Alt-Jerusalemer Liturgie

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Als Alt-Jerusalemer Liturgie bezeichnet man den christlichen Gottesdienst in Jerusalem und Palästina in der Zeit zwischen der Jerusalemer Urgemeinde und der Übernahme der liturgischen Bräuche und Bücher des Byzantinischen Ritus aus Konstantinopel.

Liturgiegeschichte[Bearbeiten]

Die altkirchliche Liturgie Jerusalems und Palästinas folgte im Wesentlichen gemeinchristlicher Übung, gab den üblichen Feiern jedoch – wie ähnlich andere bedeutende stilbildende Zentren der Christenheit – eigene Text- und Feiergestalt. Dabei zeigen sich einerseits Übereinstimmungen mit der Liturgie im Patriarchat Antiochia, andererseits gewisse Unterschiede selbst innerhalb Palästinas. In der liturgiegeschichtlichen Entwicklung ist zu unterscheiden zwischen einer „spätantiken“ Phase und einer jüngeren Phase (ab 8. Jh.), als deren Beginn eine mehr als oberflächliche Liturgiereform angenommen wird.

Die Alt-Jerusalemer Liturgie wurde in ihrer Heimat Palästina von der konstantinopolitanischen allmählich verdrängt und seit spätestens dem 13. Jahrhundert so gut wie ganz von dieser abgelöst. Daher ist sie heute nicht mehr zu beobachten, sondern nur noch wissenschaftlich zu rekonstruieren. Diese Rekonstruktion ist bei weitem nicht abgeschlossen, sondern noch ein Desiderat der liturgiewissenschaftlichen Forschung. Insofern kommt der Entdeckung, Erfassung und Übersetzung von Quellen besondere Bedeutung zu.

Einführende Literatur[Bearbeiten]

  • Ute Wagner-Lux, Heinzgerd Brakmann: Art. Jerusalem I (stadtgeschichtlich). In: Reallexikon für Antike und Christentum 17 (1996), S. 631–718.
  • John F. Baldovin: Liturgy in Ancient Jerusalem. Grove Books, Bramcote 1989.
  • Carmelo García del Valle: Jerusalén, un siglo de oro de vida liturgica. Madrid 1968.
  • Carmelo García del Valle: Jerusalén, la liturgia de la Iglesia madre. Centre de Pastoral Litúrgica, Barcelona 2001.
  • Charles (= Athanase) Renoux: Hierosolymitana. In: Archiv für Liturgiewissenschaft 23 (1981), S. 1–29. 149–175 (Literaturbericht).

Quellen[Bearbeiten]

Der Gottesdienst Jerusalems ist ab etwa Mitte des 4. Jahrhunderts reichhaltig dokumentiert: Die 381/84 nC. beobachteten Jerusalemer Feierformen von Sonntag und Woche, Festen und Festzeiten schildert die Pilgerin Egeria in ihrem Reisebericht.

  • Egeria: Itinerarium, Reisebericht. Mit Auszügen aus: Petrus Diaconus, De locis sanctis. Die heiligen Stätten. Lateinisch-deutsch. Übers. u. eingel. v. Georg Röwekamp unter Mitarb. v. Dietmar Thönnes. 2. verb. Aufl. Herder, Freiburg i. Br. 2000.

Wichtige Nebenquelle sind die 19 Katechesen, die Kyrill von Jerusalem († 386/87) um 350 den Täuflingen hielt, sowie die offenbar einige Jahrzehnte jüngeren fünf Mystagogischen Katechesen für die Neugetauften desselben Kyrill oder seines Nachfolgers Johannes II.

Das Repertoire elementarer liturgischer Textbausteine, wie Lesungen, Psalmodie, Gebet und Hymnodie, ist weithin bekannt oder rekonstruierbar.

Perikopen und Psalmen sind verzeichnet im Jerusalemer Lektionar-Typikon („Kanonarion“), im originalen Griechisch verloren, doch erhalten in (a) armenischer und (b) georgischer Übersetzung. Die armenische Version spiegelt den Zustand, den die in Grundzügen bereits Mitte des 4. Jahrhunderts festliegende Jerusalemer Leseordnung 417 bis 439 erreicht hatte. Die im 8. Jahrhundert schlussredigierte georgische Übertragung lässt die Entwicklungen zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert erkennen.

Jüngere Evangeliare nach Jerusalemer Leseordnung haben sich mit dem Codex Sinait. gr. 210+Sin. gr. NE Meg. Perg. 12 (v.J. 861/62, Sabbas-Kloster?), der griechisch-arabischen Bilingue Sinait. arab. 116 (v.J. 995/96, Sinai) sowie in arabischer Übersetzung mit Cod. Borghese arab. 95 (9. Jh.) und Berlin Or. Oct. Ms. 1108 v.J. 1046/47 erhalten.

Vor allem georgische „Tropologia“ (Gesangbücher) tradieren den in der Spätantike anwachsenenden Schatz Jerusalemer Kirchenpoesie, deren griechische Originaltexte sich z. T. aus byzantinischen Liturgiebüchern wiedergewinnen lassen. Erste Übersetzungen in westliche Sprachen waren:

  • Ch. Renoux: Les hymnes de la Résurrection 1. Hymnographie liturgique géorgienne. Du Cerf, Paris 2000.
  • H.-M. Schneider: Lobpreis im rechten Glauben. Die Theologie der Hymnen an den Festen der Menschwerdung der alten Jerusalemer Liturgie im Georgischen Udzvelesi Iadgari (Hereditas 23). Borengässer, Bonn 2004.

Das Jerusalemer „Große Euchologion“ für die Hand von Bischof und Priestern ist als geschlossenes Buch verschollen. Sein Eucharistieteil ist mit der griechischen Jakobos-Liturgie und der Jakobos-Präsanktifikaten-Liturgie erhalten. Weiteres Material findet sich vor allem in noch unedierten georgischen Handschriften des 10./11. Jahrhunderts.

Vom „Horologion“(Stundenbuch) finden sich neben orientalischen Übersetzungen auch jüngere griechische Vertreter, so der Codex Sinait. gr. 863 (9. Jh.).

Letzter bedeutender Zeuge vorbyzantinischer Jerusalemer Liturgie ist das sog. Anastasis-Typikon, ein i. J. 1122, also unter den Kreuzfahrern, in Jerusalem geschriebener Kodex (Hieros. s. Cruc. 43), der ältere, umständebedingt nicht befolgbare Bräuche der Kar- und Osterwoche aufzeichnet, offenbar aus Anhänglichkeit und zum erhofften Nutzen der Griechen nach Erledigung lateinischer Fremdherrschaft.

  • A. Papadopoulos-Kerameus: Aνάλεκτα Ιεροσολυμιτικης σταχυολογίας, Bd. 2; Eν Πετρουπόλει 1894; S. 1–254.

Die Feiern[Bearbeiten]

Eucharistie – Jakobus-Liturgie[Bearbeiten]

Die palästinische Ordnung der Eucharistiefeier trägt den Namen des Jerusalemer Gründerbischofs Jakobus (Jakobus-Liturgie). Ihr Zentralgebet („Hochgebet“), die Jakobus-Anaphora, geht auf das 4. Jahrhundert und vielleicht auf Palästinas Metropole Caesarea Maritima zurück. Sie wurde vom Patriarchat Antiochia übernommen. Das volle gottesdienstliche Formular ist für ein älteres Entwicklungsstadium durch die georgische Übersetzung überliefert. Die insgesamt nicht sehr zahlreichen griechischen Handschriften repräsentieren spätere Zustände.

Ebenfalls unter dem Namen des Herrenbruders Jakobus gab es eine eigene palästinische Ordnung der gemeinschaftlichen „Kommunionfeier“ (= „Liturgie der vorgeheiligten Gaben“ alias „Präsanktifikaten-Liturgie“). Sie ist vollständig in georgischer Übertragung erhalten, griechisch nur als Fragment.

  • I. M. Phountoules: Leitourgia Proêgiasmenôn dôrôn Iakôbou tou adelphotheou. Thessalonike 1979.
  • Michael Tarchnišvili (Hrsg.): Liturgiae Ibericae Antiquiores (CSCO 123/Iber. 1). Lovanii 1950; S. 71–77.
  • Stéphane Verhelst: Les Présanctifiés de saint Jacques. In: Orientalia Christiana Periodica 61 (1995), S. 381–405.
  • Georgischer Text der Jakobus-Präsanktifikatenliturgie

Ab dem 19. Jahrhundert sind Revitalisierungsversuche der „Jakobus-Liturgie“ im Rahmen des Byzantinischen Ritus zu beobachten:

Das Hauptproblem dieser Versuche besteht darin, dass zwar die Gebetstexte der historischen Jakobus-Liturgie bekannt sind, aber kaum etwas darüber, wie ihre Feier in Jerusalem aussah. Daher zwängt man die Texte entweder in ein byzantinisch-konstantinopolitanisches Korsett oder „restauriert“ mit reichlich Phantasie ein Zeremoniell, das man für schön und würdig hält.

In jüngster Zeit wird in Griechenland auch eine rekonstruierte Fassung der Jerusalemer Jakobus-Präsanktifikatenliturge gefeiert.

Ordination[Bearbeiten]

Die vor-byzantinischen Gebete für die Bestellung eines Diakons und eines Presbyters wurden Mitte des 20. Jh. wiederentdeckt, kürzlich auch weitere, darunter das für einen Bischof.

  • H. Brakmann: Die altkirchlichen Ordinationsgebete Jerusalems. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 47 (2004 [2005]); S. 108–127.

Krankensalbung[Bearbeiten]

Slawische Handschriften bezeugen eine besondere Jerusalemer Form der Segnung von Öl und Salbung der Kranken im Kirchengebäude: Am Anfang der Messfeier traten sieben Priester zu einer Lampe in der Mitte der Kirche, gossen jeweils etwas Öl in die Lampe, sprachen ein Gebet und zündeten unter Gesang sieben Dochte an. Danach wurden sieben Epistel- und Evangelienlesungen und sieben Gebete vorgetragen, schließlich dem Kranken das Evangelienbuch aufgelegt. Danach wurde die Meßfeier am Altar fortgesetzt. An ihrem Ende kehrten die Priester in die Mitte der Kirche zurück und salbten den Kranken sowie jeden, der gesalbt zu werden wünschte. Alter und Entwicklung dieser Ordnung sind noch nicht abschließend erforscht.

  • M. J. Rouët de Journel: Le rite de l’extrême-onction dans l’église gréco-russe. In: Revue de l'Orient Chrétien 21 (1918/19) 63.65.
  • Tinatin Chronz: Die Feier des Heiligen Öles nach Jerusalemer Ordnung: Münster i.W.: Aschendorff 2012.

Tagzeiten (Stundengebet)[Bearbeiten]

Unterschieden werden verschiedene Entwicklungsstufen:

1. Das altkirchliche Offizium der Kathedrale von Jerusalem.

2. Dessen Adaptation durch die Mönche des Sabas-Klosters in zwei verschiedenen Redaktionen,

a) einer älteren, die in georgischen Übersetzungen überliefert ist, und

b) einer jüngeren, vertreten durch den Codex Sinait. gr. 863.

3. Das palästinische Horologion („Stundenbuch“), das die Grundlage des Horologions des byzantinischen Ritus bildet.

  • Stig R. Frøshov: L’horologe „géorgien“ du Sinaiticus ibericus 34, 2 Bände; Diss. Paris (2003); unveröffentlicht.
  • Juan Mateos: Un horologion inédit de Saint-Sabas. Le Codex sinaïtique grec 863 (IXe siècle), in: Mélanges Eugène Tisserant Bd. 3, 1. Città del Vaticano 1964, 47-76.
  • Stefano Parenti: Un fascicolo ritrovato dell'horologion Sinai gr. 863 (IX sec.), in: Orientalia Christiana Periodica 75 (2009) 343-358.

Feste und Festzeiten[Bearbeiten]

Jerusalems Christen nutzten seit dem 4. Jahrhundert die Bauten und Höfe bei Grab Christi und Golgothafelsen, die Grabeskirche, sowie das ihnen nun ungehindert offene Stadtgebiet nebst seinem Umland bis Betlehem und Bethanien, um an wechselnder Stätte, im Freien oder in Kirchbauten, das Gedächtnis der Taten Jesu in Gottesdiensten breit zu entfalten. Und zwar (a) auf der Basis der biblischen Terminangaben am jeweiligen Jahrestag, möglichst zur genauen Stunde, und (b) durch Versammlungen am bekannten oder bestimmten Ort des Geschehens. Diese sog. Historisierung der Liturgie wird durch ein entsprechendes Textrepertoire vervollständigt: (1) Lektüre abgestimmter Perikopen, der biblischen „Geschichte des Festes“,[2] und (2) passende Gesänge sowie Gebete. Daraus folgt als typisch Jerusalemer Grundregel der Festfeiern, „daß immer sowohl Hymnen wie Antiphonen und Lesungen und auch Gebete, die der Bischof spricht, solche Gedanken haben, dass sie für den Tag, der gefeiert wird, und den Ort, wo die Handlung vor sich geht, geeignet und passend sind immerdar“.[3]

Die Drei Österlichen Tage / Osterzeit[Bearbeiten]

  • Mark M. Morozowich: Holy Thursday in the Jerusalem and Constantinopolitan Traditions. The Liturgical Celebration from the Fourth to the Fourteenth Centuries; Diss. Pont. Ist. Orientale Rome (2002), im Druck.
  • Sebastià Janeras: Le Vendredi-Saint dans la tradition liturgique byzantine. Structure et histoire de ses offices. Benedictina, Roma 1988; keine ISBN.
  • Gabriel Bertonière: The historical development of the Easter Vigil and related services in the Greek Church. Pont. Institutum Studiorum Orientalium, Roma 1972; keine ISBN.
  • Manuela Ulrich: Entwicklung und Entfaltung des Himmelfahrtfestes in der Jerusalemer Liturgie; 2. Aufl., Mag.-Arbeit, Wien 2007.

Kreuzfeste[Bearbeiten]

  • Karfreitag.
  • 7. Mai: Gedächtnis der Jerusalemer Kreuzerscheinung i. J. 351
    • Charles Renoux: Les hymnes du Iadgari pour la fête de l’apparition de la croix le 7 mai. In: Studi sull’Oriente Cristiano 4, 1 (2000); S. 93–102.
  • 13./14. September: Gedächtnis der Weihe der Auferstehungskirche mit Kreuzerhöhung (= Zeigung)

Marienfeste[Bearbeiten]

  • 15. August: Entschlafung Mariens
    • Walter Ray: August 15 and the Development of the Jerusalem Calendar. Diss. University of Notre Dame 2000.

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Kretschmar: Die frühe Geschichte der Jerusalemer Liturgie. In: Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie. Bd. 2, 1956, ISSN 0075-2681, S. 22–46.
  • Rudolf Zerfass: Die Schriftlesung im Kathedraloffizium Jerusalems. (= Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen. Heft 48, ISSN 0076-0048). Aschendorff, Münster 1968.
  • Helmut Leeb: Die Gesänge im Gemeindegottesdienst von Jerusalem. (Vom 5. bis 8. Jahrhundert). (= Wiener Beiträge zur Theologie. Bd. 28, ZDB-ID 503476-0). Herder, Wien, 1970.
  • Charles Renoux: La lecture biblique dans la liturgie de Jérusalem. In: Claude Mondésert (Hrsg.): Le monde grec ancien et la Bible (= Bible de tous les temps. Bd. 1). Editions Beauchesne, Paris 1984, ISBN 2-7010-1088-8, S. 399–420.
  • Enrique Bermejo Cabrera: La proclamación de la Escritura en la liturgia de Jerusalén. Estudio terminólogico del „Itinerarium Egeriae“. (= Studium Biblicum Franciscanum. Collectio maior. Bd. 37, ZDB-ID 2421220-9). Franciscan Printing Press, Jerusalem 1993.
  • Charles Renoux: Hymnographie géorgienne ancienne et hymnaire de Saint-Sabas (Ve–VIIIe siècle). In: Irénikon. Bd. 80, 2007, ISSN 0021-0978 S. 36–69.
  • Tinatin Chronz: Editionen georgischer liturgischer Texte. In: Dagmar Christians (Hrsg.): Bibel, Liturgie und Frömmigkeit in der Slavia Byzantina. Festgabe für Hans Rothe zum 80. Geburtstag (= Studies on language and culture in Central and Eastern Europe. Bd. 3). Sagner, München u. a. 2009, ISBN 978-3-86688-066-5, S. 177–193 (Lit.).
  • Stéphane Verhelst: Le lectionnaire de Jérusalem. Ses traditions judéo-chrétiennes et son histoire. (= Spicilegii Friburgensis Subsidia 24) (Fribourg 2012). ISBN 978-3-7278-1722-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jakobos-Liturgie in Russland, mit Foto des in Richtung Gemeinde gefeierten Wortgottesdienstes (2009)
  2. Hesych. hom. 1, 1 [1, 24 Aubineau]
  3. Eger. peregr. 47, 5 [SC 296, 314–316].