Alemannischer Separatismus

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Der historische alemannische Separatismus ist eine politische Strömung des beginnenden 20. Jahrhunderts und der Zeit nach den zwei Weltkriegen, die den Anschluss des alemannischen Sprachraumes nordöstlich von Hochrhein, Bodensee und Alpenrhein an die Schweizer Eidgenossenschaft anstrebte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Land in Besatzungszonen aufgeteilt war, brachten politische Kräfte in Südbaden neuartige staatliche Gebilde in die Diskussion. Die französische Besatzungsmacht, der ein zentral verwaltetes Deutschland zuwider war, ermöglichte 1946 die Herausgabe eines „Schwäbisch-Alemannische Demokratie“ betitelten Buches, dessen Autor Otto Feger einen autonomen schwäbisch-alemannischen Staat forderte. Zu seinem „Südstaat“ sollten diejenigen Teile Badens, Württembergs und Bayerns vereinigt werden, in denen alemannische Dialekte gesprochen werden (wozu württembergisches und bayerisches Schwäbisch zählen).

Der heutige alemannische Separatismus ist keine politisch organisierte Bewegung, sondern eine weit verbreitete, mehr oder weniger ausgeprägte romantisierende Grundhaltung der alemannisch sprechenden Bevölkerung in Südwestdeutschland und Österreich, während sich in der alemannischen Schweiz und im Elsass kaum Anhänger dieser Idee finden.

Hintergrund[Bearbeiten]

Die Gebiete, in denen alemannische Dialekte gesprochen werden, sind das Elsass in Frankreich, der Süden von Baden-Württemberg und der Regierungsbezirk Schwaben in Bayern, das österreichische Vorarlberg, Liechtenstein, die deutschsprachige Schweiz und kleine grenznahe Gebiete in Norditalien. Die Bezeichnung dieser Dialekte als „Alemannisch“ geht auf das Jahr 1803 und den Dichter Johann Peter Hebel zurück. Die Sprecher dieser Dialekte im Elsass, in Norditalien und der Schweiz gehören zur deutschsprachigen Bevölkerung ihrer Staaten.

Neben der sprachlichen Abgrenzung hat der alemannische Separatismus auch einen historischen Hintergrund. In der vornapoleonischen Zeit war das alemannische Gebiet an Oberrhein, Hochrhein und Alpenrhein als Besitz einer Vielzahl kleiner weltlicher und geistlicher Kleinfürsten territorial weitgehend zersplittert. Die bedeutendste Macht waren die Habsburger, die nördlich ihrer schweizerischen Stammlande vom Elsass bis zur Donau viele Territorien unter ihren Besitz brachten, deren kultureller Zusammenhang während der Gegenreformation gestärkt wurde. Verwaltungssitz dieser als Vorderösterreich bezeichneten Gebiete war ab 1648 das alemannischsprachige Freiburg im Breisgau.

In der napoleonischen Zeit wurde Vorderösterreich aufgelöst und die Grenzen neu gezogen, wobei die alemannisch bevölkerten Gebiete nördlich von Hochrhein und Bodensee von 1803 bis 1810 nach und nach an die stark vergrößerten Staaten Baden, Württemberg und Bayern fielen. Deren Hauptstädte und damit die Verwaltung liegen im engeren Sinne alle außerhalb des alemannischen Gebiets, wodurch die alemannische Sprache einem Verdrängungswettbewerb mit fremden Idiomen ausgesetzt ist. Im weiteren Sinne zählt die württembergisch-schwäbische Hauptstadt, heute Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, Stuttgart, auch zum alemannischen Gebiet, da das dort gesprochene Schwäbisch eine der vier großen Untergruppen der alemannischen Sprache bildet.

Geschichte[Bearbeiten]

Historisch hat der alemannische Separatismus seinen Ursprung im Befreiungskampf südbadischer Bauern gegen den französischen Kaiser Napoleon. Das damit erwachte alemannischen Selbstbewusstsein flackerte nach dem Ersten Weltkrieg, dem Anschluss des alemannischen Elsass an Frankreich und dem Zerfall der Habsburgermonarchie erneut auf. Während die Regierung der neu entstandenen Republik Deutschösterreich den Anschluss an das republikanische Deutsche Reich suchte, aber durch die Siegermächte daran gehindert wurde, wollten die alemannischen Vorarlberger ihr Gebiet an die alemannische Schweiz anschließen. Am 11. Mai 1919 votierten sie bei einer Volksabstimmung mit 81 % für dieses Vorhaben. Von Schweizer Seite wie auch seitens der österreichischen Regierung in Wien wurde dieses Begehren jedoch abgelehnt. Ähnliche Anschlussbestrebungen nördlich des Bodensees wurden 1919 vom badischen und württembergischen Staat unterdrückt.

Ein Beispiel für einen erfolgreichen Verlauf von alemannischem Separatismus ist Liechtenstein. Die hier lebende alemannisch sprechende Bevölkerung lebt seit dem Ende des Deutschen Bundes in einem souveränen Staat. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich das Fürstentum zollrechtlich und monetär der Schweizer Eidgenossenschaft angeschlossen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Deutsche Reich untergegangen war, bemühten sich politische Kräfte in Südbaden, die in vielen Fällen schon vorher dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus angehörten (z. B. in Freiburg im Breisgau und Konstanz), zusammen mit dem südlichen Elsass und dem Kanton Basel einen eigenen alemannischen Staat zu schaffen. Zwei Modelle eines Separatstaates wurden speziell diskutiert: Der Konstanzer Stadtarchivar Otto Feger trat für eine dezentral organisierte, schwäbisch-alemannische Demokratie ein. Noch weiter greifende Vorstellungen vertrat der Singener Bürgermeister Bernhard Dietrich mit einer „alpenländischen Konföderation“ oder „Alpenunion“ (union alpine), zu der sich nach seinen Vorstellungen auch die Gebiete mit einer bairischsprachigen Bevölkerung (Bayern ohne das Frankengebiet sowie Österreich) und langfristig die deutschsprachige Schweiz hätten zusammenschließen sollen.

Die Gedanken des im Elsass geborenen Juristen und Historikers Otto Feger erschienen 1946 in Konstanz unter dem Titel „Schwäbisch-Alemannische Demokratie“, was mit einer Auflage von 240.000 Exemplaren 1946/47 das meist gedruckte Werk in der französischen Besatzungszone war. Feger hatte dabei als einer der wenigen Befürworter einer alemannischen Sonderlösung nicht „nur“ den Anschluss Südbadens an die Schweiz im Auge, sondern stand für die gesamte schwäbisch-alemannische Bevölkerung ein, indem er offiziell in starker Anlehnung an die direkte Demokratie der Schweiz einen autonomen schwäbisch-alemannischen Staat aus den jeweiligen Teilen Badens, Württembergs und Bayerns forderte. Inoffiziell, bei Lektüre des Buchs aber offensichtlich, schwebte ihm langfristig ein um die schwäbisch-alemannischen Teile Frankreichs (Elsass), Österreichs (Vorarlberg, Tirol) sowie um Liechtenstein und die Schweiz erweiterter autonomer Staat vor. Aus politischen Gründen und aufgrund der Besatzungsverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg zwar zum Scheitern verurteilt, wurde und wird diese Vision Fegers von zahlreichen Schwaben/Alemannen bis heute bewundert, insbesondere auch deshalb, weil er die Begriffe Schwaben und Alemannen (historisch korrekt) gleichsetzte und damit dem schwäbisch-alemannischen Antagonismus entgegentrat.

Als Sammlungsbecken und Träger des alemannischen Separatismus trat der Schwäbisch-Alemannische Heimatbund auf. Auch Teile des oberschwäbischen Adels sympathisierten mit der Bewegung, da er auf ein „Groß-Schwaben“ hoffte. Die Bestrebungen stießen jedoch bei der französischen Verwaltung in Baden-Baden auf Ablehnung, welche die Genehmigung zur Gründung einer Partei mit dieser Zielsetzung verweigerte. Statt eines alemannischen Separatstaats entstand 1952 das Bundesland Baden-Württemberg, welches neben schwäbisch-alemannischen Gegenden auch andere, vor allem fränkische Dialekträume umfasst.

Deutsche (schwäbisch-badische) Sicht[Bearbeiten]

Die Befürworter des alemannischen Separatismus finden sich primär in Südbaden, in der direkt an die Schweiz angrenzenden Region nördlich des Hochrheins, wo wie in der Schweiz die hochalemannische Dialektform gesprochen wird. Dort hört man gelegentlich die Parole „Adee Düütschland. Mr gont!“ (Lebe wohl, Deutschland. Wir gehen!).

Gefördert werden die Bestrebungen paradoxerweise durch den teilweisen Niedergang der alemannischen Sprache in Südwestdeutschland, die sich einem immer stärkeren Verdrängungswettbewerb mit der hochdeutschen Schriftsprache und dem schwäbischen Dialekt ausgesetzt sieht. Hierdurch glaubt die alemannisch sprechende Minderheit nördlich des Hochrheines nur noch durch den kulturellen Zusammenhalt mit der Eidgenossenschaft ihre ethnische Integrität gesichert.

Neben der gefühlsmäßigen Ablehnung der Zugehörigkeit zur Bundesrepublik Deutschland spielen auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, da man sich von der Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft die Erhaltung der wirtschaftlichen Prosperität und politischen Stabilität erhofft.

Schweizer Sicht[Bearbeiten]

In der Schweiz ist der alemannische Separatismus höchstens als süddeutsche Besonderheit bekannt – wenn überhaupt! Er stößt hier auf einhellige Ablehnung, da ein alemannischer Separatismus den Zusammenhalt der viersprachigen Schweiz bedrohen würde. Zum Selbstverständnis der Deutschschweizer gehörte in der Vergangenheit überdies eine starke Abgrenzung gegen „die Schwaben” (despektierlich Schwobe genannt) im nördlich angrenzenden Land, egal ob die dortigen Menschen nun einen alemannischen Dialekt sprechen oder nur Hochdeutsch.

In der französisch sprechenden Schweiz ist der alemannische Separatismusgedanke nur Historikern bekannt und wird von diesen zumeist mit den Idealen der Freiheitsbewegung in Nachfolge der Französischen Revolution assoziiert. Der Gedanke eines Anschlusses weiterer Gebiete jenseits des „Röstigrabens“ an die Eidgenossenschaft stößt auf Unverständnis und Ablehnung, da man hiervon eine noch größere Dominanz der Deutschschweizer und eine Kräfteverschiebung zu Ungunsten der eigenen Landesteile zu erwarten hätte. Im übrigen sieht man diesen Gedanken eher gelassen, da man so etwas für utopisch hält.

Historisch gesehen sind eher noch mit der Schweiz zu assoziieren: Rottweil, das Veltlin, das bis zur französischen Revolution als Untertanengebiet zum späteren Kanton Graubünden gehörte, Mülhausen, das bis zur Annexion durch Frankreich am 4. Januar 1798 Mitglied der Eidgenossenschaft war, Gex bei Genf, welches Untertanengebiet der Stadt Bern war, das Chablais südlich des Genfersees, wo die Schweiz ein Einmarschrecht im Kriegsfall hatte (welches von Bern auch durchgesetzt wurde) und Vorarlberg, das von jeher starke kulturelle Verflechtungen mit dem Kanton St. Gallen besitzt.

Juristische Grundlagen[Bearbeiten]

Juristische Grundlage wäre das freie Selbstbestimmungsrecht der Völker als Teil des Völkerrechts. Es gibt zwar kein Austrittsszenario in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, aber jedes Bundesland könnte als Staat auch über seinen Verbleib bzw. Austritt aus dem Bund beschließen. Die Neuordnung der Grenzregion müsste dann durch einen bilateralen Vertrag zwischen der Schweiz und der Bundesrepublik Deutschland geregelt werden. Hierbei ist zu beachten, dass es sich um die Verschiebung einer EU-Außengrenze handelt, so dass möglicherweise auch die Europäische Union als Völkerrechtssubjekt mitwirken muss. In der Schweiz unterliegen solche tiefgreifenden Eingriffe in die Verfassung dem obligatorischen Referendum.

Literatur[Bearbeiten]

  • Otto Feger: Schwäbisch-Alemannische Demokratie: Aufruf und Programm. Curt Weller & Co. Verlag, Konstanz 1946, 230 S. + Karte, 2. Aufl. 1947
  • Heiko Haumann: „Schwäbisch-alemannische Demokratie“ gegen „Staufisch-schwäbischen Imperialismus“? Politische Konzeptionen in Baden und Württemberg 1945–1952. In: Allmende. Zeitschrift für Literatur. Bd. 8, Nr. 20, Karlsruhe 1988, S. 36–52, ISSN 0720-3098.
  • Manfred Joss: Schwäbisch-Alemannische Demokratie. Vision und Scheitern eines Separatstaats im deutschen Südwesten nach dem Zweiten Weltkrieg. Lizentiatsarbeit, Historisches Institut, Universität Bern 2005, 106 S.
  • Jürgen Klöckler: „Das Land der Alemannen …“. Pläne für einen Heimatstaat im Bodenseeraum nach 1945. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 1999, 136 S., ISBN 3-89669-906-7.
  • Jürgen Klöckler: Abendland – Alpenland – Alemannien: Frankreich und die Neugliederungsdiskussion in Südwestdeutschland 1945–1947. Oldenbourg, München 1998, 311 S., ISBN 3-486-56345-9.

Weblinks[Bearbeiten]