Albrecht von Haller

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Johann Rudolf Huber, Bildnis Albrecht von Haller (1736)

Albrecht von Haller (* 16. Oktober 1708 in Bern; † 12. Dezember 1777 ebenda) war ein Schweizer Mediziner, Botaniker und Wissenschaftspublizist in der Zeit der Aufklärung. Hallers botanisches Autorenkürzel lautet „Haller“, es ist aber auch „Hall.“ in Gebrauch.

Wegen des breiten Spektrums seiner Fähigkeiten galt Haller als Universalgelehrter. Er war ein Schwiegersohn des Anatomen Hermann Friedrich Teichmeyer. Seine Leistungen auf anatomischem und bibliographischem Gebiet waren für die Medizin von nachhaltiger Bedeutung. Daneben trat Haller als Dichter und Literaturkritiker hervor. Bleibende Bekanntheit erlangte er in diesem Bereich vor allem als Schöpfer der monumentalen Dichtung Die Alpen.

Leben[Bearbeiten]

Albrecht Haller studierte ab 1723 Naturwissenschaften und Medizin in Tübingen. 1725 reiste er nach Holland und promovierte 1727 in Leiden bei Herman Boerhaave. In England und Frankreich ließ er sich an angesehenen Lehranstalten und Spitälern weiter ausbilden und kehrte 1728 in die Schweiz zurück, um an der Universität Basel Mathematik und Botanik zu studieren. Ab 1729 arbeitete er als praktischer Arzt in Bern, erhielt 1734 die Stelle eines Stadtarztes und wurde 1735 Leiter der Zentralbibliothek Bern. 1736 wechselte er ins Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg an die kurz zuvor gegründete Universität Göttingen auf den Lehrstuhl für Anatomie, Chirurgie und Botanik. Er legte dort einen botanischen Garten an, wurde zum Ehrendoktor sowie zum Leibarzt Georgs II. ernannt. Berufungen nach Utrecht und Oxford lehnte Albrecht von Haller ab. Kaiser Franz I. erhob ihn 1749 in den erblichen Adelsstand.

1747 übernahm er die Leitung der Göttingischen Zeitungen von gelehrten Sachen, eine Berufung nach Berlin lehnte er ab. In diese Zeit fällt auch seine berühmt-berüchtigte querelle mit dem französischen Kollegen Julien Offray de La Mettrie (s. Lit.). 1751 gründete er die evangelisch-reformierte Gemeinde Göttingen zusammen mit 40 weiteren Personen. Haller kümmerte sich auch um den Bau der Kirche der reformierten Gemeinde, die Bauarbeiten waren am 11. November 1753 abgeschlossen. Den ersten Pfarrer der Kirche brachte Haller als Dozenten der Philosophie an der Universität Göttingen unter.

Anfang 1752 erklärte Haller sich bereit, die Direktion der ersten Forschungsreise eines Deutschen, Christlob Mylius, nach Amerika zu übernehmen. Mit dem naturwissenschaftlichen Autodidakten Mylius stand er seit Januar 1751 im Briefwechsel. Die Idee zu dieser Reise über Suriname und Britisch-Nordamerika entstand in der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Haller änderte das Reiseziel auf Eben-Ezer, Georgia, wo er deutsche Kontaktpersonen kannte. Die Finanzierung der Forschungsreise sollte durch eine Vielzahl von Sponsoren sichergestellt werden, zu deren Einwerben auch der Reisende selbst beitragen musste. Haller, der als Präsident der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen die Reise zu einem Projekt der Akademie machte und dafür Mylius zu einem korrespondierenden Akademiemitglied ernannte, lehnte eine Großspende aus dem Hause Österreich durch Gerard van Swieten ab, so dass die Finanzierung der Reise fragil blieb. Darüber hinaus gab es organisatorische Probleme (kurzfristige Änderungen der Reiseroute, Verzögerungen bei Geld- und Postübergaben). Wegen privater Angelegenheiten musste Haller überstürzt nach Bern abreisen, bevor Mylius ihn in Göttingen treffen konnte. Mylius sendete zwar druckreife Aufsätze, Übersetzungen und Präparate an Haller und dessen Vertreter Samuel Christian Hollmann, dennoch warf Haller ihm wiederholt Reiseverzögerung und Geldverschwendung vor. Die Forschungsreise scheiterte schließlich mit Mylius' Tod am 6. März 1754 nach schwerer Krankheit in London.

In Bern bekleidete Haller ab 1753 die Stelle eines Rathausamtmanns, wurde 1754 Schulrat, 1755 Vorsteher des Waisenhauses. Nach Ablauf seiner Amtszeit wurde er 1758 Direktor der Salzbergwerke von Roche. Den ihm angebotenen Posten eines Kanzlers in Göttingen lehnte er nach heftigem Widerstand seiner Familie ab. Seine letzten Jahre waren durch Krankheit geprägt.

Sein Nachlass befindet sich in der Burgerbibliothek Bern.

Er war der Großvater des Schweizer Staatsrechtlers, Politikers, Publizisten und Nationalökonomen Karl Ludwig von Haller (1768–1854), dessen Hauptwerk Die Restauration der Staatswissenschaften (1816–1834) für die Epoche der Restauration namensgebend wurde.

Leistungen[Bearbeiten]

Wissenschaft[Bearbeiten]

Illustration von C.J. Rollinus in Hallers Werk Icones anatomicae

Haller publizierte rund 50'000 Seiten vorwiegend wissenschaftliche Texte von hoher Qualität, so viel wie kaum ein Forscher vor oder nach ihm.

Hallers Bedeutung in der Geschichte der Medizin liegt vor allem in seiner Rolle als anatomischer Wissenschaftler begründet. Durch die Präparation von nahezu 400 Leichen gelang es ihm, in vorher unerreichter Vollkommenheit den Verlauf der Arterien im menschlichen Körper darzustellen. Weitere Studien galten der Strömung des Blutes, dem Aufbau des Knochens und der Embryonalentwicklung. Die systematische Durchführung zahlreicher Tierexperimente zur Bestimmung von Sensibilität und Irritabilität (Reizbarkeit) einzelner Körperteile, deren Ergebnisse eine europaweite Kontroverse auslösten, macht ihn außerdem zum Begründer der modernen experimentellen Physiologie. Haller erkannte als erster die Bedeutung der Blutgefäße für die Heilung von Knochenbrüchen durch experimentelle Untersuchung[1]. Als Wissenschaftsorganisator machte er sich entscheidend verdient um die institutionelle Verwirklichung des Ideals von der Einheit von Forschung und Lehre durch seine Tätigkeit in der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften.

Mit den anatomischen Abbildungen in den „Icones anatomicae“ von 1756 stellte er erstmals den Verlauf der Arterien im menschlichen Körper dar. Die Illustrationen zu diesem Werk stammen von C. J. Rollinus.

In seinem achtbändigen Standardwerk Elementa physiologiae corporis humani (1757–1766), das bis ins 20. Jahrhundert hinein neue Auflagen erlebte, lieferte Haller eine kritische Zusammenstellung des anatomisch-physiologischen Wissens seiner Zeit. Für das Yverdoner Institut und die Supplementbände der Pariser Encyclopédie verfasste Haller ca. 200 Lexikoneinträge von teilweise beträchtlicher Länge zu den Gebieten der Anatomie und Physiologie. Überdies legte er drei medizinische Fachbibliographien an, in denen das gesamte medizinische Schrifttum bis in seine Zeit verzeichnet und kritisch kommentiert war.

Dichtung[Bearbeiten]

Als Dichter trat Haller durch seine 1732 erstmals erschienene Gedichtsammlung Versuch Schweizerischer Gedichte hervor, in der sich das berühmte, von Haller selbst dort auf 1729 datierte Gedicht Die Alpen befand. Es gab wohl keinen Dichter deutscher Zunge im 18. Jahrhundert, der dieses Gedicht nicht kannte. Vorbildcharakter in der Literatur der Aufklärungsepoche erlangten außerdem seine philosophischen Lehrgedichte über religiöse, ethische und metaphysische Grundfragen der Zeit: Über den Ursprung des Übels und Unvollkommenes Gedicht über die Ewigkeit aus der erweiterten zweiten Auflage von 1734. Haller verfasste als Literaturkritiker während seines gesamten Lebens derart viele Rezensionen über zeitgenössische Werke, dass das Gerücht ging, er würde selbst auf dem Pferd noch lesen. Im Alter schrieb Haller eine Reihe politischer Romane, in denen er Grundmodelle staatlicher Ordnungsformen an historisch fernen Stoffen durchspielte.

Werke[Bearbeiten]

Wissenschaftliche Werke[Bearbeiten]

Dichterische Werke[Bearbeiten]

  • Haller in Holland. (Tagebuch 25. April 1725 – 23. Mai 1727). Het dagboek van Albrecht von Haller van zijn verblijf in Holland (1725–1727), ingeleid en geannoteerd door Dr G.A. Lindeboom. Uitgave van de Kon. Ned. Gist- en Spiritusfabriek N.V. te Delft, 1958.
  • Versuch Schweizerischer Gedichten (!), Bern 1732 (darin u. a. das Gedicht Die Alpen von 1729); „Zweyte, vermehrte und veränderte Auflage“ u.d.T. Versuch von Schweizerischen Gedichten von 1734 (darin u. a. die Gedichte Über den Ursprung des Übels und Unvollkommenes Gedicht über die Ewigkeit); weitere Überarbeitungen mit jeder Auflage; klassisch geworden sind die Fassungen der „Neunten, rechtmäßigen, vermehrten und veränderten Auflage“ u.d.T. Versuch Schweizerischer Gedichte von 1762
  • Usong. Eine morgenländische Geschichte, 1771
  • Alfred, König der Angelsachsen, 1773
  • Fabius und Cato, 1774
  • Briefe über einige Einwürfe nochlebender Freygeister wieder die Offenbarung (3 Teile), 1775–1777

Briefwechsel[Bearbeiten]

Mit verschiedenen bedeutenden Personen seiner Zeit stand von Haller in regem Briefwechsel. Albrecht von Haller war einer der fruchtbarsten Korrespondenten des 18. Jahrhunderts. Davon zeugen über 12.000 an ihn gerichtete und 17.000 von ihm geschriebene Briefe, die jenen Teil von Hallers Nachlass ausmachen, der heute in der Berner Burgerbibliothek aufbewahrt wird. Der Inhalt diente im Wesentlichen dem wissenschaftlichen Austausch, wie dies im 18. Jahrhundert von den Gelehrten allgemein gepflegt wurde. Haller war sich der wissenschaftlichen Bedeutung seiner Briefsammlung bewusst. Er begann selbst zahlreiche seiner Briefe in lateinischer und deutscher Sprache in mehreren Bänden zu publizieren. Zu nennen sind seine Briefe an Johannes Gessner, Charles Bonnet, Simon-Auguste Tissot, Eberhard Friedrich von Gemmingen, Horace-Bénédict de Saussure, Giovanni Battista Morgagni, Ignazio Somis, Carl von Linné, Christian Gottlob Heyne und Marc Antonio Caldani.

Ehrungen[Bearbeiten]

Albrecht von Haller, Büste in der Aula der Universität Göttingen

Haller erhielt sowohl zu seinen Lebzeiten als auch nach seinem Tod eine große Anzahl an Ehrungen und Auszeichnungen. Besonders in der Anatomie sind zahlreiche Fachbegriffe mit seinem Namen verbunden.

Zu Lebzeiten[Bearbeiten]

Nach seinem Tod[Bearbeiten]

  • Auf der 500-Franken-Banknote der Schweizerischen Nationalbank von 1976 (sechste Serie) war Haller abgebildet.
  • In Bern steht ein Attika-Standbild Hallers an der Fassade des Hauptgebäudes der Kantonalbank.
  • Anlässlich des 300. Geburtstages von Albrecht von Haller brachte die Schweizerische Post im Frühling 2008 eine Sondermarke im Wert von 85 Rappen heraus. Darauf abgebildet sind vier Profilaufnahmen Hallers, drei Profile weisen auf Hallers Schaffen in der Medizin, Botanik und der Literatur hin. Das vierte (und vorderste) Profil zeigt eine bronzierte Gipsbüste von Albrecht von Haller.
  • In Göttingen wurde das Institut für Pflanzenwissenschaften der Georg-August-Universität nach Albrecht von Haller benannt. Die Medizinische Fakultät der Universität vergibt die Albrecht-von-Haller-Medaille. In der Universitätsaula befindet sich eine Porträtbüste, ebenso im Alten Botanischen Garten.
  • In der Walhalla bei Regensburg wurde eine Büste Hallers aufgestellt.
  • 1894 wurde die Hallergasse in Wien nach ihm benannt.

Namen und Fachbegriffe[Bearbeiten]

Anatomie[Bearbeiten]

  • Hallerscher Gefäßkranz, Circulus arteriosus (vasculosus) nervi optici: Der Arterienring um die Eintrittsstelle des Sehnerven in den Augapfel, der von den Aa. ciliares posteriores gespeist wird. Die Gefäße treten in den Augapfel über und bilden in der Aderhaut die Haller-Schicht (Lamina vasculosa). Die Entdeckung des Circulus arteriosus nervi optici wird auch dem Göttinger Augenarzt Johann Gottfried Zinn (1727–1759) zugeschrieben. Die Priorität ist schwer zu entscheiden, da sich die Lebenszeiten beider Forscher überlappen. Zinn dürfte seine Beobachtungen 1753 bis 1755 gemacht haben und damit möglicherweise früher als v. Haller.
  • Tripus Halleri: Die Aufteilung des arteriellen Truncus coeliacus in seine drei Äste: A. hepatica communis, A. splenica (seu lienalis), A. gastrica sinistra.
  • Ansa Halleri: Anastomose des Nervus glossopharyngeus mit dem Nervus facialis. Was v. Haller seinerzeit nicht wissen konnte, es geht bei dieser Anastomose um die parasympathische Innervation der Ohrspeicheldrüse. Die Fasern vom Nucleus salivatorius inferior ziehen via N. glossopharyngeus, Plexus tympanicus, N. petrosus minor zum Ganglion oticum, wo sie auf ihr zweites Neuron umgeschaltet werden. Die postganglionären parasympathischen Fasern legen sich dem N. auriculotemporalis des N. mandibularis (3. Trigeminusast) an und gelangen mit ihm zur Gegend vor dem Ohr, wo sie mit dem Plexus parotideus des N. facialis anastomosieren.
  • Ansa Haller-Sappey: Anastomose des Nervus glossopharyngeus mit dem Ramus auricularis des Nervus vagus für die sensible Innervation des äußeren Gehörganges.
  • Arcus lumbocostalis medialis et lateralis seu Ligamentum arcuatum internum et externum diaphragmatis Halleri: Die Psoasarkade und die Quadratusarkade, die gemeinsam das Crus laterale der Pars lumbalis des Zwerchfells bilden.
  • A. abdominalis subcutanea von Haller: Heute Arteria epigastrica superficialis.
  • A. alaris Halleri seu alaris glandulosa axillaris seu alaris thoracica: Arterienast für Haut und Lymphknoten der Achselhöhle. Sie wird in modernen Anatomiebüchern nicht mehr aufgeführt und müsste ein heute unbenannter Ast der A. thoracica superior oder der A. thoracica lateralis sein.
  • Circulus callosus Halleri: Der Anulus fibrosus cordis, das bindegewebige Herzskelett an der Grenze zwischen Vorkammern und Kammern des Herzen für die Anheftung der beiden Segelklappen.
  • Circulus venosus mamillae Halleri: Das Venengeflecht um die Brustwarze.
  • Coni vasculosi Halleri: Hierunter verstand v. Haller nicht nur die Coni vasculosi sensu strictu (die Ductuli efferentes im Nebenhodenkopf), sondern alle Tubuli im Hoden.
  • Fretum Halleri: Die Engstelle zwischen dem embryonalen Herzen und dem Bulbus aortae, wo sich später die Taschen der Aortenklappe entwickeln.
  • Glandulae Halleri: Solitäre Lymphfollikel im Darm.
  • Habenula Halleri: Der rudimentäre Processus vaginalis des Bauchfells. Der Processus vaginalis ist eine Aussackung des Bauchfells durch den Leistenkanal. Beim Mann wird sein distales Ende zum Cavum serosum scroti, das den Hoden nach dessen Abstieg enthält. Der proximale Teil des Processus vaginalis obliteriert und bildet sich in der Regel zurück. Wenn er persistiert, kann er den Bruchsack für angeborene Leistenbrüche abgeben. Bei der Frau bildet sich in der Regel der gesamte Processus vaginalis zurück. Persistiert er, heißt er Diverticulum Nucki nach dem Leidener Anatom Anton Nuck (1650–1692).
  • Ligamentum colicum Halleri: Der rechte Teil des Lig. gastrocolicum, also ein Teil des großen Netzes (Omentum majus).
  • Pons hepaticus Halleri: Eine funktionell unbedeutende, fakultative Brücke aus Lebergewebe über dem Mündungsabschnitt des Lig. teres hepatis.
  • Rete vasculosum testis (v. Haller): Das Rete testis im Mediastinum testis (Hoden).
  • Taenia semicircularis thalami (v. Haller): Eine Schicht im Corpus geniculatum laterale des Zwischenhirns.
  • Vasa aberrantia Halleri: Bezeichnung für Ductuli efferentes, die als Urnierengänge persistieren, aber keinen Anschluss an den Wolff-Gang (Urnierenkanal, später Nebenhodengang) finden.
  • Velum plexus chorioidei interpositum Halleri: Die Tela chorioidea im dritten Hirnventrikel des Zwischenhirns.
  • Haller Blindsack: Sinus obliquus pericardii im Herzen.
  • Haller Hernie: Hernia vaginalis. Sehr seltene Hernie durch das Gefüge des Beckenbodens.

Botanik[Bearbeiten]

  • Die Gattung Halleria L. der Pflanzenfamilie der Stilbaceae wurde zu Ehren Hallers benannt.

Astronomie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Albrecht von Haller – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Albrecht von Haller – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albertus v. Haller: Experimentorum de ossium formatione. In: Operum anatomici argumenti minorum, Vol. 2. Lausanne: Francisco Grasset, 1767, S. 460–600