Allerleirauh

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Allerleirauh (Begriffsklärung) aufgeführt.
Illustration von Henry Justice Ford.

Allerleirauh ist ein Märchen (ATU 510B). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 65 (KHM 65). Bis zur 2. Auflage schrieb sich der Titel Allerlei-Rauh. Die französische Fassung, Peau d’Âne ‚Eselshaut‘ von Charles Perrault, erschien zuerst 1694 und dann erneut in der Sammlung Contes de ma mère l’Oye im Jahr 1697.

Inhalt und Würdigung[Bearbeiten]

In Allerleirauh geht es um die Tochter eines Königs, dessen schöne Frau stirbt und ihm auf dem Sterbebett das Versprechen abnimmt, nur dann wieder zu heiraten, wenn jene Frau mindestens ebenso schön sei wie sie selbst und ebensolche goldenen Haare habe. Als sich eine solche Schönheit nicht findet, erkennt der König eines Tages, dass seine Tochter ebenso schön ist wie die verstorbene Gattin, und begehrt sie zur neuen Ehefrau.

Die Räte des Reiches sind über diesen inzestuösen Wunsch entsetzt, und die Tochter versucht, ihren Vater mit unmöglichen Forderungen von seinem Ansinnen abzubringen. Sie verlangt drei Kleider, wovon eins »so silbern wie der Mond«, eins »so golden wie die Sonne« und eins »so glänzend wie die Sterne« sein soll; ferner »einen Mantel von tausenderlei Pelz- und Rauchwerk zusammengesetzt«. Als der Vater diese Forderungen unerwartet erfüllt, entflieht die Tochter und nimmt ihre Kleider, die in eine Nussschale passen, samt einem goldenen Ring, einer goldenen Spindel und einer goldenen Haspel mit. Dann rußt sie sich Gesicht und Hände und hält sich in einem hohlen Baum im Wald versteckt, wo sie schließlich Jäger des Königs des Nachbarlandes aufgreifen.

Das von den Jägern wegen seiner pelzigen Kleidung »Allerleirauh« (→ Rauchwaren) genannte Mädchen gibt sich nicht zu erkennen und arbeitet, den Märchen Aschenputtel oder König Drosselbart ähnlich, unerkannt in der Küche des Königs. Als er ein Fest feiert, zieht es erst sein Sonnenkleid an, dann sein Mondkleid und beim dritten Mal sein Sternenkleid, und der König tanzt nur mit ihm. Mit einer List entlarvt der König das Mädchen Allerleirauh, das auch selbst entdeckt werden will, indem es Ring, Spindel und Haspel in die Suppe gibt, die es dem König kocht. Zuletzt wird das »Rauhtierchen« Königin.

Herkunft[Bearbeiten]

Jacob Grimms handschriftliche Urfassung beruht auf einer Erzählung in Karl Nehrlichs Roman Schilly. Sie beeinflusste auch die Erstausgabe von 1812, die sonst auf mündliche Überlieferung durch Dortchen Wild zurückgeht. Albert Ludwig Grimm gestaltete einen Text Brunnenhold und Brunnenstark 1816 nach den Brüdern Grimm, womit er umgekehrt auf deren spätere Ausgaben zurückwirkte.

Grimms Anmerkung notiert zur Herkunft neben der hessischen (von Dortchen Wild) eine paderbörnische Erzählung (wohl von Familie von Haxthausen): Das Mädchen schläft auf einem Baum und wird von Holzhackern, die diesen fällen, zum Hof gebracht. Weil die Suppe so gut ist, muss es sich täglich zum König setzen und ihn lausen, bis er durch ihren Ärmel sieht und den Rauhmantel von ihren glänzenden Kleidern reißt. Nach einer weiteren aus dem Paderbörnischen stellt sie sich stumm. Der König schlägt mit der Peitsche einen Riss in den Mantel. Wie auch in voriger Fassung spricht er sich zur Strafe selbst die Königswürde ab. In einer weiteren Version (aus Nehrlichs Schilly) wird Allerleirauh von einer Stiefmutter vertrieben, weil ein Prinz ihr statt deren Tochter einen Ring schenkte (vgl. KHM 53), und wird an dessen Hof an ihrem Ring unter dem Weißbrot erkannt (vgl. KHM 93), bei Musäus 2, 188 liege er in der Brühe. In einer faröischen Sage will der König nur die heiraten, der die Kleider seiner toten Frau passen (Sagabibliothek 2, 481). Grimms nennen noch Zingerle S. 231, Meier Nr. 48, Pröhles Märchen für die Jugend Nr. 10, Aschenputtel, Perraults Peau d’Ane, Straparolas Doralice (1, 4), im Pentameron Die Bärin (2, 6), walachisch bei Schott Nr. 3 die Kaisertochter im Schweinestall.

Hans-Jörg Uther nennt ebenfalls Basiles Pentameron 2, 6, Straparolas Piacevoli notti 1, 4, Charles Perraults Peau d’Ane, Johann Karl August MusäusDie Nymphe des Brunnens (1783) in Volksmährchen der Deutschen. Dass der verwitwete König seine Tochter heiraten will, ist seit dem 12. Jahrhundert oft eigenständiges Motiv abendländischer Dichtung. Heinrich IIIs Tochter Mathilde erbittet vom Teufel Hässlichkeit, um ihn nicht heiraten zu müssen. Ähnlich strukturierte Märchen der Brüder Grimm bringen stattdessen andere Gründe für die Flucht der Heldin (KHM 21, 71a).[1]

Varianten[Bearbeiten]

Eine wohl zwischen 1812 und 1815 eingegangene Variante von unbekannter Hand zum Schlussverlauf der Handlung wurde von den Brüdern Grimm verändert im Anmerkungsband wiedergegeben.[2]

Das Kernmotiv ähnelt in Giambattista Basiles Pentameron II, 6 Die Bärin.

Vgl. Aschenpüster mit der Wünschelgerte in Ludwig Bechsteins Neues deutsches Märchenbuch.

Interpretation[Bearbeiten]

Während der dem Mädchen angetragene Inzest allerlei Deutungsversuche erfahren hat, die mal die ödipale Situation (auch: Elektrakomplex), dann wieder das Ausreißen des Mädchens feministisch oder emanzipatorisch als Widerstand und Stärke hervor hoben, folgt die Anlage des Märchens vom Ende her betrachtet dem Muster der selbsterrungenen Erhöhung nach einer Demütigung, das viele Märchen zum Thema Flucht oder Verschleppung kennen.

Besonders beim älteren Mann kann es passieren, dass er sein Anima-Bild auf die Tochter projiziert. Es überschneidet sich mit ihrer eigentlichen Persönlichkeit. Das erzeugt in ihr eine Unsicherheit über ihr eigenes Wesen, welche ihr die Verwirklichung ihres inneren Schicksals erschwert. Sie flieht, indem sie die Einstellung eines animalisch unangepassten, teils ungebändigten, teils scheuen Wesens annimmt. Die drei prächtigen Kleider als Ausdruck ihres künftigen Wesens sind zunächst als Keim in der Nuss verborgen, einem Bild des weiblichen Selbst wie auch Ring, Spinnrad und Haspel (vgl. KHM 88, 113, 127). In einer sibirischen Variante verwandelt sie sich ganz in ein wildes Tier. Oft erfolgt die Flucht auch in Möbelstücken.[3]

Wilhelm Salber sieht ein Gegeneinander von Geborgenheit und Abweisung, worauf durch Selbsterniedrigung rauschhafte Erlösung erwartet wird. Die zu umfassenden Forderungen der inzestuösen Beziehung werden kompensiert durch Flucht und viel verstecktes Herumprobieren.[4]

Film[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinz Rölleke (Hrsg.): Kinder- und Hausmärchen. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen. 1. Auflage. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort, Reclam, Stuttgart 1980, ISBN 3-15-003193-1, S. 127–128, 471–472, DNB 810261138.
  •  Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung, Wirkung, Interpretation. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 158–161.
  • Hedwig von Beit: Symbolik des Märchens. A. Francke, Bern 1952. S. 753–761.
  • Felix Karlinger: Verwandlung auf der Flucht vor drohendem Inzest. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 77,3/4 (1981), S. 178–184.
  •  Verena Kast: Familienkonflikte im Märchen. Eine psychologische Deutung. dtv, München 1998, ISBN 3-423-08422-7, S. 15–34.
  •  Friedel Lenz: Bildsprache der Märchen. 8. Auflage. Urachhaus, Stuttgart 1997, ISBN 3-87838-148-4, S. 160–170.
  •  Heinz-Peter Röhr: Ich traue meiner Wahrnehmung. Sexueller und emotionaler Missbrauch. dtv, München 2006, ISBN 978-3-423-34347-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Allerleirauh – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung, Wirkung, Interpretation. de Gruyter, Berlin / New York 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 158–161.
  2.  Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinz Rölleke (Hrsg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. Auflage. WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2001, ISBN 3-88476-471-3, S. 59–60, 110–111.
  3. Hedwig von Beit: Symbolik des Märchens. A. Francke, Bern 1952, S. 753–761.
  4.  Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 29–32, 54–56, 139.