Alfred Hettner

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Alfred Hettner (* 6. August 1859 in Dresden; † 31. August 1941 in Heidelberg) war ein deutscher Geograph und Professor an den Universitäten Tübingen und Heidelberg. Obwohl er Herausgeber der Geographischen Zeitschrift war, blieb seine Landschaftstheorie weitgehend unbeachtet, nicht hingegen seine Erforschung Kolumbiens.

Leben[Bearbeiten]

Alfred Hettner war ein Sohn des Literatur- und Kunsthistorikers Hermann Hettner und dessen zweiter Frau Anna geb. Grahl.

Hettner war der erste deutsche Geograph, der Universitätsprofessor wurde, ohne aus einem anderen Fach zur Erdkunde zu wechseln. Nach seinem Studium in Halle, Bonn und Straßburg promovierte er an der Universität Straßburg mit einer Dissertation über Das Klima von Chile und Westpatagonien (1881) bei Georg Gerland und habilitierte sich 1887 in Leipzig bei Friedrich Ratzel. 1894 wurde er Titularprofessor in Leipzig und wechselte 1897 an die Universität Tübingen, wo er der erste außerordentliche Professor für Geographie wurde. Doch schon 1899 wechselte er an die Universität Heidelberg, wo er zunächst a.o. Professor war und 1906 den neu errichteten Lehrstuhl für Geographie erhielt. Diesen hatte er bis zu seiner Emeritierung 1928 inne.

Hettner führte mehrere ausgedehnte Forschungsreisen in der ganzen Welt durch, unter anderem nach Südamerika (vor allem in die kolumbianischen Anden), nach Russland, nach Ostasien (u.a. nach Indien) und nach Nordafrika. Von 1920 bis 1931 (evtl. länger) war Hettner Vorsitzender der Heidelberger Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft.

Kolumbien-Reise[Bearbeiten]

Obwohl Alfred Hettner sich in der Geschichte der deutschen Geographie verdient gemacht hat, wurde den Inhalten seiner Werke wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Insbesondere seine frühen Veröffentlichungen, beispielsweise Reisen in den columbianischen Anden (1888) oder Die Kordillere von Bogotá (1892), sind weder in Deutschland noch in Kolumbien einem größeren Publikum bekannt.

Alfred Hettner reiste zwischen 1882 und 1884 hauptsächlich durch die kolumbianische Ostkordillere, machte jedoch auch eine kurze Reise in die Zentralkordillere. Unterwegs musste der damals noch junge Hettner seine anfangs hochgesteckten Ziele nach und nach herunterschrauben. Bei seinen Beobachtungen stellte er die Untersuchung des Naturraums und der geologischen Struktur der Ostkordillere, deren Morphologie und ihre genaue Kartierung in den Vordergrund. Hingegen vernachlässigte er sozialgeographische Inhalte weitgehend, obwohl diese aus heutiger Sicht sehr interessant gewesen wären. Seine Aussagen zur Stadtgeographie Bogotás und den vorherrschenden Problemen erweisen sich sowohl auf die kolumbianische Gegenwart übertragbar, als auch auf die Situation anderer hispanoamerikanischer Staaten. Einige seiner Aussagen müssen jedoch (lt. Peter Weichhart) abgelehnt werden. Er stellt beispielsweise die naturdeterministische These auf, dass sich Lebensweisen und sogar Charaktereigenschaften von Menschen durch die natürlichen Umweltbedingungen erklären ließen. Diese Denkweise gilt heutzutage als veraltet.

Gegnerschaft zu Siegfried Passarge[Bearbeiten]

Ein Themenbereich, in dessen Diskussion Hettner viel Energie steckte, war die Landschaftsgeographie. Sie wurde 1919 von Siegfried Passarge (Professor am Kolonialinstitut Hamburg) in seinem 3-bändigen Lehrbuch Die Grundlagen der Landschaftskunde[1] begründet. Er wollte dieses Teilgebiet der Geographie von der rein morphologischen zu einer umfassenderen Betrachtungsweise der Landschaft führen, indem er sie um die Querverbindungen zur Orographie, Geologie, Geomorphologie und Klimakunde sowie Pflanzen- und Tierwelt ergänzte.

Hettner wandte sich heftig gegen diese ihm künstlich erscheinende Sichtweise. Für ihn war insbesondere die vergleichende Landschaftskunde unannehmbar. Zitat aus einer Streitschrift: „Aber in den dort entwickelten Grundsätzen ist doch gar nichts Neues, wenn man statt des Wortes ‚landschaftskundlich‘ ‚geographisch‘ setzt.“ Er sah die bisherige Länderkunde für völlig ausreichend und plädierte im Widerspruch zu Passarge für eine chorografische Sicht der Landschaft: sie entspreche einer Stufenleiter von Individualräumen, welche die verschiedenen Erdräume nach Größe einteilt in Erdteil, Land, Landschaft und schließlich Örtlichkeit als kleinste Einheit der Größengliederung.

Der zentrale Kritikpunkt Hettners war aber, dass Passarges selbständige räumliche Landschaftskunde ohnehin der (bisherige) Inbegriff der Geographie sei: Als Wissenschaft von der „Auffassung der Erdoberfläche nach ihrer räumlichen Verschiedenheit“ habe sie eine besondere chorologische Betrachtungsweise, die „nur ihr als Wissenschaft eignet und ihre Daseinsberechtigung im System der Wissenschaften begründet. Die Chorologie weist der Geographie den Status der Raumwissenschaft zu, so wie man von Geschichte als Zeitwissenschaft sprechen könnte“.[2]

Ehrungen[Bearbeiten]

Zu Ehren Hettners wurde der Hettnerweg in Berlin-Wilhelmstadt nach ihm benannt. 1930 hatte ihn die Österreichische Akademie der Wissenschaften zum korrespondierenden Mitglied gewählt. Diese Mitgliedschaft wurde 1940 aufgrund Hettners Herkunft aberkannt und 1945 wiederhergestellt.[3]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

Alfred Hettner war Herausgeber der Geographischen Zeitschrift und anderer Werke. Durch seine neuartige und weitgefasstere Betrachtung der Geographie, wird er als einer der wissenschaftlichen Begründer der Geographie in Deutschland angesehen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Plewe: Hettner, Alfred. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 9, Duncker & Humblot, Berlin 1972, ISBN 3-428-00190-7, S. 31 f. (Digitalisat).
  • Francis Harvey, Ute Wardenga: The Hettner-Hartshorne connection. Reconsidering the process of reception and transformation of a geographic concept. In: Finisterra Vol. 33, Nr. 65, Lissabon 1998, S. 131–140 (Volltext als PDF)
  • Ute Wardenga: Geographie als Chorologie. Zur Genese und Struktur von Alfred Hettners Konstrukt der Geographie. Erdkundliches Wissen 100, Stuttgart 1995
  • Ute Wardenga: Geographie als Chorologie. Alfred Hettners Versuch einer Standortbestimmung. In: 100 Jahre Geographie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (1895–1995). Heidelberger Geographische Arbeiten 100, Heidelberg 1996, S. 1–17.
  • Ute Wardenga: Defining geography – the struggle and development of Alfred Hettner’s methodological construct. In: Watts, M. J. (Ed.): Struggles over geography violence, freedom and development at the millennium. Hettner lectures 3, Heidelberg 2000, S. 113–126.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siegfried Passarge: Die Grundlagen der Landschaftskunde (Bände I–III), L. Friederichsen & Company, 1919–1920
  2. Johannes Doll: Landschaft und Kulturlandschaft – Begriffsentwicklung und Definition, Studienarbeit Univ. München, 2. Auflage Grin-Verlag 2007, S. 3 ff. (Auszug bei Google Books)
  3. Vertriebene Wissenschaftler. Presseinformation ÖAW 12. März 2008 (Webdokument)