Alois Brunner

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Alois Brunner (* 8. April 1912 in Nádkút, Ungarn, dem nachmaligen Rohrbrunn, Burgenland; laut Simon Wiesenthal Center im Jahr 2009 oder 2010 in Damaskus gestorben[1][2]), in der Literatur auch als Brunner I bezeichnet, in Abgrenzung zu Anton Brunner (Brunner II), ist ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer und war einer der wichtigsten Mitarbeiter Adolf Eichmanns bei der Realisierung der im NS-Sprachgebrauch so bezeichneten „Endlösung der Judenfrage“. Als Leiter von zu diesem Zweck zumeist eingesetzten SS-Sonderkommandos war Brunner zwischen 1939 und 1945 mitverantwortlich für die Deportation von weit über 100.000 Juden aus Wien, Berlin, Griechenland, Frankreich und der Slowakei in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reiches.

Nach dem Zweiten Weltkrieg flüchtete Brunner nach Syrien, dessen Regierung seinen Aufenthalt stets dementierte und deckte. Von französischen Militärgerichten wurde er 1954 in Abwesenheit zweimal zum Tode verurteilt. Bei zwei Briefbombenanschlägen 1961 und 1980 verlor er ein Auge und einige Finger. Bei Interviews Mitte der 80er Jahre demonstrierte Brunner Stolz für seine Taten mit antisemitischen Hasstiraden. Gerüchte behaupteten seinen Tod zu verschiedenen Zeiten in den 1990ern, im Gegensatz dazu wurde noch 2001 eine Sichtung kolportiert;[3] ob und wann er verstorben ist, bleibt unklar. 2001 wurde er in Frankreich nochmals zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilt, und 2007 wurden in Österreich für Hinweise zu seiner Ausforschung und Ergreifung 50.000 Euro Belohnung ausgesetzt.

Leben[Bearbeiten]

Jugendjahre und NS-Tätigkeit bis 1938[Bearbeiten]

Brunner wurde im deutschsprachigen Westungarn (ab 1921 Burgenland, Österreich) als Sohn eines Bauern geboren. Von 1918 bis 1927 besuchte er die Volks- und die Bürgerschule und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre in Fürstenfeld. Im Mai 1931 trat der damals 19-Jährige in Fürstenfeld in die NSDAP und etwa ein halbes Jahr später auch in die SA ein. Sein Eintritt in die SA kostete ihn, wie er später in einem Lebenslauf angab, 1932 seine Stelle beim Kaufmann in Fürstenfeld. Nachdem er 1932 in Graz einen dreimonatigen privaten „Kriminalkurs“ besucht hatte, war er ab Anfang 1933 zwei Monate lang „Bezirksstellenleiter“ eines Grazer Darlehensverbandes in Hartberg. Danach war er zwischen Mai und September 1933 der Pächter des Hartberger „Kaffeerestaurants Wien“, wobei er seinen Angaben zufolge das väterliche Erbteil und damit sein „gesamtes Vermögen ... verloren“ haben will.[4]

Im September 1933 reiste Brunner ins Deutsche Reich aus und meldete sich dort bei der Österreichischen Legion.[4] Als Grund für seine Ausreise aus Österreich gab er 1938 in einem NS-Personalfragebogen an, dass er auf Befehl seines Kreisleiters gehandelt habe, da er in der Schweiz einen Posten habe antreten wollen.[5] Bis Juni 1938 blieb er bei der Österreichischen Legion und brachte es in dieser Zeit zum SA-Obertruppführer (vergleichbar dem Rang eines Oberfeldwebels in der Wehrmacht) im Nachrichtensturmbann. Nach dem „Anschluss (März 1938)“ nach Österreich zurückgekehrt, war er im Sommer 1938 für kurze Zeit „Außenstellenleiter“ der Kreisbauernschaften Eisenstadt und Oberpullendorf beim Reichsnährstand in Eisenstadt. Im Laufe dieses Jahres dürfte auch er den schwindenden Einfluss der SA gegenüber der SS in den NS-internen Kämpfen um Macht und Positionen erkannt haben; dies dürfte der Hauptgrund für seine, wie er in seinem Lebenslauf angab, „freiwillig[e]“ Meldung zur SS gewesen sein.[4]

Im Eichmannreferat (1938–1945)[Bearbeiten]

Im November 1938 wurde Brunner der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien zugeteilt. Mit dem Antritt dieser neuen Stelle fand die Unstetigkeit in Brunners Leben ein Ende. Zuerst als Mitarbeiter Eichmanns, dann ab 1941 als Leiter der Zentralstelle, organisierte Brunner fortan die Deportation der Wiener Juden in Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Am 9. Oktober 1942 meldete er, dass Wien „judenfrei“ sei, was bedeutete, dass 180.000 Wiener zum Verlassen ihrer Heimat gezwungen oder aber bereits in den sicheren Tod geschickt worden waren.

Von Oktober 1942 bis Januar 1943 arbeitete er im Berliner Eichmannreferat und sorgte für die Deportation von 56.000 Berliner Juden.

Im Februar 1943 wurden er, Dieter Wisliceny und Alfred Slawik versetzt. Von Eichmann in das besetzte Griechenland geschickt, organisierten sie als Mitglieder des "Sonderkommandos der Sicherheitspolizei für Judenangelegenheiten Saloniki-Ägäis" den Transport von 50.000 Juden aus Saloniki in die Todeslager.

Neben seiner Menschenjagd fand er immer wieder Zeit, sich an dem Hab und Gut der Verfolgten zu bereichern. Der systematische Raub von Wohnungen, Möbeln und Kunstwerken begleitete sein Wirken vom Anfang bis zum Ende. Schon 1938 zog er mit seiner Verlobten in eine beschlagnahmte Villa im Wiener Nobelbezirk Döbling.

Sein nächster Einsatz erfolgte in Paris: Im Juli 1943 wurde er als Leiter eines Sonderkommandos der Gestapo und in einem Vorort von Paris, im Durchgangs- und Sammellager Drancy tätig. 22 Transporte jüdischer Menschen gingen unter Brunners Kommando nach Auschwitz. Er verhörte die neu Angekommenen, so erfuhr er die Namen von weiteren Verwandten der Opfer und sorgte für die Verhaftung der ganzen Familien. Er war der Hauptverantwortliche der SS und organisierte den „Nachschub“ für die Vernichtungslager. Brunner leitete die Jagdkommandos, die versteckt lebende Jüdinnen und Juden aufspürten.

Mit Unterstützung des Vichy-Regimes setzte Brunner im Herbst 1943 seine systematische Verfolgung von Juden im unbesetzten Südfrankreich fort. Pro Jude waren 1000 Franc Belohnung ausgesetzt. Hier war unter anderem auch „Judensachbearbeiter“ und SS-Obersturmführer Heinz Röthke beteiligt. Die Verhaftungen fanden meistens nachts statt, Folter und weitere Gewalt dienten zur Erpressung weiterer Namen.

Während die Wehrmacht bereits auf ihrem Rückzug aus Paris war, ließ Brunner in der Zeit vom 20. bis 24. Juli 1944 noch 1327 jüdische Kinder in Paris verhaften und deportieren. Als Brunner Paris im August 1944 verließ, hatte er 23.500 Jüdinnen und Juden jeglichen Alters aus Frankreich in die Todeslager verschleppen lassen.

Von September 1944 bis Februar 1945 sorgte er für die Zerschlagung der jüdischen Untergrundbewegung in der Slowakei und leitete das Arbeitslager in Sereď, von wo aus er 12.000 Menschen zur Vernichtung nach Auschwitz deportieren ließ.

Außerdem wird vermutet, dass Brunner persönlich Siegmund Bosel während eines Häftlingstransports nach Riga erschossen hat.

Tätigkeit nach 1945[Bearbeiten]

Alois Brunner flüchtete von Linz nach München und arbeitete unter falschem Namen als Lkw-Fahrer für die US-Besatzungstruppen.

Ab 1947 arbeitete Brunner in der Zeche Carl Funke in Essen. Als er zum Betriebsrat gewählt werden sollte, drohte seine Identität aufzufliegen. Trotzdem lebte Alois Brunner als „Alois Schmaldienst“ bis 1954 in Essen und war sogar polizeilich gemeldet. Ein Verfahren „wegen falscher Namensführung“ wurde angestrengt.

Der prominenteste Fluchthelfer Brunners wurde Reinhard Gehlen, der ehemalige Chef der „Abteilung Fremde Heere Ost“ (Ostspionage) der Wehrmacht und spätere Chef des BND. Ob Rudolf Vogel, ehemaliges Mitglied der Propagandastaffel in Saloniki und späterer Bundestagsabgeordneter der CDU, ein Fluchthelfer war, ist umstritten.[6]

Ein weiterer Fluchthelfer war Georg Fischer, früherer SS-Kamerad aus Pariser Zeiten. Von ihm bekam Brunner im Frühling 1954 dessen Pass und gelangte als Dr. Georg Fischer nach Syrien. Brunner wurde dort im Auftrag von Reinhard Gehlen Geheimdienstexperte für diese Region des Nahen Ostens.[7]

Alois Brunner arbeitete in Syrien kurze Zeit als Vertreter für die Dortmunder Actien-Brauerei DAB. Er hatte dort enge geschäftliche Kontakte mit Franz Rademacher, dem ehemaligen Judenreferenten des AA (Auswärtiges Amt).[8]

1960 kam es zu einem Verhör Brunners durch die syrische Geheimpolizei. Durch diesen Kontakt wurde er eine Art „Berater für Judenfragen“ beim syrischen Geheimdienst Muhabarat.[9]

Während des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Israel hat Brunner dem Anwalt von Eichmann Robert Servatius in einem Brief nach Deutschland seine Hilfe angeboten: „Ich würde mich freuen, wenn ich dazu beitragen könnte, die einseitigen Belastungen seiner Gegner zu entwerten.“ Servatius schickte einen Vertrauten zu Brunner, hat die Zeugenaussage von Brunner aber nicht im Prozess benutzt.[8]

Auf Alois Brunner wurden zwei Briefbombenanschläge verübt. Der erste Anschlag im Jahr 1961 kostete ihn ein Auge. Im Juli 1980 erhielt Alois Brunner alias Georg Fischer in Damaskus Post vom „Verein Freunde der Heilkräuter“ aus Österreich: Die Briefbombe zerfetzte ihm vier Finger der linken Hand. Den Anschlägen folgten keine Bekennerschreiben, sie werden jedoch dem Mossad zugeschrieben, der vergeblich versuchte, seiner habhaft zu werden.

Vorgetragene Erkundigungen der österreichischen Regierung nach Brunner in den siebziger Jahren wurden von den Behörden abgetan, der Gesuchte sei nicht in Syrien gewesen. In Wirklichkeit lebte „Dr. Georg Fischer“ unbehelligt in Damaskus. Er lebte so wenig geheim, dass es ohne weiteres möglich war, ihn telefonisch – auch aus dem Ausland – zu erreichen.

Am 10. Oktober 1985 gab Fischer, alias Brunner, der Zeitschrift Bunte ein Interview, in dem er betonte: „Israel wird mich nie bekommen.“ Das Interview strotzte derart vor antisemitischen Ausfällen, dass die Bunte nur eine zensierte Fassung veröffentlichte. Der Journalist, der Brunner interviewte, berichtete einige Jahre später, Brunner sei immer noch stolz auf seine Beteiligung gewesen, dieses – so wörtlich – „Dreckszeug“ wegzuschaffen. Damit meinte er die Juden, die er hatte deportieren lassen. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen. Nur eines ärgere ihn: dass noch immer Juden in Europa lebten.

1987 führte der Krone-Journalist Kurt Seinitz in Damaskus ein Interview mit Brunner, in dem dieser meinte: „Junger Freund, lassen Sie mir das schöne Wien grüßen und seien Sie froh, dass ich es für Sie judenfrei gemacht habe.“[10] Seinitz berichtete, Brunner sei der widerwärtigste Mensch, der ihm je untergekommen sei.[9]

1992 forderte das Bundeskriminalamt von dem Journalisten, der Alois Brunner 1985 interviewte, die Fotos und kam nach langer Zeit zu dem Ergebnis, dass es sich „vermutlich um Aufnahmen von Alois Brunner handelt“. Mehrere Auslieferanträge Deutschlands und anderer Staaten sowie ein Interpol-Haftbefehl und Aktivitäten des Simon Wiesenthal Centers blieben erfolglos.

1993 ist ein weiterer Kontakt zu Brunner überliefert. Er wurde von Touristen in einem Café erkannt, stellte sich mit seinem alten Namen vor und plauderte angeregt. Danach ging er mit seinem Schäferhund und fuhr in sein neues Domizil – ein Gästehaus Hafiz al-Assads in den Bergen nahe Damaskus. 1995 wurde von deutschen Staatsanwälten eine Belohnungssumme von 333.000 US-Dollar für Informationen zur Ergreifung Brunners ausgesetzt.

Im Dezember 1999 kamen Gerüchte auf, Brunner sei 1996 verstorben. Dagegen gaben deutsche Journalisten an, sie hätten Brunner lebend im Meridian-Hotel in Damaskus angetroffen, wo er nunmehr ansässig sei. Am 2. März 2001 wurde Brunner von einem französischen Gericht in Abwesenheit wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die österreichische Justizministerin Maria Berger setzte 2007 erstmals in Österreich eine Belohnung von 50.000 Euro für Hinweise aus, die zur Ausforschung, Ergreifung und Verurteilung Brunners führen.[11] Gegen Brunner besteht ein Haftbefehl des Landesgerichts für Strafsachen in Wien.

Die BND-interne Forschungs- und Arbeitsgruppe "Geschichte des BND" fand 2011 heraus, dass in den Jahren 1996 und 2007 insgesamt 253 Personalakten vernichtet worden waren.[12] Im August 2011 wurde aus Stasi-Akten bekannt, dass die DDR und Syrien auf Initiative von Beate und Serge Klarsfeld Ende der 1980er Jahre über eine Auslieferung Brunners an die DDR verhandelten.[13] Wie wahrscheinlich damals eine Auslieferung war, und wie ernsthaft die DDR dies verfolgte, wird noch kontrovers diskutiert.[14]

Einer APA-Meldung vom 30. November 2014 zufolge soll Brunner nach Angaben des Simon Wiesenthal Centers im Jahr 2009 oder 2010 in Damaskus gestorben sein.[1] Das österreichische Justizministerium belässt Brunner allerdings vorerst weiterhin auf der 2007 erstellten Liste von Personen, für die eine Belohnung von 50.000 Euro für zur Ergreifung führende Hinweise ausgelobt wurde.[15]

Verweise[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Dokumentarfilme[Bearbeiten]

  • Die Akte B. – Alois Brunner: Die Geschichte eines Massenmörders (1998)[16]
  • Nazis im BND - Neuer Dienst und alte Kameraden; Film von Christine Rütten, 2013

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b derStandard.at - Österreichischer Nationalsozialist Brunner offenbar 2009 gestorben. APA-Meldung vom 30. November 2014, abgerufen am 30. November 2014.
  2. https://heplev.wordpress.com/2014/12/18/hitlers-schergen-in-arabien
  3. Artikel über Brunner in den International Business Times
  4. a b c Alle Angaben nach einem handgeschriebenen Lebenslauf Alois Brunners, der dem entsprechenden Akt des Berlin Document Center beigelegt ist. Hier zitiert nach Safrian (1997), S. 53f.
  5. NSDAP-Personalfragebogen, dat. 29. Juni 1938; Personalakt Nr. 340.051 des NSDAP-Gaues Wien. Angaben nach Safrian (1997), S. 54. – Warum ihn das angebliche Vorhaben, in der Schweiz einen Posten anzutreten, ins Deutsche Reich geführt hatte, erläuterte er jedoch nicht.
  6. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatMichael Martens: "Kein Nazi-Preis mehr". Frankfurter Allgemeine, 9. Februar 2013, abgerufen am 1. Dezember 2014.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatHellmuth Vensky: "NS-Verbrecher: Der lange Schutz für die Nazi-Täter". Die Zeit, 8. Februar 2009, abgerufen am 1. Dezember 2014.
  8. a b Bettina Stangneth: Warum tilgte der BND die Akte des Eichmann Helfers, Die Zeit| datum=21. Juli 2011.
  9. a b Gerhard Freihofner: Kopf(los)geld nach 62 Jahren, Wiener Zeitung, 20. Juli 2007.
  10. http://www.youtube.com/watch?v=HXK1X6g5V6g
  11. Belohnung auf Brunners Ergreifung ausgesetzt, Der Standard, 26. Juli 2007
  12. bnd.bund.de 22. Dezember 2011: Kassationen von Personalakten im Bestand des BND-Archivs
  13. Andreas Förster: Gerichtsstand Ostberlin. Profil Online, 1. August 2011
  14. "Hickhack um einen Kriegsverbrecher" von Klaus Taubert auf Spiegel Online Einestages
  15. derStandard.at - In Österreich bleibt Brunner vorerst auf Nazi-Kopfgeldliste. Artikel vom 1. Dezember 2014, abgerufen am 2. Dezember 2014.
  16. Die Akte B. in der Internet Movie Database (englisch)