al-Dschazira (Mesopotamien)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Dschazira im Nahen Osten

al-Dschazira (arabisch ‏الجزيرة‎, DMG al-Ǧazīra), in der Bedeutung von „Insel“, „Halbinsel“, „Flussinsel“, ist der arabische Name für das Gebiet des heutigen Nordwestiraks und Nordostsyriens. Andere Schreibweisen sind Dschasira, Djezirah, Djazirah, Jazirah, Dschesireh (z. B. bei Karl May) und Gesireh. Das Gebiet stimmt mit Nordmesopotamien überein und erstreckt sich vom Euphrat bis zum Tigris. Der Chabur entspringt in der Türkei und fließt auf 440 km durch diese Landschaft, bis er am Nordrand der Syrischen Wüste in den Euphrat mündet. Die größeren Städte der Dschazira sind Mosul, Deir ez-Zor, ar-Raqqa, al-Hasaka und Qamischli. Der westliche syrische Teil entspricht dem Gouvernement al-Hasaka. Die Hauptstadt der westlichen Region ist al-Hasaka. Der östliche irakische Teil ist identisch mit der irakischen Provinz Ninawa. Die Hauptstadt der östlichen Region ist Mosul.

Geographie[Bearbeiten]

Die Dschazira in frühislamischer Zeit, mit den drei Haupteinteilungen: Diyar Mudar, Diyar Bakr und Diyar Rabi'a

Der westliche Teil von Nordmesopotamien (bis ar-Raqqa) wird als Diyar Mudar bezeichnet, der nördliche Teil als Diyar Bakr (entsprechend Diyarbakır) und der östliche Teil heißt Diyar Rabi'a. Diese Namen stammen von arabischen Stämmen her. Der Name al-Dschazira wurde in den islamischen Quellen für die Benennung des nördlichen Teils Mesopotamiens benutzt und machte zusammen mit der Region Sawād den Irak (Al-‘arāgh) aus. Die Dschazira wurde im Süden durch den Dschabal Sindschar begrenzt, aber die westlichen und östlichen Grenzen scheinen in der Zeit vor den Abbasiden variabel gewesen zu sein und schlossen manchmal Westsyrien und Adiabene im Osten ein.

Dschazira wird als Flachland beschrieben und so ziemlich verschieden von der syrischen Wüste und dem tiefer liegenden Zentralmesopotamien. So gibt es in Zentralmesopotamien eine der größten Salzwüsten der Welt. Weiter südlich von Mosul bis Basra gibt es eine Sandwüste, die der Rub al-Chali ähnelt, wo die Temperaturen im Sommer bis auf 58 °C klettern können. Die Region wurde in den letzten Jahren von Dürren geplagt.

Geschichte[Bearbeiten]

Frühe Geschichte[Bearbeiten]

Nordmesopotamien. das Herzstück des antiken Assyriens, war eine wirtschaftlich gedeihende Region mit verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten wie Früchten und Getreide, und auch ein produktives Fertigungssystem für Lebensmittel und Bekleidung. Die Position der Region an den Grenzen zum sassanidischen und byzantinischen Reich machte es zu einem wichtigen Wirtschaftszentrum, und es hatte diesen Vorteil auch noch, als Muslime Teile des byzantinischen Anatoliens erobert hatten. Die Dschazira umschloss die damaligen sassanidischen Provinzen Arbayestan, Nisibis und Mosul.

Islamische Reiche[Bearbeiten]

Die Eroberung der Region geschah zu Zeit des frühen Kalifats und ließ die ehemalige Verwaltung intakt mit der Ausnahme, dass jetzt die Dschizya-Steuer erhoben wurde. Zu Zeit Muʿāwiyas (Gouverneur Syriens und späterer der erste Kalif der Umayyadendynastie), wurde die Verwaltung al-Dschaziras in die Verwaltung Syriens integriert. Während der frühen islamischen Reiche wurde die Verwaltung mit der von Armenien geteilt.

Der Wohlstand der Region und seine hohen landwirtschaftlichen und fertigungstechnischen Erträge machte es zu einem Objekt des Wettstreits zwischen den Führern der frühen erobernden Armeen der Araber. Verschiedene Eroberer versuchten vergeblich, die verschiedenen Städte der ehemaligen sassanidischen Provinzen und die kürzlich eroberte byzantinische Provinz Mesopotamien unter einer Einheit und ihrer Herrschaft an sich zu binden.

Die Kontrolle über die Region war für jede Macht unerlässlich, die in Bagdad ihr Zentrum hatte. Folglich brachte die Etablierung der Abbasiden Dschazira unter die direkte Kontrolle Bagdads. Zu der Zeit war die Dschazira eine der steuerlich ergiebigsten Provinzen des abbasidischen Reiches.

Während der frühen Geschichte des Islams war die Dschazira ein Zentrum der Charidschitenbewegung und musste so andauernd von den Kalifen unterworfen werden. Später etablierten die Hamdaniden, Nachfahren der Charidschiten, einen autonomen Staat in der Dschazira und Nordsyrien. Das Verschwinden der Hamdaniden brachte die Region wieder unter die nominelle Herrschaft der Kalifen in Bagdad, während die echte Herrschaft in den Händen der Buyiden lag.

Türkische Reiche[Bearbeiten]

In den anschließenden Zeiten kam die Dschazira unter die Kontrolle der neu gegründeten türkischen Dynastien wie der Ichschididen und der Zengiden, und wurde schließlich durch die Ayyubiden kontrolliert. Die spätere Entwicklung der Region wurde durch den Aufstieg Mosuls und Nisibis', die beide wichtige kommerzielle und produzierende Zentren waren, bestimmt. Im 12. Jhr. wurde die Region von den Seldschuken erobert und beherrscht und später den Rumseldschuken unterstellt. Als die Osmanen den Rumseldschuken in Kleinasien folgten, kam die Dschazira unter ihre Kontrolle.

Moderne Geschichte[Bearbeiten]

Tausende christliche Flüchtlinge aus der Türkei betraten die syrische Dschazira nach dem Ersten Weltkrieg. Zusätzlich kamen 1933 17.000 assyrische Christen und 7000 chaldäische Katholiken wegen Verfolgung und Massaker aus dem Nordirak.[1]

Gegenwärtige Situation[Bearbeiten]

Dschazira ist eine der vier Erzdiözesen der Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien. Die anderen befinden sich in Aleppo, Homs und Damaskus.[1]

In den letzten 40 Jahren sind viele Christen aus diesem Gebiet ausgewandert. Wichtige Gründe waren die Dürren, die Auswanderung der Christen aus der Türkei und der Einstrom von Kurden aus dem Osten.[1]

Literatur[Bearbeiten]

  • Almut von Gladiss (Hrsg.): Die Dschazira. Kulturlandschaft zwischen Euphrat und Tigris. Museum für Islamische Kunst. Staatliche Museen zu Berlin, 2006, ISBN 3-88609-557-6.
  • Ralph W. Brauer: Boundaries and Frontiers in Medieval Muslim Geography. Philadelphia 1995.
  • G. Le Strange: The lands of the eastern caliphate. Cambridge University Press, Cambridge 1930.
  • Michael G. Morony: Iraq after the Muslim Conquest. Princeton University Press, Princeton 1984; Neuauflage: Gorgias Press, New Jersey 2005, ISBN 1-59333-315-3

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Ray J. Mouawad: Syria and Iraq – Repression: Disappearing Christians of the Middle East. The Middle East Quarterly, Vol. 8, No. 1, Winter 2001