Albertina (Wien)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Albertina
Logo
Daten
Ort Albertinaplatz, 1010 Wien
Art Kunstmuseum
Architekt Emanuel Silva-Tarouca, Louis Montoyer
Besucheranzahl (jährlich) 610.000 (2012)[1]
Betreiber Bundesmuseen
Leitung Klaus Albrecht Schröder
Website www.albertina.at
Außenansicht der Albertina mit Soravia Wing

Die Albertina ist ein Kunstmuseum im Stadtzentrum von Wien. Sie beherbergt eine der bedeutendsten grafischen Sammlungen der Welt.

Das Museum[Bearbeiten]

Das Museum ist im Palais Albertina untergebracht, dem historischen Palais Erzherzog Albrecht. Der Name Albertina bezieht sich auf Albert Casimir Herzog von Sachsen-Teschen, Schwiegersohn von Kaiserin Maria Theresia, der die Sammlung 1776 in Pressburg gründete, wo er als Vertreter von Maria Theresia für das Königreich Ungarn residierte. 1792 konnte er einen Großteil der Sammlung aus den Österreichischen Niederlanden, wo er später als Vertreter des österreichischen Monarchen amtierte, nach Wien bringen. Die enzyklopädisch und universalistisch angelegte Sammlung umfasst rund eine Million Zeichnungen und druckgrafische Blätter von der Renaissance bis zur Gegenwart. Die Albertina zeigt mit der Ausstellung „Monet bis Picasso. Die Sammlung Batliner“ permanent eine Schau zur internationalen klassischen Moderne. Aufbewahrt werden die Sammlungen der Albertina unter modernsten und konservatorisch optimalen Bedingungen in einem vollautomatischen Hochregallager.

Die Sammlung[Bearbeiten]

Die Sammlung Herzog Alberts zählt weltweit zu den bedeutendsten Kunstsammlungen. Über 50 Jahre nutzte er ein europaweit agierendes Netzwerk von Händlern sowie Auktionen von umfangreichen Privatsammlungen, um 14.000 Zeichnungen und 200.000 Druckgrafiken zu erwerben. Viele der Meisterzeichnungen – von Michelangelos Männerakten über Dürers »Feldhasen« bis zu Rubens‘ Kinderportraits – zählen heute zu den berühmtesten Werken der Kunstgeschichte.

Wichtigste Impulse zur Anlage der Sammlung erhielt Herzog Albert von seiner kunstinteressierten und kunstsinnigen Gemahlin, Erzherzogin Maria Christine, die ihn durch ihr enormes Vermögen auch finanziell unterstützen konnte. In der herzoglichen Sammlung befinden sich Werke von Künstlern des frühen 15. bis zum frühen 19. Jahrhundert. Von Beginn an gliederte Herzog Albert seine Sammlung systematisch nach kunsthistorischen Kriterien, nach Schulen und Kunst-Landschaften. Die Deutschen und Österreicher nehmen den ersten Platz ein, gefolgt von den Werken niederländischer, italienischer und französischer Künstler.

In den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens erwarb Albert zunehmend Werke zeitgenössischer Künstler (»Maîtres modernes«). Sie machen rund ein Drittel seiner Zeichnungssammlung aus. Alle Zeichnungen aus Alberts Besitz sind mit einem vom Herzog selbst entworfenen Prägestempel versehen: sein Monogramm »AS« für Albert von Sachsen. Eine Vorliebe Herzog Alberts waren neben Historien- und Genredarstellungen vor allem Landschaften. Der Sammler bevorzugte sorgfältig durchgezeichnete und farbig oder mit Lavierung bildmäßig ausgearbeitete Werke: Die Zeichnung interessierte ihn weniger als Dokument eines künstlerischen Schaffensprozesses, sondern als ein dem Gemälde äquivalentes Werk mit eigenen, nur der »lichten« Zeichnung innewohnenden, ästhetischen Qualitäten.

1816 bestimmte Herzog Albert seine Grafiksammlung zum unteilbaren und unveräußerbaren Fideikommiss, wodurch sie 1822 zunächst an seinen Universalerben und Adoptivsohn Erzherzog Karl fiel und nach diesem von den Erzherzögen Albrecht (Statue vor dem Palais) und Friedrich, beide wie Karl Feldherren der Monarchie, verwaltet wurde. Als habsburgischer Fideikommiss fielen Gebäude und Kunstsammlung nach dem Ende der Monarchie unter das Habsburgergesetz und gingen daher im April 1919 in österreichisches Staatseigentum über. Die Sammlung konnte bis heute komplett erhalten werden.

Die 25.000 Bände umfassende Bibliothek und das Mobiliar waren hingegen zuletzt Privateigentum von Erzherzog Friedrich, wurden von ihm 1919 abtransportiert und sind seither an diverse Käufer übergegangen. Die Albertina hat jedoch in den letzten Jahren einige Einrichtungsgegenstände, die zur originalgetreuen Ausstattung der habsburgischen Repräsentationsräume im Palais wesentlich waren, angekauft.[2]

Geschichte des Palais[Bearbeiten]

Das Palais Herzog Alberts mit der Augustinerbastei, 1816

1744 ließ Maria Theresia für ihren engen Freund und Berater Don Emanuel Teles da Silva Conde Tarouca das Palais errichten. Architekt war Mauro Ignazio Valmaggini. 1792 mussten Albert und Marie Christine aufgrund von Krieg und Revolution aus Schloss Laeken in den Österreichischen Niederlanden, wo sie als Statthalter fungierten, flüchten. Zurück in Wien, benötigte das Paar eine standesgemäße Unterkunft, woraufhin Kaiser Franz II. ihnen 1794 das Palais auf der Augustinerbastei – die heutige Albertina – schenkte.

Albert ließ das Gebäude zunächst für seine Grafiksammlung und die Bibliothek adaptieren und in der Folge durch einen Repräsentationsflügel (zwischen 1802 und 1804) erweitern. Die 150 Meter lange Fassade demonstrierte dem nebenan in der Hofburg residierenden Kaiser eindrucksvoll die finanzielle Potenz und das Selbstwertgefühl des Herzogs. Die mitgenommenen Ausstattungsstücke aus Schloss Laeken wie Möbel, Fensterläden und Wandvertäfelungen wurden in die neuen Prunkräume integriert. Seidenbespannungen aus Lyon, kunstvolle Intarsienböden und vergoldete Kristallluster ergänzten das prächtige Erscheinungsbild.[2]

Geschichte der Sammlung[Bearbeiten]

Wien und der Kaiserhof um 1780[Bearbeiten]

Der Kaiserhof in Wien präsentierte sich während der Regentschaft von Maria Theresia in höfischer Pracht und spätbarockem Glanz. Sie regierte die Länder der Habsburgermonarchie und ihr Gemahl Franz Stephan von Lothringen herrschte seit 1745 als Kaiser im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Die Landesmutter sicherte den Fortbestand der Dynastie durch 16 Kinder, und Franz I. Stephan generierte als Wirtschaftsmagnat ein gigantisches Vermögen, das als Familienfonds seine Nachkommen finanziell versorgen würde. Der Alltag der kaiserlichen Familie war streng reglementiert, weshalb auch die Kindererziehung strikten Vorgaben unterlag. Ab dem vierten Lebensjahr wurden Sprachen, Geschichte, Religion, Musik und Tanz unterrichtet; wissenschaftliche und künstlerische Interessen wurden früh gefördert. Erzherzogin Marie Christine war eine talentierte Zeichnerin, die zeitlebens nach Vorlagen niederländischer und französischer Meister kopierte. Sie reifte bis 1765 zu einer stolzen, selbstbewussten und kultivierten »Grande Dame« heran, die aufgrund ihrer Bildung und Repräsentation den dynastischen Ansprüchen des Hauses Habsburg-Lothringen gerecht werden konnte.[2]

Albert und Marie Christine[Bearbeiten]

Erzherzogin Marie Christine, 1778

Maria Theresia sah ihre Kinder als dynastisches Kapital an und suchte die Ehepartner ihrer Kinder nicht ohne politisches Kalkül aus. Prinz Albert lernte die 17-jährige Marie Christine 1760 kennen, als er seine Tante Maria Theresia in Wien besuchte. Erst ab dem Frühjahr 1764 erwiderte sie seine leidenschaftlichen Gefühle und die Monarchin gewährte ihrer bevorzugten Tochter eine Liebesheirat mit dem feschen Sachsen. Das Vermählungsfest fand noch während der Trauerzeit für den verstorben Kaiser Franz I. Stephan am 2. April 1766 in der Wiener Hofburg statt. Die Unterzeichnung des Ehevertrags am 5. April 1766 bescherte Prinz Albert eine Frau mit einem Vermögen von 4 Millionen Gulden (ca. 63 Mio. Euro). Während Marie Christine den Titel einer Erzherzogin zeitlebens beibehalten durfte, erhielt ihr rangniedrigerer Bräutigam Wappen und Titel des Herzogtums Teschen und nannte sich fortan Herzog Albert von Sachsen-Teschen. Die Hochzeit wurde am 6. April 1766 im kleinen, familiären Rahmen und »incognito« in Schloss Hof gefeiert. Der Liebesheirat folgte eine glückliche Ehe. »Mimi« und »Berti«, so die intimen Kosenamen, verband zeitlebens eine innige und leidenschaftliche Liebe. Maria Theresia ernannte ihren Schwiegersohn zum Reichsfeldmarschall und Locumtenens (Statthalter) von Ungarn; ab April 1766 residierte das Ehepaar im königlichen Schloss zu Preßburg.

Herzog Albert, 1777

Herzog Albert von Sachsen-Teschen und Erzherzogin Marie Christine waren keine regierenden Monarchen, aber sie gehörten durch ihre hohe Geburt zur europäischen Elite. Ämter und Würden des Paares – sie vertrat in Ungarn und in den Österreichischen Niederlanden (dort war sie Mitregentin ihres Gatten) die Dynastie, er nahm als Reichs(general)feldmarschall, Locumtenens, Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies und des österreichisch-kaiserlichen Leopold-Ordens, in den Niederlanden vor allem als Generalgouverneur, hohe militärische, politische und gesellschaftliche Positionen ein – äußerten sich in einem aufwendigen Lebensstil. Ihr feudales Repräsentationsbedürfnis spiegelte sich in einem umfangreichen Hofstaat, illustren Festen und erlesenen Jagdgesellschaften wider. Die Residenzschlösser in Preßburg und Brüssel sowie das Wiener Palais beherbergten einzigartige Ausstattungen; prächtige Gobelins aus den königlich-französischen Hofmanufakturen, kostbarstes Tafelsilber, exquisite Möbel und edle Büsten von Josiah Wedgwood. Einen besonders hohen Stellenwert genoss die 25.000 Bände umfassende Bibliothek, die zu den bedeutendsten des Kontinents gehörte. Hohe Bildung, exzellenter Kunstverstand und erlesener Geschmack wiesen Albert und Marie Christine als »Grand Homme« und »Grande Dame« aus.[2]

Reise nach Italien[Bearbeiten]

Das Paar unternahm von Jänner bis Juli 1776 eine Bildungsreise durch Italien. Die Route beinhaltete Besuche an den Höfen von Marie Christines Geschwistern in Parma, Florenz, Neapel und Modena sowie einen Aufenthalt im österlichen Rom. Ebendort besichtigten sie neben antiken Monumenten und barocken Sakralbauten die Vatikanischen Museen mit dem Pio Clementino sowie die Paläste der Nobilità mit ihren bedeutenden Privatsammlungen. Papst Pius VI. gewährte dem hohen Paar mehrfach Audienz und überreichte ihm wertvolle Geschenke. In Neapel interessierte sich Herzog Albert für Naturphänomene und bestieg mit dem britischen Botschafter Sir William Hamilton den Vesuv. Marie Christine verbrachte viel Zeit mit der Hofgesellschaft und ihrer Lieblingsschwester Königin Marie Caroline, die ihr zur Abreise mehrere Gemälde von Jakob Philipp Hackert schenkte. Am Florentiner Hof Großherzog Leopolds hielt sich das Paar am längsten auf. Das Verhältnis zum Bruder war herzlich und das kulturelle und gesellschaftliche Leben bot viel Abwechslung. Albert besichtigte gleich dreimal die prachtvollen Sammlungen in den Uffizien.[2]

1776 wird der Grundstein der Sammlung gelegt[Bearbeiten]

Am Ende der Grand Tour besuchten Albert und Marie Christine die Republik Venedig. Gemäß einem Auftrag aus dem Jahr 1774 zum Aufbau einer Grafiksammlung überreichte ihnen der österreichische Botschafter Giacomo Conte Durazzo am 4. Juli 1776 über tausend Kupferstiche. Der ehemalige Direktor der Wiener Hoftheater war mit dem Paar eng befreundet und verfasste für Herzog Albert auch den Discorso Preliminare, die Gründungsurkunde der Albertina, in der er die Ordnungsprinzipien und Systematik der Sammlung festlegte. In Anlehnung an den Discours préliminaire von D´Alembert zu der mit Denis Diderot herausgegebenen Encyclopédie sollte die Kollektion nicht nur der fürstlichen Repräsentation dienen, sondern zur Erziehung und dem Wohl der Menschheit beitragen. Am selben Tag unterzeichneten die Gründungsväter der Vereinigten Staaten in Philadelphia die Declaration of Independence. Sie war das erste Grundgesetz, das auf den Prinzipien der Aufklärung basiert. Im selben Jahr schuf Maria Theresia die »peinliche Befragung« ab, Adam Weishaupt gründete in Ingolstadt den Illuminatenorden, Adam Smith publizierte The Wealth of Nations und James Cook brach zu seiner dritten und letzten Weltumsegelung auf.[2]

Das Vermächtnis[Bearbeiten]

Der Kenotaph Erzherzogin Marie Christines. Zeichnung von Domenico del Frate, ohne Datum

1798 starb Erzherzogin Marie Christine in Wien. Albert erteilte Antonio Canova, dem berühmtesten Bilderhauer seiner Zeit, den Auftrag ein imposantes Grabmonument zu entwerfen. Canova gestaltete ein pyramidenförmiges Kenotaph, das neben dem Palais des Herzogs in der Augustinerkirche aufgestellt wurde – das erste öffentliche Grabdenkmal für eine Frau in Wien.

Die letzten Lebensjahrzehnte verbrachte Herzog Albert, weitgehend von der Öffentlichkeit zurückgezogen, in seinem Palais und widmete sich primär der Erweiterung seiner Sammlung. Im Jahr 1816 bestimmte Herzog Albert in seinem Testament die Sammlung zum unteilbaren und unveräußerbaren Fideikommiss.[2] Nach Alberts Tod 1822 wurde die Sammlung wie das Palais von seinem Erben Erzherzog Karl, in der Folge von den Erzherzögen Albrecht und zuletzt Friedrich, übernommen. In dieser Zeit erfolgte der weitere Ausbau der grafischen Sammlung. Sie befand sich damals allerdings ebenso wie das Palais nicht mehr im Privatbesitz eines Erzherzogs, sondern war Teil der habsburgischen Familienfonds, die mit dem Habsburgergesetz 1919 entschädigungslos in den Besitz der Republik Österreich übernommen wurden.

Direktoren und Leiter der Sammlung nach 1822:

  • Erzherzogliche Sammlung:
    • Franz Rechberger: 1822–1827 Leiter der Sammlung und 1827–1841 Direktor der Sammlung
    • Carl Sengel: 1847–1863 Direktor der Sammlung
    • Carl Müller: 1864–1868 Direktor der Sammlung
    • Moriz Thausing: 1868–1876 Leiter der Sammlung und 1876–1884 Direktor der Sammlung
    • Joseph Schönbrunner: 1884–1896 Inspektor der Sammlung und 1896–1905 Direktor der Sammlung
    • Joseph Meder: 1905–1909 Inspektor der Sammlung, danach bis 3. April 1919 Direktor der Sammlung und dann bis 25. Dezember 1920 Direktor der verstaatlichten graphischen Sammlung
  • (Staatliche) Graphische Sammlung Albertina
    • Joseph Meder: 25.12.1920–1922 Direktor der Albertina
    • Alfred Stix: 1923 provisorischer Leiter der Albertina und 1923–1934 Direktor der Albertina
    • Josef Bick: 1934–1938 Direktor der Albertina und 1945–1946 Direktor der Albertina
    • Anton Reichel: 1938–1942 provisorischer Leiter der Albertina und 1942–1945 Direktor der Albertina
    • Heinrich Leporini: Februar bis Mai 1945 provisorischer Leiter der Albertina
    • George Saiko: Mai bis Juli 1945 provisorischer Leiter der Albertina
    • Josef Bick: 1945–1946 Direktor der Albertina
    • Karl Garzarolli-Thurnlackh: März bis August 1946 Leiter der Albertina und August 1946 bis April 1947 Direktor der Albertina
    • Otto Benesch: Mai 1947 bis Ende 1947 Leiter der Albertina und von Ende 1947 bis 1961 Direktor der Albertina
    • Walter Koschatzky: 1962–1986 Direktor der Albertina
    • Erwin Mitsch: 1986–1987 interimistischer Leiter der Albertina
    • Konrad Oberhuber: 1987–1999 Direktor der Albertina
    • Klaus Albrecht Schröder: 1999 bis heute[2]

Die Albertina in der 1. Republik[Bearbeiten]

Blick auf den Albrechtsplatz mit der Albertina (ehemaliges Palais Erzherzog Friedrich) und dem Mozartdenkmal, nach 1920

Mit dem Ende der Monarchie 1918 begann für das repräsentative Gebäude der Albertina die Zeit des Niedergangs. Nichts sollte mehr an die habsburgischen Wurzeln der Sammlung erinnern, systematisch erfolgte von nun an die Verdrängung der Geschichte des Palais, die Erinnerung an seine Bewohner und die prächtige klassizistische Ausstattung der Prunkgemächer. Im April 1919 gingen Gebäude und Sammlung in den Besitz der Republik über. 1920 wurde die Sammlung mit dem Bestand der Druckgrafiken der ehemaligen kaiserlichen Hofbibliothek vereinigt. Im selben Jahr wurden sämtliche Prunkräume für die Öffentlichkeit gesperrt und als Büros, Bibliothek oder zur Lagerung der Sammlung genutzt. Ein pfleglicher Umgang mit den kostbaren Dekorationen war nicht gegeben, wodurch das glanzvolle Kulturerbe sukzessive devastiert wurde. Von einem tatsächlichen Zerstörungswillen kann aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg gesprochen werden. Seit 1921 tragen Gebäude und Sammlung amtlich den Namen Albertina. So sehr das Gebäude auch litt, die von Herzog Albert angestrebte ständige Erweiterung der Sammlung wurde in den Jahren 1923 bis 1934 vom damaligen Direktor der Albertina, Alfred Stix, trotzdem fortgesetzt. Es gelang ihm, die Bestände durch den Erwerb von französischen und deutschen Zeichnungen des bisher kaum vertretenen 19. Jahrhunderts zu komplettieren.[2]

Die Albertina im Zweiten Weltkrieg und danach[Bearbeiten]

Der Albertinaplatz mit Blick auf die Albertina und den in der Folge abgerissenen Philipphof (rechts) nach dem Bombentreffer vom 12. März 1945

Von 1934 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges widmete sich Alfred Stix weiterhin dem schwerpunktmäßigen Ausbau der österreichischen und deutschen Grafik des 19. und 20. Jahrhunderts. Am 12. März 1945 wurde die Albertina bei einem amerikanischen Bombenangriff schwer beschädigt. Anstatt das Palais danach wieder aufzubauen, setzte man die 1919 begonnene Geschichtstilgung fort. Das ehemalige habsburgische Palais war 1952 – bei der Wiedereröffnung der „Graphischen Sammlung Albertina“ – ein schmuckloses, architektonisch uninteressantes und seiner historischen Identität beraubtes Gebäude.[2] Die Albertina war jahrzehntelang nur wenige Stunden pro Tag öffentlich zugänglich (um 1936: 27 Wochenstunden, 1959: 35 Wochenstunden) und verzeichnete geringe Besucherzahlen. Ihre wissenschaftlichen Leiter legten auf ihren Studiencharakter wesentlich mehr Wert als auf die Wirkung der Sammlung in der breiten Öffentlichkeit. Dass viele Grafiken aus konservatorischen Gründen nur selten dem Licht ausgesetzt werden durften, trug wesentlich zu dieser Haltung bei.

1962–1986 fungierte Walter Koschatzky als Direktor. Er veranstaltete über 200 Ausstellungen und publizierte zahlreiche kunsthistorische Werke über die grafischen Künste. In seiner Ära wurde die Albertina öffentlich wieder stärker wahrgenommen.

Gegenwart[Bearbeiten]

Einblick in den Tiefspeicher

1999 wurde Klaus Albrecht Schröder zum Direktor der Albertina ernannt, die seit 1. Jänner 2000 als wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechts definiert wird. Schröder wollte den prominenten Standort der Albertina nicht nur für auf Grafik beschränkte Ausstellungen nützen und gewann dazu private Partner und Dauerleihgeber. Das Haus nennt sich seither nicht mehr Grafische Sammlung Albertina, sondern nur Albertina. Es zählt heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Wiens und verzeichnete 2014 rund 600.000 Besuche.

Plangemäß sollte die Albertina nach den Anfang der 1990er Jahre begonnenen Umbauarbeiten 2002 wieder eröffnet werden. Der Fund eines römischen Gräberfeldes mit über 130 Gräbern verzögerte aber den Umbau.[3]

Die Albertina wurde 2003 nach über einem Jahrzehnt der Schließung, umfassender Erweiterung, Modernisierung und sorgfältiger Restaurierung dem Publikum wieder zugänglich gemacht. Im Zuge der Restaurierung wurden fehlende Teile der in den 1950er Jahren abgeschlagenen Fassaden rekonstruiert sowie die habsburgischen Prunkräume wiederhergestellt und mit Originalmöbeln ausgestattet. Um die umfassende Präsentation der Sammlungen möglich zu machen, wurden vier Ausstellungshallen eingerichtet und die Ausstellungsfläche von nur 150 m² auf 5.000 m² erweitert. Gleichzeitig wurde auch ein Tiefspeicher mit 5.000 Kubikmeter errichtet.[4]

Mit der Neugestaltung des Entreés wurde Hans Hollein beauftragt. Besonders der so genannte „Soravia Wing“, ein auffallendes Flugdach, stand dabei im Zentrum kontroversieller und mehrheitlich eher kritischer Medienaufmerksamkeit.[5] Mit dem Wing sollte die Modernisierung der Infrastruktur des Museums symbolisch nach außen deutlich gemacht werden, weshalb ein weit auskragender Dachflügel gewählt wurde. Der über 60 Meter lange Flügel, die die Bastei schräg durchstoßende Rolltreppe und der Panoramalift sollten die Distanz zwischen dem Straßenniveau und dem Eingang auf der Bastei optisch und technisch verkürzen.

Einblick in den Studiensaal

Einen weiteren Schritt in der architektonischen Erneuerung der Albertina stellte die Eröffnung des neuen Studiensaals im Jahr 2008 dar. Als Teil des unterirdischen, viergeschoßigen Forschungszentrums, in dem u.a. die Bibliothek, die Restaurierung und die Werkstätten der Albertina untergebracht sind, wird heute im etwa 300 m² großen Studiensaal die über eine Million Werke zählende Sammlung Studierenden, Forschern und dem allgemein interessierten Publikum zugänglich gemacht.

Bei starken Regenfällen im Juni 2009 drang Wasser in den Tiefspeicher ein. Die Melder hatten zwar den Wassereintritt erkannt, durch diesen wurden aber die Roboter lahmgelegt. Um größere Schäden zu vermeiden, mussten 950.000 Sammelobjekte verlagert werden.[6]

Sammlungen[Bearbeiten]

Die Albertina beherbergt drei Sammlungen (Stand April 2015Vorlage:Zukunft/In 5 Jahren):

  • Grafische Sammlung: rund 950.000 Zeichnungen und Druckgrafiken, Skulpturen und Keramiken (160)
  • Architektursammlung: 50.000 Pläne, Skizzen und Modelle
  • Fotosammlung: 101.000 Einzelobjekte

Die Sammlungsschwerpunkte der grafischen Sammlung sind:

  • Albrecht Dürer und seine Zeit
  • Die italienischen Meister der Renaissance
  • Die niederländische Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts
  • Italienischer Barock und Spätbarock
  • Französische Zeichnungen des 18. Jahrhunderts
  • Österreichische Aquarellmalerei des 19. Jahrhunderts
  • Wien um 1900
  • Klassische Moderne und Gegenwartskunst
Adolph Menzel: Stehende Rüstungen, 2014 an die Eigentümer restituiert

Im Frühjahr 2007 erhielt die Albertina zudem die zuvor in Salzburg beheimatete „Sammlung Batliner“ als unbefristete Dauerleihgabe. Die Sammlung von Rita und Herbert Batliner ist eine der bedeutendsten europäischen Privatsammlungen. Sie umfasst wichtige Werke der klassischen Moderne, vom französischen Impressionismus über den deutschen Expressionismus des „Blauen Reiter“ und der „Brücke“ bis zu Werken des Fauvismus oder der russischen Avantgarde von Chagall bis Malewitsch.[7] Mit dieser Sammlungserweiterung präsentiert die Albertina zum ersten Mal seit ihrem Bestehen eine Dauerausstellung aus eigenen Beständen.

Aus der Raubkunstsammlung für das Führermuseum kam nach 1945 die Gouache Stehende Rüstungen von Adolph Menzel in den Besitz der Albertina, sie wurde 2014 an die Erben des Galeristen Hermann Pächter restituiert.[8]

Sonstiges[Bearbeiten]

1988–2002: 20 Schilling, Rückseite

Die Albertina war vom 19. Oktober 1988 bis zum 28. Februar 2002, als der Schilling nach der Einführung des Euros als Bargeld aus dem Verkehr gezogen wurde, auf der Rückseite des 20-Schilling-Scheins abgebildet. (Auf der Vorderseite war Moritz Daffinger abgebildet, von dem sich Porträtminiaturen in der Albertina befinden.)

Film[Bearbeiten]

  • Die Albertina in Wien. Dokumentarfilm, Deutschland, 2010, 29:30 Min., Buch und Regie: Martina Klug, Produktion: SWR, 3sat, Erstsendung: 27. Juni 2010, Reihe: Museums-Check mit Markus Brock, Inhaltsangabe und Video von 3sat, mit Alf Poier.

Nahe gelegene Bauwerke[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Christian Benedik und Klaus Albrecht Schröder: Die Gründung der Albertina - Herzog Albert und seine Zeit. Hatje Cantz, Ostfildern, Deutschland 2014.
  •  Christine Ekelhart: Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Albertina, Band XI, Französische Zeichnungen und Aquarelle des 19. und 20. Jahrhunderts der Albertina. Wien 2007.
  •  Heinz Widauer: Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina. Band X, Die französischen Zeichnungen der Albertina. Vom Barock bis zum beginnenden Rokoko. Wien-Köln-Weimar 2004.
  •  Barbara Dossi: Sammlungsgeschichte und Meisterwerke. Prestel, München-New York 1998.
  •  Maren Gröning und Marie Luise Sternath: Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina, Band IX, Die deutschen und Schweizer Zeichnungen des späten 18. Jahrhunderts. Wien 1997.
  •  Eckhart Knab und Heinz Widauer: Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina. Band VIII, Die Zeichnungen der französischen Schule von Clouet bis Le Brun. Wien 1993.
  •  Luke Hermann: Beschreibender Katalog der Handzeichnungen in der Graphischen Sammlung Albertina, Band VII, Die englische Schule. Zeichnungen und Aquarelle britischer Künstler. Wien 1992.
  •  Veronika Birke und Janine Kertész: Die italienischen Zeichnungen der Albertina. Generalverzeichnis in 4 Bänden. Wien-Köln-Weimar 1992-1997.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. wien.orf.at: Das bringt 2013 in der Albertina, 20. Dezember 2012
  2. a b c d e f g h i j  Christian Benedik, Klaus Albrecht Schröder, Albertina (Hrsg.): Die Gründung der Albertina - Herzog Albert und seine Zeit. 2014 (Publikation zur Ausstellung Dürer, Michelangelo, Rubens. Die 100 Meisterwerke der Albertina).
  3. Umbau auf Raten, www.nextroom.at (Abgerufen am 25. Juni 2009)
  4. Das Zentraldepot der Albertina (PDF; 90 kB)
  5. Vgl. u.a. der als Weblink beigefügte Artikel von Jan Tabor in Falter (Wochenzeitung) vom 17. Dezember 2003, und zuvor Elisabeth Leopold in Kronen-Zeitung 14. September 2003 sowie Kurier und Der Standard vom 12. Dezember 2003
  6. Albertina: Hunderte Schutzhüllen durchnässt auf ORF Wien vom 25. Juni 2009, abgerufen am 29. Juni 2009
  7.  Klaus Schröder, Susanne Berchtold, Graphische Sammlung Albertina (Hrsg.): Monet bis Picasso: die Sammlung Batliner. 2007 (Ausstellung der Albertina).
  8. Angela Hohmann: An stürmischen Tagen, in: Der Tagesspiegel, 29. November 2014, S. 30

48.20444444444416.367777777778Koordinaten: 48° 12′ 16″ N, 16° 22′ 4″ O