Alfred Pringsheim

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Alfred Pringsheim in jüngeren Jahren

Alfred Pringsheim (* 2. September 1850 in Ohlau, Provinz Schlesien; † 25. Juni 1941 in Zürich, Schweiz) war ein deutscher Mathematiker und Kunstmäzen.

Familie und akademische Laufbahn[Bearbeiten]

Alfred Pringsheim entstammte einer äußerst wohlhabenden schlesischen Kaufmannsfamilie jüdischer Abstammung. Er war neben seiner Schwester Martha das erste Kind und einziger Sohn des oberschlesischen Eisenbahnunternehmers und Kohlegrubenbesitzers Rudolf Pringsheim (1821–1906) und seiner Frau Paula, geb. Deutschmann (1827–1909).

Pringsheim besuchte das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau. In den Fächern Musik und Mathematik war er ein hochbegabter Schüler. Ab 1868 studierte er Mathematik und Physik in Berlin und an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. 1872 wurde er bei Leo Königsberger zum Doktor der Mathematik promoviert. 1875 übersiedelte er von Berlin, wo seine Eltern lebten, nach München, um sich dort 1877 zu habilitieren. Zwei Jahre später wurde er Privatdozent an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Hedwig Pringsheim als junge Frau
Palais Pringsheim in der Arcisstraße 12
Innenansicht

1878 heiratete er die Berliner Schauspielerin Gertrude Hedwig Anna Dohm (1855–1942), deren Mutter die bekannte Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm (1831–1919) war. Zusammen hatten sie die fünf Kinder: Erik (* 1879), Peter (1881–1963), Heinz (*1882) und die 1883 geborenen Zwillinge Klaus und Katharina genannt Katia. Sein erstgeborener Sohn Erik wurde aufgrund seines Lebenswandels und seiner Spielschulden nach Argentinien verbannt, wo er jung starb. Seine Söhne Peter und Klaus schlugen hingegen wie ihr Vater die akademische Laufbahn ein und hatten Professuren für Physik bzw. Komposition inne. Heinz war ein promovierter Archäologe. Die Tochter Katia war die erste Abiturientin Münchens und gehörte zu den ersten aktiven Studentinnen an der Münchener Universität. Sie wurde später die Ehefrau des Schriftstellers und Nobelpreisträgers Thomas Mann. Thomas Mann hat seinen Schwiegervater in der Person des Samuel Spoelman in seinem Roman Königliche Hoheit dargestellt.

Im Jahr 1886 wurde er an der Ludwig-Maximilians-Universität zum außerordentlichen Professor der Mathematik ernannt. 1889 bezog Pringsheim mit seiner Familie die Neo-Renaissance-Villa in der Arcisstraße 12. Das Haus wurde vom Berliner Büro Kayser & von Großheim geplant, und die Inneneinrichtung wurde von Joh. Wachter und Hofmöbelfabrikant O. Fritsche in München geliefert.

1898 erfolgte die Wahl zum ordentlichen Mitglied der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, aus der er 1938 entlassen wurde. 1901 wurde er zum ordentlichen Professor der Münchner Universität ernannt, und 1906 war er Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. 1922 wurde er emeritiert. An der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen war er ein korrespondierendes Mitglied. Die Leopoldina ernannte ihn ebenfalls zum Mitglied.

Neben Mathematik hat sich Pringsheim seit seiner Jugend intensiv mit Musik beschäftigt. So bearbeitete er verschiedene Kompositionen Wagners für Klavier. Später hat er sich auch mit kunstwissenschaftlichen Dingen beschäftigt und eine bedeutende Kunstsammlung (Majolika und Gemälde) aufgebaut. Besonders hervorzuheben ist seine Sammlung von Werken der Gold- und Silberschmiedekunst der Renaissance.

Mathematische Arbeiten[Bearbeiten]

Auf dem Gebiet der Mathematik veröffentlichte Pringsheim zahlreiche Arbeiten zur Funktionentheorie. Hier widmete er sich besonders den unendlichen Reihen. Dazu schrieb er Abhandlungen in den Mathematische Annalen und den Sitzungsberichten der Bayerischen Akademie. Weitere Themen waren die Grundlagen der Arithmetik und der Funktionenlehre, die er als Artikel für die Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften schrieb.

Er trat vor allem als Vertreter der Weierstraß'schen Analysis auf und befasste sich besonders mit der Geschichte der Mathematik sowie mit reellen und komplexen Funktionen.

Bekanntschaft mit der Familie Wagner[Bearbeiten]

Schon in jungen Jahren beschäftigte er sich sehr intensiv mit der Musik, wobei er insbesondere von den Werken von Richard Wagner fasziniert war. So führte er eine Korrespondenz mit Wagner persönlich, die er später mit ins Exil in die Schweiz nahm. Die musikalische Neigung führte dazu, dass er einige Bearbeitungen der Werke von Wagner veröffentlichte. Auch betätigte er sich als Schriftsteller auf dem Gebiet der Musik.

Die Bekanntschaft mit Wagner war so intensiv, dass er ihn finanziell sehr förderte und auch die Festspiele in Bayreuth unterstützte.[1] Als Dank erhielt er eine Urkunde, die ihn als Patron titulierte und ihm ein Anrecht auf einen Sitzplatz bei bestimmten Aufführungen zusicherte. Seine Enkelin Erika Mann schrieb in ihren Erinnerungen über diese Bekanntschaft mit Wagner, Pringsheim habe sich demzufolge sogar einmal in ein Duell eingelassen, als jemand Wagner beleidigte.

Einkommen und NS-Verfolgung[Bearbeiten]

Pringsheim war allein durch Familienvermögen sehr wohlhabend. Als ordentlicher Professor hatte er zusätzlich ein sehr gutes Monatsgehalt. Nach dem Tod des Gründervaters im Jahr 1913 verfügte er über ein Vermögen von 13 Millionen und ein jährliches Einkommen von 800.000 Mark,[2] was nach heutigem Geldwert einem Vermögen von rund 54 Millionen bzw. einem Einkommen von 3,3 Millionen Euro entspricht.[3] In seinem Münchener Wohnhaus in der Arcisstraße 12 traf sich an großen Abenden ganz München. Diese großbürgerliche Villa erschien allerdings im Verhältnis zum elterlichen „Palais Pringsheim“ in Berlin eher bescheiden.

Mit dem Ersten Weltkrieg begann jedoch auch für ihn der finanzielle Abstieg. Er betrachtete sich als deutschen Staatsbürger, der den „mosaischen Glauben“ (= konservatives bzw. orthodoxes Judentum) nicht mehr praktizierte. Doch die christliche Taufe hatte er stets verweigert. Als „deutscher Patriot“ zeichnete er Kriegsanleihen, die nach dem Krieg ihren Wert verloren hatten, sodass er damit einen großen Teil seines Kapitalvermögens einbüßte. Die Folgen der fatalen Hyperinflation von 1922/1923 führten zu weiteren großen Verlusten.

Als Folge musste er sich von den Stücken seiner Kunstsammlung trennen, darunter vermutlich dem Wand-Fries von Hans Thoma. Die Verluste kommentierte er mit den Worten: Ich lebe von der Wand in den Mund. Vor allem aus Altersgründen (er war schon mindestens Mitte 70 Jahre alt), wollte er nicht - wie die meisten seiner Familienmitglieder - ins Ausland gehen, sondern in Deutschland bleiben. Als die Verfolgung und die Enteignung der jüdischen Bevölkerung begann, ging er den ganzen Weg der Erniedrigung und Entrechtung, die das NS-Regime den Bürgern jüdischer Abstammung aufzwang. Eine Ausreise wurde ihm zunächst verweigert. Auch Winifred Wagner konnte den alten Wagner-Verehrern nicht mehr helfen. Durch die Intervention seines ehemaligen Nachbarn Karl Haushofer, der mit Rudolf Heß befreundet war, und des Mathematik-Professors Oskar Perron, eines ehemaligen Studenten von Alfred Pringsheim, sowie durch die Initiative eines couragierten SS-Mannes, der ihnen im letzten Augenblick die Pässe beschaffte, gelang es ihm nach weiteren sehr schweren Demütigungen, am 31. Oktober 1939 mit seiner Frau in die Schweiz nach Zürich auszureisen. Mit dem Resterlös der von den Nationalsozialisten sehr schnell vorangetriebenen Zwangsversteigerung der Majolika-Sammlung konnte er die sogenannte Reichsfluchtsteuer bezahlen.

Sein Haus wurde 1933 an die NSDAP zwangsverkauft. Es wurde abgerissen und an dieser Stelle der Verwaltungsbau der NSDAP errichtet, in dem bis 1945 die Kartei aller deutschen NSDAP-Mitglieder lagerte. Heute heißt der Bau Münchner Haus der Kulturinstitute. Die aktuelle Adresse lautet Katharina-von-Bora-Straße 10; die Arcisstraße ist inzwischen kürzer als zur Zeit Pringsheims.

Pringsheim starb am 25. Juni 1941 in Zürich. Angeblich verbrannte seine Frau daraufhin den gesamten in die Schweiz mitgenommenen Nachlass von Alfred Pringsheim, darunter die Briefe von Richard Wagner. Ein Jahr später verstarb auch sie.

Werke[Bearbeiten]

  • Daniel Bernoulli - Versuch einer neuen Theorie der Wertbestimmung von Glücksfällen, 1896
  • Irrationalzahlen und Konvergenz unendlicher Prozesse, Leipzig 1898
  • Über Wert und angeblichen Unwert der Mathematik - Festrede gehalten in der öffentlichen Sitzung der Königlich Bayerischen Akademie der Wissenschaften zu München zur Feier ihres 145. Stiftungstages am 14. März 1904
  • Uber Konvergenz und Funktionentheoretischen Charakter Gewisser Limitar-Periodischer Kettenbruche, München 1910
  • Majolica, Leiden 1910
  • Über den Taylorschen Lehrsatz für Funktionen einer reellen Veränderlichen, Sonderabdruck der Königlichen Akademie der Wissenschaften 1913,
  • Majolikasammlung Alfred Pringsheim in München, Leiden 1914
  • Vorlesungen über Zahlenlehre - Erster Band Zweite Abteilung ,I.2, Unendliche Reihen mit Reellen Gliedern, Leipzig 1916
  • Über singuläre Punkte gleichmässiger Konvergenz - Vorgetragen am 6. Dezember 1919 in München, Bayerische Akademie der Wissenschaften 1920 (Sitzungsberichte des Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Physikalische Klasse; Sonderabdruck Jahrgang 1919)
  • Grundlagen der allgemeinen Funktionenlehre
  • Vorlesungen über Funktionslehre. Erste Abteilung: Grundlagen der Theorie der analytischen Funktionen einer komplexen Veränderlichen, Leipzig und Berlin 1925
  • Vorlesungen über Zahlen- und Funktionenlehre, 2 Bände (Bibliotheca Mathematica Teubneriana, Bände 28,29). Leipzig, 1916-1932
  • Kritisch-historische Bemerkungen zur Funktionentheorie, Reprint 1986 ISBN 3769640713

Quellen[Bearbeiten]

  • Ernst Klee, Das Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt/Main 2007
  • Franz Neubert (Hrsg.), Deutsches Zeitgenossen-Lexikon, Leipzig 1905
  • Herrmann A. L. Degener, Wer ist's, Leipzig 1911
  • Herrmann A. L. Degener, Wer ist's, Berlin 1935
  • Tilmann Lahme, Von der Wand in den Mund - Ordnung und spätes Leid im Haus der Schwiegereltern Thomas Manns: Die Pringsheims im Münchner Jüdischen Museum, Artikel in der FAZ vom 7. April 2007

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulf Hashagen: Pringsheim, Alfred. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 724 f. (Digitalisat).
  • Inge und Walter Jens: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. Rowohlt, Reinbek 2005, ISBN 3-498-03337-9
  • Inge und Walter Jens: Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn - Die Südamerika-Reise der Hedwig Pringsheim 1907/8. Rowohlt, Reinbek 2006, ISBN 3-498-05304-3
  • Kirsten Jüngling/Brigitte Roßbeck: Katia Mann. Die Frau des Zauberers. Propyläen, Berlin 2003, ISBN 3-54907-191-4
  • Alexander Krause: Arcisstraße 12: Palais Pringsheim – Führerbau – Amerika Haus – Hochschule für Musik und Theater. Buch & Media, München 2005, ISBN 978-3-86520-094-5
  • Katia Mann: Meine ungeschriebenen Memoiren. Fischer, Frankfurt 2000, ISBN 3-596-14673-9
  • Inge und Walter Jens: Frau Thomas Mann. Das Leben der Katharina Pringsheim. Rowohlt, Reinbek, 2003, ISBN 3-498-03338-7
  • Lorenz Seelig: Die Münchner Sammlung Alfred Pringsheim – Versteigerung, Beschlagnahmung, Restitution. In: Entehrt. Ausgeplündert. Arisiert. Entrechtung und Enteignung der Juden, bearb. von Andrea Baresel-Brand (= Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste, Bd. 3). Magdeburg 2005, S. 265-290, ISBN 3-00-017002-2

Film[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eleonore Büning: Sensationsfund im Wagner-Jahr: Und Cosima grinst freundlichst, FAZ.Net, 21. Februar 2013
  2. Klaus Harpprecht: Thomas Mann. Eine Biographie, Rowohlt, Reinbek 1995, S. 215
  3. http://fredriks.de/HVV/kaufkraft.htm

Weblinks[Bearbeiten]