12

Karl der Große[Bearbeiten]

Um den Ahnenverlust zu veranschaulichen, findet man häufig (vor allem in Internet-Foren) die Behauptung, dies würde auch bedeuten, dass „statistisch gesehen alle heute lebenden Europäer von Kaiser Karl dem Großen abstammen müssten und somit jeder Europäer hochadelige Vorfahren hätte (ob über die eheliche oder uneheliche Linie)“[2] oder – im englischen Sprachraum – „dass alle Briten von König Edward I. (oder wahlweise Alfred dem Großen) abstammen“.

Behauptungen dieser Art beruhen indes nicht auf Statistik, sondern auf der irrigen Annahme, die 2n Voreltern-Nummern seien unter den damals lebenden Menschen gleichmäßig verteilt. Damit würde der Proband jedoch ebenso häufig von Karl dem Großen wie von einem kinderlosen Zeitgenossen Karls abstammen, was offensichtlich nicht der Fall ist.

Zu quantitativen Aussagen führen stark vereinfachte Rechenmodelle, die eine bestimmte statistische Verteilung (hier eine Poisson-Verteilung) durch eine Reihe von Annahmen erzwingen, etwa:

  • eine homogene Populationsvermischung (der Fischhändler aus Hamburg heiratet die bayerische Sennerin; die fränkische Adlige heiratet einen Schmied aus Württemberg; in Breslau heiratet ein katholischer Bürger eine jüdische Bürgerin)
  • eine homogen wachsende Population (keine Einwanderung, gleiche Überlebenschancen für alle)

Jedoch bilden diese Modelle die Wirklichkeit nicht gut ab. Weitere Erläuterungen zu diesem Aspekt des Ahnenverlust finden sich in der Fachliteratur.[3]

Mitochondriale Eva[Bearbeiten]

Einen neuen Zugang zum Thema Ahnenverlust bilden genetische Untersuchungen, die seit etwa 1990 unter dem Thema mitochondriale Eva erarbeitet wurden. Diese Daten legen nahe, dass alle heute lebenden Menschen von einer einzigen Frau abstammen und damit alle untereinander blutsverwandt sind (siehe auch Adam des Y-Chromosoms).

Ahnenverlust versus Inzucht[Bearbeiten]

Besonders in der Hundezucht wird gelegentlich der sogenannte Ahnenverlustkoeffizient (AVK) als Maß für die Inzucht eines Individuums verwendet. Dazu berechnet man den Quotienten aus vorhandenen (A_v) und maximal möglichen Ahnen (A_m) über eine definierte Anzahl Generationen. Die Differenz zwischen dem Resultat und 1 (beziehungsweise 100 Prozent) entspricht dem gesuchten Wert.

 AVK = 1-\frac{A_v}{A_m}

Im Gegensatz zum Inzuchtkoeffizienten berücksichtigt der Ahnenverlustkoeffizient allerdings nicht, wie eng Vater- und Muttertier miteinander verwandt sind (siehe Verwandtschaftskoeffizient). Bei ingezüchteten, aber nicht eng miteinander verwandten Elterntieren kann dies dazu führen, dass der Nachwuchs einen hohen Ahnenverlust-, aber gleichzeitig einen niedrigen Inzuchtkoeffizienten aufweist.

Da der Grad der Inzuchtdepression sich nach dem Homozygotiegrad richtet, welcher wiederum durch den Inzuchtkoeffizienten gemessen wird, ist in solchen Fällen dem Inzuchtkoeffizienten mehr Bedeutung beizumessen als dem Ahnenverlust. Der Ahnenverlustkoeffizient liefert also bestenfalls einen Schätzwert, schlimmstenfalls aber völlig sinnlose Angaben zur wahren Inzucht. Er wird daher in der wissenschaftlichen Genetik nicht verwendet.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eckart Henning, Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Handbuch der Genealogie. Degener, Neustadt/Aisch 1972.
  • Hermann Athen: Theoretische Genealogie. In: Sven Tito Achen (Hrsg.): Genealogica & Heraldica. Report of the 14th International Congress of Genealogical and Heraldic Sciences in Copenhagen 25.-29. Aug. 1980. Kopenhagen 1982, S. 421–432 (englisch).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hierbei ist noch zu erwähnen, dass die Vaterschaft von Francisco de Asís de Borbón umstritten ist, siehe Vorfahren von Alfons XII.
  2. Vergleiche Peter Chr. Clemens: Familienforschung und Mecklenburg. Diverse Aspekte. In: mfp.math.uni-rostock.de. Verein für mecklenburgische Familien- und Personengeschichte e. V., 24. Januar 2004, abgerufen am 10. Februar 2014.
  3. Vergleiche Richard Dawkins: Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. Ullstein, Berlin 2008, ISBN 978-3-550-08748-6 (original 2004: The Ancestor’s Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Evolution).