Alldeutscher Verband

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Näheres ist auf der Diskussionsseite „Lesenswert?“ angegeben. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung.

Der Alldeutsche Verband (bis 1894 Allgemeiner Deutscher Verband)[1] bestand von 1891 bis 1939. In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs zählte er zeitweise zu den größten und bekanntesten Agitationsverbänden.[2] Er wurde als eine der lautstärksten und einflussreichsten Organisationen des völkischen Spektrums wahrgenommen. Sein Programm war expansionistisch, pangermanisch, militaristisch und nationalistisch. Regional trat der Alldeutsche Verband in Personalunion mit sogenannten Kriegervereinen auf.

Bei den Alldeutschen in Österreich-Ungarn kam schon vor dem Ersten Weltkrieg ein ausgeprägter Antisemitismus und Antislawismus hinzu.

Geschichte[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Der eigentliche Auslöser für die Gründung des Alldeutschen Verbandes war die Beratung des Helgoland-Sansibar-Vertrages. Am 24. Juni 1890 veröffentlichten vier in der Schweiz lebende Deutsche, die Mediziner Adolf Eugen Fick, Walther Felix und Otto Lubarsch sowie der Buchhändler Albert Müller, in mehreren deutschen Tageszeitungen einen Aufruf gegen den Vertrag unter dem Motto „Deutschland wach’ auf!“ Theodor Reismann-Grone und Alfred Hugenberg setzten sich daraufhin mit den Initiatoren in Verbindung. Hugenberg verabredete die Gründung eines „Nationalvereins“ zur Förderung der deutschen Kolonialinteressen und erklärte sich bereit, dessen Organisation zu übernehmen. Am 28. September 1890 trafen sich Hugenberg und Reismann-Grone mit Adolf Fick (Onkel von Adolf Eugen Fick), Johannes Wislicenus (Schwiegervater von Adolf Eugen Fick), Theodor Eimer und Carl J. Fuchs in Frankfurt am Main zu einer vorbereitenden Besprechung.[3]

Entwicklung bis 1903[Bearbeiten]

Am 9. April 1891 wurde in Berlin mit Unterstützung Carl Peters’ der „Allgemeine Deutsche Verband“ ins Leben gerufen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten auch Emil Kirdorf, Emil Possehl, Friedrich Ratzel und andere. Als erste Ehrenmitglieder wurden Carl Peters[4] und der frühere Reichskanzler Otto von Bismarck aufgenommen.[5] 1894 wurde der Name Alldeutscher Verband gewählt. In den Alldeutschen Blättern vom 7. Januar 1894 wurde programmatisch verkündet:

„Der alte Drang nach Osten soll wieder lebendig werden. Nach Osten und Südosten hin müssen wir Ellbogenraum gewinnen, um der germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte bedarf, selbst wenn darüber solch minderwertige Völklein wie Tschechen, Slowenen und Slowaken, die das Nationalitätsprinzip anrufen, ihr für die Zivilisation nutzloses Dasein einbüßen sollten.[6]

Von 1893 bis 1908 war Ernst Hasse der geschäftsführende Vorsitzende. Im Gründungsaufruf hieß es, dass der neue Verband die Regierung nicht bekämpfen, sondern sie im Sinne seines Programms vorantreiben wolle. Die Kernziele waren die Belebung des vaterländischen Bewusstseins, Pflege und Unterstützung der deutschen Interessen im Ausland und die Förderung einer tatkräftigen deutschen Interessenspolitik.

Die Bezeichnung „alldeutsch“, zunächst nur als Erweiterung von „reichsdeutsch“ gedacht, bekam in den Äußerungen des Verbandes mit der Zeit die Nebenbedeutung „besonders gesinnungstreu patriotisch“; sie wurde zum Komparativ von „Deutsch“.[7]

Das Bekenntnis der Alldeutschen zur völligen, nicht an die reichsdeutschen Grenzen gebundenen Gemeinschaft aller Deutschen, ihre völkische Einstellung, machte natürlich vor allem die Habsburgermonarchie zu ihrem hauptsächlichen propagandistischen Angriffsziel,[8] da dort die größten deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen außerhalb des Deutschen Reiches lebten.

In den ersten Jahren gab es zahlreiche interne Streitigkeiten über den einzuschlagenden Kurs. So vertrat der damalige Vorsitzende Karl von der Heydt die Ansicht, dass der Verband eine eigene Partei gründen solle, während seine Kontrahenten strikte Unabhängigkeit und ein Heraushalten aus der Parteipolitik forderten. Diese Position setzte sich schließlich durch. Das alldeutsche Programm war in seinen Grundzügen bereits in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts fertig entwickelt. Expansion, Aufbau der Flotte, Förderung des Deutschtums und Kampf gegen die Minderheiten im Deutschen Reich. Der letztgenannte Aspekt richtete sich insbesondere gegen die Polen in Westpreußen und Oberschlesien und die Franzosen in Elsaß-Lothringen.

Radikalisierung seit 1903[Bearbeiten]

Eine Zäsur in der Geschichte des Alldeutschen Verbandes bildete der Verbandstag 1903. Hier hielt der spätere Vorsitzende Heinrich Claß eine Rede mit dem Titel „Bilanz des Neuen Kurses“. Mit dieser Rede, in der neben Reichskanzler Bernhard von Bülow auch Kaiser Wilhelm II. scharf angegriffen wurde, vollzog der Alldeutsche Verband den Übergang zur offenen Opposition. Der Führung des Deutschen Reiches wurde außenpolitisches Versagen vorgeworfen und ein energischeres Auftreten nach außen gefordert. Die immer schärfere Opposition des Verbandes gegen die Reichsleitung und Wilhelm II. führte den Verband jedoch an den Rand des Zusammenbruchs.

Deshalb sah sich der 1908 zum Vorsitzenden des Verbandes gewählte Claß genötigt, allmählich die scharfe Kritik an der Politik der Reichsleitung wesentlich zu mindern und – insbesondere in der Frage der Politik Deutschlands gegenüber Österreich-Ungarns – die Linie des Verbandes völlig zu revidieren. Stand bis 1908 letztlich der Anschluss der deutschen Gebiete Österreichs-Ungarns an Deutschland im Mittelpunkt, wurde nun ein enges Bündnis zwischen der Habsburger Doppelmonarchie und dem Deutschen Reich befürwortet. Das stieß allerdings auf erheblichen Widerstand innerhalb des Verbandes. Insbesondere Theodor Reismann-Grone, der Herausgeber der einflussreichen Rheinisch-Westfälischen Zeitung, wandte sich ganz entschieden gegen den veränderten Kurs von Claß.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges wagte Claß nicht, den Konflikt mit Reismann-Grone offen auszutragen, weil er dadurch letztlich eine Spaltung des Verbandes befürchten musste, was zu seiner politischen Bedeutungslosigkeit geführt hätte. Außerdem gab es erhebliche finanzielle Probleme, die den Verband letztlich bis zum Ausbruch des Weltkrieges nie zu einer Konsolidierung gelangen ließen. Hinzu kamen die wachsenden Widersprüche zu anderen nationalen Verbänden. Insofern gelang es der Berliner Regierung bis zum Ausbruch des Krieges, den Verband auf Distanz zu halten und nur bei Bedarf für ihre Interessen zu benutzen. Aber selbst in der zweiten Marokkokrise distanzierte sich der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Alfred von Kiderlen-Waechter von den Stellungnahmen der Verbandsleitung.

So zeigte der Ausgang der zweiten Marokkokrise die begrenzten Möglichkeiten der Alldeutschen, auf die Regierung tatsächlich Druck auszuüben. Auch ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland blieb eher begrenzt. Die Regierung unter Theobald von Bethmann Hollweg war in den Augen der Alldeutschen vor Frankreich zurückgewichen. Dies bedeutete in den Augen des Alldeutschen Verbandes ein Versagen der deutschen Politik. Als Konsequenz forderten die Alldeutschen eine verstärkte Heeresrüstung.

Die Zusammenarbeit mit den anderen nationalen Verbänden blieb äußerst begrenzt. Zu keinem Zeitpunkt konnte der Verband vor dem Ersten Weltkrieg die entscheidende Rolle innerhalb der nationalistischen Verbände Deutschlands spielen. Letztlich waren dafür die Widersprüche innerhalb des Verbandes entscheidend. Sie führten dazu, dass bei Kriegsausbruch neben dem sozialdemokratischen Vorwärts die Rheinisch Westfälische Zeitung, das Organ Reismann-Grones, verboten wurde, weil sie ganz entschieden gegen einen Kriegseintritt Deutschlands an der Seite Österreich-Ungarns eintrat.

Das Denken der Alldeutschen war durchdrungen von den Lehren des so genannten Sozialdarwinismus und Lamarckismus, vom Kampf ums Dasein, vom Recht des Stärkeren und der Überzeugung, das schnell wachsende deutsche Volk brauche mehr Lebensraum, um zu überleben. Bei der Gründung des Alldeutschen Verbandes hieß es: „Der alte Drang nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“ Hielt man ihnen vor, sie würden den Minderheiten jene Rechte absprechen, die sie ihrerseits für ihre Stammesgenossen im Ausland forderten, gaben sie offen zu, nur die Interessen des deutschen Volkes zu vertreten, also ihren nationalen Egoismus zum ideologischen Programm erhoben zu haben.[9]

Das gewaltige Echo, das die Alldeutschen vor und während des Krieges im Ausland auslösten, ging aber weniger auf die offiziellen Veröffentlichungen des Verbandes zurück, der sich aus taktischen Gründen oft möglichst mild und maßvoll gab, als auf die Schriften der sogenannten wilden Alldeutschen. So gehen die in den bekanntesten und umfangreichsten Werken ausländischer Autoren, die sich mit der alldeutschen Gefahr befassen, angeführten Zitate nur zu einem Bruchteil auf den Verband selbst zurück. Die alldeutschen Kreise waren geprägt von Rassendünkel, schärfstem Antisemitismus, einem die Expansion fordernden Autarkiekomplex und dem Bekenntnis zum Krieg als schöpferischer Lebenskraft, als Erneuerer und Erhalter, der große Arzt und Gärtner, der die Menschheit auf ihrem Wege zur Höherentwicklung begleitet.[10]

Der Staat, den die Alldeutschen in ihren Schriften planten, hätte mit seinen rigiden Ordnungsvorschriften und der Förderung der rassischen Reinheit seiner Bewohner die überzeichnete Weiterentwicklung des autoritär strukturierten preußischen Militärstaates mit seiner Obrigkeitsgläubigkeit und allgemeinen Vereinheitlichung, verbunden mit Diskriminierung von Randgruppen und Andersdenkenden, bedeutet. Die Überbetonung des Deutschtums mit gleichzeitiger Vertreibung oder Zwangsassimilierung der slawischen und jüdischen Bevölkerung der annektierten Gebiete setzten die Alldeutschen gleich mit der Stärkung der alten deutschen Tugenden wie Fleiß, Pflichterfüllung und bodenständigem Konservativismus. Auch hier sollten Expansion und Stärkung nach außen innere Probleme, wie soziale Spannungen und wirtschaftliche oder rechtlich-politische Ungerechtigkeiten, verdrängen und damit scheinbar lösen.

Friedrich Ratzel

Im Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Der Erste Weltkrieg war für den Alldeutschen Verband eine Zeit der Hochblüte. Endlich standen seine Forderungen nach Expansion auf dem Kontinent nicht mehr isoliert da; seine Mitgliederzahl wuchs ebenso wie sein Einfluss auf die Rechtsparteien. Der Alldeutsche Verband entwickelte eine Bedeutung, die er in der deutschen Gesellschaft nie zuvor besessen hatte.[11]

Für erfolgreiche Kriegszielpropaganda war der Verband durch seine jahrelange Hetze, die ihn in bürgerlichen Kreisen stark diskreditierte, allerdings nicht gut geeignet. Daher blieb er weitgehend koordinierend und vermittelnd im Hintergrund, seine Mitglieder engagierten sich in Gruppen wie dem Unabhängigen Ausschuß für einen deutschen Frieden. Dieser wurde mit Mitgliedern wie Stresemann, Westarp, Wangenheim, später Tirpitz und H. St. Chamberlain und seinem alldeutschen Vorsitzenden Dietrich Schäfer zum Zentrum der Kriegszieldiskussion. Der Alldeutsche Verband agierte eher als eine Art politisch-ideologische Werkstatt, die den anderen Agitationsvereinen die geistigen Waffen lieferte. Später beteiligte sich der Ausschuss an der Gründung der Deutschen Vaterlandspartei als einer Art Syndikat aller nationalen Verbände (2. September 1917).[12]

Im Weltkrieg vertraten die Alldeutschen radikale Kriegsziele. So sollte eine mitteleuropäische Zollunion unter deutscher Hegemonie entstehen. Weiterhin sollten die Niederlande und die Schweiz sowie Belgien – sogenannte widerrechtlich abgetrennte Teile des Deutschen Reiches [1648–1806] – und die geschlossen deutschbesiedelten Teile Österreich-Ungarns sowie Liechtenstein (als 1866 verlorene Bundesteile) dem Deutschen Reich angegliedert und Teile Frankreichs unter deutsche Aufsicht gestellt werden. Ähnlich sahen die Pläne für die östlichen Grenzen aus: Russland sollte den Großteil seines westlichen Territoriums verlieren. Das britische Empire sollte zugunsten des deutschen Kolonialreichs zerschlagen werden.[13]

Im September 1914 formulierte der Vorsitzende Heinrich Claß eine Denkschrift über die Kriegsziele, die als Westgrenze die Linie Boulogne-Belfort, als Ostgrenze den Peipussee und die Dneprmündung vorsah.[14] Russland sei auf die Grenzen vor der Zeit Peters des Großen zurückzuwerfen und muss sogar Sibirien abtreten. Ein verkleinertes Polen, die „Restukraine“, sowie die Ostseestaaten seien in unterschiedliche Abhängigkeit von Deutschland zu bringen.[15] Der Osten sollte durch ausgedehnte Umsiedlungsprojekte durch Deutschland kolonisiert werden, England sollte Irland und seine Kolonien verlieren. Mit „vulgärnationalistischen Parolen, wie „Recht der Eroberung“ begründete er seine Forderungen.[16] Weniger in ihrer Tendenz als in ihren Ausmaßen missfiel die Claß'sche Denkschrift den Behörden, worauf sie Bethmann Hollweg beschlagnahmen ließ.[17] Die Pläne der Denkschrift im Osten unterschieden sich nicht wesentlich von denen Rosenbergs, im Reichskommissariat Ostland, 27 Jahre später, selbst der Jargon, „Umsiedlung“, „Eindeutschung“, „Hegemonie“ und „Großdeutschland“ ist weitgehend der gleiche.[18]

Keinen direkten Einfluss hatten die Alldeutschen hingegen auf die Oberste Heeresleitung (OHL), obwohl Hindenburg und Ludendorff deren Gedankenwelt innerlich nahestanden.[19] Alldeutsches Gedankengut konnte sich zwar nur beschränkt in der Armee ausbreiten, aber der Kreis um Ludendorff machte sich dieses Gedankengut zu eigen, sodass der Verband in der zweiten Hälfte des Krieges indirekt erhebliches Gewicht bekam; dabei diente der Ludendorff-Intimus und notorische Antisemit Oberstleutnant Bauer als Verbindungsmann zwischen OHL und Verband.[20] OHL und Alldeutsche arbeiteten oft als Verbündete Hand in Hand wie bei der Veröffentlichung von Claß' Denkschrift im Frühjahr 1918. Heinrich Claß arbeitete seine Kriegszieldenkschrift vom September 1914 in eine Flugschrift um, die mit einer Auflage von 35.000 Stück, mit Zustimmung und Beteiligung Ludendorffs, verbreitet wurde.[21]

Adolf Hitler übernahm sein Lebensraum-Programm vom Alldeutschen Verband. Den Begriff Lebensraum schuf Geograf und Gründungsmitglied des Alldeutschen Verbandes Friedrich Ratzel. Er schrieb um 1900, die Geschichte sei ein Kampf um Lebensraum, und postulierte einen Expansionstrieb der gesunden Völker. Osteuropa als Siedlungsgebiet zu erschließen wurde auch in dem vom Verband unterstützten Buch des deutschen Militärtheoretikers Friedrich von Bernhardi, Deutschland und der nächste Krieg, propagiert.

Entwicklung von 1918 bis 1939[Bearbeiten]

Am 19. Oktober 1918 verabschiedete die Führungsspitze des Alldeutschen Verbandes einen Aufruf, in dem sich der Verband erstmals öffentlich zum Antisemitismus bekannte. Nach dem Ersten Weltkrieg spielte der Alldeutsche Verband in der Öffentlichkeit allerdings keine große Rolle mehr.

In der deutschen Revolution 1918/1919 unterstützten die Alldeutschen die Freikorps, die den Spartakusaufstand 1919 in Berlin, die Münchner Räterepublik 1919 und den Märzaufstand im Ruhrgebiet 1920 niederschlugen. Allerdings distanzierte sich Claß vom Kapp-Putsch, den er für schlecht vorbereitet hielt, weil er juristische Konsequenzen für den Verband fürchtete. Er setzte kurzzeitig Hoffnungen in Georg Escherich und dessen Organisation, gründete dann aber selbst nach dem Vorbild des Bayerischen Ordnungsblocks, dem der AV angeschlossen war, den Norddeutschen Ordnungsblock (NOB), um eigene paramilitärische Verbände aufzustellen. Allerdings wurde der NOB bereits unmittelbar nach seiner Anmeldung im Oktober 1920 vom Berliner Polizeipräsident aufgelöst, so dass die Alldeutschen weit davon entfernt blieben, über eigene bewaffnete Kräfte zu verfügen.[22]

Es folgte am 16. Februar 1919 die Bamberger Erklärung, die den Verband auf die Wiederherstellung der Vorkriegsverhältnisse, sowohl politisch als auch in territorialer Hinsicht, festlegte. Im August 1919 gab es eine Satzungsänderung, die die Bamberger Erklärung widerspiegelte: Wiederherstellung des Kaisertums, Aufbau einer starken Armee, Rückgewinnung der verlorenen Gebiete, rassische Höherentwicklung des deutschen Volkes, Ausschluss von Juden aus dem Verband (siehe auch Arierparagraph).

Am 18. Februar 1919 wurde bei der Zusammenkunft in Bamberg der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund als Neben- oder Tochterorganisation des Verbandes gegründet. Der Bund wurde in der frühen Weimarer Republik die größte völkisch-antisemitische Massenorganisation. Der Schutz- und Trutzbund agitierte gegen die Weimarer Republik, unterstützte Attentate auf deren Proponenten und hatte vor seinem Verbot, wegen der Ermordung von Walther Rathenau, 1922 rund 180.000 Mitglieder.[23]

Einen spürbaren Einfluss auf die deutsche Politik konnten die Alldeutschen bis 1939 nicht mehr gewinnen. Der Verband stand zwar der NSDAP ideologisch nahe, folgte ihr aber nicht bedingungslos. 1932 kam es zu kurzzeitigen Verstimmungen zwischen der NSDAP und dem Verband, als dem Verband vorgeworfen wurde, dass er die Kanzlerschaft Hitlers hintertrieben habe. Die Alldeutschen hingegen warfen den Nationalsozialisten vor, dass sie die nationale Idee verraten hätten, und forderten ihre Anhänger auf, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) zu unterstützen.

Nach der Machtübernahme durch die NSDAP wurden die Alldeutschen aufgrund ihrer ideologischen Nähe geduldet und schließlich am 13. März 1939 von Reinhard Heydrich aufgelöst, mit der Begründung, dass das Vereinsprogramm (nämlich die Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschland) erfüllt sei.

In ihrer gesamten Konzeption, in der Forderung, der einzelne Deutsche müsse sich dem Volksganzen, repräsentiert durch Staat und Obrigkeit, bedingungslos unterordnen, waren die Projekte der Alldeutschen eindeutig Vorläufer und Wegbereiter des Nationalsozialismus. Expansion nach Osten, die Eroberung neuen Lebensraumes war nicht die Erfindung Hitlers, des Kindes der Alldeutschen (Fritz Fischer), oder Himmlers, sondern wurden von den Alldeutschen vorgezeichnet.[24]

Mitgliederentwicklung[Bearbeiten]

Bereits ein Jahr nach seiner Gründung besaß der Alldeutsche Verband 21.000 Mitglieder. Diese Zahl hat er vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr überschritten. Bis 1894 ging die Mitgliederzahl aufgrund von internen Streitigkeiten auf knapp 4600 zurück. 1900 besaß der Verband wieder etwas über 20.000 Mitglieder, und bei Kriegsausbruch 1914 waren 18.000 Einzelmitglieder registriert. Bis 1918 stieg die Zahl auf 36.377, um danach wieder abzusinken. Seinen Höchststand an Einzelmitgliedern erreichte der Alldeutsche Verband 1922 mit rund 52.000. Danach verließen viele Mitglieder den Verband und 1932 zählte er schließlich nur noch 8000 Mitglieder. Bis zur Auflösung 1939 veränderten sich diese Zahlen nicht wesentlich.

Neben der Einzelmitgliedschaft gab es noch die Möglichkeit der korporativen Mitgliedschaft, denn es konnten ganze Vereine Mitglied im Alldeutschen Verband sein. 1905 gehörten 101 Vereine mit insgesamt 130.000 Personen dem Verband als korporative Mitglieder an. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg liegen keine Zahlen über korporative Mitgliedschaften vor.

Margaret Lavinia Anderson verweist darauf, dass linke und liberale Zeitungen weit höhere Auflagen erzielten als rechte, und sieht darin einen Hinweis für eine schleichende Marginalisierung der Rechten. Diese habe die Radikalisierung gefördert, jene wiederum die Marginalisierung. Hatte der Alldeutsche Verband einst noch liberale Imperialisten von Rang in seinen Reihen, so verkam er „zu einer unpopulären Gruppe rassistischer Spinner“. Die Mitglieder seien meist Männer gewesen, „die nach dem Hören einer mitreißenden Rede beigetreten waren, deren Engagement aber häufig nicht weiter ging.“ Zum Vergleich: Der katholische Volksverein hatte 1914 mehr als 36-mal so viele Mitglieder, die SPD 1907 mehr als 44-mal. Nur die Unterstützung durch Industrielle habe den Alldeutschen Verband vor der Auflösung bewahrt. Für die nationalistische Meinung sei damals der Flottenverein typischer gewesen.[25]

Publikationsorgane[Bearbeiten]

  • Mitteilungen des Allgemeinen Deutschen Verbandes. 1891–1893; in einer Auflage von 12.000
  • Alldeutsche Blätter. Ab 1894; wöchentlich in einer Auflage von 10.000; Chefredakteur 1908–1914: Ernst Graf zu Reventlow
  • Flugschriften des Alldeutschen Verbandes. 1894–1914; insgesamt 34 Hefte in unterschiedlicher Auflagenhöhe zu bestimmten Anlässen
  • Der Kampf um das Deutschtum. 1897–1911; 16 Hefte in unbekannter Auflagenhöhe
  • Handbuch des Alldeutschen Verbandes. Ab 1896
  • Alldeutsches Werbe- und Merkbüchlein. Ab 1897; jährliches Erscheinen

Die Alldeutsche Bewegung in Österreich[Bearbeiten]

Hauptartikel: Alldeutsche Vereinigung

Die Alldeutsche Bewegung in Österreich-Ungarn bzw., nach Ende des Ersten Weltkrieges, in Deutschösterreich (1918/19) und der Republik Österreich (ab 1919), Alldeutsche Vereinigung auch Alldeutsche Bewegung (ADB) genannt, hatte viele ideologische Übereinstimmungen mit dem Verband des Reiches, aber keine direkten organisatorischen Bindungen mit ihm. Alldeutsche Hochburgen waren das Sudetenland, insbesondere Westböhmen (Region um Asch und Eger), des Weiteren Teile des Waldviertels (Niederösterreich) sowie einige Gemeindebezirke der Hauptstadt Wien.

Gründer der Alldeutschen Bewegung war Georg Ritter von Schönerer. Symbole der österreichischen Alldeutschen waren die Farben der deutschen Nationalbewegung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (schwarz-rot-gold) und die blaue Kornblume als Lieblingsblume des deutschen Kaisers Wilhelm I. Die Bewegung empfand sich als einer der Rechtsnachfolger der Deutschnationalen Bewegung.

Die Alldeutsche Bewegung in Österreich war großdeutsch, antisemitisch, antisozialistisch bzw. antibolschewistisch, antidemokratisch und antiklerikal („Los von Rom“) ausgerichtet. Aufgrund ihres radikalen Antisemitismus und der Los-von-Rom-Agitation spaltete sich die Bewegung von den anderen deutschnationalen bürgerlichen Parteien und Organisationen ab, die weiterhin zur christlichen Kirche standen, während Schönerer begann, seine Bewegung vom Judeo-Christentum ab- und zu Wotan hinzuwenden.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Edgar Hartwig: Alldeutscher Verband (ADV) 1891–1939. Der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789–1945). In: Dieter Fricke (Hrsg.): Lexikon zur Parteiengeschichte. 1. Auflage. Band 1, Bibliographisches Institut, Leipzig 1983, S. 13–47.
  •  Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. Christians, Hamburg 2003, ISBN 3-7672-1429-6.
  •  Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. In: Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte, Mainz. Band 3, Steiner, Wiesbaden 1954 (zugleich Dissertation, Kiel 1954).
  •  Günter Schödl: Alldeutscher Verband und deutsche Minderheitenpolitik in Ungarn 1890-1914.. In: Erlanger Historische Studien, Erlangen. Band 3, Peter Lang, Frankfurt 1978.
  •  Michael Peters: Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkrieges (1908–1914). Ein Beitrag zur Geschichte des völkischen Nationalismus im spätwilhelminischen Deutschland. In: Europäische Hochschulschriften / 3: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. 2., korrigierte Auflage. Band 501, Nr. 3, Lang, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-631-49590-0 (zugleich Dissertation, Hamburg 1991).
  •  Peter Walkenhorst: Nation–Volk–Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890–1914. In: Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 176, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-35157-4 (zugleich Dissertation, Bielefeld 2006).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Bott: Lexikon zur Geschichte und Politik im 20. Jahrhundert. Deutscher Bücherbund Stuttgart, 1971 S. 19.
  2. Matthias Piefel: Antisemitismus und völkische Bewegung im Königreich Sachsen 1879–1914. V&R unipress, Göttingen 2004, ISBN 3-89971-187-4, S. 112.
  3. Stefan Frech: Wegbereiter Hitlers? Theodor Reismann-Grone. Ein völkischer Nationalist (1863–1949). Schöningh, Paderborn 2009, S. 94–97; Heidrun Holzbach: Das „System Hugenberg“. Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. DVA, Stuttgart 1981, S. 27.
  4. Michael Peters: Alldeutscher Verband (ADV), 1891–1939. In: Historisches Lexikon Bayerns. 11. März 2011, abgerufen am 29. Februar 2012.
  5. Richard Evan Frankel: Bismarck's Shadow The Cult of Leadership and the Transformation of the German Right, 1898–1945. Berg, Oxford 2005, ISBN 1-84520-034-9, S. 108.
  6. Rainer Hering: Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939. (=Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Band 40 ) Wallstein Verlag, Hamburg 2003, ISBN 3-7672-1429-6, S. 121.
    Hans-Henning Hahn: Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten. Peter Lang, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-631-55372-2, S. 171.
  7. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 7ff.
  8. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 223.
  9. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 4 und 11.
  10. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 44 und 69f.
  11. Henry Cord Meyer: Mitteleuropa in German Thought and Action 1815–1945. The Hague 1955, S. 132.
  12. Karlheinz Schädlich: Der „Unabhängige Ausschuß für einen Deutschen Frieden“ als ein Zentrum der Annexionspropaganda des deutschen Imperialismus im ersten Weltkrieg. In: Politik im Krieg 1914–1918. Studien zur Politik der deutschen herrschenden Klassen im ersten Weltkrieg. Berlin/DDR 1964, S. 50–65, hier: S. 50ff.
  13. Erich Otto Volkmann: Die Annexionsfragen des Weltkrieges. Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919-1928. Vierte Reihe. Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918. Zweite Abteilung. Der innere Zusammenbruch. 12. Band, 1. Halbband, Gutachten des Sachverständigen Volkmann. Berlin 1929, S. 59f.
    Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste, Düsseldorf 1964, S. 120f.
    Frank Wende: Die belgische Frage in der deutschen Politik des Ersten Weltkrieges. Böhme, Hamburg 1969, S. 40.
  14. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 117f. Erich Volkmann: Die Annexionsfragen des Weltkrieges. Das Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages 1919–1928. Vierte Reihe. Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruches im Jahre 1918. Zweite Abteilung. Der innere Zusammenbruch. 12. Band., 1. Halbbd. Gutachten des Sachverständigen Volkmann. Berlin 1929, S. 49.
  15. Erich Volkmann: Die Annexionsfragen des Weltkrieges. S. 49; Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Droste, Düsseldorf 1964, S. 120f.
  16. Frank Wende: Die belgische Frage in der deutschen Politik des Ersten Weltkrieges. Hamburg 1969, S. 40.
  17. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 73. Bernhard Mann: Die Baltischen Länder in der deutschen Kriegszielpublizistik 1914-1918. Tübingen 1965, S. 11.
  18. Gerd Linde: Die deutsche Politik in Litauen im Ersten Weltkrieg. Harrassowitz, Wiesbaden 1965, S. 12.
  19. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 102.
  20. Hans Meier-Welcker (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Militärgeschichte, 1648–1939. Band 5, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Bernard & Graefe, 1968, S. 26. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. Beck, München 2003, ISBN 3-406-32264-6, S. 130. Manfred Messerschmidt: Ideologie und Befehlsgehorsam im Vernichtungskrieg. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) 49 (2001), S. 905–926, hier S. 912.
  21. Alfred Kruck: Geschichte des Alldeutschen Verbandes. Wiesbaden 1954, S. 85. Andreas Hillgruber: Deutschlands Rolle in der Vorgeschichte der beiden Weltkriege. Göttingen 1979, ISBN 3-525-33440-0, S. 62.
  22. Johannes Leicht: Heinrich Claß 1868–1953. Die politische Biographie eines Alldeutschen. Schöningh, Paderborn 2012, S. 280-285.
  23. Walter Jung: Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund (DVSTB), 1919–1924/35. In: Historisches Lexikon Bayerns. 21. Januar 2011, abgerufen am 29. Februar 2012.
  24. Fritz Fischer: Twenty-Five Years Later: Looking Back at the „Fischer Controversy“ and Its Consequences. In: Central European History 21 (1988), S. 207–223, hier: S. 219.
  25. Margaret Lavinia Anderson: Lehrjahre der Demokratie. Wahlen und politische Kultur im Deutschen Kaiserreich. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2009 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 22) S. 512.

Weblinks[Bearbeiten]