Alcides Ghiggia

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Alcides Ghiggia, 2011

Alcides Edgardo Ghiggia (* 22. Dezember 1926 in Montevideo; ausgesprochen: 'giʤːa[1]) ist ein ehemaliger uruguayisch-italienischer Fußballspieler. Sein nachhaltiger Ruhm beruht auf seiner entscheidenden Mitwirkung beim De-facto-WM-Finale von 1950. Er ist der letzte noch lebende Spieler aus der Weltmeistermannschaft des Jahres 1950.

Der dribbelstarke Rechtsaußen Ghiggia, 1,69 m groß und 62 kg schwer, gilt als einer der weltbesten Außenstürmer der 1950er Jahre. Außer für Uruguay spielte er auch für die italienische Nationalmannschaft und die Vereinsmannschaften Club Atlético Peñarol und Danubio FC in Uruguay sowie AS Rom und den AC Mailand in Italien.

Spielerkarriere[Bearbeiten]

Verein[Bearbeiten]

Meister mit Peñarol[Bearbeiten]

Ghiggias Karriere begann, als er 1948 aus der Jugendmannschaft gemeinsam mit Juan E. Hohberg und Óscar O. Míguez in den Kader des uruguayischen Erstligisten Peñarol aufrückte[2], wo er sich schon bald zum Stammspieler entwickelte. Bereits 1949 durfte er mit den Schwarzgelben seine erste Landesmeisterschaft feiern. Ein weiterer Titel sollte 1951 folgen. Einen Tiefpunkt erreichte seine Karriere, als er 1952 einen Schiedsrichter angriff und dafür eine Sperre von rund einem Jahr erhielt.

Wechsel nach Italien[Bearbeiten]

Zu Beginn der Saison 1953/54 wechselte Ghiggia in die italienische Serie A zum AS Rom, wo er von 1957 bis 1958 auch Spielführer war. Mit Roma gewann er 1961 den Messepokal, den Vorläufer des UEFA-Pokals. Mit fast 35 Jahren war er dabei ältester Spieler seiner Mannschaft. An den beiden Finalspielen gegen Birmingham City nahm er aber nicht teil.

Für Roma spielte er in acht Spielzeiten 201-mal in der Serie A und erzielte dabei 19 Tore. Die beste Platzierung war dabei der dritte Rang von 1955.

1961 wechselte er noch für ein Jahr zum AC Mailand und wurde mit den Rossoneri italienischer Meister. Er kam im Verlauf der Saison aber nur noch viermal zum Einsatz. Nach nur einem Jahr verließ er den Verein wieder und kehrte nach Uruguay zurück.

Rückkehr nach Uruguay und spätere Jahre[Bearbeiten]

Nach seiner Rückkehr nach Montevideo spielte Ghiggia noch sechs Jahre für den Erstligisten Danubio FC, konnte aber dort keine neuen Titel sammeln. Schließlich beendete er 1968 im Alter von 41 Jahren seine Fußballerlaufbahn.

Nationalmannschaft[Bearbeiten]

Der Stürmer von Peñarol Montevideo wurde zur Legende des uruguayischen Fußballs, als er bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1950 gegen Gastgeber Brasilien im entscheidenden Spiel vor rund 200.000 Zuschauern im Maracanã-Stadion zehn Minuten vor Spielschluss das entscheidende Tor zum 2:1-Erfolg für Uruguay erzielte und damit den Gastgebern den sicher geglaubten Weltmeistertitel entriss. In der brasilianischen Folklore ist dieses Spiel bis heute noch als das „Maracanaço“ lebendig.

Im Verlauf dieser Weltmeisterschaft erzielte er in jedem Spiel einen Treffer. Diese vier Tore blieben seine einzigen Tore in insgesamt zwölf Länderspielen für Uruguay, die er von seinem Debüt am 6. Mai 1950 bis zum 16. April 1952 absolvierte.[3]

Nachdem er 1957 in Italien eingebürgert worden war, spielte er zwischen 1957 und 1959 auch für die Italienische Fußballnationalmannschaft. Drei Länderspiele absolvierte er im Rahmen der Qualifikation zur Fußball-Weltmeisterschaft 1958 in Schweden. Dabei konnte sich Italien aber zum ersten Mal nicht für ein WM-Turnier qualifizieren. In seinen insgesamt fünf Länderspielen für Italien erzielte er einen Treffer.

Auch Ghiggias Weltmeisterkollege Juan Schiaffino, der in jenem denkwürdigen Spiel gegen Brasilien den 1:1-Ausgleich erzielte, spielte nach seinem Wechsel zum AC Mailand für die Nationalelf Italiens.

Tabellarische Zusammenfassung[Bearbeiten]

Vereinsmannschaften
Zeitraum Verein Spiele Tore Titel
1948–1953 UruguayUruguay CA Peñarol Montevideo 1949 – Meisterschaft von Uruguay
1951 – Meisterschaft von Uruguay
1953–1961 ItalienItalien AS Roma 201 19 1961 – Messepokal
1961–1962 ItalienItalien AC Milan 4 1962 – Meisterschaft von Italien
1962–1968 UruguayUruguay Danubio FC Montevideo
Nationalmannschaften
Zeitraum Mannschaft Spiele Tore Titel
1950–1952 UruguayUruguay Uruguay 12 4 1950 – Weltmeisterschaft
1957–1959 ItalienItalien Italien 5 1

Bei Vereinen bezieht sich die Anzahl der Spiele und Tore auf Ligaspiele.

Trainertätigkeit[Bearbeiten]

1980 trainierte er kurzzeitig Peñarol.[4][5]

Nach der Karriere[Bearbeiten]

Zur Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland wurden sämtliche noch lebenden Fußball-Weltmeister nach München eingeladen. Ghiggia war bei dieser Veranstaltung der älteste anwesende Weltmeister. Zu seinem 80. Geburtstag am Ende desselben Jahres wurde er unter anderem im Parlament von Uruguay geehrt und auch mit einer Sonderbriefmarke mit der Aufschrift „Ghiggia bewegte uns zu Tränen“ (Ghiggia nos hizo llorar) bedacht.[6]

Am 12. Dezember 2009 kehrte Alcides Ghiggia noch einmal nach Rio de Janeiro ins Maracanã-Stadion zurück. Diesmal wurde er als Freund empfangen und als erst sechster ausländischer Fußballer, nach beispielsweise dem Portugiesen Eusébio und dem Deutschen Franz Beckenbauer, mit einem persönlichen Fußabdruck auf dem Stadiongelände, auf der Calçada da Fama, geehrt.[7] 2010 wurde er mit dem FIFA-Verdienstorden ausgezeichnet.[8]

Am 13. Juni 2012 wurde Ghiggia nach einem Unfall auf der Ruta 5 mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert[9] und in ein „künstliches Koma“ versetzt. Nach Angaben seines Sohnes Arcadio wurden Ghiggias Ehefrau und deren Schwester bei dem Unfall ebenfalls verletzt.[10] Ghiggia berichtete später, dass er sich bei dem Unfall unter anderem die Hüfte brach, die jedoch nicht operiert werden musste. Er erholte sich wieder soweit, dass er auf Einladung der FIFA als Akteur an der Auslosung der Weltmeisterschaftsspiele 2014 teilnehmen konnte.[11][12]

Trivia[Bearbeiten]

Für Roberto Muylaert, den Biographen des brasilianischen Torhüters Moacyr Barbosa, ist der Schwarz-Weiß-Film des entscheidenden Tores von Ghiggia bei der WM 1950 vergleichbar mit Abraham Zapruders Zufallsbildern von Dallas. Das Tor und der Gewehrschuss, der John F. Kennedy tötete, hätten „die gleiche Dramatik […] die gleiche Bewegung, den Rhythmus […] die gleiche Präzision einer unaufhaltsamen Flugbahn.” Sie hätten sogar den aufgewirbelten Staub gemeinsam – einmal von einem Gewehr, das andere Mal von Ghiggias linkem Fuß.[13]

Moacyr Barbosa, der oft für die Niederlage und insbesondere Ghiggias Tor verantwortlich gemacht wurde, litt noch lange unter den Nachwirkungen. Das restliche Leben war für ihn eine Qual. Kurz vor seinem Tod gab er im Jahr 2000 ein Interview, in dem er sagte: „Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe.“

Ghiggia war erstaunt, als er 50 Jahre nach dem Spiel bei seiner Einreise nach Brasilien von einer Zollbeamtin im Alter von etwa Mitte 20 gefragt wurde, ob er der Ghiggia sei. Ghiggia sagte: „Ja, aber das ist doch schon 50 Jahre her.“ Sie antwortete: „Aber in Brasilien spüren wir diesen Moment noch heute!“

Zitat[Bearbeiten]

„Nur drei Menschen haben mit einer einzigen Bewegung das Maracanã zum Schweigen gebracht: der Papst [Johannes Paul II.], [Frank] Sinatra und ich.“

Alcides Ghiggia

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Globo Esporte, 29. Dezember 2008: „Baú do Esporte: entrevista com Ghiggia, o carrasco do Brasil na Copa de 1950“ (Video, v. ca. 3:50)
  2. Marcos Silvera Antúnez: Club Atlético Peñarol – 120, Ediciones El Galeón, Montevideo 2011, S. 88 – ISBN 978-9974-553-79-8
  3. Statistische Daten zu den Länderspieleinsätzen in der uruguayischen Nationalmannschaft auf www.rsssf.com, abgerufen am 19. Dezember 2012
  4. Girasol. El sitio de Peñarol: „Los técnicos que trabajaron en el profesionalismo“
  5. Marcos Silvera Antúnez: Club Atlético Peñarol – 120, „Directores Técnicos“, Ediciones El Galeón, Montevideo 2011, S. 192f – ISBN 978-9974-553-79-8
  6. La Republica, 23. Dezember 2006: „Ghiggia fue homenajeado por sus 80 años en el Palacio Legislativo“
  7. Brasil Econômico, 29. Dezember 2010: „Ghiggia, carrasco da Copa de 50, é homenageado no Maracanã“
  8. Liste der FIFA-Verdienstorden-Träger, abgerufen am 25. Oktober 2012 (PDF; 71 kB)
  9. Se accidentó Ghiggia: politraumatizado grave – Esa mueca siniestra de la suerte
  10. Ghiggia en coma farmacológico – Otro partido para el campeón (spanisch) auf www.montevideo.com.uy vom 15. Juni 2012, abgerufen am 15. Juni 2012
  11. FIFA invitó a Ghiggia al sorteo del Mundial – Y con razón (spanisch) auf www.futbol.com.uy vom 23. August 2013, abgerufen am 25. August 2013
  12. WM 1950: Ghiggia und Uruguay schocken Brasilien. Bericht auf den Webseiten des DFB mit Bild von der Auslosung.
  13. nach: Alex Bellos: Futebol. Fussball: Die brasilianische Kunst des Lebens. Fischer 2005, ISBN 3-596-16580-6