Alexander Rahr

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Alexander Rahr

Alexander Rahr (* 2. März 1959 in Taipeh, Republik China (Taiwan)) ist ein deutscher Osteuropa-Historiker, Lobbyist, Politologe und Publizist.

Karriere[Bearbeiten]

Alexander Rahr studierte von 1980 bis 1988 Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Von 1977 bis 1985 war er Mitarbeiter des Forschungsprojekts „Sowjetelite“ des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOst). Er arbeitete von 1982 bis 1994 als Analytiker für Radio Liberty und die Denkfabrik Rand Corporation. Achtzehn Jahre lang arbeitete er für die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und war bis zu seiner Ablösung im Januar 2013 Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik mit Arbeitsschwerpunkt Russland, Ukraine, Belarus und Zentralasien.[1]

Rahr sitzt im Lenkungsausschuss des Petersburger Dialogs. Dort ist er auch Mitkoordinator des Arbeitskreises Zukunftswerkstatt. Er ist Forschungsdirektor des Deutsch-Russischen Forums. Seit Juni 2012 ist er Senior Advisor der Wintershall Holding GmbH und berät den Präsidenten der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer AHK.[2] Er ist Mitglied des russischen Clubs Waldai und des ukrainischen Netzwerkes Yalta European Strategy (YES).

Als Publizist[Bearbeiten]

Er ist Autor zahlreicher Bücher über Russland, darunter eine Biografie über Michail Gorbatschow (1985) und Wladimir Putin (2000).

Interview in der Komsomolskaja Prawda[Bearbeiten]

Im Mai 2012 erschien ein breit diskutiertes Interview mit Alexander Rahr in der russischen Zeitung Komsomolskaja Prawda. Mehrere seiner hierbei getätigten Zitate lösten in Deutschland kontroverse Reaktionen aus.

  • „Die Amerikaner haben den Deutschen das Hirn amputiert.“
  • „Deutschen sind der moralischen Stärke Israels verfallen, weil man ihnen den Holocaust ständig unter die Nase reibt.“
  • „Der Westen verhält sich wie die Sowjetunion.“[3]

Das Auswärtige Amt distanzierte sich daraufhin von Rahr mit der Begründung, dass man „bekannt gewordene Äußerungen von ihm zur westlichen Wertepolitik nicht teile“.[4] Von Spiegel Online auf sein Interview angesprochen, verteidigte Rahr abermals Putins autoritäre Herrschaft. Sie sei „authentischer“ als das demokratische Chaos unter Boris Jelzin. Allerdings fühle er sich von der Komsomolskaja Prawda hereingelegt. Mit der Journalistin sei lediglich ein Hintergrundgespräch abgesprochen gewesen, jedoch kein Wortlautinterview.[5] Die ZEIT schrieb dazu, ein Video auf der Website der Zeitung, das vier Minuten des Gesprächs zeige, spreche gegen den Vorwurf der Manipulation. Der veröffentlichte Text weiche nicht wesentlich vom aufgezeichneten Gespräch ab.[6]

Öffentliche Kritik an Rahr während der Krimkrise[Bearbeiten]

Während der Krimkrise im April 2014 wurde in einigen Medien Kritik an Rahr laut. Am 20. April 2014 erschien in der Tageszeitung Die Welt ein Artikel, in dem sich der Vorsitzende des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments Elmar Brok und der Europa-Politiker der Partei "Bündnis 90 - Die Grünen" Werner Schulz kritisch über Rahrs Aktivitäten äußerten. Laut Brok sei Rahr kein unabhängiger Wissenschaftler, sondern ein Lobbyist des Kreml. Schulz warf in demselben Artikel Rahr vor, er propagiere die Strategie Putins, Russland als strategische Rohstoffmacht auszurichten.[7]

Fünf Tage später hieß es in einem Beitrag der Fernsehsendung Report Mainz, Südwestrundfunk:

„Er gilt als der Russlandexperte, bisher auch im Auswärtigen Amt. Er ist sehr gefragt. Was fast niemand weiß, ebenso wie Schröder, ist er bezahlter Lobbyist – nämlich Berater einer Gasfirma, die in Russland mit Gazprom kooperiert.“

– Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann, Report Mainz, Südwestrundfunk, 25. März 2014[8]

Rahr selbst sieht sich dagegen in einer Brückenfunktion zwischen Deutschland und Europa auf der einen Seite sowie Russland auf der anderen.[9] Er wünscht sich Fortschritte bei der Demokratisierung Russlands, aber auch einen geduldigeren Westen, der verstehe, dass Russland in der demokratischen Entwicklung 40 Jahre hinter dem Westen liege. Rahr fordert, dass Deutschland und Europa ihre eigenen Interessen stärker als bisher wahrnehmen sollten, unabhängig von den Wünschen Washingtons. Kritische Stimmen gegenüber der russischen Politik führt Rahr darauf zurück, dass der Westen sich nie mit der Rückkehr Putins abgefunden habe.[10]

Befreiung Chodorkowskis[Bearbeiten]

Rahr war an der Seite Hans-Dietrich Genschers seit 2011 wesentlich an der Erwirkung einer Amnestie für den ehemaligen Oligarchen und Kremlkritiker Michail Chodorkowski beteiligt. Im Dezember 2013 erfolgte Chodorkowskis Freilassung.[11]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

2003 wurde Rahr das Bundesverdienstkreuz verliehen. Er ist Ehrenprofessor der Moskauer Diplomatenschule und der Higher School of Economics, Moskau.

Privatleben[Bearbeiten]

Rahr wurde als Sohn des russischen Journalisten und Kirchenhistorikers Gleb Rahr und Sofia geb. Orechowa geboren. Die Familie floh vor der Roten Armee nach Westen. Rahrs Vater erhielt laut Die Welt die russische Staatsbürgerschaft mit direkter Unterstützung Wladimir Putins zurück.[12]

Er ist verheiratet mit Anna Rahr geb. Galperina und hat einen Sohn und eine Tochter.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alexander Rahr – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ewald Böhlke neuer Programmleiter des Berthold-Beitz-Zentrums Pressemitteilung DGAP.org
  2. Porträt Petersburger Dialog
  3. [1], Die ZEIT Ausgabe 12 in 2013
  4. [2], Die ZEIT Ausgabe 14 in 2013
  5. [3], Spiegel Online Russland-Experte Rahr: "Deutschlands Ostpolitik hat die Balance verloren"
  6. [4], Die ZEIT Ausgabe 12 in 2013
  7. Deutscher Putin-Unterstützer gibt den Russland-Experten, Die Welt vom 20. April 2014
  8. Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann: Die dubiosen Aktivitäten des Altkanzlers im Sinne Putins. Report Mainz, Südwestrundfunk, 25. März 2014, abgerufen am 27. März 2014.
  9. Russland-Experte Rahr: "Deutschlands Ostpolitik hat die Balance verloren" Interview mit Alexander Rahr auf Spiegel Online, 18. März 2013.
  10. "Die Meinungsmacher" in Der Spiegel vom 26. Mai 2014, S. 80, 82 (online)
  11. „Im ,Adlon' haben wir Wodka getrunken“, Interview mit Alexander Rahr, Die Welt, 21. Dezember 2013.
  12. Deutscher Putin-Unterstützer gibt den Russland-Experten, Die Welt vom 20. April 2014