Alt Rehse

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

53.513.16666666666760Koordinaten: 53° 30′ 0″ N, 13° 10′ 0″ O

Alt Rehse
Stadt Penzlin
Wappen von Alt Rehse
Höhe: 60 m ü. NN
Fläche: 9,11 km²
Einwohner: 362 (31. Dez. 2007)
Eingemeindung: 1. Juli 2008
Postleitzahl: 17217
Vorwahl: 03962
Dorfkirche in Alt Rehse
Typische Fachwerkhäuser des Dorfes
Blick über den Tollensesee nach Alt Rehse
Kinderdorf 1948 in Alt Rehse

Alt Rehse ist ein Dorf und Ortsteil der Stadt Penzlin am westlichen Ufer des Tollensesees im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte in Mecklenburg-Vorpommern (Deutschland).

Geografie[Bearbeiten]

Die Gemarkung des Ortsteils grenzt an die Gemeinden Kuckssee, Wulkenzin, Hohenzieritz, die Stadt Penzlin sowie an die Kreisstadt Neubrandenburg.

Geschichte und Gegenwart[Bearbeiten]

Der Ort ist slawischen Ursprungs, hier lebten nach Abzug der germanischen Bewohner in der Völkerwanderung die mittelalterlichen Stämme der Redarier und Tollenser aus dem Stammesverband der Wilzen, die später auch im Liutizenbund vereinigt waren. Rehse könnte sich aus der altslawischen Sprache ableiten und so viel wie „Ort am Wasser“ bedeuten.[1]

Alt Rehse wird 1182 als „reze“ in einer Bestätigungsurkunde von Pommernherzog Bogislaw I. für Besitzungen des Klosters Broda erstmals erwähnt. Ob es sich bei einem Ort, welcher als „michnin“ (1170), „Michninow“ (1244) bzw. „Michnino“ (1328) in teilweise gefälschten Urkunden erwähnt wurde, um Alt Rehse oder um ein anderes Dorf handelte, ist nicht mit hinreichender Sicherheit feststellbar. Die Landesgeschichtsforschung geht seit längerem davon aus, dass eine Siedlungskontinuität der beiden Orte nicht besteht.

Alt Rehse gehörte anfangs dem Prämonstratenserkloster Broda, ehe danach 22 verschiedene Eigentümer das am Tollensesee gelegene Dorf besaßen. Erwähnenswert sind:

  • Reichsfreiherr (Georg) Ferdinand (Heinrich) von Maltzahn (1778–1868), Erblandmarschall des Fürstentums Wenden, der am 18. Oktober 1816 als Erster in Mecklenburg die Aufhebung der Leibeigenschaft auf seinen Gütern verkündete,
  • Carl (Otto Ferdinand) Mercker (1816–1893), der bei Wustrow einen slawischen Knüppeldamm ausgrub und als „Brücke zu Rethra“ deutete,
  • Freiherr Ludwig von Hauff, der 1897 das Gut kaufte, ein neues Schloss erbaute und den Gutspark in einen Landschaftspark umwandelte.

1934 kamen das Gut und der Park durch Enteignung an den Hartmannbund, der hier auf Verlangen der Reichsärzteführung die Führerschule der Deutschen Ärzteschaft bauen ließ und das Gut in Besitz nahm. Das alte Dorf wurde bis auf die Kirche, die Schule und das Pfarrhaus sowie einen Katen, den späteren Dorfkrug, abgerissen, und es entstanden in der Folgezeit bis 1939 22 niederdeutsch wirkende Fachwerkhäuser mit Schilfrohrdächern, die im Türbalken die Jahreszahl der Erbauung nach dem nationalsozialistischen Machtantritt und den Namen jeweils eines deutschen Gaues trugen (siehe Bilder). Der Lehrbetrieb ging bis Januar 1943, während das Gut für die Führerschule und die Reichskanzlei produzierte. Die heute noch sichtbare bauliche Gestaltung ist ein seltenes Beispiel von dörflicher Architektur im Nationalsozialismus.

1945 evakuierte die Rote Armee die Bevölkerung, und nutzte das Gelände bis Oktober 1947. Auf der Suche nach schriftlichen Unterlagen wurden im Ort umfassend Bücher beschlagnahmt, wobei auch die Kirchenbücher verschwanden.

Im Verlauf der Bodenreform zog 1948 das als Heimstatt für Vertriebenenwaisen aus dem ehemaligen deutschen Osten gegründete „Kinderdorf Alt Rehse“ in Schloss und Park Alt Rehse ein. 1952 bezog ein Institut für Lehrerbildung die Schloss- und Parkanlage, die 1955 dann kurzzeitig vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit übernommen und 1958 an die Nationale Volksarmee übergeben wurde.

Der Alte Gutshof von 1862 im neugotischen Stil hatte 1939 eine neoklassizistische Fassade erhalten. Diese wurde in den 1960er Jahren zerstört, soll aber wieder hergestellt werden.[2]

Anfangs diente die Anlage der NVA-Führung zu Erholungszwecken. Das Terrain war umzäunt und von einem Torposten bewacht. In den 1970er Jahren konnten sogar Zivilisten das Objekt unbehelligt betreten. Ab Anfang der 1980er Jahre wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft und das Objekt für die Errichtung halbunterirdischer Bauten auf eine südlich angrenzende Koppelfläche ausgedehnt. Von 1978 bis 1982 wurden Bunkeranlagen durch die NVA gebaut, die als Führungsstelle des Militärbezirkes V (Neubrandenburg) der Landstreitkräfte der NVA genutzt werden sollten.

1990 zog die Bundeswehr als Rechtsnachfolger der NVA in das Park- und Bunkergelände ein, verließ es aber im Jahre 1998. Das Bundesverwaltungsamt hat für das 65 Hektar große Objekt einen Käufer gefunden, der es zunächst an die beiden Brüder Wallner durchgereicht hatte.

Mit einer Gruppe von Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet wurde auf dem Gelände das Projekt „Tollense Lebenspark“ als Gemeinschaft gegründet. In diesem Zusammenhang wurden die seit 1998 ungenutzten Gebäude Schritt für Schritt als Tagungszentrum wieder in Betrieb genommen. (Stand 2013).

Schwerpunkte der Gemeinschaft war Selbstversorgung und Gemeinwohlökonomie, sowie auch Bedingungsloses Grundeinkommen nach dem Münchener Modell, letzteres war bis jetzt nur Theorie. Am 26. Januar 2014 kam dann durch Zwangsversteigerungstermin und Rückabwicklung des Kaufvertrages das Aus für die noch verbliebene Bewohnerschaft. Momentan versucht eine Investorin aus Bayern mit Hilfe einer Gruppe ehemaliger Gemeinschaftsmitglieder, dem Park am See neues Leben einzuhauchen.

Alt Rehse nahm als mehrfacher Kreis- und Landessieger am Bundeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil und errang 1995 eine Bronzemedaille.

Alt Rehse gehört nach ihrer Eingemeindung zusammen mit dem zugehörigen Dorf Wustrow seit dem 1. Juli 2008 zur Stadt Penzlin.[3] Der letzte Bürgermeister war Martin Aug.

Politik[Bearbeiten]

Von 1994 bis 2001 war der Tierarzt, Heimatforscher und Schriftsteller Dr. Wolfgang Köpp Bürgermeister von Alt Rehse.

Wappen[Bearbeiten]

Das Wappen wurde am 1. April 1997 durch das Innenministerium genehmigt und unter der Nr. 122 der Wappenrolle von Mecklenburg-Vorpommern registriert.

Blasonierung: „Über blauem Wellenschildfuß, darin ein silberner Fisch, gespalten; vorn in Gold eine rote Giebelfront eines Fachwerkhauses mit zwei Fenstern; hinten in Rot drei (1:2) goldene Lindenblätter.“

Das Wappen wurde von den Alt Rehsern Dr. Wolfgang Köpp und Christiane Junghans gestaltet.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Alt Rehse ist wegen der landschaftlich reizvollen Lage am Tollensesee ein beliebtes Ziel für den Fremdenverkehr.

Literatur[Bearbeiten]

  • Wolfgang Köpp: Alt Rehse. Schau auf dieses Dorf. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. M. Gust, Blankensee 1999. ISBN 3-934741-02-9.
  • Ronald Lemm: Alt Rehse. "Führerschule der Deutschen Ärzteschaft". Norderstedt 2011. ISBN 978-3-8423-4118-0.
  • Thomas Maibaum: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft Alt-Rehse. Hamburg 2007 (Hamburg, Universität, med. Dissertation, 2007).
  • Anja Peters: Der Geist von Alt Rehse. Die Hebammenkurse an der Reichsärzteführerschule 1935–1941 (= Mabuse-Verlag Wissenschaft. Bd. 88). Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2005. ISBN 3-935964-90-0 (Zugleich: Neubrandenburg, Fachhochschule, Diplomarbeit, 2003).
  • Stephan Porombka; Hilmar Schmundt [Hrsg.]: Böse Orte. Stätten nationalsozialistischer Selbstdarstellung – heute. Claasen, Berlin 2005, ISBN 3-546-00380-2.
  • Rainer Stommer [Hrsg.]: Medizin im Dienste der Rassenideologie. Die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“. In: Alt Rehse. Links, Berlin 2008. ISBN 978-3-86153-477-8.
  • Jörg Zapnik: Die Führerschule der deutschen Ärzteschaft in Alt Rehse. In: Zeitgeschichte regional. Heft 2, 1999, ISSN 1434-1794, S. 47–50.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Alt Rehse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Paul Kühnel: Die slavischen Ortsnamen in Meklenburg. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 46, 1881, ISSN 0259-7772, S. 3–168, hier S. 117, (Digitalisat).
  2. Norbert Jachertz, Thomas Gerst: Erinnerungskultur: Lernort Alt Rehse. In: Deutsches Ärzteblatt. Bd. 107, 2010, S. 1088–1089.
  3. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2008