Aktionsgruppe Banat

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Mitglieder der Aktionsgruppe Banat

Die Autoren Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner standen der Aktionsgruppe Banat nahe, waren aber Mitglieder des Temeswarer Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn, in dem nach 1975 auch die meisten früheren Angehörigen der Aktionsgruppe Banat mitwirkten.

Die Aktionsgruppe Banat (1972-1975) war eine Literarische Gruppe Schüler und Studenten in Timisoara, Rumänien, die von den lokalen Behörden aufgelöst wurde.

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung [Bearbeiten]

Die Aktionsgruppe Banat nahm ihren Ursprung am Lyzeum von Sânnicolau Mare deutsch Großsanktnikolaus, wo von der dortigen Deutschlehrerin Dorothea Götz ein Literaturkreis ins Leben gerufen wurde.[1]

Die neun Gründungsmitglieder Albert Bohn, Rolf Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Richard Wagner, Ernest Wichner teilten von Beginn an eine gemeinsame Lebenswelt. Sie entstammten der dörflichen Sozialisation der deutschen Minderheit im Banat und waren alle zwischen 1951 und 1955 geboren. Mit Ausnahme von Sterbling und Ortinau, die zur Gründungszeit Gymnasiasten waren, absolvierten sie ein Germanistikstudium an der Universität Temeswar (nach der Wende 1989 West-Universität Timișoara).[2]

Gemäß Anton Sterbling war der offiziellen Rahmen, in dem sich der Literaturkreis bewegte, „das Selbstgeschriebene, das uns immer wichtiger wurde“, „zunächst auf der Schülerseite der Neuen Banater Zeitung und dann auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften“, „später in der Studentenbeilage Universitas“. Ihre Lesungen fanden in den Räumen des Studentenkulturhauses der West-Universität statt.

Auslöser der Gründung war ein Pressegespräch mit dem Titel „Am Anfang war das Gespräch. Erstmalige Diskussion junger Autoren. Standpunkt und Standorte“[3]. Der Name war keine Eigenkreation der Gruppe, sondern stammte von Horst Weber, dem damaligen Redakteur und Rezensenten der Zeitung Die Woche in Hermannstadt (rumänisch: Sibiu).

Ein solcher Zusammenschluss wurde im Rumänien der sozialistischen Konformität zwar anfangs begrüßt, jedoch wurde die Aktionsgruppe 1975 zwangsaufgelöst. Laut eigener Schilderung wurden im Herbst 1975 drei Mitglieder der Gruppe (Totok, Ortinau, Wagner) und der Literaturkritiker Gerhardt Csejka bei einem Besuch im Grenzgebiet unter dem Vorwand verhaftet, das Land verlassen zu wollen. Ernest Wichner, der selbst nicht dabei war, beschrieb die Umstände: „In tagelangen Verhören ging es dann allerdings nicht mehr um die Staatsgrenze, sondern um die Grenzen der Dichtkunst, diese waren überschritten worden, hatte der Staat festgestellt und die Gruppe mit der Baader-Meinhof-Bande verglichen. Der Staat hatte zugeschlagen, in der ihm eigenen Sprache zu verstehen gegeben, daß man diese literarische Spaßguerilla nicht mehr länger hinnehmen wolle. Zur Bekräftigung seiner Drohung wurde [...] William Totok verhaftet und acht Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Sein Vergehen waren seine Texte und seine Mitgliedschaft in der Aktionsgruppe Banat, er hat stellvertretend für alle gebüßt.“[4][5]

Ein Jahr später schreibt Dieter Schlesak in der "Frankfurter Rundschau": „Allerdings: in jenem denkwürdigen Oktober 1975 dauert die Haft Wagners, Ortinaus, Csejkas nur eine Woche. Auch das anfangs verhängte Veröffentlichungsverbot wurde kurz darauf wieder aufgehoben, die konfiszierten Parteimitgliedsbücher wieder zurückgegeben.”[6]

Die Aktionsgruppe Banat löste sich 1975 auf, nur noch vier der neun Gründungsmitglieder, namentlich Lippet, Ortinau, Wagner, Wichner betätigen sich bis heute schriftstellerisch. Einige ihrer Mitglieder traten dem Temeswarer Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis (zuvor Literaturkreis Nikolaus Lenau) bei; so auch die mit ihnen befreundeten Autoren Helmuth Frauendorfer, Roland Kirsch, Herta Müller, Horst Samson und Werner Söllner, die nicht Mitglieder der Aktionsgruppe Banat waren. Andere zogen sich aus dem Literaturbetrieb zurück oder wanderten in die BRD aus.[7]

Die Lage spitzte sich für die Autorengruppe zu, nachdem Nikolaus Berwanger, der lange Zeit als stellvertretender Vorsitzender des rumänischen Journalistenrates seine „schützende Hand“[8] über die Gruppe gehalten hatte, im Herbst 1984 von einer Auslandsreise in die BRD nicht mehr nach Rumänien zurückgekehrt war. Als Folge stellten die verbliebenen Mitglieder des Adam-Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises bis auf Walter Kremm Anträge zur endgültigen Ausreise in die BRD. Einige verloren darauf ihren Arbeitsplatz; die Medien und Verlage in Rumänien durften ihre Namen nicht mehr drucken - eine zu dieser Zeit übliche Maßnahme gegen Autoren, die Ausreiseanträge stellten. Ihren Anträgen wurde zwischen 1985 und 1987 stattgegeben.

Programm [Bearbeiten]

Das Programm der Gemeinschaft war zunächst ästhetischer , aber auch von politischer Natur. Die Mitglieder behandelten ähnliche Themen und betonten gemeinsame Auffassungen und ihre Zusammengehörigkeit. Die Autorengruppe ist vom grundlegenden Motiv der rumänien-deutschen Literatur geprägt. Die Autoren waren einerseits sprachlich an den deutschen Kulturraum angebunden, andererseits thematisch durch den rumänischen Alltag dominiert. Mit dem Gedicht Engagement eröffnete die Gruppe sämtliche Auftritte. Der kollektive Text kann als ein Leitfaden der Autoren angesehen werden und stellt einen Appell an das Publikum und die Autoren dar. Der Lyrik kam den Mitgliedern der Gruppe mehr als eine ästhetische Funktion zu. Sie sollte den Leser zu Handlungen veranlassen. Die Mitglieder waren auch durch die von den meisten gemeinsam verbrachte Schul- und Studienzeit verbunden, ihre Auffassungen über Funktion und Wirkungsstrategie der Texte, die nüchterne Sprache und das politische Engagement.[9]

Ihre literarischen Vorbilder waren Bertolt Brecht, die rumäniendeutsche Dichterin Anemone Latzina und DDR-Autoren wie Volker Braun und Rainer Kirsch. Weiterer Einfluss ging von der Beat Generation, der Wiener Gruppe und der 68er-Bewegung aus. Bevorzugte Themen waren die Auseinandersetzung mit der politischen Realität - dem Verlangen nach Systemreform von innen nach der Dialektik bei Marx und Engels - und der Tradition der Banater Schwaben.

Die Mitglieder der ehemaligen Aktionsgruppe sahen sich als „intellektuelle Gruppe junger Provokateure. Dieses Selbstverständnis wurde nicht zuletzt bestärkt durch die Identifikation“ „mit dem Lebensgefühl der westlichen Jugendkultur“; sie sahen sich als „antirumäniendeutsche Provakateure und westlich-orientierte Intellektuelle“. „Eine offene, realitätsverändernde Regimekritik war nicht Zielstellung der Aktionsgruppe Banat.“[10]

Bewertung [Bearbeiten]

Die Einordnung der Mitglieder der Aktionsgruppe Banat als Dissidenten und Verfolgte ist umstritten.

Sarah Langer bezeichnete rückblickend in ihrer Arbeit Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur die Aktionsgruppe Banat als eine der wichtigsten Dissidentengruppen Rumäniens der 1970er Jahre, die auch anderssprachige Autoren aus dem Banat beeinflusste.[11]

Die Autorin Claire de Oliveira beschreibt Dissidenz mit Blick auf die Aktionsgruppe Banat als jede Form des Widerstands gegen die totale Instrumentalisierung der Sprache durch das kommunistische Regime, die Infragestellung der Alltagssprache, die Bestätigung der Zugehörigkeit zu einer Minderheit, sowie die Weigerung an dem offiziellen Diskurs durch die Nutzung von Dialekt und Nicht-Engagement teilzunehmen.[12]

Der siebenbürgische Literaturhistoriker und Journalist Horst Schuller Anger wies die Bezeichnung „Dissidenz“ wie auch die Begriffe „Opposition“ und „Widerstand“ im Vergleich mit oppositionellen Gruppen in anderen sozialistischen Staaten als irreführend zurück und fand den Begriff „Verweigerung“ eher zutreffend.[13]

Werner Kremm meinte, dass während der Ceaușescu-Diktatur so gut wie keine regimekritischen Manuskripte „für die Zeit danach“ entstanden seien: „Es hat geheißen, nach der Wende, also nachdem endlich die Freiheit über Rumänien gekommen ist, würde jetzt endlich die Schubladenliteratur veröffentlicht werden. Nichts ist passiert: Es hat keine Schubladen-Literatur gegeben.“[14]

Anton Sterbling äußerte sich kritisch über die Konstitution einer „Art Mythos der Aktionsgruppe, der nicht unbedingt mein Gefallen findet, da sich darin – wie bei jedem Mythos – Dichtung und Wahrheit in eigentümlicher und mitunter ärgerlicher Weise vermischt.[15]

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Olivia Spiridon unterstreicht die Bemühungen der jungen Banater Autoren für das „allmähliche Einrichten mit dem rumänischen Staat“ und spricht von einem „drei Jahre nach der Zerschlagung eintretenden und bis Anfang der achtziger Jahre anhaltenden Arrangieren der ehemaligen Aktionsgruppen-Mitglieder mit dem rumänischen Staat.“[16] Außer Sterbling, Wichner und Ortinau waren alle Mitglieder der Gruppe nach Erreichen des erforderlichen Alters der Rumänischen Kommunistischen Partei beigetreten.[11]

Die ehemalige Leiterin des Bukarester Kriterion Verlags Hedi Hauser sagte in einem Interview: „[...] die rumäniendeutschen Dichter [hatten] mehr Freiheit, ihre Meinung zu äußern und zu veröffentlichen als ihre rumänischen Kollegen. Die Staatsführung ließ sie in gewissen Grenzen gewähren, weil sie meinte, das hätte wenig Einfluss auf das Volk und käme im Westen gut an.“[17]

Der Schriftsteller Dieter Schlesak nannte die damals jungen Banater Autoren „Luxusdissidenten der Tauwetterzeit Ceauşescu, des grotesken kommunistischen Königs mit Zepter und Thron“;[18] und der ehemalige Bürgerrechtler Carl Gibson definierte sie als eine „Aktionsgruppe Banat ohne Aktion“.[19] Der ehemalige Bürgerrechtler Mircea Dinescu meinte, dass die deutschsprachigen Dichter aus dem Banat in der Ceauşescu-Zeit nicht als die größten Sorgenkinder der Securitate gegolten hätten: „Das war eine kleine Pelikankolonie, weit weg in Temeschwar, aber immer im Visier.“[20]

Auf die Anthologie Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur des Germanisten Wilhelm Solms[21] entgegnete der Schriftsteller und das Opfer der kommunistischen Diktatur in Rumänien, Wolf von Aichelburg: „...und es ist vonseiten der Gruppe Wagner-Müller-Totok eine dumme Anmaßung und Propagandalüge, wenn sie ihre Rolle als Grabträger dieser Literatur hochspielen, von ahnungslosen deutschen Dozenten wie Herrn Solms in Marburg unterstützt“.[22]

Literatur [Bearbeiten]

Ausführliche Angaben in:

  • William Totok: Die Zwänge der Erinnerung. Aufzeichnungen aus Rumänien. Junius, Hamburg 1988, ISBN 3-88506-163-5
  • Ernest Wichner (Hrsg.): Ein Pronomen ist verhaftet worden. Die frühen Jahre in Rumänien. Texte der Aktionsgruppe Banat. Suhrkamp (edition suhrkamp 1671), Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-11671-1
  • Anton Sterbling: „Am Anfang war das Gespräch”. Reflexionen und Beiträge zur „Aktionsgruppe Banat” und andere literatur- und kunstbezogene Arbeiten. Krämer, Hamburg 2008, ISBN 978-3-89622-091-2
  • Sabina Kienlechner: „Unter dem Einfluss der bürgerlichen Ideologie“. Die „Aktionsgruppe Banat“ in den Akten der Securitate. In: Sinn und Form, 62. Jg., Heft 6, November/Dezember 2010, S.746-769.
  • Anneli Ute Gabanyi: Partei und Literatur in Rumänien seit 1945. Untersuchungen zur Gegenwartskunde Südosteuropas 9, Oldenbourg , München 1975, ISBN 3-486-49201-2
  • Roxana Nubert: Rumäniendeutsche Literatur in der Zeit der Diktatur. Mit besonderer Berücksichtigung der frühen 70er Jahre. In: Trans. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften Nr. 13, Timișoara, Mai, 2002 (→ online)
  • Olivia Spiridon: Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur der Nachkriegszeit. Literatur- und Medienwissenschaft 86, Igel Verlag, Oldenburg, 2002, ISBN 3-89621-150-1
  • Diana Schuster: Die Banater Autorengruppe. Selbstdarstellung und Rezeption in Rumänien und in Deutschland. Hartung-Gorre, Konstanz, 2004, ISBN 3-89649-942-4

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Anton Sterbling: Einige subjektive Anmerkungen zur „Aktionsgruppe Banat“. In: Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik: 40 Jahre Aktionsgruppe Banat, 2. April 2012 (→ online)
  2. Technische Universität Chemnitz, Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010, S.16 (→ online; PDF; 638 kB)
  3. Neue Banater Zeitung, Sonderbeilage Universitas, Nr. XXX, 2. April 1972, S.5
  4. Ernest Wichner (Hrsg.): Ein Pronomen ist verhaftet worden. Die frühen Jahre in Rumänien - Texte der Aktionsgruppe Banat. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992, S.247, hier S.10
  5. Eckard Grunewald: Berichte und Forschungen – Jahrbuch des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im Östlichen Europa. Band 11, München, 2003, S.156, (→ online)
  6. Dieter Schlesak: Kulturpolitik mit Polizeieinsatz. Frankfurter Rundschau, 10 iulie 1976
  7. Die Zeit, Fokke Joel: Drangsaliert von der Securitate, 19. November 2010 (→ online)
  8. Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, Elke Sabiel: Einen Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur gibt es nicht, denn sie schreiben noch heute, 12. Mai 2012 (→ online)
  9. Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik: 40 Jahre Aktionsgruppe Banat, 2. April 2012 (→ online)
  10. Technische Universität Chemnitz, Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010, S.37, 41, 61 (→ online; PDF; 638 kB)
  11. a b Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010 (→ online; PDF; 638 kB)
  12. Claire de Oliveira: La poésie allemande en Roumanie: entre hétéronomie et dissidence, 1944-1990, Volume 32 of Contacts. Série 3, Etudes et documents, P. Lang, 1995, ISBN 3-906-75417-0, S.375, hier S.176-223
  13. Raluca Cernahoschi-Condurateanu: The Political, the Urban, and the Cosmopolitan: The 1970s generation in Romanian-German Poetry, August 2010, S.270, hier S.49, in englischer Sprache (→ online; PDF; 1,2 MB)
  14. Deutschlandradio, Thomas Wagner: Angst vor der Akteneinsicht, 27. November 2010, (→ online)
  15. Sarah Langer: Zwischen Bohème und Dissidenz. Die Aktionsgruppe Banat und ihre Autoren in der rumänischen Diktatur, Dezember 2010, S.5(→ online; PDF; 638 kB)
  16. Olivia Spridon: Untersuchungen zur rumäniendeutschen Erzählliteratur, Igel Verlag, Hamburg 2002, S. 154
  17. siebenbuerger.de, Siebenbürgische Zeitung: Die deutsche Kultur im kommunistischen Rumänien gepflegt: Interview mit Hedi Hauser, 26. Januar 2011
  18. Die Zeit, Dieter Schlesak: Oskar Pastior Securitatespitzel? 23.September 2010 (→ online)
  19. Carl Gibson: Von der Wahrheit der Lüge, 26. Dezember 2010 (→ online)
  20. Der Spiegel, Walter Mayr: Gift im Gepäck. Ausgabe 3/2011, (→ online)
  21. Wilhelm Solms: Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur, Hitzeroth, Marburg, 1989, ISBN: 3-893-98034-2
  22. Wolf von Aichelburg Mein Standpunkt zur Literatur. In: Banat-Ja. Bonn, Timișoara, Heft 1993/94, S.5 ff