Alfred Redl

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Alfred Redl (* 14. März 1864 in Lemberg, Galizien; † 25. Mai 1913 in Wien) war ein österreichischer Nachrichten-Offizier, der in der Zeit der politischen Spannungen in Europa und des Balkankriegs militärische Geheimnisse der österreich-ungarischen Armee an Russland, Italien und Frankreich verriet. Während des größten Teils seiner Dienstzeit war er in leitender Stellung im Evidenzbüro, dem militärischen Nachrichtendienst tätig und bekleidete zuletzt den Rang eines Obersts und Generalstabschef des VIII. Korps in Prag. Dank seines Zuganges zu fast allen geheimen Unterlagen der Armee konnte er zu einem der wichtigsten Spione des russischen Geheimdienstes werden. Zuletzt verriet er Staatsgeheimnisse auch an den italienischen und französischen Geheimdienst. Redl beging im Zuge seiner Enttarnung Selbstmord.

Alfred Redl

Jugendjahre[Bearbeiten]

Redl wurde 1864 als Sohn von Franz und Mathilde Redl in Lemberg, der damaligen Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Galizien und Lodomerien, geboren. Sein Vater hatte zunächst den Offiziersberuf ergriffen, musste jedoch die Armee mit 31 Jahren verlassen, weil er die für eine standesgemäße Hochzeit erforderliche Heiratskaution nicht aufbringen konnte. Es gelang ihm, eine adäquate Anstellung bei der k.k. Carl-Ludwig-Bahn in Lemberg zu bekommen. Dort stieg er bis zum Eisenbahn-Oberinspektor auf. Franz Redls sieben Kinder waren beruflich erfolgreich: Zwei seiner Söhne wurden Berufsoffiziere, einer Architekt, einer Jurist und einer Bahnbeamter wie sein Vater. Die beiden Töchter ergriffen den Lehrberuf. Die Tatsache, dass sich der Vater auch erfolgreich bemühte, die Kinder dreisprachig − polnisch, ruthenisch und deutsch − zu erziehen, sollte für die Karriere Alfred Redls entscheidende Bedeutung erlangen.

Alfred Redl trat nach dem Besuch der Unterrealschule im Alter von fünfzehn Jahren in die k.k. Kadettenschule Karthaus ein, die in einem Vorort von Brünn gelegen war. Redl war homosexuell, was damals bei öffentlichem Bekanntwerden zur Entlassung aus dem Staatsdienst, gesellschaftlicher Ächtung und einem Gerichtsverfahren geführt hätte. Redl verließ Karthaus 1883 als Kadett-Offiziersstellvertreter mit „sehr gutem Erfolg“ und wurde nach vierjähriger Truppenverwendung beim Infanterieregiment Nr. 9 in Lemberg „vom Offizierskorps der Beförderung zum Leutnant für würdig empfunden“. Mit einer überdurchschnittlich guten Beurteilung seiner Vorgesetzten versehen, bewarb er sich gemeinsam mit mehreren hundert anderen Bewerbern um Zulassung zur Ausbildung an der k.u.k. Kriegsschule, der Ausbildungsstätte für Offiziere des Generalstabsdienstes. Es spricht für Redls überdurchschnittliche Fähigkeiten, dass er 1892 als Absolvent einer gewöhnlichen Kadettenschule nicht nur das Auswahlverfahren positiv absolvierte, sondern 1894 auch zu jenen 25 Offizieren gehörte, die den Lehrgang positiv abschlossen. Bereits vor seiner Einberufung musste sich Redl wegen einer syphilitischen Erkrankung in Behandlung begeben, die vor der Entdeckung von Antibiotika häufig einen chronischen und nicht selten tödlichen Verlauf nahm. 1892 war die Krankheit laut einer Dienstbeschreibung angeblich völlig geheilt.[1] Redls Obduktion nach seinem Suizid ergab allerdings, dass er nicht nur chronisch erkrankt war, sondern auch nicht mehr lange zu leben gehabt hätte.[2]

Generalstabsoffizier[Bearbeiten]

Nach seinem Abgang von der Kriegsschule war Redl bis 1895 im Eisenbahnbüro tätig, einer Dienststelle, die sich mit Transport- und Aufmarschplanungen beschäftigte. Dabei ging es auch darum, die Bahnstrecken möglicher Kriegsgegner auszukundschaften. Von besonderer Bedeutung war diese Aufgabe in Russland, da dort Landkarten der Geheimhaltung unterlagen und der Verlauf von Bahnstrecken vielfach nur durch persönliche Bereisung festgestellt werden konnte.

Nach dieser relativ kurzen Dienstverwendung war Redl mehrere Jahre bei Truppenstäben eingesetzt, zunächst in Budapest und dann – bereits als Hauptmann – in seiner Heimatstadt Lemberg. 1899 wurde er auf Weisung des Chefs des Generalstabes Friedrich von Beck-Rzikowsky auf einen Sprachkurs nach Russland geschickt. In Kasan erwarb er dann jene Kenntnisse, die das Sprungbrett zu seiner Dienstverwendung in der „russischen Gruppe“ des Wiener Evidenzbüros im Generalstab waren, die im Jahr 1900 begann. Dieses Evidenzbüro sammelte die aus den verschiedensten Quellen stammenden Meldungen militärischer Relevanz, die täglich dem Chef des Generalstabes und einmal wöchentlich dem Kaiser Franz Joseph I. (bis 1913 handschriftlich) vorgelegt werden mussten. Dafür standen 20 Offiziere zur Verfügung, ein Bruchteil dessen, worüber der deutsche, geschweige denn der russische Generalstab verfügten. Der Personal- und Geldmangel beruhte vor allem auf der Tatsache, dass das Evidenzbüro dem Außenministerium unterstand, das als eines der drei k.u.k. Ministerien von Ungarn mitfinanziert wurde, das den gemeinsamen Institutionen grundsätzlich nur minimale Mittel zubilligen wollte.

Redl avancierte rasch. Nach wenigen Monaten kam er bereits in das Kundschaftsbüro, das für die nachrichtendienstliche Überwachung aller auswärtigen Staaten zuständig war. 1905 wurde er zum Major befördert und übernahm 1907 die Leitung des Kundschaftsbüros. Wenige Monate später wurde er zum stellvertretenden Leiter des Evidenzbüros, was ihn zu einem der engsten Vertrauten des Chefs des Generalstabs machte. Nach seiner Beförderung zum Oberst im Mai 1912 wurde Redl am 18. Oktober desselben Jahres als Generalstabschef des VIII. Armeekorps nach Prag versetzt, das vom ehemaligen Evidenzbüro-Leiter Arthur Giesl von Gieslingen kommandiert wurde.

Spionagetätigkeit[Bearbeiten]

Lange Zeit wurde angenommen, dass die russische Ochrana, die damals federführend für die Auslandsspionage zuständig war und Büros in Moskau, Sankt Petersburg und dem damals russischen Warschau unterhielt, aktiv an Redl herangetreten sei. Sie arbeitete eng mit der „Abteilung für das Kundschafterwesen“ im zaristischen Generalstab zusammen. Für Österreich war die Ochrana-Abteilung in Warschau zuständig, die eine Stärke von 50 Mann hatte, 150 gehörten zur Reserve. Chef des Kundschafterwesens war Oberst Nikolai Stepanowitsch Batjuschin, der um 1901 einen perfekt deutsch sprechenden Balten-Deutschen namens Pratt als „Urlauber“ nach Wien schickte, um einen möglichst hochrangigen Konfidenten des Wiener Evidenzbüros anzuwerben. Auf seiner Suche nach Schwachstellen im Privatleben dieser Offiziere wurde er 1903 angeblich bei Hauptmann Redl fündig, der zu dieser Zeit eine homosexuelle Beziehung mit einem Leutnant Meterling des Dragonerregimentes Nr. 3 führte. Pratt soll Redl damit erpresst und zur Spionage für die Ochrana genötigt haben.

Historiker vertreten inzwischen die Auffassung, dass eine solche Erpressung nie stattgefunden habe, da sich in den Quellen der Moskauer Archive keinerlei Hinweise auf Redls Homosexualität finden, und dass die Initiative von Redl selbst ausgegangen sei, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren.[3] Möglicherweise war den russischen Agenten die Identität ihres Informanten nicht einmal bekannt, weil Redl den Kontakt verdeckt angebahnt hatte und die Übermittlung von Unterlagen und Geld immer per Post erfolgte.[4] Redl wurde zunächst vom russischen Militärattaché Baron de Roop betreut, eine Tätigkeit, die Franz Joseph seinen Militärattachés in anderen Ländern ausdrücklich verboten hatte. Als de Roop das Land wegen Spionage verlassen musste, übernahm die Betreuung dessen Nachfolger Oberst Mitrofan Martschenko, der später aus dem gleichen Grund ausgewiesen wurde. Dieser urteilte über Redl im Oktober 1907 wie folgt:

„tückisch, verschlossen, konzentriert und pflichtbewusst, gutes Gedächtnis... Süße, weiche, sanfte Sprache, ... eher schlau und falsch, als intelligent und talentiert. Zyniker…“[5]

Da die Russen Redl großzügig entlohnten, war er nun in der Lage, ein Leben zu führen, das sonst nur Aristokraten vorbehalten war. Er verkehrte grundsätzlich nur in Lokalen der gehobenen Klasse und leistete sich zwei teure Automobile, eigene Dienerschaft, Pferde, Apanagezahlungen an seine Liebhaber (zuletzt der Ulanenleutnant Stefan Horinka).[6] Um seine Einnahmen zu optimieren, begann er seine Unterlagen auch dem italienischen und dem französischen Geheimdienst anzubieten, wodurch er auf einen Jahresverdienst von etwa 50.000 Kronen kam.

Redl übergab nicht oft Unterlagen, wenn, dann waren sie aber umfangreich und von hoher militärischer Bedeutung für die Gegner der Monarchie. Er verriet so gut wie alles, was in der k.u.k. Armee der Geheimhaltung unterlag: Mobilmachungspläne, Truppenstärken, Inspektionsberichte, Festungspläne. Er fotografierte die Unterlagen und entwickelte die Aufnahmen selbst. Er enttarnte auch österreichische Spione, die in Russland allerdings nicht alle hingerichtet wurden, wie gelegentlich in Büchern über Redl behauptet wird.[7] Darüber hinaus lancierte er im Generalstab falsche russische Berichte über die russische Truppenstärke, die Qualität der Truppen und die Dauer der Mobilmachung, die geringer dargestellt wurde.

Die Rückschläge, die der österreichische Kundschafterdienst erlitt, fielen natürlich auf. Redl und seine Auftraggeber verstanden es allerdings, diese Rückschläge durch vermeintlich „erfolgreiche Aktionen“ wettzumachen. Diese beruhten auf falschen russischen Geheimdokumenten und „enttarnten“ russischen Agenten, die für Redls Auftraggeber zur Belastung geworden waren und geopfert wurden. Unverständlich ist allerdings, dass man dem Ursprung seines öffentlich zur Schau getragenen Reichtums niemals ernsthaft auf den Grund ging. Der österreichische Nachrichtendienst begnügte sich mit der Erklärung von Redls Erbschaft, die in Wirklichkeit aber ganz unbedeutend war.

Einmal entging Redl nur mit Glück seiner Enttarnung. 1909 war Major Lelio Graf Spannocchi Militärattaché in St. Petersburg.[8] Spannocchi hatte sich durch besondere Leistungen für diese Aufgabe qualifiziert und das Vertrauen des Kaisers erworben. In St. Petersburg freundete er sich mit dem britischen Militärattaché Guy Percy Wyndham (1865–1941) an, der ihm eines Tages anvertraute, dass ein hoher österreichischer Generalstabsoffizier den Russen alle militärischen Geheimnisse zuspiele, die sie haben wollten. Spannocchi teilte dies dem Chef des Evidenzbüros, Oberst Hordlicka mit, der diesem Verdacht aber nicht nachging und ihn – als Spannocchi nun dem Kriegsminister persönlich Bericht erstatten wollte – bat, sich nicht an diesen, sondern an Oberst Redl zu wenden. Diesem gelang es, gemeinsam mit den Russen, Spannocchi bloßzustellen, seine Abberufung aus Moskau zu erreichen und seiner Karriere einen Schaden zuzufügen, der allerdings nicht von Dauer war.

Enttarnung[Bearbeiten]

Am 18. Oktober 1912 wurde Redl nach Prag versetzt, wo er als Generalstabschef des VIII. k.u.k. Korps eingesetzt wurde. Da er sich in seiner neuen Funktion kaum unauffällig mit Verbindungsleuten der Gegenseite treffen konnte, erfolgten die Geldsendungen zumeist per Post. Eine solche postlagernde Geldsendung, gerichtet an einen gewissen Nikon Nizetas, wurde vom Hauptpostamt Wien nach Ende der Behebungsfrist als unzustellbar an das Aufgabepostamt in Eydtkuhnen in Ostpreußen rückgesendet. Als man dort auf der Suche nach Hinweisen auf den Absender den Brief öffnete, kamen 6000 Kronen in Noten und Adressen zum Vorschein.[9] Der Brief wurde an den deutschen Nachrichtendienst weitergeleitet. Major Walter Nicolai fand im Brief zwei den Preußen und Österreichern bekannte Spionageadressen und informierte den österreichischen Major i.G. Maximilian Ronge vom Evidenzbüro. Der Brief war aber durch die amtliche Behandlung so gestaltet, dass der Empfänger „Lunte riechen“ musste. Major Ronge ließ einen neuen Brief verfassen, der von Major Nicolai in Berlin aufgegeben wurde.[10] Der Chef der Staatspolizei Edmund von Gayer ließ den Schalter für postlagernde Briefe im Postamt am Fleischmarkt über einen Monat lang überwachen. Seine einzige Hoffnung war, dass der Empfänger nochmals nach dem Brief fragen werde. Als Redl am 25. Mai 1913 den Brief abholte, wurde er verfolgt und anhand der handschriftlich ausgefüllten Abhol- und Aufgabescheine, die er weggeworfen hatte, als Adressat eindeutig identifiziert.[9]

Vertuschungsversuch des Generalstabes[Bearbeiten]

Für den Chef des k.u.k. Generalstabes, Franz Conrad von Hötzendorf, der in Ungarn, aber auch im Außenministerium ohnehin umstritten war, bedeutete dies einen doppelten Schlag. Neben dem Geheimnisverrat drohte nun ein peinlicher Prozess, der die Versäumnisse des Generalstabes bei der Sicherheitsüberprüfung von Offizieren in Schlüsselpositionen aufgezeigt und den Ungarn viel Munition geliefert hätte, die letztendlich zu seiner Abberufung hätte führen können. Er befahl deshalb absolute Geheimhaltung. Eine Offiziersdelegation sollte Redl in seinem Domizil (dem Hotel Klomser in der Wiener Herrengasse) aufsuchen und ihn verhaften. Die Delegation, bestehend aus dem Auditor Vorlicek, Urbanski vom Evidenzbüro, Conrad-Stellvertreter Höfler und Ronge, fand Redl, der seine Enttarnung schon vermutete, bei Suizidvorbereitungen in seinem Hotelzimmer.

„Ich weiß schon, weshalb die Herren kommen. Ich bin das Opfer einer unseligen Leidenschaft; ich weiß, dass ich mein Leben verwirkt habe, und bitte um eine Waffe, um mein Dasein beschließen zu können.[11]

Er gestand seinem ehemaligen Mitarbeiter Ronge, dass er in den Jahren 1910 und 1911 fremde Staaten im Großen bedient und ohne Komplizen gearbeitet habe.[12] Ronge holte eigens eine Pistole und ein Päckchen Gift aus seinem Büro, und man zog sich dann zurück, um dem Verbrecher sodann die Möglichkeit zu geben, seinem Leben ein rasches Ende zu bereiten.[12] In den Morgenstunden fand man ihn dann als Leiche. Conrad von Hötzendorf berichtete Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand, dem Generalinspektor der k.u.k. Armee, per Telegramm, Redl habe sich „aus bisher unbekannter Ursache“ erschossen.[13] Der Kaiser wurde in ähnlicher Form informiert. Eine ähnliche Depesche ging am 26. Mai auch an die Presse.[14]

Aufdeckung des Skandals[Bearbeiten]

Die Kommission wurde unverzüglich nach Prag geschickt, um Redls Unterkunft zu untersuchen und Spuren zu sichern. Sie traf um die Mittagszeit des Suizidtages ein. Da es Sonntag war, konnte man keinen beamteten Schlosser auftreiben, der Türen und andere verschlossene Behältnisse öffnen konnte. Man holte deshalb einen zivilen Schlosser, der diese Arbeit verrichtete. Dieser gehörte der Fußballmannschaft des DBC Sturm Prag an und versäumte durch den Auftrag ein wichtiges Spiel, weshalb er vom Ehrenobmann des Vereins, dem später als „rasender Reporter“ bekannt gewordenen Egon Erwin Kisch, damals Lokalreporter bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia, gerügt wurde. Als Kisch den Grund des Fernbleibens in allen Einzelheiten erfuhr, erkannte er, dass es sich bei dem Wohnungsinhaber nur um Oberst Redl handeln konnte, dessen Tod die Zeitungen gerade gemeldet hatten.[15] Den Angaben des Schlossers ließ sich entnehmen, dass Spionage und Homosexualität im Spiel waren. Aufgrund der Zensur konnte Kisch diese Sensationsmeldung lediglich in Form eines Dementis angeblich falscher Fakten bringen, sie erschien in Fettdruck auf der Titelseite der Montagausgabe der Bohemia:

„Von hoher Stelle werden wir um Widerlegung der speziell in Militärkreisen aufgetauchten Gerüchte ersucht, dass der Generalstabschef des Prager Korps, Oberst Alfred Redl, der vorgestern in Wien Selbstmord verübte, einen Verrat militärischer Geheimnisse begangen und für Russland Spionage getrieben habe.“[16]

Dieser Bericht sorgte für großes Aufsehen; auch Kaiser und Thronfolger erfuhren erst auf diese Weise von Redls Verrat. Ein Heer von Reportern begann sich mit dem Fall zu befassen. Die Darstellung Kischs, er sei alleine für die Aufdeckung verantwortlich gewesen, wird von vielen Seiten bezweifelt.[17] Obwohl Egon Erwin Kischs Hinweis auf den Fall Redl in der Prager Tageszeitung Bohemia nachzulesen ist, behauptet das Lexikon der Spionage im 20. Jahrhundert fälschlich:[18]

„Die angebliche Beteiligung des Reporters Egon Erwin Kisch (Prager Bohemia und Auslandskorrespondent des 'Berliner Tagblattes') an der Aufdeckung beruht auf seiner eigenen späteren Darstellung, für die es keine Beweise gibt.“

Die Darstellung von Kisch, über den Prager Schlosser auf die Affäre aufmerksam geworden zu sein, ist nach Recherchen von Michael Horowitz[19] eine Erfindung von Kisch, um einen hochrangigen Informanten zu schützen.[20] Das Kriegsministerium reagierte erst drei Tage später mit der Meldung, Redl habe sich das Leben genommen, „als man im Begriffe war, ihn wegen homosexueller Verfehlungen und Geheimnisverrat an fremde Mächte zu überführen“. Auch später noch verschwieg das Ministerium die Tatsache, dass man Redl zum Selbstmord gedrängt und dadurch eine lückenlose Aufklärung des Falles verhindert hatte. Der Leiter des Evidenzbüros, Urbanski, behauptete später, er habe einen schonungslosen Bericht abgeliefert, dieser sei jedoch von der Militärkanzlei des Thronfolgers verharmlost worden. Ein weiterer Skandal wurde publik, als ein Jugendlicher den Fotoapparat Redls erwarb und darin Aufnahmen streng geheimer militärischer Unterlagen fand. Sie waren bei der Durchsuchung von Redls Prager Wohnung übersehen worden.

Das österreichische Abwehramt stellte bei der Aufarbeitung des Falles fest, dass Redls Konto bei der Neuen Wiener Sparkasse seit Anfang 1907 in auffallend schneller Folge Einlagen verzeichnete: von 1905 bis 1913 insgesamt 116.700 Kronen.[6] Der Zeitraum und die Höhe der Einlagen legen nahe, dass Redls Verratshandlungen länger dauerten und bedeutender waren, als er sie kurz vor seinem Tod eingeräumt hatte. Eine endgültige Klärung war wegen Redls Tod nicht mehr möglich.

Alfred Redl wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf dem Wiener Zentralfriedhof in einem Grab ohne Grabstein (in der Gruppe 79, Reihe 27, Nummer 38) beigesetzt. Seine Grabstätte wurde in der Folge von wütenden Bürgern geschändet. Nachdem der Skandal abgeflaut war, wurde ein Grabstein aufgestellt. Dieser wurde 1944 von Nationalsozialisten entfernt. Heute ist das Grab offiziell aufgelassen und neu belegt. Seine Gebeine ruhen immer noch dort.[21]

Militärische Auswirkungen[Bearbeiten]

Als man in Redls Privaträumen die Kriegsordre de Bataille, die Mobilisierungsanweisungen für alle Eventualfälle, das Reservathandbuch, Maßnahmen der Spionageabwehr in Galizien, Deckadressen fremder Generalstäbe, Spionagekorrespondenzen, Dokumente über das Kundschafterwesen und anderes mehr gefunden hatte, ging man vom größten anzunehmenden Schaden – dem Verrat der österreichischen Aufmarschplanung gegen Russland – aus. Die gefundenen Unterlagen stellten die erforderlichen Kräfte zur Eröffnung von kriegerischen Operationen und ihre Verteilung im Raum dar. Diese Annahme wurde durch russische Historiker inzwischen bestätigt.

Nach der Aufdeckung der Affäre bemühte sich der österreichische Geheimdienst nach Kräften, sie in der Öffentlichkeit herunterzuspielen. Es wurde von einer ersten Spur im März 1912 gesprochen, Redls gesteigerter Geldbedarf „im Zusammenhang mit seiner verhängnisvollen Leidenschaft“ gesetzt und durch einen veröffentlichten Obduktionsbericht eine krankhafte Veränderung seines Gehirns behauptet. Gleichzeitig wurde versucht, die Aufmarschplanung zu ändern und der russischen Seite zu suggerieren, die verratenen Pläne hätten noch Geltung.

Viele Historiker nehmen an, dass Redls Verrat zu den verheerenden Niederlagen Österreich-Ungarns während der ersten Monate des Ersten Weltkriegs zumindest beigetragen hat, da die verratenen Pläne sehr umfangreich waren und in der kurzen Zeit zwischen seinem Tod und dem Ausbruch des Weltkriegs nicht völlig umgestellt werden konnten. Da Redl außerdem österreichische und deutsche Spione in Russland auffliegen ließ und so die massive Aufrüstung der russischen Armee nach Kräften abschirmte, erhielt Österreich-Ungarn eine viel zu optimistische Vorstellung von den Kräfteverhältnissen. Der österreichische Abgeordnete zum Reichsrat Graf Adalbert Sternberg äußerte sich nach dem Ersten Weltkrieg hierzu (und im Hinblick auf den Verrat Redls an dem russischen Oberst im Generalstab Kyrill Petrowitsch Laikow, der Österreich nicht weniger als den gesamten russischen Aufmarschplan angeboten haben soll) wie folgt:

„Dieser Schurke [Redl] hat jeden österreichischen Spion denunziert, denn der Fall des russischen Obersten [Laikow] wiederholte sich mehrmals. Redl lieferte unsere Geheimnisse den Russen aus und verhinderte, dass wir die russischen Geheimnisse durch Spione erfuhren. So blieb den Österreichern und Deutschen im Jahre 1914 angeblich die Existenz von 75 Divisionen, die mehr als die gesamte österreichisch-ungarische Armee ausmachten, unbekannt…“[22]

Von Sternberg geht so weit, die Folgen des Falles Redl wie folgt zu analysieren:

„Hätten wir klargesehen, dann hätten unsere Generäle den Hofwürdenträger nicht zur Kriegserklärung getrieben.“[22]

Spionagehistoriker wie CIA-Chef Allen Dulles und der sowjetische General Michail Milstein bezeichneten Redl übereinstimmend als „Erzverräter“, der zu österreichisch-ungarischen Niederlagen in den ersten Kriegsmonaten beigetragen habe, allerdings ohne genauere Ausführungen.[23]

Andererseits vertraute der zaristische Generalstab offenbar ebenfalls auf die unveränderte Gültigkeit des von ihm gekauften Aufmarschplans und war überrascht, als die österreich-ungarische Hauptmacht 100 bis 200 km weiter westlich als angenommen vordrang, was zu den österreichischen Erfolgen in den Schlachten von Kraśnik und Komarów führte.[24]

Andere Historiker kommen zu dem Ergebnis, Redl habe überhaupt keine bedeutende Rolle gespielt, sei aber als „Sündenbock“ für Niederlagen der österreichisch-ungarischen Armee nützlich gewesen. In diesem Sinn argumentiert der englisch-australische Spionageautor Philip Knightley.[25] Die Darstellung, Redl sei an den vernichtenden Niederlagen der österreichisch-ungarischen Armee in der ersten Phase des Krieges mit Russland schuld gewesen, wird von ihm als sehr vage und im Grunde nicht bewiesen beschrieben. Der Schaden, den Redl der Operationsplanung zufügte, ist bis heute umstritten, es spricht aber inzwischen mehr dafür, dass die Informationen für seine russischen Geldgeber letztlich keinen entscheidenden Wert hatten.[26]

Zu einem ähnlichen und auf eine weit breitere Quellenbasis gestützten Urteil gelangen auch Leidinger und Moritz in der bislang letzten Studie zum Fall Redl. Zwar halten sie es für erwiesen, dass die russische Armee durch Spione wie Redl „am Vorabend des Ersten Weltkriegs über einen für die k.u.k. Armee besorgniserregenden Kenntnisstand“ verfügte,[27] dieses Faktum dürfe aber auch nicht überbewertet werden. Einerseits wurden zahlreiche Weisungen und Aufmarschelaborate für die Truppen nach der „Affäre Redl“ neu bearbeitet, andererseits waren der russischen Seite bestimmte naturräumliche u. a. Gegebenheiten, wie z. B. Eisenbahnkapazitäten, ohnehin bekannt, weswegen sich der Aufmarsch Österreich-Ungarns in einem Kriegsfall in gewisser Weise ohnehin „vorausberechnen“ ließ. Nicht vergessen werden darf auch, dass mit Kriegsbeginn 1914 zum Teil ganz andere, sich zudem ständig ändernde politisch-militärische Faktoren zum Tragen kamen, sodass ein starres Festhalten an den von Redl gelieferten Informationen in der dann jeweils aktuellen Situation wenig hilfreich sein musste.[28]

Verfilmungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Dokumentarfilm[Bearbeiten]

  • Fitzk Kaltis und Gerhard Jelinek: Leidenschaft und Verrat. Alfred Redl - der Jahrhundertspion. Erstsendung: 24. Mai 2013. [29]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. István Deák: Der K.(u.)K. Offizier 1848-1918. Böhlau, Wien 1995, ISBN 3-205-98242-8, S.175.
  2. Georg Markus: Der Fall Redl. Amalthea, Wien 1984, ISBN 3-85002-191-2, S. 33–35.
  3. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5; Herbert Lackner: Spion aus Leidenschaft. In: Profil, 42 (2012), 15. Oktober 2012, S. 26–34, hier S. 34. Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 231ff; Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906−1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 18; Verena Moritz, Hannes Leidinger, Gerhard Jagschitz: Im Zentrum der Macht. Die vielen Gesichter des Geheimdienstchefs Maximilian Ronge. Residenz-Verlag, Wien 2007, ISBN 978-3-7017-3038-4, S. 111.
  4. Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 145f. und 359 (Fußnoten).
  5. Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 232.
  6. a b Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 144.
  7. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5, S. 44f.
  8. Lelio Spannocchi war ein Onkel von Emil Spannocchi, dem Armeekommandanten des Österreichischen Bundesheeres von 1973 bis 1981.
  9. a b Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 228.
  10. Janusz Piekalkiewicz: Weltgeschichte der Spionage. Wien, Komet Verlag, 2002 ISBN 3-933366-31-3 S. 258f.
  11. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5, S. 110.
  12. a b Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 229.
  13. Georg Markus: Der Fall Redl. Amalthea, Wien 1984, ISBN 3-85002-191-2, S. 233.
  14. Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 142.
  15. Georg Markus: Der Fall Redl. Frankfurt am Main 1986, S. 235ff.
  16. Walther Schmieding (Hrsg.), Egon Erwin Kisch: Nichts ist erregender als die Wahrheit. Reportagen aus 4 Jahrzehnten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1979, ISBN 3-462-01320-3, Band 2: S. 79.
  17. Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906−1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 17; und Albert Pethö: Agenten für den Doppeladler. Österreich-Ungarns Geheimer Dienst im Weltkrieg. Stocker, Graz 1998, ISBN 3-7020-0830-6, S. 385ff.
  18. Helmut Roewer, Stefan Schäfer, Matthias Uhl: Lexikon der Geheimdienste im 20. Jahrhundert. Herbig Verlagsbuchhandlung, München 2003, ISBN 3-7766-2317-9.
  19. Michael Horowitz: Ein Leben für die Zeitung. Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch. Orac, Wien 1985, ISBN 3-85368-993-0.
  20. Herbert Lackner: Spion aus Leidenschaft. In: Profil, 42 (2012), 15. Oktober 2012, S. 26–34, hier S. 32.
  21. Clemens M. Gruber: Berühmte Gräber in Wien. Von der Kapuzinergruft bis zum Zentralfriedhof. Böhlau, Wien 2002, ISBN 3205770072, S. 60.
    Hellin Sapinski: Vor 100 Jahren: Der 'König der Vaterlandsverräter' stürzt. Die Presse vom 24. Mai 2013.
  22. a b Egon Erwin Kisch: Der Fall des Generalstabschefs Redl. Klett-Cotta, 1988, S. 59.
  23. Richard Grenier: Colonel Redl: The Man Behind The Screen Myth, „The New York Times“, 13. Oktober 1985.
  24. Albert Pethö: Der Fall Redl. In: Wolfgang Krieger (Hrsg.): Geheimdienste in der Weltgeschichte. Spionage und verdeckte Aktionen von der Antike bis zur Gegenwart. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50248-2, S. 138–150, hier: S. 150.
  25. Phillip Knightley: Die Geschichte der Spionage im 20. Jahrhundert. Scherz, Bern 1989, ISBN 3-502-16384-7.
  26. Günther Kronenbitter: „Krieg im Frieden“. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906−1914. Verlag Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-56700-4, S. 237.
  27. Vgl. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5, S. 226.
  28. Vgl. Verena Moritz, Hannes Leidinger: Oberst Redl. Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten. Residenz Verlag, Wien 2012, ISBN 978-3-7017-3169-5, S. 221–244.
  29. 3sat.de: [1] (Wiederholung: Freitag, 28. Juni 2013, 14.10 Uhr)
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Dieser Artikel wurde am 11. April 2007 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.